Ausgabe 
17.1.1925
 
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Me ich zwei Semester lang mit nie nachlassendem Interesse regelmäßig besuchte, und von der ich noch jetzt ein vollständiges, zu Hause ausgearbeitetes Kollegienheft besitze, das vielleicht mal einen gewissen historischen Wert haben könnte, Ludwig war kein glänzender Redner im gewöhnlichen Sinn wie etwa Dubois-Reymond, er sprach einfach, gleichmäßig, nicht sehr laut, aber die vollendete Klarheit des Vortrags, die immer hervvrtretende Beherrschung des Gegenstandes, die ost eigen­artige Ausdrucksweise machten seine Vorlesung für jeden emp­fänglichen Zuhörer zu einem wahren Genuß. Gelegentlich konnte Ludwig auch einen guten und treffenden Witz machen. Einmal war in der Vorlesung einem Frosch das Großhirn größtenteils entfernt, um die reflektorischen Leistungen des vom Gehirn abgetrennten Rückenmarks zu zeigen. Plötzlich machte der ent* hirnte Frosch einen unerwarteten Sprung ins Gesicht eines der zunächst sitzenden Zuhörer, der hierüber natürlich nicht wenig erschrak. Das ganze Auditorium brach in ein -lautes Gelächter aus, Ludwig aber sagte ruhig:Sre sehen, meine Herren, wie wenig Gehirn dazu gehört, um ein ganzes Audi­torium zum Lachen zu bringen."

Außer Ludwig war damals noch ein anderer bekannter Physiologe in Leipzig, der aus Prag gebürtige Professor 3. 01. Ezermak, der aus einem mir nicht bekannten Grunde seine, Professur in 3ena aufgegeben hatte und nach Leipzig uberge* siedelt war, wo er zum Honorarprofessor ernannt wurde. Ezermak war ein sehr reicher Mann und baute auf seins Kosten einen großen amphitheatralischen, für Demonstrationen besonders eingerichteten Hörsaal. Er hielt seine lehrreichen Vor­lesungen in populärer Form vor einer zahlreichen, buntzu­sammengesetzten Zuhörerschaft. Ich erinnere mich namentlich eines Vortrags von ihm über die Leistungen be8 Herzens. Ezermak zeigte das stark vergrößerte Projektionsblld eines iso­lierten schlagenden Kaltblüterherzens. Der nur noch ungewohnte Anblick des in so wunderbarer Kraft und Regelmäßigkeit arbei­tenden Organs machte auf mich einen solchen Eindruck, daß nur die Tränen in die Augen traten. 3ch schäme mich dessen nupt. Denn Staunen und Ehrfurcht vor der rätselhaften Gesetzmäßig­keit, der unendlichen Mannigfaltigkeit und der ineinander grei­fenden Einheitlichkeit in der Welt des Organischen müssen den­jenigen beseelen, der sich dem Studium der Lebenserschelnungen widmen will. , r, .

Wie wohl an jeder Universität, so gab es damals auch in Leipzig, namentlich unter den älteren auherordenruchen Pro­fessoren, eine Anzahl von Sonderlingen und Originalen, die in der Studentenschaft allgemein bekannt waren, und deren Vorlesungen, wie'ich leider bekennen muß, hauptsächlich, nach dem stundentischen Ausdruck, joci causa besucht wurden. Einer dieser Sonderlinge, der Professor der 'Geburtshilfe und Kinder­heilkunde Hennig war besonders berühmt wegen seiner sogar für einen Professor ungewöhnlich großen Zerstreutheit von der man sich zahlreiche komische Beispiele erzählte. So soll er ein­mal während einer Operation fortgegangen fein, um etwas in einem Buche nachzuschlagen. Da er aber nicht wiederkam, wurde der Assistent unruhig und ging, um zu sehen, was aus seinem Chef unterdessen geworden sei. Er fand ihn in seiner Blbtw- thek, auf der obersten Stufe der Dücherleiter sitzend und so vertieft in seine Lektüre, daß er darüber Patientin und alles andere vergessen hatte. Da Hennig der zweite Examinator in der geburtshilflichen Prüfung war, so mußten wir Studenten uns vor der Prüfung über seine Art zu examinieren und über die von ihm besonders häufig gestellten Fragen unterrichten. Zu den letzteren gehörte zum Beispiel die Frage nach dem Einfluß der verschiedenen Suppenkräuter auf das Wohl- uno älebelbefinden der Wöchnerinnen. Eine andere Frage von ihm betraf einmal den Einfluß der Erdbeben auf die Schwanger­schaft^ Wenn Hennig im Sommer seine Serienreife antrat, so hatte er zwei Hüte, einen leichten Strohhut und einen wärmeren schwarzen Filzhut übereinander auf den Kops aufgesetzt. So war er später nach Bedarf für alle Eventualitäten der Witte­rung vorbereitet! ülebrigens war Hennig ein grundgelehrter Mann, der im Anfänge seiner Laufbahn auch mehrere gute wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht hatte.

