Ausgabe 
17.2.1925
 
Einzelbild herunterladen

54 -

ist äußerst mannigfaltig: bald ein flüchtiger Gedanke, oald dm Kieze Notierung eines poetischen Eindrucks oder einer kleinen Handlung, bald em großes episches oder dramatisches Gemälde, Müller bemerkt, es komme vor, daß Wolf einem Gedichte eine größere Breite gebe, als der Dichter selbst es getan hat: so in dem italienischen Liederbuche. Das ist der Hauptvorwurf, den man ihm machen könnte, aber es ist kein unrühmlicher. Wolf hat besonders herrlich die Gedichte vertont, die mit seinem tra­gischen Geschick übereinstimmten, so daß man sagen möchte, er ahnte es voraus. Niemand hat besser als er die Aengste der betrübten und verzweifelten Seelen in Musik ausgedrückt, wie die des alten Harfner im Wilhelm Meister, oder die erhabene Nich­tigkeit in einigen Dichtungen Michelangelos.

Sogleich nach Wolfs Lode wurde fein Genie von ganz Deutschland anerkannt. Seine Leiden riefen eine fast über­triebene Reaktion zu seinen Gunsten hervor. Lieberall bildeten sich Hugo Wolf-Vereine. Heute sind es nur Veröffentlichungen, Driefsammlungen, Erinnerungen, Biographien. Man beansprucht für sich-, die Grütze des unglücklichen Künstlers immer verstanden zu haben und entrüstete sich über feine Lästerer. Denkmäler und Statuen werden bald errichtet werden. .

Ich bezweifle, daß für den herben und aufrichtigen Wolf diese verspäteten Huldigungen wenn er sie hätte vorausahnen kön­nen ein großer Trost gewesen wären. Er hätte zu seinen nachträglichen Bewunderern gesagt:

3br seid Heuchler. Nicht für mich errichtet Ihr diese Statuen; sie sind für Euch selbst. Um Neben zu halten, Ko­mitees zu bilden, um in anderen und in Euch selbst den Glau­ben zu erwecken, daß Ihr meine Freunde seid. Wo wäret Ihr, als ich Euer bedurfte? Ihr ließet mich sterben. Spielet keine Komödie an meinem Grabe. Blicket vielmehr um Euch, ob es feine andern Wolfs gibt, die gegen Eure Feindseligkeit oder Gleich- oültiakelt ankämpfen. Was mich betrifft, ich bin im Hafen/'

Hausmusik.

Von EilhardErichPaul»*).

3n dem langen Winter, ehe Jan Jite bei kommendem Früh­ling geboren wurde, hatte das Pfarrhaus von Burg Schade­leben feine hohe Zeit, denn Frau Mufika blatte in ihm ihren» Wohnsitz ausgeschlagen. Wenn der Vater, der alte Pastor Ste­phan Steffens, der schon zwei Söhne sein eigen nannte und nun mit stiller Dankbarkeit auf den Spätling wartete, am Sonnabend mit seiner Predigt fertig war, die er zuletzt, mit langen Schritten durch Regen oder klaren Frost lausend, memoriert hatte, dann hatte er es gern, abgelenkt zu werden. Also rief er Frau Musika, die ihm dafür auch manch liebes Mal Worte und Bilder schenkte, viel schöner als alle, die er schon im Kopfe trug. Mr die andern aber, die Schulmeister, war der Sonnabend ja sowieso die Festzeit durch das ganze Jahr-. Daim kamen sie an, einen nach dem anderen, aber zuerst kam doch Kantor Holz und be­grüßte Christelmutter', die immer noch junge Frau Pastorin, die in ihrer Sofaecke sah, mit ehrfürchtiger Andacht. Kantor Holz mit seinem runden Gesicht, von kurz geschorenem grauem Bollbart dicht umrahmt, mit freundlichen Augen, die besonders fröhlich lachten, wenn die Brille hochgeschoben von der Stirne herabglänzte; Kantor Holz mit spiegelnder Glatze, über die ein immer eifriges Bürstchen wieder und immer wieder zwei dünne Haarsträhnen links vom Ohr her festlegte; Kantor Holz, in diesen seinen guten Tagen noch mit- einem leisen Ansatz zur leiblichen' Rundung, der sich bann selber mit der Erdkugel verglich, da er wie diese äquatoriale Anschwellung und polare Abplattung zeigte.

