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die man im Lande nicht nach Wunsch erhalten konnte, daher mein Vetter sich nach reifer Aeberlegung zuletzt dahin entschied, ich sollte selbst nach Frankfurt gehen, die Steine aus- zuwählen. Cs handelte sich nur darum, auf welche Art ich am sichersten reife, denn leider waren die Posten damals noch nicht so vortrefflich als jetzt eingerichtet; indessen fand sich doch Gelegenheit, die ersten Stationen mit ein paar Kaufleuten zu fahren. Der Vetter zählte mir vierhundert blanke Goldstücke vor; wir packten sie sorgfältig in mein Felleifen, und ich reiste ab.
Den zweiten Dag, in Tramsen, wo das Gefährt einen andern Weg nahm und mich daher absetzte, fiel Regenwetter ein; ich mußte mich bis zu Mittag gedulden, da ich es mir denn gern gefallen ließ, daß mir der Gramssner Bote ein Plätzchen ganz hinten in seinem Wagen gab, den eine Bläue') gegen Wind und Wetter schützte. Ein junger Mann war meine einzige Gesellschaft. Wir waren gar bequem zwischen Wollsacken gelagert, nur ging die Fahrt etwas langsam. Es wurde Nacht, bis man Schwinddvrf erreichte, wo der andere Reisende sich absetzen ließ, indes wir noch drei gute Stunden bis zu dem Städtchen Rösheim vor uns hatten. Als ich mm so allein in meiner dunklen Ecke lag und an verschiedenem herumdachte, war mir, als hätt' ich längst einmal gehört, daß diese Gegend nicht im besten Rufe stehe; besonders schwebte mir die sonderbare Geschichte eines Galanteriehändlers vor, welchem fein Kasten während des Marschierens auf ganz unbegreiflich listige Art, Schubfach für Schubfach, soll ausgeleert worden fein. Mein Fuhrmann wollte zwar so eigentlich nichts von verreichen wissen, doch konnte ich mich nicht enthalten, von Zeit zu Zeit durch die Luchspalte hinten mit einem Äug' hinaus- zu schauen. Der Himmel hatte sich wieder geklärt, man konnte jeden Daum und jeden Pfahl erkennen, man hörte auch nichts als das Klirren und Lechzen des Wagens; inzwischen ließ ich doch die Hand nicht von meinem Gepäck und tröstete mich mit des Fuhrmanns großem Hund; nur kam es mir ein paarmal vor, als wenn die Bestie sonderbar winsle, das ich aber zuletzt mitleidig dem puren Hunger zuschrieb.
„Jetzt noch ein. Diertelstündchen, Herr, so hat sich's!" rief mir der alte Bursche zu und ließ zum erstenmal die Peitsche wieder herzhaft knallen. „Die Wahrheit zu gestehn", fügte er bei, „sonst ist es auch gerade nicht mein Sach', so spät wegfahren: ein Fuhrmann aber, wißt Ihr wohl, hat es halt nicht immer am Schnürlein. Nu —
,'s Löwenwirts Roter Ist allzeit hell auf!*“
Es schlug halb zwölfe, als man vor das Städtchen kam. Am nächsten Wirtshaus hielten wir. Es schien kein Mensch mehr auf zu fein. Ich hob indes getrost mein Gepäck aus dem Wagen. Aber — Hölle und Teufel! wie wurde mir da! — das Ding war so leicht, war so locker! Den Angstschweiß auf der Stirn eil' ich ins Haus; ein Stallknecht, halb im Schlaf, stolpert mit seiner Laterne heraus, ein zweites Licht reif} ich ihm aus der Hand, und jetzt in der Stube gleich atemlos wie der Feind übers Felleisen her! Das Schlößchen find ich unverletzt, ganz in der Ordnung — weiter — Allmächtiger! mein Gold ist fort! Der Schlag wollte mich treffen. „Nein, nein, um Himmels willen, nein! es ist nicht möglich!'* rief ich in Verzweiflung und wühlte, zauste alles durcheinander. Das Schahkästlein fiel mir entgegen sich hatte es nur gleichsam aus Erbarmen so mit» laufen lassen): im Wahnsinn meiner Angst hielt ich es einen Augenblick für möglich, das Büchlein habe mir meine Dukaten verhext. — Halb mit Wut, halb mit Grauen warf ich den schwarzen Krüppel an die Wand; allein wie schnell verschwand der vermeintliche Zauber, da sich ein Messenschnitt, vier Finger breit, in meinem Felleisen entdeckte! Jetzt wuht' ich vorderhand genug: der Reisende hat dich bestohlen!
