Ausgabe 
6.10.1925
 
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Gießener Zamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger

Jahrgang (925 Dienstag, Sen 6. Oktober Nummer 80

Gilt.

Do« Otto Erich Hartleben.

... Als ich dann wieder in die Heimat kam im Frühling war's, die Hyazinthen blühten da war sie tot von fremden feiten Menschen hinausgetragen in ein kahles Grab.--:

Ich fand es nicht. Langsam ging ich zurück in ihre Wohnung. Ihre feiste Wirtin sprach schmunzelnd:Gott! Die Menschen sind nicht rar! Dicht eine Woche stand ihr Zimmer leer!

Jetzt wohnt ein allerliebstes Chansonetilein

darin ganz jung noch mit so luftigen Füßchen! Woll'n Sie sie sehn?" ---

Lind ich erfuhr, wie sie gestorben war.

Dor ihren Augen, während sie in Qualen ohnmächtig dalag, hatten ihre Schwestern begierig ihrer Habe sich bemächtigt: Sparkassenbücher, Kleider, Schmuck und Wäsche aus allen Kästen sich hervorgesucht und umgepackt in einen großen Korb.

Da... hatte sie den bleichen Kopf erhoben von ihrem Kissen, hatte sich verwundert mit großen, schwarzen Augen umgeschaut und hatte... gelächelt...

Mir ift... als ob ich dieses Lächeln sähe!

örmnerungen an Otto Erich Hartleben.

Don Hans Bethge.

l.

Ich möchte einige Erinnerungen erzählen, die mich mit Otto Erich verbinden und sein Wesen gut charakterisieren. Ein kleiner Beitrag zur Kenntnis des Menschen, nicht des Dichters Hart­leben wollen diese Zeilen sein.

Wir wurden auf folgende Weise miteinander bekannt. Als junger Student, int Jahre 1896, sandte ich ein Manuskript es waren Verse mit kleinen Prosasachen vermischt an einen Berliner Verleger, und dieser gab die Sachen zur Einsicht und Prüfung an Otto Erich weiter. Otto Erich schrieb mir darauf er mußte bei besonders guter Stimmung sein einen launigen, aus Lob und Tadel anmutig gemischten Brief, und ich weiß noch den lauen Sommerabend auf Sylt, als ich den Brief empfing und das ganz entzückende Bild in Händen hielt, das er den auf kostbarem Büttenpapier geschriebenen Zeilen bergelegt hatte. Es war eine photographische Liebhaberaufnahme, die ihn in einer venezianischen Gondel liegend zeigt. Das schöne klare Profil sieht auf das ruhige Meer hinaus, mtd um das Haupt drängen sich dichte, üppige Locken. Zwanglos und ernst liegt er da, in einem bequemen, losen Flanellanzug gekleidet, träume­risch und doch sehr wach. Ein reizenderes Bild habe ich nie von ihm gesehen.

Als ich ihn dann leibhaftig kennen lernte, war er ganz anders. Ich studierte in Halle, und die dortigeLiterarische Gesellschaft", deren treibende Kraft damals Dr. Carl Müller- Dastatt war, hatte ihn eingeladen, im Winter 1897/98 den Mitgliedern einige neue Novellen vorzulesen. Er sagte zu und kam. Wir erwarteten ihn am Bahnhof, und als ich ihn hier aus dem Abteil herausspringen sah, da sah ich nicht den schönen jugendlichen Kopf aus der veneziamschen Gondel vor mir, sondern ich sah einen allzu umfangreichen und aufgeschwemmten Mann von fast kolossalischen Dimensionen des Körpers. Ein Pokulant, ein lachrnder Zecher trat uns entgegen. Sein mäch­tiger Körper hielt damals dem Andrang allzu schwärmerischer Dächte noch stand. Er war in der Blüte seiner ZeHerjahre.

Wir gingen durch die Stadt und landeten in der gemüt­lichen Weinstube von Johannes Grün. Hier wurde außerordent­lich vktzl Rotwein getrunken, man kam auf den bevorstehenden Abend derLiterarischen Gesellschaft" zu sprechen und richtete die Frage an Otto Erich, was er eigentlich vorzulesen gedenke.

Sehr einfach", sagte er.Ich lese dreierlei. Die Sachen find ausgewählt mit Rücksicht auf den Geschmack des Bourgeois (dieses Wort konnte er mit einer furchtbaren Verachtung aus­sprechen). Es handelt sich um eine SkizzeDas Sonnenblatt". Sehr nett. Dann kommtMoritz der Sortimenter", eine pikante kleine Geschichte, aber ganz harmlos, habt keine Angst (er be-

wahrte einen stoischen Gleichmut, als er dies sagte, obwohl er wußte, daß ihm diese Geschichte bei den Hallensern das Genick brechen mutzte), und zum Schluß lese ich dann denAömischen Maler", das ist eine Dovelle, die ich freilich erst zur Hälfte fertig habe, aber ich mache sie bis zum Abend bestimmt noch fertig. Ihr könnt Such darauf verlassen. Da, Prost."