Eine andere in Leipzig damals allgemein bekannte Persön­lichkeit war der a. v. Professor C. Bock, der Gartenlauben-Bock genannt, weil er für das damals am meisten verbreitete Fa­milienblatt©ie Gartenlaube" als ständiger Mitarbeiter .zahl­reiche populäre, geschickt abgefahte medizinische Aufsätze schrieb. Dock war auch der Verfasser des damals in ganz Deutschland vielgelesenenBuches vom gesunden und kranken Menschen", das ihm eine gewisse medizinische Berühmtheit verschafft hatte, ©ein Aeußeres erinnerte an die demokratischen Gestalten von 1848, besonders wenn der große, breitschultrige, vollbärtige Mann im wallenden Havelock, einen großen Schlapphut auf dem Kopf, nachmittags durch die Grimmasche Straße schritt. Seine Vorlesungen wurden namentlich im Sommer von Studie­renden verschiedener Fakultäten besucht, weil man wußte, daß Dock an heißen Tagen stets geneigt war, mit seinem ganzen Auditorium nach Eutritzsch zu ziehen und den Hörsaal mit der Eutritzscher Gvsenschenke zu vertauschen.

Roch eine dritte merkwürdige Persönlichkeit aus jener Zeit will Ich erwähnen, den Professor Johannes M i n ck w i tz, einen

gelehrten Literarhistoriker, nicht talentlosen Dichter und guten Äebersetzer der griechischen Tragödien. Allgemein unter den Studenten bekannt war aber auch feine Eitelkeit und außerdem

eine ganz besondere Vorliebe für den Dichter Platen. 3n einer Vorlesung über Poetik und Metrik drängten sich Stu­dierende aller Fakultäten, und wenn er denn dm fdjpn längs erwarteten Satz aussprach:Meine Herren, es gibt überhaupt nur drei große deutsche Dichter, Goethe, Platen und den dritten verbietet mir meine Bescheidenheit zu nennen", dann brüllte das ganze Auditorium:Das ist Minckwitz! Unter Minckwitz!" worauf der also Gefeierte sich verschämt lächelnd

vorstellte, wird immer

Kreise der Professoren der Typus desaltert

Verbindungen im Zuge marschieren sollten, zu langen Erörte­rungen und Streitigkeiten. Ganz unlöslich schien aber die «jrage, Wer an der Spitze des Zuges mit der deutschen Fahne voran­reiten sollte. Da hierin keine Einigkeit unter den Verbin­dungen erzielt werden konnte, so wurde die Führung des Zuges schließlich einem mir schon von Dorpat her bekannten, durchaus nativnalistifch geh nuten Esten, namens Weske, itber- tragen, der schon in den Vorverhandlungen vielfach das große Wort geführt hatte. So ritt also an der Spitze des deutsch- patriotischen Festzuges auf einem Schiinmel, die deutsche Fahne schwenkend, ein Este! Als mein Vater dies hörte, rief er empört aus:O diese Deutschen mit ihrem Mangel an Rational­stolz! Lassen sie ihren deutsch-patriotischen Zug von einem Ausländer anführen!" Ich erzähle dies kleine Erlebnis hier als trauriges Beispiel dafür, wie schwer oft unter den Deutschen Einigkeit zu erzielen ist, und wie leicht sie sich, was wir auch in letzter Zeit wiederholt erlebt haben, von redegewandter« Ausländern imponieren und leiten lassen.

