Ausgabe 
6.6.1925
 
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nachdem er einen Spaziergang, wie eben jetzt, gemacht, an jener Cffionb hatte sein Tisch gestanden, in dessen Schublade er seine ersten innigen und hilflosen Verse verwahrt hatte . . . Der Walnuß bäum . . . Eine stechende Wehmut durchzuckte ihn. Er blickte seitwärts durchs Fenster hinaus. Der Garten lag wüst, aber der alte Walnuhbaum stand an seinem Platze, schwer­fällig knarrend und rauschend im Winde. And Tonis Kröger lieh die Augen auf das Buch zurückgleiten, das er in Händen hielt, ein hervorragendes Dichtwerk und ihm wohlbekannt. Er blickte auf diese schwarzen Zeilen und Satzgruppen nieder, folgte eine Strecke dem kunstvollen Fluh des Vortrags, wie er in ge­staltender Leidenschaft sich zu einer Pointe und Wirkung er­hob und dann effektvoll absetzte . . .

Sa, das ist gut gemacht, sagte er, stellte das Dichtwerk weg und wandte sich. Da sah er, dah der Beamte noch immen aufrecht stand und mit einem Mischausdruck von Diensteifer und nachdenklichem Mißtrauen seine Augen zwinkern ließ.

Eine ausgezeichnete Sammlung, wie ich sehe," sagte Tonis Kröger.Ich habe schon einen Lleberblick gewonnen. Ich bin Ihnen sehr verbunden. Adieu." Damit ging er zur Tür hinaus; aber es war ein zweifelhafter .Abgang, und er fühlte deutlich, dah der Beamte, voller Anruhe über diesen Besuch, noch minuten­lang stehen und zwinkern würde.

Er spürte keine Reigung, noch weiter vorzudringen. Er war zu Hause gewesen. Droben, in den großen Zimmern hinter der Säulenhalle, wohnten fremde Leute, er sah es; denn der Treppenkopf war durch eine Glastür verschlossen, die ehe­mals nicht gewesen war, und irgendein Ramensschild war daran. Er ging fort, ging die Treppe hinunter, über die hallende Diele, und verlieh sein Elternhaus. Sn einem Winkel eines Restaurants nahm er in sich gekehrt eine schwere und fette Mahlzeit ein und kehrte dann ins Hotel zurück.

Ich bin fertig," sagte er zu dem feinen Herrn in Schwarz. Ich reise heute nachmittag." Lind er bestellte seine Rechnung, sowie den Wagen, der ihn an den Hafen bringen sollte, zum Dampfschiff nach Kopenhagen. Dann ging er auf sein Zimmer und setzte sich an den Tisch, sah still und aufrecht, indem er die Wange in die Hand stützte und mit blicklosen Augen auf die Tischplatte nieöersah. Spater beglich er seine Rechnung und machte seine Sachen bereit. Zur festgesetzten Zeit ward der Wagen gemeldet, und Tvnio Kröger stieg reisefertig hinab.

Drunten, am Fuße der Treppe, erwartete ihn der fein« Herr in Schwarz.

Um Vergebung!" sagte er und stieß mit den kleinen Fingern seine Manschetten in die Aermel zurück . . .Verzeihen Sie, mein Herr, daß wir Sie noch eine Minute in Anspruch nehmen müssen. Herr Seehaase der Besitzer des Hotels ersucht Sfe um eine Unterredung von zwei Worten. Eine For­malität ... Er befindet sich dort hinten . . . Wollen Sie die Güte haben, sich mit mir zu bemühen ... Es ist nur Herr Seehaase, der Besitzer des Hotels."

-Und er führte Tonio Kröger unter einladendem Gesten­spiel in den Hintergrund des Vestibüls. Tort stand in der Tat Herr Seehaase. Tonio Kröger kanntG ihn von Ansehen aus alter Zeit. Er war klein, fett und krummbeinig. Sein geschorener Backenbart war weih geworden; aber noch immer trug er eine weit ausgeschnittene Frackjacke und daru ein grün gesticktes Sammetmützchen. Llebrigens war er nicht allein. Bei ihm, an einem kleinen, an der Wand befestigten Pultbrett, stand, den Helm auf dem Kopf, ein Polizist, welcher seine behandschuhte Rechte auf einem bunt beschriebenen Papier ruhen lieh, das vor ihm auf dem Pulte lag, und Tonio Kröger mit seinem ehrlichen Soldatengesicht so entgegensah, als erwartete er, dah dieser bei seinem Anblick in den Boden versinken müsse.

Tvnio Kröger blickte von einem zum andern und verlegte sich aufs Warten.

Sie kommen von München?" fragte endlich der Polizist mit einer gutmütigen und schwerfälligen' Stimme.

Tonio Kröger bejahte dies.

Sie reifen nach Kopenhagen?"

Sa, ich bin auf der Reise in ein dänisches Seebad."

Seebad? Ja, Sie müssen mal Ihre Papiere vvrweisen," sagte der Polizist, indem er das letzte Wort mit besonderer Ge­nugtuung aussprach.

Papiere . . ." Er hatte keine Papiere. Er zog seine Brief­tasche hervor und blickte hinein; aber es befand sich außer eini­gen Geldscheinen nichts darin als die Korrektur einer Rovolle, die er an feinem Reiseziel zu erledigen gedachte. Er verkehrte nicht gern mit Beamten und hatte sich noch niemals einen Pah ausstellen lassen . . .

Es tut mir leid," sagte er,aber ich führe keine Papiere bei mir."

So?" sagte der Polizist . .Gar keine? Wie ist Ihr Rame?"

