Ausgabe 
6.6.1925
 
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Gießener Kmilienblatter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1925 Samstag, den 6. Juni Nummer §5

Mittag.

Von Theodor Däubler. ' ~\k

Die Sümpfe verglühen ihr Hühnergeflügel, Die Enten beschwingen den flockigen Glast, Sie tragen die Seele vom alten Morast Empor in die jugendlich grünenden Hügel.

Ein Aachen begleitet die langsame Stunde, Das Rudern bei Seerosensonne ist schwer. Libellen besorgen den Schwebeverkehr Der Schilfdickichtinseln: es grünt ihre Kunde.

Thomas Mann.

(Zu seinem 50. Geburtstag am 6. Ium.)

Es scheint heute schwer, mit Anstand Alter und Würde zu erwerben. In ruhigeren und langsameren Zeiten war jeder Ge­denkartikel ein Zeugnis, wie fest der glückliche Jubilar sich in dem Bewußtsein seines Volkes verwurzelt fühlen dürfe heute? Man veraltet so leicht in dieser rapiden und eruptiven Entwick­lung, und die Jungen sind so mitleidlos und sehen so scharf und unbarmherzig, was fehlt...

Als Thomas Mann zu schaffen begann und mit sechsund- zwanzig Jahren seineBuddenbrooks" erscheinen lieh, als dieses Buch sich überraschend zu einem Volksbuch des deutschen Bürger- tuins aufschwang, da herrschte in Kunst, Kritik und Publikum die Anschauung, daß das, was man gemeinhinLeben" nannte, sich im Buch und auf der Bühne einfach fortzusetzen habe. Diesem Leben, das er aus Dürgerstuben und Patrizierhäusern in fein Werk hineintrug, ist Thomas Mann, der unheimlich scharfe Beobachter, der klassische epische Vermittler geworden. Keiner seiner Zeitgenossen versteht es in dieser Vollendung, die Stim­mung eines Raums, die Atmosphäre eines Menschen so sinnlich und lebendig einzufangen. Dazu die artistische Meisterschaft der Darstellung. Wie sein Schriftsteller Achenbach imTod von Venedig", mag er selbst oft lange um einen glücklichen Ausdruck gerungen haben, bis das ergiebigste Wort an der geeigneten Stelle sah. Auch dem Leser von heute vermittelt Manns Werk noch jenen Genuß an der Form, der jeden Kultivierten ent­zücken wird. IXnÖ nicht mehr wäre an Thomas Mann zu rühmen?

Mit denBuddenbrooks" ist der Begriff seiner Epik fest­gelegt, seither hat sich seine künstlerische Persönlichkeit nicht ge­wandelt. Das Stoffliche seiner Handlungen ist immer dürftig und karg gewesen, in seinem vorjährigen Werk, demZauber­berg" ist eine Fabel im Sinne des Romans nicht mehr vorhanden. Kann er sie entbehren, weil seine Menschen so ausfüllend und gewaltig sind? Aber auch sie bleiben Durchschnittliche, Sonder­linge höchstens, niemals wachsen sie zuHelden"; Menschen wohl mit erlebten Schicksalen, aber rührend und schutzbedürftige. Könn­ten sich doch diese Menschen stark offenbaren! Aber das leidet Mann nicht, das stört seine Erzählersachlichkeit, zu der er sich verpflichtet glaubt, älnd so schweben wir bei Manns Werk in stetem leichten Genuß, niemals aber werden wir erschüttert, hingerissen, überwältigt. Denn auch der Dichter, er möchte nicht ergriffen scheinen, er ironisiert wohl leichthin die Klagen seiner Menschen und biegt ihrem Leid den Stachel ab. Kann es aber für einen Dichter, der sich durch den Impetus seines Werks und die Schicksale seiner Gestalten fortveißen ließe, äleberwältigenderes geben als die eigene Schöpsung?

Es wird Mann bei dieser Gelegenheit sicher gesagt werden, daß er derRepräsentant unserer Zeit" sei. Von diesem aber kann man verlangen, daß er den Charakter und die Menschen dieser chaotischen Tage abbilde. InZauberberg", dem Roman, der während der Kriegs- und Rachkriegsjahre entstand, hätte er Gelegenheit zu diesem ersehnten Gegenwartsbilde gehabt. Aber Mann weicht dem aus. Er weiß, daß seine Kraft, daß sein Ethos, daß seine künstlerischen Mittel dem nicht zulangen. Was er über dieses Thema zu sagen hatte, ist offenbar in seinenPolitischen Gedanken eines äinpolitischen" niedergelegt; es scheint ihm kein Thema für eine Dichtung.