Während der großen Herbstferien des Jahres 18h, vor meinem letzten Studiensemester, habe ich zum erstenmal während einiger Wochen selbständige ärztliche Praxis ausgeübt m dem kleinen preußischen Städtchen Freyburg an der Unstrut, etwa Wo Stunden von Raumburg entfernt, anmutig im Unstruttale gelegen. Meine Eltern waren mit meiner Schwester und mir dorthin zur Sommerfrische gegangen und hatten in dem Hause des Sanitätsrats Staritz eine angenehme und freundliche Unterkunft gefunden. In Dr. Staritz lernte ich zum erstenmal Ben Typus des guten alten Landarztes Lennen, der Tag stir Tag mit feinem kleinen Wägelchen von Dorf zu Dorf fuhr, die ganze Bevölkerung persönlich kannte, die meisten Kinder schon von ihren ersten Atemzügen an, der in allen Zweigen! der Medizin, in der Geburtshilfe und einfachen Chirurgie ebenso praktisch erfahren war wie in der Behandlung der innerm Krankheiten und sich im Städtchen und dessen Umgebung überall der größten Beliebtheit erfreute. Das Staritzsche Ehepaar war kinderlos. Dem alten Doktor und seiner Frau machte es dah^ besondere Freude, abends mit uns allen zu plaudea und sich von mir und meiner Schwester Vorspielen zu laffen, wobei der 'alte sehr musikliebende Herr mit seinem saft haarlosem Kopfe ganz glückselig lächelnd den Takt nickte. Mir war er bald sehr zugetan, und ich durfte ihn täglich auf seinen ärztlichen Fahrten begleiten, wobei ich mancherlei sehen und lernen konnte. Ramentlich lernte ich bei ihm eine Menge praktische Rezepte kennen. Staritz war ein Schüler vom alten Krukenoerg in Halle und schrieb jedes Rezept mit ganz besonderer Sorgfalt und Freude.Da setzen wir nun noch ein bißchen Liquor Ammonit anisatus zu und dann noch ein Syruvchm, damit es besser schmeckt, und vielleicht auch noch etwas Morphium gegen den Husten oder ein bißchen Tinktura Ehinae für den Appetit, Mit solchen und ähnlichen Worten weihte er mich in die ®c* Heimnisse feiner Aezeptierkunst ein, und noch ,etzt muß tcy manchesmal, wenn ich ein Rezept, namentlich stir eine schone Einreibung, verschreibe, an meinen freundlichen alten Lehrer denken. Wenn er in seinem Wägelchen auf Praxis fuhr, hatte er meist feine alte Flinte bei sich, da er zugleich ein Passw-

verbeugte.

Die Originale sind jetzt aus dem so gut wie ganz verschwunden. Auch Professors", wie man ihn sich früher v

seltener. Die Unterschiede der Gewohnheiten und Lebensformen! zwischen den einzelnen Ständen verwischen sich immer mehr und mehr, auch die äußeren Lebensumstände der Professoren haben sich gegenüber früher gebessert. So kommt es, daß der alte, schlichte Gelehrtentypus unter den Universitätsprv- fessoren bald ganz der Vergangenheit angehören wird, und daß man jetzt sogar von einem neuen Typus des eleganten, weltmännischen und gesellschaftlich gewandten Professors sprechen kann. Ich weiß nicht, ob man diese Veränderung des Prv- fessorentums loben oder bedauern soll. Jedenfalls waren die alten Originale die kleinen bunten Lichter auf dem sonst etwas eintönigen akademischen Gesamtbilde.

Von dem eigentlichen studentischen Leben hielt ich mich tn Leipzig fast vollständig fern. Rur eines von mir miterlebten Vorganges will ich Erwähnung tun, weil er bezeichnend ist für einen besonderen, freilich wenig erfreulichen Zug des deut­schen Volkscharakters. Aus einem patriotischen Anlaß, toenn ich nicht irre, am Gedächtnistage der Reichsgründung, sollte abends ein großer allgemeiner studentischer Fackelzug statt- finden. Bei den Vorbereitungen hierzu führte schon die Fest­stellung der Reihenfolge, in der die einzelnen studentischen Derbindunaen im Zuge marschieren sollten, zu langen Erörts-