Von Frohse her kam fast immer einen recht schmutzigen Weg, der nach kleinen Leuten roch, und in hohen Stiefeln bald nach dem Grohfalzer Kantor Meister Johne, von dem damals noch nicht viel zu erzählen war. Denn die Zeit, in der Meister Johne durch halb Mitteldeutschland berühmt wurde, weil er als Kon­zertspieler überall begehrt war, kam erst ein Jahrzehnt später, und doch besaß et schon seine ganze Kunst. Es war nur um so reizvoller, was später ausverkaufte Konzertsäle mit Beifalls­stürmen erfüllte, in ein enges Mahagonistübchen gebannt zu sehen. In ein Mahagonistübchen aber, hatte Kantor Holz gesagt, auf dessen rotem Plüschsosa die Heilige der Musik, die Cäcilie in Person, zugegen war. Das Pfarrhaus von Burg Schadeleben war nicht zu klein für Meister Johne. Er lebte die ganze Größe seiner nachsühlenden Kunst in diesen bescheidenen Quartetten, Er hatte die Noten mitgebracht, die er für die anspruchslose Fertigkeit seiner Mitspieler zurechtschreiben mußte. Er selber dirigierte mit energischem Kopfnicken vom Klavierschemel aus. im Kantor Holz und dem Organisten Zeisig aus Salze waren zwei Geigen vorhanden, deren eine sehr exakt und schulgerecht ge­spielt wurde, aber der lockere Zeisig war ein Genie. Daß ihnen ein Cello fehlte, war Meister Johnes großer Schmerz. So wur­den denn für des Vaters-Part die Noten cellomähig geschrieben,

*) AusJan Jites Wänderbuch". (Bücher der Rose des Verlages Wilhelm Langewiesche-Drandt in Gbenhausen bei München f

denn der alte Pastor Stessens spielte das Harmonium. Eine Sechzehn-Fuß-Stimme, vielleicht mit einer Aerline vn Bah ver­knüpft, muhte dann das unentbehrliche Cello ersetzen. Vater Steffens spielte mit Hingebung, aber ohne Gelenkigkeit seiner steifen Finger, woraus Meister Johne Rücksicht zu nehmen hatte,

Aber der lockere Zeisig war ein Genie und kam als ein solches an allen Sonnabenden zu spät, was Kantor Holz stets miß­billigte, Christelmutter aber immer entschuldigte. Dann hatten die drei solange nicht spielen können und hatten sich mit Worten genügen müssen. . .

..Wir brauchen die Kunst, ;e weiter wir es in der Ent­wicklung des Menschentums bringen, um so notwendiger," er­klärte Vater Stessens.Wenn ihr im Homer oder im Nibe­lungenlied nachlest, die Primitiven dürfen lachen und weinen, lieben im <leberfchwang und schelten ebenso. Wir Kulturmenschen reiten unser Gefühl auf Kandare."

Dann spann Meister Johne den Gedanken weiter:Recht ist das. Nur die Kunst macht uns frei, aber sie macht uns frei zumeist doch von uns selbst. Kinder dürfen weinen, denn sie sind die Primitiven, Frauen dürfen weinen, denn sie gehören zu den Unmittelbaren, aber dem bewußten Manne gilt es als un­anständig, in Traurigkeit zu weinen, in Schmerzen zu klagen oder in Lust auszubrechen. Aber was tun wir in dieser Selbstbeherr­schung? Wir vergewaltigen unser Gefühl, bis daß es uns ver­kümmert. Verkümmert wie alles Ding und jedes Glied, das nicht im Gebrauch gestärkt wird."

Zeisig, der Organist der Sankt Johanniskirche, also der großen Stadtkirche von Grohsalze, war mittlerweile eingetreten und hatte seinen Frohser Kollegen predigen hören. Die Wirbel­haare am Schopfe zitterten ihm vor Ausgelassenheit.

