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ein flottes Fischerboot. Alle Hagel! Steh mal, Wie schlau! dein« alte Zante „Rosalia" da vor Anker liegt!"
Der plumpe Leichter lag an Backbvrdseite verankert. Eine ganze Strecke abseits vom Fahrwasser. Dahin hatte Schis-er Baukhage ihn mit Absicht bugsiert. Seine „Rosalia" tag da außer Schußbereich, wenn die Kriegskähne wirklich gegen die Stadt und die beiden Kanonenboote im Hasen lvsöallern sollten.
Wäsche flatterte von der Leine auf Deck des Leichters. Wilm Peters und der schwarze Adriano hatten den Ruhetag benutzt und die Seife nicht gespart. . , 0(,
„Ihr habt wohl Flaggenparade auf eurer „Rosalia", Hein? fragte Lührs.
Schiffer Baukhage hörte nicht darauf.
„Du solltest lieber mal die Köhmbuddel aus dem vchapp langen, Lührs. So'n kleiner Schluck in der Morgenkühle hat noch keinem Seemann geschadet." ,
„Da magst du recht haben, "Hein. - He, Eyprrmw! > rief Lührs den schwarzen Steward an, der über Deck schlenderte. „Dring mal die Dudde! rauf!"
Der Schwarze brachte die Kümmelslasche, Sie war Mr Hälfte gefüllt, aber der Kork war frisch gelackt.
„Rann!" staunte Daukhage. »Seit wann kommen die Flaschen nur halbvoll aus Hamburg?" .
Lührs lachte vergnügt. „Du willst doch so n wchlaufuchs sein, Hein, ilnö bist doch fetzt mit dem Dummbeutel geklopft. Meinst du, mein schwarzer Cypriano soll auch an meiner Dudde! lutschen, wenn ich abends an Land gehe? Gestern war die Buddel noch gestrichen voll. Ich mache aber jeden Abend, wenn ich meinen letzten Schluck genommen habe, frischeii Lack üser den Kork und drücke mein Petschaft daraus. Das habe ich immer an kette. Und mein schwarzer Cypriano kann sich den Schnabel
' Das leuchtete Daukhage ein. „Man lernt kwch alle Lage was Neues! Ra, bei mir patzt Wilm Peters auf. Der ist noch besser
Dw ttwke Schlepper dampfte die gewundene Fahrrinne entlang. auf den hohen Leuchtturm zu. Schwimmende Tonnen und schwarzgeteerte Baken bezeichneten das Fahrwasser. Vom weihen Flaggenturm wehten die Signale, die beiden Seeleute veE"sden sie auch ohne Buch. Die Flaggen meldeten die Hohe des Wasserstandes auf der Darre. .
„Wasser genug! Plenth!« sagte Lührs. „Wir kriegen unseren Norweger glatt herein. Wenn er nur erst in Sicht wäre!
Schimmernde Dünen säumten den Ozeanstrand. Kern Strauch, kein Halm weit und breit zu sehen.
Man kriegt gleich Durst, wenn man so viel tränen Sand sieht," sagte Daukhage und langte sich die Kümmelstasche noch einmal.
Er tat einen sehr langen Zug. ..
Junge, komm wieder i" lachte Lührs, „Ra, nun brauche ich die Buddel nicht mehr zu lacken."
Ree das brauchst du nu mch mehr. Schiffer Daukhage warf gleichmütig die teere Flasche über Bord.
Auf den Sandsäcken der Darre stand schaumende ©ec. Die Dünung rollte gegen den Strand. Der kleine Schlepper stanrpfte nicht schlecht, als er über die Darre ging. Aber in wenigen Minuten war er über die gefährliK- Stelle hinweg und dampft« in den offenen, schwarzblauen Ozean hinein. Kapitan .Lührs handhabte den Kieker. . ,
Der verdammte Norweger ist noch immer nicht zu fetzG», Hein" Änd er hat doch feines Wetter gehabt!'
,Er hat vielleicht Angst vor der Revolution hiev und ist nach Montevideo gegangen. Oder Kapitan Moreira hat mal Flibustier gespielt und läht das schone Weizenmehl für seine Piraten verbacken." , ,
„Da würde der norwegische Gesandte grohen Krach machen,
Kann er ja gern. Dann muh die RegierunA das Mehl bezahlen, und Kapitän Moreira hat billiges Wechbiwt auf iljrc Kosten. Er bezahlt ja auf keinen Falk. Die Regierung mutz
Daukhage erzählte mit vieleui ^agen, wie manchs Fremde im Lande ganz gern ein paar Hun^rt Sack Mehl k^ Zucker zu Darrikadenbauten in der Revolution requirieren ließ VCU .Aen/Ue^Geschichte vorüber ist, muh das ja fein bezahlen. Du kannst das nicht machen, Suhrs, denn ^Wenn ^''verdammte Norweger doch endlich »»Hwig möchte, Hein! Aber da sehe ich Rauch. Wolkermal anmorsen. Bielleicht hat er den Norweger gesehen und gibt "^Zpktän Lührs rief dem Rn^rgast ein ^.Ämnmo^o zu. Der Dampfer nahm neuen Kurs. Gerade auf Die Sein« dunkle Rauchfahne zu, die in der Kimme stand.
„Am Ende ist das die verflixte „Gloria - sorgte sich Hem Naulbaae Da kämen wir schön in Deubels Küche.
