Geschichte ■ erregten den Llnwillen der anwesenden Halleschen Damen so sehr, dah n.e sich, als das letzte Wort der Novelle verklungen war, wie auf Kommando erhoben und, die bmlxat Lehrerinnen voran, den Saal mit sittlich entrüsteten Gesichtern verließen. Sie besaßen immerhin das Zartgefühl, die unanständige Geschichte nicht zu unterbrechen, sondern sie geduldig bis zum Schlüsse mit anzuhören i aber dann, als sie verklungen war, rauschten sie von hinnen.
Ytto Erich sah oben auf dem Podium und sah der Szene mit ziemlicher Verwunderung zu. Dann, als sich der Saal bis auf etwa dreißig standhaftere Seelen geleert hatte, stieg e$ kopfschüttelnd herab und meinte ganz vernichtet: „Nun habe ich den „Römischen Maler" also doch umsonst zu Ende geschrieben! Gleich darauf freilich kam sein Lachen wieder, und er sagte: „Aber nein! Jetzt lese ich ihn Euch in geheimer Sitzung vor.
Man begab sich in ein kleineres Zimmer. Otto Erich, kam an die Spitze der Tafel zu sitzen und nun las er, hin und wieder ein neues Glas Pilsener verlangend, den frisch beendeten „Römischen Maler" vor, eine lustige Geschichte, die freilich nicht gerade zu seinen glücklichsten gehört.
Später ging es noch in em Cafe, ine Gesellschaft rouroe immer kleiner, Otto Erich immer aufgeräumter, und schließlich lieh man ihn mit einem jungen blonden Studenten, der im ersten Semester stand und ihn wegen seiner berühmten „Geschichte vom abgerissenen Knopf" heimlich anbetete, allein, und diese beiden ungleichen Kumpane tranken nun vereint die ganze Rächt hindurch, und zum Schluß noch am Morgen auf dem Halleschen Bahnhof, bis zu dein Moment, wo der Zug einlref, der Otto Erich in das Babel an der Spree zurückführte.
II.
Als er im nächsten Jahr sein Novellenbuch „Dom römischen Maler" herausgab, in dem auch „Das Sonnenblatt" und „Moritz der Sortimenter" enthalten find, lieh er auf das Widmungsblatt drucken: „Den Damen der „Literarischen Gesellschaft" zu Halle an der Saale."
Jahrelang hatte ich nicht mehr Gelegenheit, ihn zu sehen. Wir sandten uns ab und zu eine Postkarte, aber Näheres über ihn erfuhr ich nur aus der Zeitung: von den Erfolgen seines „Rosenmontag", von seiner schweren, aus einer allzu ungebundenen Zecherfröhheit geborenen Krankheit, die ihn mehrmals monatelang an das Sanatorium fesselte und ihn manchmal dem Tode ganz nahe ins Antlitz blicken lieh. Freilich wußte sich sein Körper immer wieder, wenigstens einigermaßen herauszurappeln.
Erst im Frühjahr 1904 sah ich ihn wieder: das zweite und zugleich das letztemal. Ein Jahr später war er schon tot.
Ich reiste mit meiner Mutter nach Florenz und wir machten am Gardasee einige Tage Rast. Als wir durch Salo schlenderten, kamen wir an der Villa „Halkhone" vorüber, die sich „il poeta“ — so nannte man ihn in Salo allgemein — nach den unerhofften Erfolgen des „Rosenmontag" als ein Tuskulum erworben hatte. Wir traten ein, er war gerade im Garten beschäftigt, und als er mir hier, die Gartenschere in der Hand, entgegentrat, erschrak ich.
Das war nicht mehr der breite herkulische Körper mit dem vielen Fleisch und noch weit weniger der Mann, wie er zwanglos und jugendlich in der venezianischen Gondel lag, sondern das war ein gebrochener, grauhaariger Mann, viel älter als seine Jahre und nicht mehr erfüllt von Hoffinmgen auf die Tage der Zukunst. Sein Gesicht war fahl, er hielt sich nicht gut. sein Gang und Wesen entbehrten der Frische.
