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durch die dämmerigen, traumhaft vertrauten Gaffen. Aber alles war so eng und nah beieinander. Gleich war man am Zrel.
In der oberen Stadt gab es Bogenlampen, und eben ev-- glühten sie. Da war das Hotel, und es waren die beiden schwarzen Löwen, die davor lagen und vor denen er sich als Kind gesürchtet hatte. Roch immer blickten sie mit einer Mrene, als wollten sie niesen, einander an; aber sie schienen mel kleiner geworden, seit damals. — Tonio Kröger gurg zwischen ihnen hindurch. . < _ . ..
Da er zu Fuß kam, wurde er ohne vrel Feierlichkeit empfangen. Der Portier und ein sehr feiner, schwarzgekieroeter Herr, welcher die Honneurs machte und beständig mlt ven kleinen Fingern seine Manschetten in die Aermel zuruckstrey, musterten ibn prüfend und wägend vom Scheitel bis zu den Stiefeln, sichtlich bestrebt, ihn gesellschaftlich ein wenig zu bestimmen, ihn hierarchisch und bürgerlich unterzuorrngen und ihm einen Platz in ihrer Lichtung anzuwersen, ohne doch zu einem beruhigenden Ergebnis gelangen zu können, weshalb sre sich für eine gemäßigte Höflichkeit entschieden. Ein Kellner, ein milder Mensch mit brvtblonden Dackenbartstreifen, einem alters- blanken Frack rnrd Rosetten auf den lautlosen Schuhen, führte ihn zwei Treppen hinauf in ein reinlich und altväterlich eingerichtetes Zimmer, hinter dessen Fenster sich im Zwielicht ei.ro pittoresker und mittelalterlicher Ausblick auf Höfe, Giebel und die bizarren Massen der Kirche eröffnete, in deren Rühe das Hotel gelegen war. Tonio Kröger stand eine Weile vor diesem Fenster; dann setzte er sich mit gekreuzten Armen auf das weitschweifige Sofa, zog seine Brauen zusammen und pfifs vor sich hin.
Man brachte Licht, und sein Gepäck, kam. Gleichzeitig legte der milde Kellner den Meldezettel auf den Tisch, und Tonio Kröger malte mit seitwärts geneigtem Kopfe etwas darauf, das aussah wie Aame, Stand und Herkunft. Hierauf bestellte er ein wenig Abendbrot und fuhr fort, von seinem Sofawinkel aus ins Leere zu blicken. Als das Essen vor ihm stand, lieh er es noch lange unberührt, nahm endlich ein paar Dissen und ging noch eine Stunde im Zimmer auf und ab, wobei er zuweilear stehen blieb und die Augen schloß. Dann entkleidete er sich mit langsamen Bewegungen und ging zu Bette. Er schlief lange, unter verworrenen und. seltsam sehnsüchtigen Träumen. —
Als er erwachte, sah er sein Zimmer von hellem Tage erfüllt. Berwirrt und hastig besann er sich, wo er fei, und machte sich auf, um die Vorhänge zu öffnen. Des Himmels schon eht wenig blasses Spätsommer-Blau war von dünnen, vom Wind zerzupften Wolkenfetzchen durchzogen; aber die Sonne schien über seiner Vaterstadt.
Er verwandte noch mehr Sorgfalt auf seine Toilette als gewöhnlich, wusch und rasierte sich aufs beste und machte sich so frisch und reinlich, als habe er einen Besuch in gutem, korrektem Hause vor, wo es gälte, einen schmucken und untadel- haften Eindruck zu machen; und während der Hantierungen des Ankleidens horchte er auf das ängstliche Pochen seines Herzens.
Wie hell es draußen war! Er hätte sich Wohler gefühlt, wenn, wie gestern, Dämmerung in den Straßen gelegen hätte; nun aber sollte er unter den Augen der Leute durch den klaren Sonnenschein gehen. Würde er auf Bekannte stoßen, angehalten, befragt werden und Rede stehen müssen, wie er diese dreizehn Jahre verbracht? Dein, göttlich, es kannte ihn keiner mehr, und wer sich seiner erinnerte, würde ihn nicht erkennen, denn er hatte sich wirklich, ein wenig verändert unterdessen. Er betrachtete sich aufmerksam im Spiegel, und plötzlich fühlte er sich sicherer hinter seiner Maske, hinter seinem früh durcharbeiteten Gesicht, das älter als feine Jahre war . . . Er lieh Frühstück kommen und ging dann aus, ging unter den abschähenden Blicken des Portiers und des feinen Herrn in Schwarz durch das Vestibül und zwischen den beiden Löwen hindurch ins Freie.
