Eichener Zamilienblatter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgangs Samstag, den lr. Januar Kummers
Spruch.
Von Joseph Freiherr von Eichendorff. Drüben von dem felgen Lande Kommt ein feltfam Grützen her, Warum zagst du noch am Strande? Graut dir, wett im falschen Meer Draußen auf verlornem Schiffe Mancher frische Segler sinkt? sind von halbversunknem Riffe Meerfei nachts verwirrend singt? Wagst du's nicht, draufhin zu stranden Wirst du nimmer drüben landen!
Aus dem Leben eines deutschen Klinikers.
Don Dr. Adolf von Strümpell f.
Der berühmte Leipziger Kliniker Adolf von Strümpell. den vor wenigen Tagen eine tückische Lungenentzündung plötzlich hinweggerafft hat, hat die kargen Mußestunden seiner letzten Altersjahve dazu benutzt, seine Lebenserinnerungen aufzuzeichnen. Das Buch, das wenige Wochen vor feinem Tode bei F. C. W. Vogel in Leipzig erschien, gibt nicht nur dem Fachmann interessante Aufschlüsse über die Entwicklung der klinischen Wissenschaft in den letzten 50 Fahren, sondern gewährt auch Einblicke in ein schicksalreiches Getehrtenle^n, das Strümpell mit vielen bedeutenden Menschen der Wissenschaft und Kunst zusammengeführt hat. Ein besinnlichheiterer Humor durchzieht das Buch, aus dem wir mit Erlaubnis deö Verlages im folgenden einige Schilderungen aus der Leipziger Studentenzeit Strümpells herausgreifen. (1401)
Ende September 1872 traf ich in Leipzig ein. Meine Eltern hatten am Eingänge der Bayrischen Straße in einem hübschen gartenumgebenen Hause eine freundliche Wohnung gefunden, in der ich ein geräumiges Zimmer erhielt, das durch die Aufstellung eines mit Farbenband und bunter Mütze geschmückten menschlichen Skeletts seine Signatur als Medizinerbude bekam.
Die Universität Leipzig konnte sich damals wohl als die erste Universität Deutschlands bezeichnen. Sie hatte unter den deutschen Universitäten die größte Anzahl von Studierenden: Ausländer, die in Deutschland studieren wollten, wählten mit Vorliebe Leipzig zu ihrem Studienvrt. Der medizinischen Fakultät gehörte eine so große Zahl ungewöhnlich hervorragender Männer an, wie man sie nur selten in einer Fakultät vereinigt findet.----
Der Direktor der chirurgischen Klinik war Carl Thiersch ein Mann, dessen hervorragende geistige Bedeutung sich schon in.seinem Aeutzeren kundgab. Eine große Gestalt mit langsamen, gemessenen Bewegungen, der Kopf meist leicht nach vorn geneigt. Das Gesicht, an einen griechischen Weisen erinnernd hätte zum Modell für einen Hippokrates oder Aristoteles dienen können. — — —
Eine besondere Vorliebe hegte Tiersch für die Ausführung aller sogenannten plastischen Operationen. Hier kam gewissermaßen seine Künstlernatur — Tiersch gehörte einer bekannten Münchener Künstlerfamilie an — zur Geltung. Es war bewunderungswürdig. mit welcher Sorgfalt und unermüdlichen Ge- ^rld er die Operationen der Hasenscharten. Gaumenspalten. Epi- und Hypospadien u. a. ausführte und die erzielten Erfolge immer noch weiter zu verbessern bestrebt war. Eine besondere E'swrschaft hatte er auch in der Herstellung künstlicher Rasen @ret7^ ^cßen Personen, die ihre Aase durch zerstörende «der Verletzungen zum großen Teil eingebützt hatten, freilich stand dle Zufriedenheit des Chirurgen über den erzielten ünmer in Aebereinstimmung mit den Hoffnungen »C‘ltTO ÖU1 rIlie Eklige Wiedererlangung seiner früheren Elchen Nasenplastik erzählte »ns Thiersch einmal folgendes Geschichtchen. Ein Kranker mit fast völligem Verlust der Rase war zu ihm gekommen und 'hn dringend um künstlichen Ersatz gebeten. Sein Zu- stand sei ihm deshalb so besonders Peinlich, tveil überall, wo er sich sehen laste. die Jungens ihm nachliefen mit dem Rufe »Da geht der Mann ohne Rase!" Thiersch tat sein Möglichstes und machte dem Mann aus dessen Stirnhaut eine ''einer Ansicht nach wohlgelungene. neue Aase. Einige Zeit darauf begegnete Thiersch seinem Patienten am der Straße und fragte
ihn. ob er nun zufrieden sei. Dieser aber entgegnete: „Wh, mein lieber Herr Geheimrat. es ist noch genau so wie früher. Wo ich mich jetzt sehen lasse, rufen die Jungens: Da geht der Mann mit der Aase.'' — In die Reihe der plastischen Operationen gehört auch die von Thiersch erfundene, noch jetzt häufig angewandte Methode der Äeberhäutung großer Wundflächen, wie sie namentlich durch ausgedehnte Verbrennungen Vorkommen, durch aufgesetzte flache gesunde Hautstückchen, deren Anwachsen auf die Wundfläche von Thiersch zuerst festgestellt wurde.
