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Lkhrs gebrauchte eine brasilianische Redensart, an der Kapitän Moreira wohl faum Gefallen gefunden hätte, falls er sie gehört haben würde. Aber Lührs glaubte nicht an die „Gloria". Die gondelte wohl irgendwo im Rorden herum, vor Bahia oder Pernambuco. Was wollte der Kriegskahn auch hier im Süden, wo er höchstens auf dem Sande kleben und wrack werden könnte! War nicht erst vor zwei Jahren die „Rio Apa" elend auf der Barre zerschlagen worden wie ein alter Topf? Wenn hier die See grob auf den Bänken stand, war an Hilfe in Seenot nicht zu denken. Das wußte auch Moreira ganz genau.
„Moreira hat ja noch vor zwei Jahren hier die beiden Kanonenboote unter sich gehabt, ehe er nach Rio versetzt wurde," sagte Lührs.
Hein Daukhage spuckte über Bord. „Ja. weil er die Gegend hier genau kennt, kommt er am Ende mit Absicht her zu uns. In den großen Häfen könnten ihn die Regierungsschiffe vor das Rohr nehmen. Hier könnte er fein unterschlüpfen. Wie ein Karnickel im Dau. wenn der Fuchs hinter ihm ist."
„Oder auch wie der Hecht im Garn, Hein."
Jedenfalls hielt Kapitän Lührs gerade auf das. fremde Fahrzeug zu. Er nahm das Signalbuch und klamüserte sich die Flaggen zusammen zu einer Frage: „Habt ihr norwegischen Segler auf Fahrt hierher gesehen?"
Währenddessen beobachtete Daukhage den fremden Dampfer. Aach einer guten halben Stunde lief) er sich nicht weiter beireden von Lührs.
„Das ist ein richtiger Manowar*), Lührs! Oder ich habe meinen letzten Köhm getrunken."
Lührs bekam einen Schreck. „Da soll doch rein heiliges
Aber da half kein Fluchen und Wettern mehr. Der Fremde kam in großer Fahrt auf. Deutlicher und deutlicher war die weihe Dugwelle zu unterscheiden. Aach ihr zu urteilen, fuhr der Kasten nun äußerste Kraft auf den „Dom Pedro" zu. .Und nun----— richtig! Da gingen die Signalwimpel hoch:
„Drehen Sie bei und erwarten Sie mich!"
Dazu hatte Kapitän Lührs nun durchaus keine Lust.
„Ich bin hier auf Fahrt, um ein gutes Schleppgeld zu verdienen," schimpfte er. „Ich habe mit Revolution nix. zu tun. und mit ihren Kommandanten erst recht nir! Die sollen ihren Schiet- kram allein ausmachen. Wir dampfen weiter, Hein."
Aber Daukhake machte ein kritisches Gesicht. „Der Hase will auch weiter, wenn der Fuchs ihm an den Nähten ist. Aber der Fuchs läht ihn nicht aus."
Bum! — —
An Dvrd des Kriegsschiffes blitzte es auf. @in kleines Weihes Wölkchen strich von der Geschützpforte. Eine Granate heulte an B.rckbordseite des „Dom Pedro" vorbei und schlug ins Wasser, dah eine gewisse Gischtsäule aufspritzte.
„Achtung!^ sagte Hein Daukhage unwillkürlich.
„Die Sache wird diesig, Hein, der verdammte Manowar hat uns klargekriegt. And ich Schafskopp bin ihm geradezu in den Rachen gelaufen. Ich könnte mir sämtliche Haare ausreihen, und zwar jedes einzeln."
„Zuviel Arbeit hättest du ja damit nicht."
„Du kannst mit deinem Sardellenbrötchen auch nicht zuviel Staat mehr machen. Hein. Aber was nützt die Kabbelei? Wir müssen beidrehen, oder der verdammte Kasten jagt uns eine Granate in den Kessel, daß unserem „Dom Pedro", die Puste binnen zwei Minuten ausgeht."