Wohin ging er? Er wußte es kaum. Es war wie gestern. Kaum, daß er sich wieder von diesem wunderlich würdigen und urvertrauten Beieinander von Giebeln, Türmchen, Arkaden, Brunnen umgeben sah, kaum daß er den Druck des Windes, des starken Windes, der ein zartes und herbes Aroma aus fernen Träumen mit sich führte, wieder im Angesicht spürte, als es sich ihm wie Schleier und Aebelgespinst um die Sinne legte . . . Die Muskeln seines Gesichtes spannten sich ab; und mit stille gewordenem Blick betrachtete er Menschen und Dinge. Vielleicht, daß er dort an jener Straßenecke, dennoch erwachte . . .
Wohin ging er? Ihm war, als stehe die Richtung, die er einschlug, in einem Zusammenhänge mit seinen traurigen und seltsam reuevollen Träumen zur Rächt . . . Auf den Markt ging er, unter den Dogengewölben des Rathauses hindurch, wo Fleischer mit blutigen Händen ihre Ware wogen, auf den Marktplatz, wo hoch, spitzig und vielfach der gotische Brunnen stand. Dort blieb er vor einem Hause stehen, einem schmalen und schlichten, gleich anderen mehr, mit einem geschwungenen, durchbrochenen Giehel, und versank in dessen Anblick. Er las das Ramensschild an der Tür und ließ seine Augen ein Weilchen auf jedem der Fenster ruhen. Dann wandte er sich langsam zum Gehen.
Wohin ging er? Heimwärts. Aber er nahm einen itmtoeg, machte einen Spaziergang vors Tor hinaus, weil er Zeit hatte. Er ging über den Mühlenwall und den Holstenwall und hielt
seinen Hut fest vor dem Winde, der in den Bäumen rauschte und knarrte. Dann verlieh er die Wallanlagen unfern des Bahnhofes, sah einen Zug mit plumper Eilfertigkeit vorüber- pufsen, zählte zum Zeitvertreib die Wagen und blickte dem Manne nach, der zuhöchst auf dem allerletzten saß. Aber am Lindenplatze machte er vor einer der hübschen Villen halt, die dort standen, spähte lange in den Garten und zu den Fenstern hinauf und verfiel am Ende darauf, die Gatterpsorte in ihren Angeln hin- und herzuschlenkern, so daß es kreischte. Dann betrachtete er eine Weile seine Hand, die kalt und rostig geworden war, und ging weiter, ging durch das alte, untersetzte Tor, am Hafen entlang und die steile zugige- Gasse hinaus zum Haus feiner Eltern.
Es stand, eingeschlvsfen in den Rachbarhäusern, die fein Giebel überragte, grau und ernst wie -feit dreihundert Jahren, und Tonio Kröger las den frommen Spruch, der in halb- verwifchten Lettern über dem Eingang stand. Dann atmete er auf und ging hinein.
