Gietzener Zamilienblütter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (925
Dienstag, den \I. Zebruar
Nummer H
Das andere Dasein.
Von Franz Werfel.
Ein dicker Spatz im Nordwind, faß auf meinem Fensterbaum.
(O kleiner Atemrauch, silbern, zu sehen kaum!)
Auf einem Ast faß er. den Schnabel himmelwärts gewandt, un geheizten Zimmer, hab' ihn friedevvll genannt.
Ich. un geheizten Zimmer, sagte laut:
Wie wohlig ist dir selbst die Winterwelt und traut!
Du schwingst dich auf und ab durch dieses Tages grauen Schein.
Weltunbewuht fällt dir. was jetzt mich schauern macht, der Tod nicht ein.
Da liest der Bogel plötzlich sein Köpfchen los.
Aus schlaffem Halse baumelt und tanzt es blost.
Ringsum die Federn stäubten, die schmerzlich ausgesträudtexr. lind nieder sank ein runder Ball
, (brausten knackt's leis)
langsam und feierlich aufs unbegrenzte Weih.
Hugo Wolf.
Bon Romain Rolland.
Der Dichter Romain Rolland ist zuerst durch seine hervorragenden musikgeschichtlichen Arbeiten bekannt geworden, die alle Vorzüge seiner darstellerischen Kunst besitzen. Auch die Sammlung von Aufsätzen„Musiker von heute", die er jetzt bei Georg Müller in München erscheinen läßt, enthält Meisterwerke tiefdringender Charakteristik, Uns interessieren besonders die Würdigungen deutscher Meister, unter denen neben Wagner und Richard Strauß Hugo Wolf besonders hervortritt. Aus dem ergreifenden Lebensbild, das Rolland ihm gewidmet, seien hier einige Stellen wiedergegeben.
s . 2e mehr man in die Geschichte großer Künstler emdringi, desto tiefer wird man von der Größe des Schmerzes erschüttert den rhr Leben in sich birgt. Sie find nicht allein den gewöhnlichen PAifungeir und Täuschungen unterworfen gewesen, die ihre reizbare Empfindlichkeit grausamer treffen, sondern ihr Genie, das ihnen vor ihren Zeitgenossen einen Borsprung von zwanzig' dreißig, fünfzig Jahren — oft von mehreren Jahrhunderten — nchert, läßt eine Wüste um sie erstehen, verdammt sie zu verzweifelten Anstrengungen, nicht einmal um zu siegen, sondern nur um zu leben.
Es ist selten, daß diese Naturen, zarter als andere, diesem -mdlosen Kampfe lange Widerstand leisten können. Krankheit und Elend sind die .Ursachen eines frühzeitigen Endes der schönsten Genies gewesen, die gerade würdig waren, glücklich zu fein- eines Mozart, eines Weber, Und trotz alledem siird sie glücklich zu nennen, wenn sie wie jene, in einem von Ermattungen und Entbehrungen untergrabenen Körper die volle Gesundheit der Seele und die Schaffensfreudigkeit bis zum Ende bewahrt haben, die die Nacht erhellt, in der sie ringen! Es gibt aber ein schlimmeres Geschick! Gin Beethoven, der arm, in feiner Liebe betrogen, in sich selbst eingemauert war, ist lange nicht der un- Siucklichste der Menschen gewesen. Nichts blieb ihm, als er sich selbst,- aber er gehörte sich wenigstens, er beherrschte seine innere Welt. Und welches Reich wär je dieser unendlichen Gedankenwelt vergleichbar, diesem weiten Himmel, an dem die -2türme vorbeibrausten! Dis zu seinem letzten Sage bewahrte der alte, an fernen elenden Körper gekettete Promvthens seine eiserne r nichts ihn anfechten konnte. Sterbend war seine
•Ix ,-®etoesung die der Empörung: Mitten in einem Gewitter richtete er sich, nut dem Sode ringend, in seinem Bette auf und iDie» mit der saust gen Himmel. Sv ist er in vollem Kampfe von einem einzigen Schlag getroffen, unverletzt gefallen.
.. Aber was soll man von denen sagen, die allmählich sterben die sich selbst überleben, die dem langsamen, stückweisen Verfall ihrer Seele beiwohnen!
So war es mit Hugo Wolf, dessen tragisches Geschick ihm einen besonderen Platz in dem Fegefeuer der großen Musiker sichert. .