Lührs rief sein „Stop!" in den Maschinenraum und erwartete den Brasilianer. An der Stellung der Mafien erkannte man das Kriegsschiff. Die Geschütze lugten aus den Pforten und auf der Brücke handhabten die Offiziere den Kieker. Bald war auch der Rame zu entziffern.
„Hols der D'ubel, Hein — es ist die „Gloria"! Kommandant Moreira. Na, ich kenne ihn ja und habe manche Partie Dillard mit ihm gespielt und manchen Schnitt Portwein mit ihm getrunken, als er noch bei uns im Hafen lang. Run wird er wohl den Größenwahn gekriegt haben, seitdem er Fregattenkapitän geworden ist und unter Admiral Severiano seine Flagge führt. Ich bin ja neugierig. Sieh mal, wie die schwarze Kru über die Reeling lugt! Vielleicht ist der schwarze Olympiv auch wieder bet Moreira an Bord."
„Das war ein dolles Stück damals, Lührs, was?"
Während der „Dom Predo" ruhig vor dem Steuer lag und sich von den langen Wogen des Ozeans gemächlich heben und senken ließ,, redeten die deutschen Seeleute von den; Fall Olym- pio. Der Matrose Olympia dos Santos hatte eines farbigen Mädchens wegen Streit mit einem Polizisten in Rio do Bngre bekommen und dem Rebenbuhler sagen lassen, er möge sich hüten, ihm, Olhmpiv, zu begegnen, wenn er nicht in den Stiefeln sterben wolle. An einem stillen Sonntagnachmittag, als die liebe Sonne recht schön auf Plätzen und Straßen brütete, rekelte sich der Polizist recht behaglich in einer schattigen Ecke am Hahnen- zirkus in der Aua Direita, als plötzlich der schwarze Olympia vor ihm atlftauchte und ihn einfach niederschoß wie erneu tollen
Hund. Olhmplo ging ruhig zum Hafen hinab, während auf den Schuh und das Geschrei auf der Aua Direita die Polizei zum Hahnenzirkus rannte. Olympto kam daher unangefochten an Bord feines Kanonenbootes „Salvador" und meldete seine Angelegenheit dem Kommandanten, dem damaligen Kapitänleutnant Alfredo Moreira.
„Das hast du ganz recht gemacht, Olhmpio," lobte ihn der Vorgesetzte. „Wenn der Polizist dir ins Gehege gekommen ist, und du ihn noch obendrein gewarnt hast, hat er den Revolver verdient. Mache dir also keinen Kummer deshalb! Du bleibst an Bord, bis ich dir erlaube, das Schiff zu verlassen. Verstanden?"
„Zu Befehl, Herr Kommandant!"
Eine Stunde später kam ein Boot mit Polizisten längsseits der „Salvador". Der farbige Bootsmann Miguel, der das Ruder führte, hatte die Polizei zwar dringend gewarnt, sw möge nicht zu nahe an das Kanonenboot heranpulen, denn et kenne die Gewohnheiten der Mariner gegen die Polizei. Aber der Staatsanwalt Alcibiades Fonseca selbst war ins Doot gegangen und wollte diesen „Seemvlchen" an Bord der „Salvador" einmal zeigen, was ein richtiggehender Staatsanwalt zu bedeuten habe. Er stand also auf und rief aus dem Doot zur Reeling des Kanonenboots hinauf, das Fallreep solle nieder gefiert werden, denn er verlange die Auslieferung des Matrosen Olhmpio dos Santos wegen Mordes.
Der Kommandant erwiderte sehr gemessen, er werde das Fallreep niederfieren lassen, sobald ihm selber das angebracht erscheine, der Staatsanwalt aber habe an Bord der „Salvador" nicht das geringste zu suchen. Zur Gerichtsverhandlung solle der Matrose, der übrigens in seinem guten Rechte sei, erscheinen. Aber ins Untersuchungsgefängnis schicke er ihn nicht. Aebrigens gebe er dem Boot den guten Rat. sich schleunigst davonzumachen, denn die Besatzung der „Salvador" mache gerade Reinschiff, und dabei fliege leicht allerlei über Bord.
