Ausgabe 
6.10.1925
 
Einzelbild herunterladen

81«

heute noch. Wir glauben, es sind etwa 2500 Jahve, wahrschein- aber ist es viel länger..."

Mit solchen oder ähnlichen Worten hebt in vielen Michern, die von der fernen Frühgeschichte des Menschen in Europa handeln, ein kultureller Abschnitt an, der so ungeheuer groß unser gesamtes Denken, Fühlen, unsere Weltkenntnis unb Stoilt- sation umspannt, daß man sich wundert, warum man für diese Umwälzung der Menschheitsentfaltung nicht mehr als eben nur diese paar nüchternen und gleichgültigen Sätze gefunden hat.

Denn man denke sich nur: Die Welt ohne Eisen I Ohne die tausend Geräte, die uns aus diesem Stofs umgeben, rchne die gigantischen Maschinen, die man aus ihm geformt hat, ohne die noch giganterischen Industrien, die jene Maschinen herstellt und verwendet. Eine Welt ohne eiserne Waffen, ohne Eisen- Hochbau, ohne Eisenbahn und Dampfschiff. Mit einem Wvrtz ohne das, was uns die höchste Errungenschaft des menschlichen Hirnes tu 2000 Jahren zu sein scheint.

Es ist nicht leicht, sich das vorzustellen. Denn die Technip ein nicht nur heute so bedeutsames Gebiet, fällt damit einfach sozusagen fort, ist nie gewesen, toetl unter allen Metallen, Aluminium ausgenommen, nur Eisen in so mächtigen Mengen in der Erdrinde vorhanden ist. And wo bleibt das Mittelalter der gepanzerten Ritter, wo der Pflug, wo bet Groberung^M der germanischen unb keltischen Völker, wo die Große StornS, die alle auf der Schneide eines eisernen Schwertes lagen? Man sieht, dieses Metall ist nicht fortzudenken. Kein Wunder, daß zu allen Zeiten, seit Wikingerfahrt, seit dem Schnnedegeschlecht der Wielands und Alberiche die Völler geglaubt haben, es sei von den Göttern eigens geschaffen worden für jene, dielerne: ^^Mer^da?^ist^nur eine billige und leicht verzeihliche Täu- schung eine jener vielen, in die der menschllche Gedanke sich seit jeeingesponnen bat, wenn er meinte, Herr Wer die Dinge zu sein, trte ihn umgeben. Vichts ist natürlicher, als sosthem kindisch- naiver Glaube. Aber nichts verwirrt auch den Willen und dre Einsicht mehr, als er, um den alle Lebenden einen großen Sell (und nicht den schlechtesten) ihres Seins blind und unbesehen hinopfern, in dem Wahn, einmal müsse es doch gelingen, die ewige Weisheit der Vaturgesetze ganz und in altem nach der kleinen und, ach! so beschränkten Vernunft des Menschen zu ^«n, Eisen ist nicht unsertwegen da, ebensowenig, als wir um seinetwillen geboren wurden. Eisen ist eine der ganz großen Säulen, auf denen das Gleichgewicht eines Ausgleichs der Stoffe ruht, in der wir mit all unferm Kenntmsfen nur eben von ferne und noch herzlich verständnislos Hinblicken können. Don dem wir aber nicht wissen, warum und wozu, seit wann und wie lange noch Vur dies ist sicher, daß «in Rrng sich

lautlos ineinanderflicht, der aus nichts besteht, als aus lauter Kreisläufen, in denen sich die Stoffe zuletzt auf einem ganz un­vorstellbar komplizierten Weg unaufhörlicher Wandlung doch wie auf einer fortwährend pendelnden und niemals fticknden oder steigenden Wage so erhalten, wie sie offenbar zum Bestand un­serer Welt notwendig sind, Unb von diesen Stoffen, dm wie Kohlensäure oder Kieselsäure oder Sauerstoff ober Wasserstoff sich uanusgesetzt verändern, und doch schließlich dieseVen bleiben, ist einer mich das Eisen. Sein Kreislauf ist em natürlicher, und her Mensch mit seiner tausendfach geschärften Intelligenz vermag, genau besehen, am Ende nichts anderes als «ine Strecke weit in ihn einzugreifen, ihn noch veränderlicher zu ^«en terne re Kultur von ihm durchdringen zu lassen. Dann aber gibt er