Aber inzwischen ist eine Generation herangewachsen, die in den Ereignissen der Jahre seit 1914 ihre erschütterndsten und befreiendsten Erlebnisse gefunden hat. Die sich aus Leid und Rot ein neues Weltgefühl und eine neue Gvttesüberzeugung errang. Dieses Geschlecht glaubt nicht, daß man diese jüngste Vergangen­heit, die ihm so viel an Dingen nahm und so viel an Seele

gab, einfach beiseite schieben Kirnte. Diese Jungen glauben nicht mehr, daß sichdas Leben" int Buch und auf der Bühne fort­zusetzen habe; sie sehen in einem Abschilderer der Wirklichkeit einen Literaten aber sie fordern Dichtung! Sie verschmähen die Kunst der Stuben und der durchschnittlichen Menschen, sie wollen wieder das Ungewöhnliche, das Heldenhafte, das Er­regende in der Dichtung. In den Adern dieser Jungen rollt das Blut rascher, gehetzter geht ihr Atem, in ihrer Sprache ist der wehende Funke ihrer Maschinen. Wo bleibt noch das bürgerliche, das rührende Idyll Thomas Manns? Voller Verehrung werden auch diese Jüngsten den Dichter grüßen, aber als einen Mark­stein, den sie überwunden haben. Schon haben Albrecht Schaeffer, Alfred Döblin und Josef Ponten das Epos auf neue Bahnen gelenkt nicht zur Vollendung hin, aber zu dem Ausdruck dieser heutigen Gegenwart. G. D.

Tonio Kröger.

Von Thomas Man n*).

Und Tonio Kröger fuhr gen Norden. Er fuhr mit Kom­fort (denn er pflegte zu sagen, daß jemand, der es innerlich so viel schwerer hat als andere Leute, gerechten Anspruch auf eint wenigs äußeres Behagen habe), und er rastete nicht eher, als bis die Türme der engen Stadt, von der er ausgegangen war, sich vor ihm in die graue Luft erhoben. Dort nahm er einen kurzen, seltsamen Aufenthalt . . .

Ein trüber Rachmittag ging schon in den Abend über, als der Zug in die schmale, verräucherte, so wunderlich vertraute Halle einfuhr; noch immer ballte sich unter dem schmutzigen Glasdach der Qualm in Klumpen zusammen und zog in ge­dehnten Fetzen hin und wieder, tote damals, als Tonio Kröger, nichts als Spott im Herzen, von hier gefahren war. Gr versorgte sein Gepäck, ordnete an, daß es ins Hotel geschafft werde, und verlieh den Bahnhof.

Das waren die zweispännigen, schwarzen, unmäßig hohen und breiten Droschken der Stadt, die draußen in einer Reihe stan­den! Er nahm keine davon; er sah sie nur an, wie er alles an» sah, die schmalen Giebel und spitzen Türme, die über die nächstem Dächer herübergrüßten, die blonden und lässigplumpen Men­schen mit ihrer breiten und dennoch rapiden Redeweise rings um ihn her, und ein nervöses Gelächter stieg in ihm auf, das eine heimliche Verwandtschaft mit Schluchzen hatte. Er ging zu Fuß, ging langsam, den unablässigen Druck des feuchten Windes im Gesicht, über die Brücke, an deren Geländer mytho­logische Statuen standen, und eine Strecke am Hafen entlang.

Großer Gott, wie winzig und winklig das Danze erschien! Maren hier in all der Zeit die schmalen Giebelgassen so putzig steil zur Stadt emporgestiegen? Die Schornsteine und Maste der Schiffe schaukelten leise in Wind und Dämmerung auf dem trüben Flusse. Sollte er jene Straße hinauf gehen, die dort, an der das Haus lag, das er im Sinne hatte? Rein, morgen. Er war so schläfrig jetzt. Sein Kopf war schwer von der Fahrt, und langsame, nebelhafte Gedanken zogen ihm durch den Sinn.

Zuweilen in diesen dreizehn Jahren, wenn sein Magen verdorben gewesen war, hatte ihm geträumt, daß er wieder daheim sei in dem alten, hallenden Haus an der schrägen Gasse, daß auch sein Vater wieder da sei und ihn hart anlasse wegen seiner entarteten Lebensführung, was er jedesmal sehr in der Ordnung gesunden hatte, Und diese Gegenwart nun unterschied sich durch nichts von einem dieser betörenden und unzerreißbaren Traumgespinste, in denen man sich fragen farm, ob dies Trug oder Wirklichkeit ist, und sich notgedrungen mit Ueberjeugung für das letztere entscheidet, um dennoch am Ende zu erwachen ... Gr schritt durch die wenig belebten, zugigen Straßen, hielt den Kopf gegen den Wind gebeugt und schritt wie schlafwandelnd in der Richtung des Hotels, des ersten der Stadt, wo er übernachten wollte. Ein krummbeiniger Mann mit einer Stange, an deren Spitze ein Feuerchen brannte, ging mit wie­gendem Matrosenschritt vor ihm her und zündete die Gas- later neu an. .

Wie war ihm doch? Was war das alles, was unter der Asche seiner Müdigkeit, ohne zur klaren Flamme zu werden, so dunkel und schmerzlich glomm? Still, still und kein Wort! Keine Worte! Er wäre gern lange so dahingegangen, im Wind

*) Aus Thomas MannsTonio Kröger. S. Fischer- Verlag, Berlin.