Er lud uns ein, Gäste der „Halkhone" zu sein, und wir nahmen diese Einladung für zwei Tage an. Er machte uns mit Frau Ellen Birr bekannt, seiner Freundin, mit der er den Aufenthalt in der „Halkhone" teilte. Er zeigte uns mit sichtlichem Stolz den köstlich am See gelegenen Garten, der seine ganze Freude war. Auch einen kleinen Hafen hatte er angelegt, in dem seine „Flottille" ankerte. Das war ein hübsches Doot mit dem am Bug prangenden Namen „Ellen mein Kind", in ihm ruderte oder segelte er, wenn es ihn lockte, auf die Fläche des Sees hinaus.
Als wir ' noch am „Hafen" standen, sagte er plötzlich mit ernster Miene:
„Jetzt zeige ich Ihnen meine Akademie."
Er führte mich zu einer Reihe breiter, stufenartig übereinander liegender Marmorsitze, die sich unmittelbar im Angesicht des Seespiegels erhoben. Ich sah ihn etwas verwundert an.
„Es ist die hakkyonische Akademie für unangewandte Wissenschaften zu Salo", sagte er und blieb ganz ernst „Die Namen der Mitglieder stehen an den betreffenden Sitzen verzeichnet. Hier sehen Sie Max Halbe, dort den Bildhauer Habich da den Maler Adolf Bachmann, den Dichter Meher- Förster usw. Die Podeste, die sich zwischen den einzelnen Sitzen erheben, sind für die Düsten der Akademiker bestimmt."
Als wir am nächsten Tage, von der Form der antiken Oda plaudernd, für die wir in gleicher Weise schwärmten, durch den Garten schritten, sagte er plötzlich:
„Wollen Sie Akademiker werden?"
„Sehr gerne", erwiderte ich
„Warten Sie", sagte er und entfernte sich dem Hause zu.
MS er wiederkam, folgte ihm das HauSmädchen, ein braunes, schönes, schlank gewachsenes Geschöpf, deren Linien und Bewegungen ich von einer klassischen Schönheit fand, was Otto Erich höchlich amüsierte. Das Mädchen trug lacheich einen Fiasko Ehiantt und zwei Gläser auf einer Tablette vor sich her, stellte sie hin und verschwand. Otto Erich goß ein, reichte mir ein Glas, entblößte das Haupt, ich tat das gleiche, und er sprach:
„Hiermit ernenne ich Sie zum ordentlichen Mitglied der halkhonifchen Akademie. Profi!"
Wir tranken, daun durfte ich mir einen Sitz aussuchen und die Angelegenheit war erledigt. „ r _
Fast jeden Abend besuchte er die kleine volkstümliche Oper in Salb. An den Abenden, als wir dort waren, gab es „Faust' von Gounod und den „Barbier von Sevilla". Beide Male waren wir dort. Er pflegte die sogenannte .Königsloge" zu mieten und hatte eine kindliche Freude an der Darstellung, die, wie man ja selbst von den kleinsten Bühnen Italiens her gewohnt ist eine vechältnismätzig ausgezeichnete war. Änvergehlich werden mir die wahnsinnigen Droschkenfahrten zum Theater und von diesem zurück nach der „Halkhone" sein. Diese Fahrten wurden ausgeführt von dem mit einer aus Otto Erichs Besitz stammenden Automobiljacke belleideten Kutscher Angelo, einem heißblütigen Mamre, der von großer Dankbarkeit gegen den Dichter erfüllt war und eingeständ, daß er jeder Zeit bereit fei, sieben Menschen für den beliebten poeta zu ermorden. Das verhielt sich so: Angelo hatte einem Manne, dem er nicht zugetan war, ein Auge aiÄgeschlagen und war dafür in daS Gefängnis gewandert. Als er wieder in Freiheit gesetzt wurde, stand er mit seiner Familie mittellos da und wandte sich in seiner mißlichen Lage an den poeta mit der Bitte, ihm Geld zu leihen, damit er sich wieder ein