wieder frei aus feinen sterblichen Hän^n. Der Vmg dreht sich weiter, feierlich unverrückbar. Dreht sich über Erdgeschichte, Wer das Glück und Ende mächtiger Tier- und Pflanzengefchlechier hinweg ins Zeitlose hinein und landet doch einmal nach Grd­umwälzungen, durchfurcht und gezeichnet von Aufstieg und Anter- gang der Lebenden, dort, wo scheinbar alles auf eine Zeitlang 8UT Dte^Erde"ist an vielen Stellen voll Eisen. Ist es fe^ viel, so meint man das Eisenerz oder Minette. Solche mit anderen Mineralien vermischten undunremen Eifenverbindungen können bis zu 45 Prozent reines Metall enthalten. Betrachtet man die Politik der letzten Jahrhunderte, so wird man einen geheimen Zusammenhang zwischen den großen Eisengruben der Welt und den Bemühungen aller Regierungen entdecken können und manches verstehen, was sonst keinen vernünftigen Zusammen­hang zu haben und nur Spiel des Zufalls zu sein schien.

Es gibt aber nicht überall nur Eisenerze. Die Lager, aus denen fast das ganze Mittelalter und die Frühzeit ihren Bedarf an Eisen bestritten, bestanden aus Brauneisenstein, der zu­mindest damals an vielen Stellen, besonders in Mitteldeutschland, offen zu Sage lag. Er ist leicht zu fchmelzen und zu bearbeiten. Aber nicht das an ihm ist merkwürdig. Diel seltsamer ist seine Entstehung, die gewiß nicht allen bekannt ist.

Aeberall, wo Eisen aus dem Botzen ausgewaschen wird (und jeder gelbe, rötliche oder braune Streifen im Gestein, besonders in Kallen, zeigt doch, dah hier der Grund eisenschüssig ist), und dann als rostrote oder ockergelbe Pfütze steht oder langsam als Bächlein davonfließt, leben Reine Einzeller, die zum Schutz vor dem allgemeinen Los des Gefressenwerdens Eisen aus ihrer zarten Haut absetzen. Zuletzt sind die Pampermonatzen mit einem stählernen, schwarzbraunen Hemdchen bekleidet, das ost

genug noch wehrhafte Stacheln nach alten Seiten hin besitzt Wer wunderlich gehörnt ist. Aber solch einziges Plasmawesen stirbt toneU dahin. Die eisernen Behausungen bleiben, sinken in den Schlamm und häufen sich dort langsam auf, Jahrhundert um Jahrhundert, Schicht um Schicht, bis der Mensch kommt und dunkle, schmierige Brocken aus der Erde sticht, die er zu allerhand Geräten umschmilzt und ihnen so neue Form gibt

Aber man könnte ein bekanntes Wort auch so anwenden: Was Rost war, mutz wieder zu Rost weichen. DrauneisensteM ist, wie wir sehen, im Grunde nichts anderes, als vom Leben schon einmal durchgezwängter und für sich angewendeter Eisem- rvst. And so haben wir bann auch alle eisernen Geräte, sobald man sie mit dem freien Sauerstoff der Luft in Berührung bringt, eine dem Menschen ebenso leidige, als unabwendbare Veigum. zu rosten. Jedes Messer, das auch nur acht Tage im arten, vergessen wurde, ist mit einer dichten, rötlichen Schicht bedeckt, die es stumpf, unbrauchbar und für das menschllche Blut giftig macht. Gitter, die man nicht mit Mennige bestreicht Er lackrett. zerbröckeln in einer. Reihe von Jahren in mürben Krusten. Stahl rostet langsamer als Gußeisen, und wenn man ihn bwrnlOelt, fo bleibt er auf lange Zeit hinaus unberänbert. Mer Geräte, dm man aus der Erde gräbt, Kettenhemden, Panzer, Waffen, sind oft völlig von Rost verzchrt und zerfallen unter den Händen. Jedes weggeworfene Ding aus Eifen, jeder Nagel, ledes ©tua> chen Draht, jede Konservenbüchse, die schließlich auch uur aus Eisenblech besteht, alles wird wieder zu Rost und wandert tu