Mit 37 Jahren war dies Leben vernichtet. — denn die fünf Jahre vollständigen Wahnsinns lassen sich nicht mitzählen. In oer Kunst gibt es nicht viele Beispiele. eines so schrecklichen Schicksals. Das Unglück Nietzsches kommt ihm in keiner Weise gleich: denn Nietzsches Wahnsinn war gewissermaßen eine schöpfe- Kraft: sie ließ aus seinem Genie Blitze hervorfprühen. di« sich ntemais in einem Zustand des Gleichgewichts und der voll- kommenen Gesundheit gezeigt hätten. Wolfs Wahnsinn war Ber- nichtung. Selbst in der Zeitspanne dieser 37 Jahre kann man übrigens sehen, wie geizig ihm das Leben zugemessen wurde. Dieser Mensch, der wirklich erst mit 27 Jahren zu schaffen begann und dann für fünf Jahre (von 1890—1895) zum Schweigen verdammt war. hat in Wirklichkeit drei oder vier Jahre ge- Aber in diesen vier Jahren hat er intensiver gelebt alö die Mehrzahl der Künstler in einer langen Laufbahn, und er (unterlaßt in feinem Werke den Stempel einer Persönlichkeit, di« keiner je vergessen kann, der sie kennengelernt hat.
, Dieses Werk besteht wesentlich aus Liedern: und diese Lieder Und durch die Anwendung der von Wagner für das dramatische aufgestellten Grundsätze in der lyrischen Musik ckarateri- ffert. Es handelt sich hier nicht um eine Nachahmung Wagners. Ster und dort findet man bei Wolf wagnerische Formeln wieder (übrigens nicht weniger als offenbare Reminiszenzen an B>r- tioz). Das ist das unvermeidliche Zeichen der Zeit, und jeder große Künstler trägt seinerseits dazu bei, di« allen geläufige Sprache zu bereichern. Aber der tiefe Wagnerismus von Wolf besteht nicht m diesen unbewußten Aehnlichkeiten, er drückt sich in fernem Willen aus, das Wesen der Musik aus der Dichtung herzulekten. 1890 schrieb er an Humperdinck: „Lasse vor allem die Poesie als die eigentliche Urheberin meiner musikalischen Sprache zu Worte kommen, denn da liegt der Hase im Pfeffer." ® Arlelbe Mensch wie Wagner, zugleich Dichter und Komponist ist, so ist natürlich, daß Dichtung und Musik eine vollkommene Einheit verwirklichen. Wenn es sich aber darum handelt, die Seele anderer Dichter in Musik zu Übertragen, so sind dazu besondere Gaben psychologischer Feinheit und reiche Sympathie nötig. Diese Gaben hatte Wolf im höchsten Grade, Kem Musiker hat je die Dichter besser empfunden und ver- standen G. Ruhl sagt in einer seiner Kritiken: „Er ist der größte Psychologe gewesen, den die deutsche Musik seit - Mozart er- levt hat. Diese Psychologie hat nichts Anerlerntes. Wolf war unfahig, Dichtungen in Musik zu setzen, die ihm nicht begeisterten. ®r NH mehrmals vorlesen, oder er las sich selbst das Gedicht, das er komponieren wollte, abends laut vor. Wenn er sich davon überwältigt fühlte, sonderte er sich mit dem Gedicht bon allem ab, sog seine ganze Atmosphäre ein und träumte lange. Dann ging er schlafen, und am nächsten Morgen schrieb er das Lied in einem Zuge nieder. Manche Lieder jedoch schlummerten jahrelang im ihm. Und plötzlich erwachten sie in Musik umgesiaitst- Dann überkam ihn ein Jubel von Glück. „Wissen ®?c? > er an Müller, „ich habe dabei vor Freude geschrien. Muller sagte, daH er wie eine Henne wäre, die gackert wenn sie ein Ei gelegt hat.
Unter den von Wolf ausgewählten Gedichten ist nicht ein einziges mittelmäßiges, was man weder von Schubert noch von Schumann sagen könnte. Und es ist darunter kein Gedicht eines zeitgNwssischen Dichters, obwohl ihm einige von ihnen sympathisch waren — wie Liliencron, der gewünscht hatte, von ihm üßttonf Zu toerben. Qlbcv cv fonrttc c$ nid^L foindnicrt® immer nur das, was ihm in den Werken großer Dichter so vertraut geworden war, daß er es wie sein eigenes fühlte.
Auch fällt in seinen Liedern die Wichtigkeit auf, bi- er der Klavierbegleitung beimißt, und ihre Unabhängigkeit hinficht- ilch der Stimme. Gei es, daß Singstimme und Klavier den Gegen- atz ausdrucken, der so oft zwischen Worte und Gedanken tritt- « es wie im Prometheus von Goethe, wo die 'Segleitung den chreckuch drohenden Zeus schildert, während die Singstimme der Interpret des Titanen ist: sei es, wie in der Serenade von Eichen- dvrff, wo er in der Klavierbegleitung einen verliebten Studenten barßellt, während der Gesang einen Greis wiedergibt, der ihr lauscht und sich seiner Jugend erinnert, — immer behalten Kka- bter unö Gesang ihre Individualität. Nichts könnte vom Liede gelost werden, ohne es ganz zu zerstören. Ganz besonders ist dies von den instrumentalen Sähen zu sagen, die die Lieder eröffnen, sie schließen, sie einrahmen und ihre Stimmung kurz zusammenfassen. Die der poetischen nachgebildete musikalische Form