„Röstens siehst du noch den fliegenden HoWnder, Llnd wenn das wirklich Kapitän Moreira nckt fesi,«M°^ wäre — was geht uns das an? Er kann mir Den Hobt» MtH- blasen."
nieder Jagdliebhaber war. Freilich jagte es nur fetten auf edles Wild, zumeist waren es nur die zahlreichen Karnickel jener Gegend, die unter seiner Jagdlust zu leiden hatten, und von denen er abends manches Stück für die Kiche seiner Frau als einen von ihm sehr geschätztm Dratm heimbrachte. Auch ich habe öfters des Abends mit ihm aus dem Anstand gesessen Und gelegentlich sogar einen Hasen als -Jagdbeute heimgebracht Staritz war viele Jahre lang nicht aus seinem kleinen Städtchen herausgekommen und faßte nun den großen Entschluß, einmal eine kleine Reise zu machen und mir ferne Der° tretung in der Praxis für drei bis Wo^r anzuverckrauen. Nicht ganz ohne Bedenken, aber schließlich doch gern Sing ich auf den Vorschlag ein, und so war ich denn für kprze Zeit zum erstenmal selbständig ärztlich tätig und kutschierte nun ebenso in dem kleinen Doktorwäzelchen ganz stolz tn den umliegenden Dörfern umher. In der dortigen Bevölkerung Herrschte damals eine ziemlich ausgedehnte Ruhrepidemie. Ich behandelte die meisten Fälle in der von Dr. Staritz erlernten Weise mit gutem Erfolg und habe später fast immer, wenn ich über Dysenterie in der Klinik zu sprechen hatte, an metnq ersten Freyburger Erfahrungen über diese Krankheit denken müssen. Schwierige chirurgische oder geburtshilfliche Falle kamen glücklicherweise während der Zeit meiner ärztlichen Vertretung nicht vor, so daß ich Herrn Dr. Staritz bei seiner Mrckkehr mit gutem Gewissen über alles in seiner Praxis Srwbte und Vollbrachte Bericht erstatten konnte. Als ich später schon Professor der Medizin geworden war, schrieb mir der alte Dr. Staritz noch manchmal einen freundlichen Dries, worin er feiner gveude darüber Ausdrua 'gab, was aus seinem ehemaligen Schüler alles geworden war.
Die Flibustier.
Eine Erzählung von der Küste Brasilien». Don Dr. Alfred Funke.
(Fortsetzung.)
Franke sträubte sich zwar, aber Kapitän Lührs und Schisser Daukhage, die am Tisch sahen, zogen ihn sanft auf feinen gewohnten Stuhl, und Schifter Daukhage klopfte ihm gemütlich auf die Schulter: „Sei kein Frosch, Franz! Wienn sie dir morgen ein Loch durch den Bauch schießen, was ich dir md}- gönnen will, kannst du keinen Schoppen mehr im Magen behalten. Also versorge dich heute noch!" ,
Mach doch unserem Bäcker feine Angst. Daukhage! wehrte Kapitän Lührs. „Die ganze Revolution ist ja dummes 3eug. Wir gehen morgen früh in See und holen dw norweg^che Dar? herein, die mit Mehl von Buenos Aires kommt. SW muh morgen vor der Barre sein. Ich weih wohl, daß Kapitan Moreira mit seinem kleinen Kreuzer „Gloria" unterwegs ist und dem General hier gern eine Granate m den Bvhnentops Wersen will. Aber wie will er über die Barre kommen, wen» wir die Seezeichen wegnehmen? Dann bleibt er auf den Danken kleben und kann da alt werden. Geht mir doch mit dem ganzen Zauber!" , „ . ....
Die anderen Gäste am Tifch machten bedenkliche Gesichter. In Porto Seguro hatte ein Boot gemeutert und tatsächlich ein paar Schüsse abgegeben. Die „Patria" konnte jeden Tag vor Rio do Dugre erscheinen imb mit Kapitän Moreira gemeinsame Sache machen. Aber Kapitän Lührs lieh sich nicht beirren. Wir gehen jedenfalls morgen früh in See und verdienet» uns ein bübsches Schkeppgekd. Was fasst du, Hein Baukhage?
„Natürlich! ttnd wenn eine ganze Flibustierflotte vor der Darre läge! Wollen mal sehen, Freunde, der Norweger hat viel- keicht ein Paar Flaschen guten Korn an Bord. Das Bier aus Kristiania ist auch nicht schlecht. Vielleicht bringe ich ein Fäßchen Heringe mit an Land. Dann hätten wir alles, was zu entern gemütlichen Abend gehört."
Kapitän Lührs dampste tatsächltch aus seinem „Dom Pedro beim ersten Sonnenstrahl aus dem Hasen. Die Kormvrane und Sägetaucher, die ihre Fische kröpften, reckten die Hälse hinter dem slinken deutschen Dampfer unter der grüngoldenen Aagge Brasiliens. ,
„Wie viel Fische so 'n Beest wvll per Tag fressen mag? überlegte Schiffer Daukhage, der neben dem Kapitän auf der Drücke des „Dom Pedro" stand.
„Was geht uns das an. Hein?"
„9a, das sagst du wvll. Aber bedenke mal, wieviel Geld wir verdienen könnten, wenn wir die Beefter hier abfchössen und die Fischerei selber in Betrieb nähmen. Den Fang wollte ich woll besorgen, denn ich bin früher ein richtiger Fvhvensmann auf der Nordsee gewesen, und du könntest die Räucherei übernehmen. Du bist das ja von deinem Smeukewer*) her gewöhnt.'
Einem anderen hätte Kapitän Lührs das übelgenommen, aber er kannte seinen alten Freund Daukhage. Der muhte den Dampserkapitäneu immer mal etwas Pulver in den Pfeifentabak mischen. Also lachte Lührs gemütlich und meinte: „Du kannst ja deine „Rosalia" als Blankeneser Ewer auftakekir. Das wäre
*) Smeukewer (Qualmkahn) ist eine spöttische Bezeichnung für Dampfer.