Frau Rat Schneider gehört durchaus nicht zu den Primi­tiven," sagte er.Sie ist sich ihrer selbst sehr bewußt, und ich war soeben bei ihr. Sie saß im Rvhrstuhl, und Moppel lag ihr im Schoße. Sie hielt die Kaffeetasse in der Hand und stippte den Kringel ein. Sie hatte ein Stück Zucker im Mund und legte den Kops schief auf die linke Seite. Sie machte einen kußspitzen Mund und seufzte mit aufgeschlagenen Augen: ,Sie glauben gar nicht, Herr Zeisig, wie ich mich nach dem Himmel sehne.'"

Dann runzelte Meister Johne die Stirn, und Kantor Holz M schalt laut, aber Christelmutter lächelte, und wenn sie recht über­mütig war, störte sie selbst die gelehrten Herren in der Diskussion. Dann erzählte sie vielleicht von ihrer hansischen Heimat und der Tyrannei, die dort ein königlicher Kaufmann und weiter Ver­wandter an seiner Familie ausübte, wenigstens, als er zu alt geworden war, Waren und Schiffe zu kommandieren. Julchen war dreißig Jahre alt und seine altjüngferliche Tochter.Julchen . dankt," sagte der Alte, und wenn er böse war:Julchten, geh dreimal um den Tisch."

Aber Vater Steffens kannte diese Geschichten und ließ sich nicht stören:Die Kunst aber befreit uns von dem Llamenschlichen. das wir Kultur nennen"Worauf ich nicht verzichten mag," , warf Zeisig dazwischen.

Die Musik zumeist stellt uns auf unser Gefühl, richtet die unierjochte reine Menschlichkeit in uns wieder her," sagte der Vater. ,

Wir schimpfen unsere Feinde nicht, bevor wir kämpfen, predigte Meister Johne des weiteren.Achilleus und Hagen tun es. Und gilt es für kulturlos, die Feinde Schweine oder! Boches oder ^Barbaren zu nennen. Aber die Primitiven dürfen schelten, wie sie ja auch weinen dürfen. Sie brauchen die Kunst auch nicht, da sie ihr Geben noch auf das Gefühl stellen, das bei uns sein Recht verloren hat."Das neiden wir den Primi­tiven," gestand Zeisig.Wir leben wirklich nur in der Dichtung," M schloß der Pfarrer.Aber dann leben wir auch," lachte Christel­mutter.

Der lockere Zeisig war jedenfalls des trockenen Tones satt. Wir hatten einen Religionslehrer auf dem Seminar in Barbh, Onkel Bernhard hieß er, erzählte er,der lieh nichts dunkel. ,Die Jünger des Herrn gingen durch das Kornfeld und- pflückten IW Aehren mit ihren Händen. Warum taten sie das? Müller! Sie verkauften sie hernach. Falsch, Schulze! Sie schenkten sie einer Witwe. Falsch, Zeisig! Sie steckten sich die Aehren ins Knopfloch. Falsch. Dann will ich Ihnen das sagen: Sie taten das doch man so.'"

Oder, wenn dann immer noch nicht Frau Musika zu Tönen- " kam, verschwand der Organist, ging an das Notenpult oder -

in das Nebenzimmer, wo die Bücherei des Pfarrers stand. Ein- /- mal riefen sie ihn, aber er war nicht zu finden. So ging Vater Steffens aus, ihn zu suchen, und kam zurück und meldete, daß er auf dem geheimen Oertchen des Hauses sei und vor sich hin pfiffe. Dann kam der Zeisig, schwang ein zerknittertes! altes Zeitungsblatt oder eine halbe zerrissene Bücherseite, und ferne Augen leuchteten, die Wirbelhaare standen zur Höhe. A.

Das fand ich," jubelte er.Sie müssen sofort hören. Ein Großmutterlied, es hat nur eine Melodie, die habe ich soeben gefunden. Em Hans im Glück bin ich!"

Dann setzte er sich an das Klavier, griff zwei, drei kräftige Akkorde und sang mit einem weichen Tenor, was er eben an verträumten Tönen in seiner Seele gefunden hatte.