Sein Herz schlug ängstlich, denn er gewärtigte, sein Vater könnte ans einer der Türen zu ebener Erde, au denen er vov- überfchritt, hervortreten, im Kontorrvck rmd die Feder Hinterm Ohr, ihn anhalten und ihn wegen seines extravaganten Lebens streng zur Rede stellen, was er sehr in der Ordnung gesunden hätte. Aber er gelangte unbehelligt vorbei. Die Windfangtür war nicht geschlossen, sondern nur angelehnt, was er als tadelnswert empfand, während ihm gleichzeitig zumute war wie in gewissen leichten Träumen, in denen die Hindernisse von selbst vor einem weichen und man, von wunderbarem Glück begünstigt, ungehindert vorwärts dringt . . . Die weite Diele, mit großen, viereckigen Steinfliesen gepflastert, widerhallte von seinen Schritten. Der Küche gegenüber, in der es still war, sprangen wie vor Alters in beträchtlicher Höhe die seltsamen, plumpen, aber reinlich lackierten Holzgelasse aus der Wand hervor, die Mägdekaminern, die nur durch eine Art freiliegender Stiege von der Diele aus zu erreichen waren. Aber die großen Schränke und die geschnitzte Truhe waren nicht mehr da, die hier gestanden hatten . . . Ger Sohn des Hauses beschritt die gewaltige Treppe und stützte sich mit der Hand auf das weihlackierte, durchbrochene Holzgeländer, indem er sie Bei jedem Schritte erhob und beim nächsten sacht wieder darauf niedersinken ließ, wie als versuche er schüchtern, ob die ehemalige Vertrautheit mit diesem alten, soliden Geländer wieber- herzustellen sei ... Aber auf dem Treppenabsatz blieb er stehen, vorm Eingang zum Zwischengeschoß. An der Tür war ein Weihes Schild befestigt, auf dem in schwarzen Buchstaben zu lesen war: Volksbibliothek.
Volksbibliothek? dachte Tonio Kröger, denn er fand, daß hier weder das Volk noch die Literatur etwas zu suchen hatten. Er klopfte an die Tür . . . Ein Herein ward laut, und er folgte ihm. Gespannt und finster blickte er in eine höchst unziemliche Veränderung hinein.
Das Geschoh war drei Stuben tief, deren Derbmdungs- türen offen standen. Die Wände waren fast in ihrer ganzen Höhe mit gleichförmig gebundenen Büchern bedeckt, die auf dunklen Gestellen in langen Reihen standen. In jedem Zimmer sah hinter einer Art von Ladentisch ein dürftiger Mensch und schrieh. Zwei davon wandten nur die Köpfe nach Tonio Kröger, aber der erste stand eilig auf, wobei er sich mit beiden Händen auf die Tischplatte stützte, den Kopf vorschob, die Lippen spitzte, die Brauen emporzog und den Besucher mit eifrig zwinkernden Augen anblickte . . .
„Verzeihung," fagte Tonio Kröger, ohne den Blick von den vielen Büchern zu wenden, „Ich bin hier fremd, ich besichtige die Stadt. Dies ist also die Volksbibliothek? Würden Sie erlauben, daß ich mir ein wenig Einblick in die Sammlung verschaffe?"
„Gern!" fagte der Beamte und zwinkerte noch heftiger . . . „Gewiß, das steht jedermann frei. Wollen Vie sich nur Umsehen ... Ist Ihnen ein Katalog gefällig?"
„Danke," antwortete Tonio Kröger. „Ich orientiere mich leicht." Damit begann er, langsam an den Wänden entlang zu schreiten, indem er sich den Anschein gab, als studiere er die Titel auf den Bücherrücken. Schließlich nahm er einen Band heraus, öffnete ihn und stellte sich damit ans Fenster.
Hier war das Frühstückszimmer gewesen. Man hatte hier morgens gefrühstückt, nicht droben im großen Etzsaal, wo aus der blauen Tapete weihe Götterstatuen hervortraten . . . Das dort hatte als Schlafzimmer gedient. Seines Vaters Mutter war dort gestorben, so alt sie war, unter schweren Kämpfen, denn sie war eine genuhfrohe Weltdame und hing am Leben, sind später hatte dort sein Vater selbst den letzten Seufzer getan, der lange, korrekte, ein wenig wehmütige und nachdenkliche Herr mit der Feldblume im Knopfloch . . . Tonio hatte am Fußende seines Sterbebettes gesessen, mit heißen Augen, ehrlich und gänzlich hingsgeben an ein stummes und starkes Gefühl, an Liebe und Schmerz, sind auch feine Mutter hatte am Sager gekniet, feine schöne feurige Mutter, ganz aufgelöst in Seißen Tränen; worauf sie mit dem südlichen Künstler In blaue Fernen gezogen war . . . Aber dort hinten, das kleinere, dritte Zimmer, nun ebenfalls ganz mit Büchern angefüllt, die ein dürftiger Mensch bewachte, war lange Jahre hindurch fein eigenes gewesen. Dorthin war er nach der Schule heimgekehrt,