Soeben wollte ich hinaus, die Hausleute, die Nachbarschaft aufschreien — da muß mein Fuß zufällig nochmals an das arme Büchlein stoßen, und wie ein Blitz schießt der Gedanke in mir auf: Halt! wie, wenn heut' Sankt Gorgon wäre? Mechanisch nehm' ich es vom Boden; indem tritt der Kellner herein, grüßt, fragt, ob ich noch zu trinken verlange. Ich nicke stumm, gedankenlos und sehe mich dabei nach einem Wandkalender um.
„Was ist gefällig? neuer? alter? Dreiundachtziger? Die» undachtziger?“
»Versteht sich, einen neuen!“ rief ich mit Angeduld und meinte den Kalender; „den heurigen, nur schnell! nur her damit!“
Der Kellner lächelte hochweife: „Wir haben hierzuland noch keinen heurigen!
„Wie? was? um diese Zeit? verflucht! so bringt ins Kuckucks Namen einen alten! Das ist mir aber doch, beim Donner, eine Artschaft, wo man - ei daß dich, da hängt ja doch einer!" 3d) riß den Kalender vom Nagel, ich blätterte mit bebender Band — richtig! Gorgonii, der 9. September! And daß ich jetzt nrwt wie ein Narr vor Freuden in der Stube herumtanzte,
*) Bläue (Blaue. Blähe), grobes Leinentuch zur Heber» deckung eines Leiterwagens.
den Gläserschrank zusammenschlug, den Kellner umarmte, war alles. Von nun an wußte ich, was für ein herrliches Kleinod mein Schatzkästlein fei. Stand nicht ein Verslein drin, ein Reimlein, ach, mehr wert, als alle Reime in der Welt? (der siebente war's in der Zugab' für sondere Fäll'):
Was dir an Gorgon wird gestohlen, Vor Cyprian kannst's wieder holen; Jag nicht darnach, mach kein Geschrei, And allerdings fürsichtig sei.
Ich zweifelte nicht einen Augenblick an der Anfehlbarkeit dieses prophetischen Rates. Denn, dacht' ich, wär' es überhaupt nicht richtig mit dem Büchlein, wie konnte es den« wissen und mir so treulich melden, daß man mich just auf Gorgonstag bestehle? und dann — und kurz, es war in mir ein unwiderstehlicher Glaube: vor Cyprian kannst's wieder holen. Bis dorthin waren's freilich noch immer siebzehn Tage; nun' meinte ich, das ist der äußerste Termin, wer weiß, es kanq so gut auch morgen und übermorgen glücken. Wart Mauschel wart Halunk'! es wird sich bald ausweisen, wo deine Krallen es emgescharrt haben; drei Schritt von deinem Galgen, hoffe ich.
Franz Arbogast setzte sich hinter den Tisch mit einer Empsin- Dung, mit einem Gesicht, wie ungefähr ein Kaufmann habÄl mag, wenn er gerade einen Brief aus Nordamerika bekam beS Inhalts: „Mein Herr! Ich habe die Ehre zu melden, daß Ihr sehr wackeres Schiff, die „Faustina“, nachdem wir sie bereits in der Gewalt der Seeräuber geglaubt, soeben wohlbehalten im Hasen eingelaufen ist.“
Ich aß und trank nach Herzenslust, schenkte besonders dem Fuhrmann tapfer ein. Mir fiel inzwischen ein, daß noch mein ©tod im Wagen liege; ich ging mit Licht hinaus und fand bei der Gelegenheit noch einen meiner goldenen Füchse zwischen dem Flechtwerk des Korbes stecken und gleich dabei ein ziem- llch großes Loch im Boden. Ich wußte nicht recht, was ich davon denken sollte. Ich ließ es eben gut fein; zu holen war heut doch nichts mehr.