Der Bootsmann riet dem Staatsanwalt sehr dringend, den Rat des Kommandanten zu befolgen. Er kenne die Sache.
Aber der Herr Alcibiades Fonseca war nicht gesonnen, so schnell die Flagge seiner Würde zu streichen, und begann eine längere Gegenrede, die jäh unterbrochen wurde durch eine Pütze Spülwasser, die gerade auf den Seidenhut des Herrn Alcibiades niederplanlschte und ihn in einen rieselnden Regen hüllte, de» nicht gerade nach Ambra oder Kölnischem Wasser duftete. Run legten sich die Polizisten denn doch mit Macht in die Riemen und strebten dem sicheren Hafenkai zu. Aber ehe sie das Boot außer Wurfweite gebracht hatten, ging ein Hagel von Grüßen aus sie nieder, für die sie nicht dankten. Leere Konservenbüchsen, mit Asche gefüllt, Küchenabfälle, faule Orangen, Bananenschalen, Töpfe, die mit chinesischen Stinkbomben verdächtige Gemeinschaft hatten, alles hagelte auf die schwarzen Lederkäppis der Pvli- zisten und auf den protestierenden Redner Alcibiades nieder, der heilige Rache schwur, einstweilen aber aussah, als sei er in Spülwasser getaucht und dann in eine Müllgrube gesteckt worden. Der Bootsmann fluchte das ganze Register herunter, das er in langjähriger Hebung gesammelt hatte.
Telegramme an den Präsidenten und den Marineminister forderten Genugtuung für die arg blamierte Staatsgewalt und Polizei. Sine Depesche kam zurück, die den Kapitänleutnant Moreira einstweilen zur Disposition stellte. Aber kein Bote wollte das Telegramm an Bord bringen. Also kommandierte Moreira ruhig weiter. Er ließ fragen, wann der Verhandlungstag gegen Olympiv sei, und als dieser kam. ging er persönlich mit dem Matrosen vor Gericht. Das Schwurgericht tagte in einem Saal zu ebener Erde. Auf dem Platz vor dem Gebäude sammelten sich die Blaujacken des Kanonenbootes, und keiner hatte sein Messer oder seinen Revolver vergessen. Der Staatsanwalt hielt eine fulminante Rede gegen den Angeklagten und auch gegen die Marine, denn er hatte den üblen Empfang noch nicht verschmerzt und sein Seidenhut war nicht mehr aufzubügeln gewesen. Endlich wurde das Urteil gefällt: zwanzig Jahre Kerker. Im gleichen Augenblick gab es auf der Anklagebank ein heftiges Gepolter. Die beiden Polizisten, die den Matrosen bewachten, ließen die Gewehre fallen und krümmten sich wie Fragezeichen, denn jeder von ihnen hatte einen Faustschlag auf den Magen weg. Olympiv, den Revolver in der Faust, bahnte sich einen Weg durch die Zuhörer zum offenen Fenster, jumpte hinaus und wurde von den Kameraden mit Hurra wieder an Bord der „Salvador" gebracht. Als der Staatsanwalt, der sich im ersten Schreck hinter einem umgestürzten Tisch verkrochen hatte, den Flüchtling wiederhaben wollte, gestattete der Kommandant bereitwilligst die Durchsuchung der „Salvador". Da fand sich aber kein Olympiv. Der war am Abend vorher in aller Stille als Heizer mit dem Pvstdampfer nach Montevideo gegangen. —
„Wahrhaftig. Hein!" staunte der Kapitän Lührs, „dvr achtem grient Olhmpio öwer de Reeling. — Sieh mal, der schwarze Galgenvogel winkt sogar! Ja, winke man, du schwarzer Hannake! Du fehlst hier noch!"
(Fortsetzung folgt.)
*) Kriegsschiff,
kochristleitüng: Dr. Stiebt- Will». Lange. — Druck und Verlag der Brübl'schen Univ.-Büch- und Stetndrnckerei. R. Lange. Gießen.


