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es überall im Ausland besser, aber kaum ein paar Schritte in der Fremde, packt sie das deutsche Weh, das Leimatweh, und sie wissen sich nichts herrlicheres als einen Bries oder auch nur eine Karte, die postlagernd für sie eingetroffen sein muß, abzuholen. Sich ein Mittagessen verkneifen, sich mangels eines Lerberggroschens mal eine Nacht um die Ohren schlagen, das will nichts heißen, da spricht man gar nicht darüber, aber die hungrigen Augen, wenn nian dem glücklicheren Wandergenoffen zuschauen muß beim Briefelesen!
Tags darauf machen zwei „Weltreisende" die Gallerie unsicher. Sie unterscheiden sich von den gestrigen Habenichtsen nur durch eine Armbinde mit der Aufschrift „Giro del mondo". Kraft dieses Befähigungsnachweises schnorren sie sich durch hausieren mit Post- karten ihren Lebensunterhalt zusammen, den guten Nanten Deutschlands gratis dreingebend wie einen Abfallknochen. Sie erscheinen auch auf den Zettungsredaktionen und bitten ?,ii veröffentlichen, daß sie „bereits" Oesterreich, Tschechien, Jugoslawien und halb Italien erledigt haben. Bleiben nur noch Asien, Amerika und noch ein paar andere nebensächliche Gegenden. Die Zeitungen sind sehr höflich, sie setzen tatsächlich ein dutzend wohlwollende Zeilen ins Blatt und — notieren sich die Erscheinung für die nächste Brennerfanfare, den nächsten Ausbruch über die deutschen Schweinegesichter und die Waldmenschen, die den heiligen Marmor der Basiliken entweihen.
Im Kolosseum, vor der Peterskirche, am Trajansforum sieht man wieder die Postkartenhändler und Mosaikverkäuser, den hutlosen und den Eulenbrillen entgegenlaufen, allmählich füllen sich auch die Hotels und Pensionen, auf deren drangvoll fürchterliche Enge im heiligen Jahr die Reaktion der gähnenden Leere gefolgt war — die Deutschen sind wieder im Lande. Lind ganz Italien freut sich oder tut wenigstens so, wie die Familie, wenn die Erbtante zu Besuch kommt.
Immerhin, Rom ist noch empfindlich zurück. Der Reiseboykott hat manchen Fremdenlokalen das Lebenslicht ausgeblasen. Das einzige mit mitteleuropäischer Behaglichkeit ausgestattete Cafe, das sich in der Hauptstadt befindet, wer sich auskennt, schließt jetzt abends, denn die Engländer gehen nicht wie die Deutschen nach dem Nachtessen noch einmal aus. Engländer und Amerikaner sind die Ersatzware. Sie zahlen ja nicht schlechter, sie geben auch leidliche Trinkgelder, aber was ihnen fehlt, das ist eben das massenhafte Auftteten.
Freilich, in Rom läßt sich jetzt, unmittelbar nach den Eindriicken des Jubeljahres mit seinen alle herkömmlichen Vergleichsmaße sprengenden Pilgermengen, nur schwerlich eine Bilanz über die Fremdenindustrie im allgemeinen und die Wirkung des deutschen Reiseboykotts im besonderen ziehen. Wer deutlicher sehen will, muß nach dem Süden gehen, nach den wunderblauen Golfen von Neapel und Salerno mit ihren deutschen Gastkolonien. Nach dem Süden der Deutschen. Neapel sehen und dann sterben! Sei mir gegrüßt, o du mein schönes Sorrent! Capri mit der blauen Grotte, Amalfi, Pompeji...
Wo ist der Deutsche, der nicht davon schwärmt?
Ich machte mich auf die Näder, um es etwas weiter zu bringen als die Fußweltreisenden.
Auf der Landstraße, dachte ich, mußt du ihnen begegnen. Aber es war nichts damit. Kein Bruder Straubinger zu entdecken, der aufsitzen wollte.
Sie werden, dachte ich, zur Hintertreppe hereingehen. Aber das Volk staunte mich an wie einen blauen Lund und warf mit Steinen nach meinen Benzinpferden.