Singend und pfeifend ließ ich mir meine Schlafkammer zeigen, und ruhiger schlief ich in meinem Leben nicht als diese Nacht,
Vin andern Morgen nun, nach ernstlicher Erwägung aller Amstande, schien es mir keineswegs geraten, mich aus 6er entfernen. Ein jeder Schritt schien zwecklos, wo nicht bedenklich. Sag’ nit darnach!“ Das war für mich eben, als wenn em Daniel mit eigenem Mund zu mir gesprochen hatte' „tOTein ©ofm bleib Er ganz ruhig sitzen im „Löwen“ zu Ros» heim; Er sieht, es ist ein braves Wirtshaus hier; tu’ Er sich ettoaS gütlich auf den gehabten Schreck, und scher' Er sich den Leusel „um bte Sache, Er wird bald hören, was die Glocke schlagt. Ich kam dieser Weisung gewissenhaft nach. Rösheim ist ein lustiges Städtchen, es fehlte mir nie an Gesellschaft besonders meine Wirtin war die gute Stunde selbst. So gingen drei, sechs, sieben Tage hin. Dazwischen gab es freilich auch tiefsinnige Momente, und nachgerade ward mir doch die Zeit zu lang.
ftefje eines Nachmittags am Fenster und gräme mich über das köstliche Weyer, das mir so jämmerlich verloren geht; kommt eme Chaise vor das Haus gefahren, die ich 'sogleich für dieselbe erkenne, mit welcher ich damals von Ach- furth abreiste. Ein Herr steigt ans, es war einer von jenen Kaufleuten, der nächste Nachbar meines Meisters, ein wusliger. kleiner geschwätziger Mann. Schnell wollt ich noch entweichen, doch eh 'ich mich's versah, war er herein.
tvas der Tausend — da ist ja der Herr Franz! Schon schön, daß wir uns unvermutet treffen! Aus Ehre, tote bestellt! Wie sieht's in Frankfurt? gute Geschäfte gemacht?"
„O ia, so so, so ziemlich, ja."
„Scharmant. And, mein Freund, nun fährt Er natürlich mit mir, ich gehe direkte nach Haus und bin ganz allein."
Ich fing nun an, mich zu entschuldigen — ein guter Be- ..s!^er, den ich notwendig, Geschäfte halber, hier abtoarten müsse, besondere Affären — kurz, alles was zu sagen war. Der Kaufmann stutzte, wollte nicht begreifen, sondierte, fragte; f$toieg zuletzt und trank sein Schöppchen Würzburger, gelben. Ich bat mir Feder und Tinte aus und schrieb etliche Zeilen an den Vetter: daß ich Frankfurt dato noch nicht gesehen, ein Hemer Anfall habe mich verspätet, bereits sei aber alles wieder gang auf gutem Weg, so daß ich hoffe, noch zeitig genug mit meinen Einkäufen in Achsurth einzutreffen; übrigens möge es flch i<t ganz stille halten, mit niemand weiter von der Sache reden, mir aber ganz und gar vertrauen. — Der Kaufmann sprach indessen leise mit dem Wirt beifeit. Gewiß er» fugr er von diesem, wie lang ich schon, hier liege, und er konnte 'tch öenn an den Fingern abzählen, daß ich noch nicht über oie ©renje fam. Ich ließ mich das weiter nichts kümmern, versiegelte den Brief, empfahl ihn dem Herrn Nachbar zur Besorgung, er steckte ihn sehr seriös zu sich und schlürfte gelassen fein Nestchen. „Viel Glück nach Frankfurt!" rief eI’rr<ntrc lm^ höhnischem Gesicht beim Abschied zu. Der Wagen tollte fort.
(Fortsetzung folgt.)
bchrifileitung: Dr. Friedr. Wich. Lange. - Druck und Verlag der Drühllschen Aniv.-Buch- und ©teindruckerei, A. Lange, Gießet