Bei den Studenten war Thiersch ungemein beliebt, obwohl Praktikanten und Staatsexaminandmr manchmal unter seinem sarkastischen Witz zu leiden hatten. Im Grunde seines Wesens war er eine durchaus gütige Aatur. Dies zeigte sich schon in der zarten Fürsorge, die er allen Schtvrrkranken widmete, und ebenso auch in seiner Liebe zu Kindern. Darum tönte es ihm mich jedesmal, wenn er bei der Vormittagsvisite die chirurgische Kinderbaracke betrat, von all den Kinderstimmchen im Chor fröhlich entgegen: „Guten Morgen, Herr Geheimrat!"
Meinen ersten Perkufsionskurs im Wintersemester 1872/73 hakte ich bei Dr. Robert Dahrdt. Dahrdt wurde später der beliebteste und meist beschäftigte praktische Arzt in Leipzig. Er genoß mit Recht die Achtung und das volle Vertrauen vieler der angesehensten Leipziger Familien, die ihn zu ihrem Hausarzt genommen hatten. Leider wird die hausärztliche Tätigkeit infolge des anwachsenden medizinischen Spezialistentums unmer seltener, was meines Erachtens sehr zu bedauern ist. Em guter Hausarzt ist immer zugleich ein guter Freund der samilie, der in vielen wichtigen, das Familienleben betreffenden Fragen oft allein den besten und entscheidenden Rät geben! kann. — —
Ganz unzureichend war leider der Unterricht in der Augen- Hellkunde. Direktor der Augenklinik war Professor Evccius. ein, wie ich glaube, sehr tüchtiger und erfahrener Ophthalmologe, der sich mit Helmholtz sogar um die Priorität der Erfindung des Augenspiegels streiten konnte, der aber leider durchaus nicht die Fähigkeit besaß, eine Reihe einfacher Gedanken in narer, verständlicher Weise auszudrücken. Man hatte stets den Eindruck, als wenn sich bei ihm mehrere, zum Teil weit auseinanderliegende Gedanken in einem Sah zusammendrängten. Auf diese Weise entstanden oft Aeutzerungen von so unwiderstehlicher, unfreiwilliger Komik, daß das ganze Auditorium aus dem Lachen nicht herauskam. 3a, nicht selten kamen sogar Studierende anderer Fakultäten einmal in die Augenklinik, um an dieser seltsamen Belustigung teilzunehmen. Die älteren Assistenten der Augenklinik hatten ganze Sammlungen von Coccius- fchen Aussprüchen angelegt, die abends im Kollegenkreise vor- getragen wurden und dann stets die größte Heiterkeit erregten. So schloß z. B Evccius eine an sich schon von uns Studierenden unverstandene Auseinandersetzung Über die Dioptrik des Auges mit den Worten: „So daß wir also sagen können, daß der Schwerpunkt der modernen Physik in der vorderen Augenkammer gelegen ist.' Das Hauptmittel für die äußerliche Behandlung der Augenkrankheiten waren Lleberfchläge mit einer „Lösung von 0,48 Plumbum aceticum auf 120 Agua destillata, o." Mit nicht viel mehr als mit der Kenntnis dieses Rezeptes ausgerüstet, gingen die Studenten ins Staatsexamen. Cvccius hegte übrigens selbst von den Erfolgen seines Unterrichts keine großen Erwartungen und war der mildeste Examinator, den man fick» wünschen konnte. Außer der Abfassung einer Krankengeschichte, von deren Ausfall man aber nie etwas erfuhr, bestand das Examen fast nur noch in der Prüfung der sogenannten „Dexte- rität“. Seine Dexterität hatte der Kandidat dadurch zu er» weisen, daß er während einer von Cvccius ausgeführten Augenoperation ein Tablettchen mit den nötigen Instrumenten Hatter: mußte. Verlief diese Hilfeleistung ohne besonderen Unfall, so erhielt der Examinand die Rote II. Rur einmal, als ein Examinand das Tablettchen mit allen Instrumenten zu Voder, fallen ließ, erhielt er die Aote III.. Ein Durchfallen in Her vphthalmologischen Prüfung gab es nicht. Cvccius hatte einmal gesagt: „Ein Kollege, der einen Kollegen durchfallen läßt ist überhaupt kein Kollege."
Cvccius war Junggeselle, ging elegant gekleidet und trug stets einen Zylinderhut. Er aß täglich im feinsten Restaurant Leipzigs zu Mittag, was uns Studenten besonders imponierte.
Den nachhaltigsten Eindruck für mein ganzes Leben macht« mir aber die Vorlesung von Earl Lu dwig über PhysivloAe,