Da ging ich auf die elegante Sttandpromenade, Blick auf Vesuv und Capri, und siehe da —! Auf der Schmetterlingsjagd nach verflogenen Deutschen gelang es mir alsobald, einen aufzuspießen. O, noch einer! Oder sind es drei? Der eine trägt einen Schillerkragen, der andere eine Fiedel über dem Rucken, der dritte einen Lausiererkasten. Lieber die letzteren Vertreter des italienischen Volkes EHelten die deutschen Reiseführer, über die ersteren Repräsentanten er deutschen Natton schilt Mussolini. Wer hat nun eigentlich Recht? Das Terzett schlenderte einttäglich dahin und es war nicht zu unterscheiden, wer etwas von dem anderen haben wollte.
Frage: Lausen die Deutschen denn auch in Berlin mit der Violine über dem Rücken die Linden auf und ab, stellen sich hin und sammeln ein? And was würde man in Deutschland sagen, wenn italienische Reisende sich so aufführen würden? Ich weiß natürlich, daß und welche Anterschiede es gibt, weiß, daß es herzerfreuende Wandervögel gibt, aber es kommt nicht darauf an, ob ein Deutscher zu unterscheiden weiß. Der Ausländer urteilt bet seinen Gästen nach dem Aeußeren, wie der schlechte Weinkenner nach der Etikette, und von diesem Gesichtspuntt aus sind die deutschen Wadenstrümpfe einfach eine Bekleidung. Die deutsche Sehnsucht nach dem Süden läßt sich nicht unterdrücken und der Boykott ist das bekannte „totgeborene Kind, das sich bald im Sande verlaufen wird", aber muß denn diese Sehnsucht unbedingt unzweckmäßig, unliebsam bekleidet werden? In Neapel habe ich in einem feinen Speisehaus einen Offizier an seinen Nägeln kauen, in Terracine einen zerlumpten Menschen betteln sehen, der das Fascistenabzeichen anstecken hatte, und ich bin sicher, daß manche Deutsche zu Hause spöttelnd über ähnliche Beobachtungen berichten. Warum sehen wir dann nicht, was uns zum Gespött der Welt macht?
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Si loca! Est locanda! Zu vermieten! Zu verkaufen! Das geht so den ganzen Posilip hinauf, hinunter. Jede dritte Villa leer. Wenn die Deutschen noch länger ausgeblieben wären, hätten sie die Wohnungsnot in Neapel radikal geheilt, heißt das, in den vornehmen Vierteln. In den Volksquartieren sieht es womöglich noch fürchterlicher aus als früher. Die Zusammenballung von un
gezählten Menschen, denen aber die Ora- , ,ation des Ameisenhaufens abgcht, die Anhäufung von Schmu, d Ankultur in den Gassen und Winkeln hat in ihrer gerad .ementaren Aebertreibung etwas Grandioses, hier verstehe a die Schwierigkeiten des Fascismus, hier stößt man auf : Kernpunkt des „Problems des Mezzogiorno"; auf die Zuff yeit des unter grauenhaften Lebensbedingungen lachenden un singenden Völkleins.
Es wird behauptet, daß ich nä ch aus dem Schlafe aufgefahren sei und nach hupe und Lorn relnd das geflügelte Wort ausgestoßen habe: Sieh Neave. <■> stirb vor Grausen!
Man sollte jedem <? ' r ärmer empfehlen, einmal die Linter- tteppe nach Neapel her ■ eigen, statt nur immer den Aufgang für Lerrschaften zu benützen.
Dann genießt man • m so lieferen Zügen die Flucht aus der Menschlichkeit in dir " rmheit der Arnatur. Im Aquarium, das jetzt endlich wieder n- -äßlichen Kämpfen seinem deutschen Schöpfer zurückgegeben wurdr Lier ist man auf dem Grunde des Meeres, der Gottheit an ächsten. Der Meeresgrrmd blüht, blüht Heller und leuchtend rs Immortellen — eine Korallensiedelung. Ich habe den Zit' chen emporgehoben und mich wie ein Knabe über den elektrisch Schlag gefreut. And dann stand ich vor den Grenzwesen zwisä n Pflanze und Tier. Lier muß jede Feder kraftlos und ttaumv Loren der Land entgleiten.
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Linser braver Lausvulkan hat natürlich auch schon lange seine Zahnradbahn. Nattirlich hat sie Cook gebaut und, auch das ist nattirlich, schon viel Geld damit gemacht. Man will es doch bequem haben. Es tut wohl, mit einem guten Lunch im Leibe dem alten Raucher in den feurigen Schlund zu schauen.