Wir tranken und lachten, aber dem armen Müller-Rastatt war eigentlich gar nicht lächerlich zu Mute, denn er wutzte wohl, Wie schwer und stockend Otto Erich zu schreiben pflegte, und an eine Beendigung der Novelle vomRömischen Maler" bis zum Abend glaubte er natürlich keinesfalls.

Du wirst die Geschichte nicht fertig schreiben", sagte er bestimmt,sondern du wirst, gestehe es offen, ein Fragment vorlesen."

Was erlaubst du dir? Wer bist du eigentlich du Jour­nalist? (Auch dieses Wort wutzte er furchtbar auszusprechen.) Ich habe dir gesagt, daß ich diese Geschichte bis heute abend fertig schreiben werde. Sagst du noch irgendein Wort dagegen?"

Ich sage bloß, du wirst die Geschichte nicht fertig schrei­ben", erwiderte Müller-Rastatt mit großer Ruhe und trank fein Glas aus.

Raum!" sprach jetzt Otto Erich mit dem Pathos des Zür­nenden. Er erhob sich suchte am Kleiderständer seinen Pelz, holte «n Manuskript daraus hervor es waren Foliobogen holländischen Büttenpapiers und rief, gebieterisch den Arm ausstreckend:Tinte, lydischer Jüngling!"

Der Kellner brachte Feder und Tinte, Otto Erich schob alle die Gläser, Flaschen und Aschenbecher beiseite, die ihm auf dem Tisch hinderlich waren, dann, nachdem er mit Donner­stimmeRuhe!" geboten hatte, holte er eine eigentümliche Horn­brille aus der Tasche, schob sie auf die Rase, setzte die Feder an und schrieb in seiner schweren, ruhigen, schönen Schrift, indem er hin und wieder genießerisch von dem Rotwein trank, die Schlußkapitel seiner Novelle vomRömischen Maler" nieder.

Es war eine abscheuliche Atmosphäre, in der wir saßen. Zigarrenqualm lag in dicken blauen Ballen um unsere Köpfe herum, es roch dumpfig nach Wein und Pilsener Bier, wir alle hatten schon ziemlich gerötete Köpfe, und ich, der Jüngste, zweifel­los den rötesten; aber Otto Erich saß da, breit, die große Hornbrille vor den Augen, und schrieb, Wort für Wort, Seite für Seite, ohne zu stocken, nur mitunter von seltsam untergrün­digen Lachwellen duvchschüttert, wenn er nämlich bei seiner Niederschrift an besonders komische Stellen kam.

Wir verhielten uns ziemlich still, stießen den Rauch vor uns hin, tranken, und ich sah immer zu dem großen blonden Kopf hinüber, der in so unerschütterlicher Ruhe die Bewegungen der feinen elastischen Hand regierte.

Endlich seufzte Otto Erich tief auf, machte einen kleinem Schnörkel, legte die Feder hin, nahm die Hornbrille aL, sah uns an, hob fein Glas und sagte lächelnd:

Da, Prost!"

Gr hatte die Novelle in der Tat zu Ende geschrieben. Stolz und festgefügt standen die Zeile« da, und kaum ein Wort war verbessert.

Ich erkläre mich für besiegt", sagte nun Müller-Rastatt, wir wollen auf das Wohl Otto Erichs trinken."

Das taten wir, und als wir nicht lange darauf nach den Ähren sahen, bemerkten wir, daß es Zeit sei, in dieLiterarische Gesellschaft" aufzubrechen.

Wir fanden dort den Saal schon ziemlich gefüllt, und wie immer bei derartigen Veranstaltungen, befanden sich die Damen durchaus in der Mehrzahl. Besonders waren viele Lehrerinnen anwesend, die damals, ebenso wie die Studenten, die Mitglied­schaft der Gesellschaft zu besonders günstigen Bedingungen er­warben; liebe, harmlose Damen, die mit dem Namen Otto Erich Hartleben wohl kaum irgendeine« Begriff verbanden. Dieser Abend freilich brachte ihnen einen sehr gründlichen Begriff von Otto Erich Hartleben bei.

Der Dichter las, wie verabredet, als Introduktion die kleine SkizzeDas Sonnenblatt", die man höflich entgegennahm, und dann kamMoritz der Sortimenter" und damit das Un­heil. Diese Geschichte ist eine der gewagtesten, die Otto Erich geschrieben hat, und die Art, wie er sie vortrug, forderte den Protest der Halleschen Damen noch in erhöhtem Matze heraus. Gr las mit einem behaglichen Schmunzeln, und sobald besonders vergnügliche Stellen kamen, geriet er, unfähig, sich zu be­zwingen, derart in ein frohes und herzliches Lachen hinein, daß er die Vorlesung allemal auf ein Weilchen unterbrechen mußte. Dieses Benehmen und diese einigermaßen unanständige