Fuhrgefchäft gründen könne. Otto Erich erkundigte sich nach dem Manne, und da er erfuhr, daß dieser Angelo ein tüchtiger Mensch sei, der jene Tat nur in einer jähzornigen Aufwallung, in der er schwer beleidigt worden war, verübt hätte, so lieh er ihm die gewünschte Summe, und Angelo zeigte sich dieses Bertrauens würdig, denn schon nach kurzer ZÄt war er wieder der geachtetste Fuhrherr in Salo. Wenn er nun den Dichter und seine Gäste fuhr, — wie uns am jenem Abend ins Theater —, so sah er sich veranlaßt, ein Tempo zu nehmen, das alles Dagewesene bei weitem übertraf. Gr jagte, uicheimlich schnalzende Töne ausstoßend, derart durch die engen Gaffen von Salb, dah alles scheu beiseite wich und wir Insassen klammerten uns ängstlich am Wagen fest, immer in der Befürchtung, wir könnten hinausgeschleudert werden. Es war, als würde man von der wilden Jagd mit fortgerissen.- Meine Mutter bebte vor Entsetzen. ,
Einmal sprachen wir von Paul Hehse, der eine an der gleichen Küste gelegene Billa in Gardone bewohnte, nicht weit von Salü entfernt. Otto Erich sagte, er habe die redliche Absicht gehabt, dem älteren „Kollegen" in Gardone einen Besuch ao- zustatten. Da er nun so gut wie nichts von ihm gelesen habe, hätte er sich Heyses „Novellen vom Gardasee" gekauft, um nicht ganz unvorbereitet vor den Dichter hinzutreten. Während der Lektüre dieses Buches sei er von seiner Absicht, dem altert Herrn einen Besuch zu machen, abgekommen. Er hätte gefüllt, daß ihn mit dem Berfaffer dieser „eigentümlichen" Sachen
innerlich nicht das geringste verbinde. Daher habe er eine
Begegnung doch lieber vermieden.
Bor der Abreise spielte er mir noch einen Schabernack.
Er trug mir nämlich Grüße an fünf verschiedene Herren der
abendlichen Tafelrunde im Lapischen Keller in Florenz auf, und als ich mich nachher eines Abends in Florenz dieser Gruße entledigte, lachten alle Anwesenden hell auf, denn es stellte sich heraus, dah er mir Grütze an die fünf Spitznamen eines einzigen Herren aufgetragen hatte.
Die Abreise kam. Ehe ich mit meiner Mutter auf dem Nachmittagsdampfer nach Desenzano weiterfuhr, stießen wir noch einmal die Gläser zusammen und tränten auf ein Wiedersehen. Wir hielten Schalen aus schönem venezianischem Glas in dert Händen, uich Asti spumante perlte darin.
Dann fuhren wir ab, und er stand winkend «in Äser. Aus dem Wiedersehen wurde nichts. Als ich im nächsten Frühjahr wieder durch Salo hinschlenderte, lag die Halkhone verödet, mit geschloffenen Fensterläden, und Otto Erichs Rumpf war schon zu Asche verbrannt. Verödet lag der schöne Garten mit dem Hafen, verödet lagen die Warmorsitze der stolzen hallho- nischen Mademie, und alles war verändert.
Wenn ich an ihn zurückdenke, denke ich ihn mir am liebsten so, wie ich ihn im Leben leider niemals sah; so wie er auf meinem Bildchen in der venezianischen Gondel liegt. Meses Bild patzt auch am besten zu dem schönsten seiner Gedichte, die mir daS Liebste sind, was er überhaupt gebildet hat.
Der Ring aus Eisen.
Von Annie Francs Harrar.
.... und damit wurde die Bronzezeit vollständig überwunden. Mit diesen eisernen Schwertern und Dolchen und Arm- spangen und Fingerringen, die in der ganzen Art ihrer Bearbeitung deutlich zeigen, wie kostbar das neue Metall damals noch gewesen sein muß, begann die Eisenzeit und ihr leben wir