Bon da dringt es abermals ins Geben. Vicht nur, baß man, nach allerjüngsten Forschungen, den Rost bereits für eine Lebens­form des Eisens zu hatten geneigt ist Men kreist auch au jedem atmenden Körper. Es macht unser Blut rot wid^bereit, den notwendigen Sauerstoff der eingeatmeten Luft^aufs fthneNste zu entreißen. Aber auch die Pflanze wäre aller WcchrscheiMch- keit nach nicht grün ohne einen ganz bestimmten Eisengehalt Beide stichbleichsüchtig", sobald das Eisen ihnen fehlt mch leiden an mangelnder Lebenskraft. Sie können den Proteus unter den Metallen nicht entbehren - und wer sagt, ob nichtetrt tiefer und untergründiger Zusammenhang ist Stots^n der Elsen- tultur des Menschen und dem Elfenbedurfnis seines Blutes? Ist vielleicht eines nur notwendige Auswirkung des anbern?

Bom Standpunkt des Metalls ist also «ich der Menschen-, Tier- und Pflanzenleib nur eine der vielen Durchgangsstationen auf seinem Wage steter Deränderung. Mit dem Gestorbenen aber gelangt es wieder in die Erde, nachdem es lange ton «man Blutkreislauf zum andern gewandert istAad wenn es nicht m den Schmelzofen gerät, so wird es mit Flüssen imd Strömen zum Meere getragen, finkt in die Tiefe und wird dort mit zu den Gebirgen der Zukunft, die In den wellenlosen.Abgründen alter Weltmeere schlummern. And erst nach Jahrmillionen wird ote Abtragung der Gebirge es wieder frei machen, das ©«falte her Wildwasser es mechanisch aus seinem festen befuge reihen, unb der große Kreislauf durch die Generationen des Lebenden bs- ^"^Was aber aus der Bessemerbirne als Stähl, oder aus den Eisengutzwerken als Balken, Röhre, Band oder StanM kommsi oder als Zierrat, wieviel Schicksale werden Hm zuteil! In Häusern, Fahrzeugen, Geräten, Maschinen eingebaut, tut e» errungene Dienste. Vicht aufzuzählen ist, was man von ihm verlangt. Es muß tragen, stützen, hämmern, schneiden, toe^en, wollen, wühlen, graben, zertrümmern. Es walzt in den Muhten, glüht in den Küchen, pocht in den ^mmertoettet. @8 ben Pferdehuf und den Schuh des Bergsteigers. Es ist Kochtopf und Haarnadel. Es näht und eggt und sperrt verschließt sie wieder. Es schreibt Mdanken auf weißes Papier, fluge^ und dumme, und druckt sie tausendfach ab. Esfi Cambe, Leucht türm, Eisenbahnschiene, Eßbesteck. Mansindet tem Ende vor all der zahllosen Verwendung. ®8 umgibt uns! von alten Seiten, freundwillig ober feindselig. Es bllnkt in der S«tbbe3 Arztes wie in der des Mörders. Es «bllckt rn hundmiffacher Verkleidung unsere Geburt, und ohne dah es dabei ist, tragt

alte die «fernen: ^MMer Tati^ fett überdrüssig. Dann wirft der undankbare Mensch sie ate Alteren" auf einen großen, rostenden Haufmr, unnutz ge* wordene Invaliden. Aber da wartet schon die nächste Wcroaub- lung. Es gäbt Fabriken, (eine davon ist unweit von Salzburg am Fuße des marmornen Anterberges), bann wird auf sinnvolle Weise all das alte Gerümpel wieder umgeschmolzen, und die Schicksale, die an ihm hafteten, werden ausgelSscht tote auf einer wächsernen Tafel, um neuen Schicksalen Platz zu mad^n. MS irgendwo, irgendwann dieser Weg durch MensthenwilWr doch einmal wieder in den großen Kreislauf einmündet, m.demauch der Mensch nur vergängliche Form ist, eine Lebensgestatt mehr. und in dem die starren Gewalten des Anorganischen aneinander vorübergleiten, stumm und doch vielleicht von heimlichem, ge­spenstig unerlöflem Leben erfüllt.

So spannt sich der Ring aus Eisen rund um unfere Wett und schmeißt uns mit ein in eine große Gesetzmäßigkeit. Denn das Metall, das scheinbar unser Diener ist, prägt uns in Wahr­heit sein Gesetz auf, nach dem wir uns, freiwillig oder un­bewußt richten müssen. Das Eisen bestimmt nach der Art, wie seine Verwendung möglich ist, nicht zuletzt eine Reihe unserer