In Anbetracht der leidigen Scherereien, denen man im Verkehr mit der seit alters zur Prellerei geneigten Vesuvbevölkerung ausgesetzt ist, benutzten die meisten Reisenden — so sagt der Bädeker — die Veranstaltungen der englischen Reiseagentur Thom. Cook & Son. Diese bietet usw.
Also daher, wegen der Prellereien. Lm, ich habe mir vorgenommen, nicht politisch zu werden, daher sei nur festgestellt: es gibt ein vorfaszistisches und ein faszistisches Italien. Der Bädeker, von dem ich spreche, ist noch vorfaszistisch. Die Besteigung des feuerspeienden Berges von Pompeji aus rät er überhaupt nur Lerren in Gesellschaft an. Gruselig.
Ich dachte, der Lacrimae-Wein wird wo er wächst am besten sein, und lenkte von Pompeji aus den Vesuv hinauf. Beim Verlassen der Lauptstraße wurde der Weg besser. Die Lauptstraße von Neapel nach Castellamare ist nur Lerren im Luftschiff anzuraten. Oder sie machen es wie der Kronprinz, der sie ein paar Tage nach meiner Expedition passieren wollte und das Schiff vorzog. Einmal bin ich ausgestiegen und habe, während sich die Menschen zu dem be- kannten Auflauf vereinigten, den Steinbruch photographiert. Ein Bildchen, das ich Mussolini zeigen werde. Er ist ja auch Automobilist. Aber, wie gesagt, das ist nur die Lauptstraße, auf dem Reitweg geht es schon. Ich kam durch Boscotrecase, das gerade vor zwanzig Jahren von dem Lavastrom gefressen wurde, und es hängten sich keine bettelnden Kinder hinten an. Ich stieg aus und wurde zwar nach Gebühr beäugt, aber nicht belästigt. Im Nu war ein Faszist da, der für freie Bahn forgte.
Lopp — hopp — über eine Treppe. Erste Aebersetzung eingeschaltet. Bald hängt das eine Rad in der Lust, bald versinkt das andere in der Wüste. So erklettere ich Casa bianca, das weiße Laus, eine Pferdestation, die für Landesfremde freilich schon etwas unheimlich aussehen mag. Kaum sprengt meine summende und zitternde Pserdekoppel auf den erstarrten Lavastrom zu, kommt ihr eifersüchtig ein richtiger Schimmel entgegengestürntt. And auf dem Schimmel sitzt ein Mann und betrachtet es als selbstverständlich, daß ich nun gar zum Krater hinaufreite. Samt der Signora. Ich reite ja schon, sage ich, und gebe Vollgas. Er braust nebenher und lächelt. Die Treppe wird verteufelt steil. Der Sand hinreißend tief. Galant prescht der Schimmelreiter an den Wagenschlag, um die Signora nötigenfalls aufzufangen. „Aber das Ganze kostet ja nur 55 Lire, mein ' erre! fünffufzig Lire und machen nich kaputt automobile!"
Das läßt sich hören. Sieghaft springt er aus dem Sattel. Das sei ja nicht die richtige Sttaße, ein Autoweg werde drüben gebaut, von den tedeschi. In der Tat, man sieht schon das weiße Band die Lavawände hinaufschleichen. Beeile sich also, wer noch einen Ritt unternehmen will ins alte romanttsche Vesuvische.
Ja, und wie wir da so stehen, den Fuß leichthin auf das grotesk erstarrte Lavagewoge ausgesetzt, weil über dem grabbraunen Tod tatsächlich das grüne Leben lacht, der junge Wein blüht, der Lacrimae Christi, da kommt es heruntergestiebt, hei Kiesel und Stein, mit Staub und Geklirr — zwei Carabinieri zu Pferd. Im nächsten Augenblick sieht sich der Vesuvführer von vier schnaubenden Nüstern eingekeilt und fühlt auf jeder Schulter die Land des Gesetzes: Last du dem Fremden ein Trinkgeld abverlangt? Le? Last du mehr für den Kraterritt gefordert, als dir zusteht?
And der Schimmelretter kann guten Gewissens verneinen. DaS ist das neue Italien. *
Im alten, das vor 1847 Jahren von demselben braven LauS- Vulkan so schändlich behandelt wurde, in Pompefi sind die Sttaßen genau so gemacht wie Vie heutigen, aber bei weitem besser erhalten. Sie müssen damals einen Aebermussolini gehabt haben. Oder es genügte schon der Anblick der fasces, des Rutenbündels, um Präfekt und Straßenwärter erbleichen zu lassen.