Tonio Kröger antwortete ihm.

Ist das auch wahr?!" fragte der Polizist, reckte sich auf und öfsnete plötzlich feine Rasenlöcher, so weit er konnte , , , Vollkommen wahr," antwortete Tonio Kroger.

Was sind Sie denn?"

Tvnio Kröger schluckte hinunter und nannte mit fester Stimme sein Gewerbe. Herr Seehaase hob den Kopf und sah neugierig in fein Gesicht empor.

Hm!" sagte der Polizist.älnd Sie geben an, nicht identisch zu fein mit einem Jndividium immens Er sagteJndi- vidium" und buchstabierte dann aus dem buntbefchriebenen Pa­pier einen ganz romantischen Ramen zusammen, der ans den Lauten verschiedener Rassen abenteuerlich gemischt erschien und den Tonio Kröger im nächsten Augenblick wieder vergessen hatte. Welcher," fuhr er fort,von unbekannten Eltern und unbestimmter Zuständigkeit wegen verschiedener Betrügereien und anderer Vergehen von der Münchener Polizei verfolgt wird und sich wahrscheinlich auf der Flucht nach Dänemark befindet?"

Ich gebe das nicht nur an," sagte Toni Kröger und machte eine nervöse Bewegung mit den Schultern. Dies rief einen gewissen Eindruck hervor.

Wie? Ach so, na gewiß!" sagte der Polizist.Aber daß Sie auch gar nichts vorweisen können!"

Auch Herr Seehaase legte sich beschwichtigend ins Mittel.

Das Ganze ist eine Formalität," sagte er,nichts weiter! Sie müssen bedenken, daß der Beamte nur feine Schuldigkeit tut. Wenn Sie sich irgendwie legitimieren könnten . . . Ein Papier . . ."

Alle schwiegen. Sollte er der Sache ein Ende machen, indem er sich zu erkennen gab, indem er Herrn Seehaase er­öffnete, dah er kein Hochstapler von unbestimmter Zuständig­keit sei, von Geburt kein Zigeuner im grünen Wagen, son­dern der Sohn Konsul Krögers, aus der Familie Kröger? Rein, er hatte keine Lust dazu. And waren diese Männer der bürgerlichen Ordnung nicht im Grunde ein wenig im Recht? Gewissermaßen war er ganz einverstanden mit ihnen . . . Er zuckte die Achseln und blieb stumm.

Mas haben Sie denn da?" fragte der Polizist.Da, in dem Porteföhch?"

Hier? Richts. Es ist eine Korrektur," antwortete Tonio Kröger.

Korrektur? Wieso? Lassen Sie mal sehen."

And Toni Kröger überreichte ihm seine Arbeit. Der Poli­zist breitete sie auf der Pultplatte aus und und begann darin zu lesen. Auch Herr Seehaase trat näher herzu und beteiligte sich an der Lektüre. Tonio Kröger blickte ihnen über die Schultern und beobachtete, bei welcher Stelle sie seien. Es war ein guter Moment, eine Pointe und Wirkung, die er vor­trefflich herausgearbeitet hatte. Gr war zufrieden mit sich.

Sehen Sie!" sagte er.Da steht mein Rame. Ich habe dies geschrieben, und nun wird es veröffentlicht, verstehen Eie."

Run, das genügt! sagte Herr Seehaase mit Entschluß, raffte die Blätter zusammen, faltete sie und gab sie ihm zu­rück.Das muh genügen, Petersen!" wiederholte er kurz, in­dem er verstohlen die Augen schlvh und abwinkend den Kopf schüttelte.Wir dürfen den Herrn nicht länger aufhalten. Der Magen wartet. Ich bitte sehr, die kleine Störung zu ent­schuldigen, mein Herr. Der Beamte hat ja nur seine Pflicht getan, aber ich sagte ihm sofort, dah er auf falscher Fährte sei . . ."

So? dachte Tonio Kröger.

Der Polizist schien nicht ganz einverstanden; er wandte noch etwas ein vonJndividium" undvorweisen". Aber Herr Seehaase führte seinen Gast unter wiederholten Ausdrücken des Bedauerns durch das Vestibül zurück, geleitete ihn zwischen den beiden Löwen hindurch zum Wagen und schlvh selbst unter Achtungsbezeugungen den Schlag hinter ihm. Und bann rollte die lächerlich hohe und breite Droschke stolpernd, klirrend und lärmend die steilen Gassen hinab zum Hafen . . .

Dies war Tvnio Krögers seltsamer Aufenthalt in seiner Vaterstadt. ., ..,'1

Der Schatz.

Von Eduard M ö r i k e.

(Fortsetzung.)

Wein Vetter schenkte mir sofort ein immer größeres Ver­trauen. Er schickte mich manchmal auf kleine Geschäftsreisen aus, er fing nichts Reues von Bedeutung an, eh' er mit mir es erst besprochen hatte, und als er den Befehl erhielt, auf die Vermählung Seiner Majestät des Königs mit einer Prin­zessin von Astern den Krönungsschmuck für die Durchlauchtige Prinzessin Braut zu fertigen, so konnte er mir wohl keine größere Ehre erzeigen, als daß er das Hauptstück des wichtigen Auftrags, nämlich eine Krone von durchaus massiver, doch zierlicher Arbeit, wie sie sich in die Haare einer schönen, blutjungen Königin geziemt, mir größtenteils allein zu über­lassen dachte. Die Zeichnung war gemacht und höchsten Orts gebilligt. Bevor man aber an das Werk selbst ging, war noch ver­schiedenes zu tun. Besonders fehlte es noch an einigen Steinen,