320 -

technischen und sonstigen Einrichtungen. Wir muffen unS ihm also fügen, sonst läßt es sich nicht verarbeiten. Denn seine Unter» toerfung verhält sich in Wirklichkeit so, daß es uns zwingt, auss genaueste seine Wesenheit kennen zu lernen und uns, so gut es gehen will, mit unseren Forderungen an sie 'anzupassen. Das ist das, was der Mensch eigentlich überallHerr über die Welt sein" nennt.

Es gibt Gelehrte, die vermuten in der tiefsten Tiefe einen eisernen, wohl gar mit Gold vermischten Erdkern. An diese Hypothese hat sich sofort Phantasie gehangen und einen langen, schimmernden Faden aus den erhofften Schätzen des Erdinnere gesponnen. Träumt vielleicht immer noch in manchen Hirnen, wie man diese Annahme zur Wirklichkeit machen könnte, obgleich heute gar keine Möglichkeit besteht, tiefer als höchstens etwa 3000 Meter in den Grund einzudringen, Unsere kühnsten Berg­werke sind nur durchschnittlich 1500 Meter, in ganz seltenen Ausnahmen 2400 Meter. Es besteht also keine Aussicht, sich von der Wirklichkeit des eisernen Erdkerns durch Augenschein zu überzeugen. t .

Aber, bedarf es Lessen? Wissen wir nicht auch so, daß jener gewaltige Kreislauf, ob wir wollen oder nicht, unser Leben mitbestimmt, und daß auch er wiederum von einer noch größeren Gesetzmäßigkeit beeinflußt und gelenkt wird? sind daß wir uns dem allen fügen müssen, weil wir damit Zusammenhängen gegen­überstehen, die uns an Macht unendlich überlegen sind.

Einmal nannten die Alten solche überragenden Weltzusam­menhänge Gott und beteten zu ihnen. Wir haben das Beten seit langem verlernt. Darum bleibt uns nichts anderes übrig, als mit dem dünnen Lämpchen der Einsicht ihnen nachzuforschen, und, wo Menschengeist sie fassen kann, sie schweigend auch dann zu verehren, wenn wir es den Stoffen abgesehen haben, wie sie auch unser eigenes Leben zu bereichern imstande find.

Die Dritte.

- Eine heitere Erzählung aus dem Künstlerleben.

4 Don Heinrich Sienkiewicz.

(Schluß.)

Swiatecki zeigt mir den Brief . . . Kazia bittet ihn, er möchte kommen, um einige Minuten mit ihr über eine Angelegnheeit zu sprechen, von der ihre ganze Zukunft abhängt. Sie rechnet auf sein Herz, feine Rechtlichkeit, die sie auf den ersten Blick bei ihn» erraten hat, und hofft, daß er die Bitte eines unglücklichen Weibes nicht abweisen wird. Swiatecki flucht, murmelt etwas in seinen Bart über gemeine Philister, über die Notwendigkeit, dieselben bei der nächsten Gelegenheit samt ihrer Nachkommenschaft aufzuhängen aber er geht.

Ich vermute, daß sie durch ihn auf mich einen Einfluß ausüben wollen.

18.

Swiatecki, der von Natiw ei» weiches Herz hat, ist augenscheinlich unterlegen.

Eine Woche lang geht er täglich zu Suslowskis, seit drei Tagen aber schleicht er um mich herum, und sieht mich dabei mit finsteren Blicken an, wie ein Wolf. . .

Endlich fragt er mich eines Tages beim Tee ganz wütend: Höre, was gedenkst du mit diesem Mädchen zu tun?" Mit welchem Mädchen?"

Mit dieser Suslowska, oder wie sie da heißt?"

Gar nichts gedenke ich mit dieser Suslowska oder wie sie da heisst, zu tun ..."

Es erfolgt eine kleine Pause und Swiatecki sagt weiter:

Sie bev.lt dort die ganzen Tage lang, daß ich es nicht mit ansehen kann..."

Ist das ein guter Kerl!

Dabei zittert auch seine Stimme vor Rührung, aber er räuspert sich wie ein Nashorn und fügt hinzu:

Ein anständiger Mensch verfährt nicht so."

Swiatecki, du beginnst an Papa Suslowski zu erinnern!"

Kann schon sein ... Ich ziehe es aber vor, an Papa Sus­lowski zu erinnern, als seiner Tochter unrecht zu tun."

Ich bitte dich, laß mich in Ruh."

Gut, ich kann auch von nun ab dich nicht mehr kennen ..."

Damit endet unser Gespräch, und von diesem Augenblick ab spreche ich nicht mehr mit Swiatecki.

Wir tun, als ob wir einander nicht kennten, rvas um so be­lustigender ist, als wir auch weiter zusammen wohnen, unseren Tee des 'Morgens zusammen trinfen, und es keinem von uns einfällt, aus dem Atelier auszuziehen.

Der Tag meiner Hochzeit mit Eva naht heran . . . Durch denPapierdrachen" ist bereits ganz Warschau davon unter­richtet . . Alle sehen uns an, alle bewundern Eva, Als wir in der Ausstellung waren, wurden wir so umringt, daß wir uns nicht durchdrängen konnten.

Meine unbekannte Freundin sendet mir wieder ein anonymes Schreiben, in dem sie mir ans Herz legt, daß Eva nicht die richtige Frau ist für einen Menschen, wie ich. . .

Ich glaube nicht, was man über die Beziehungen von Fräulein Adami zu Herrn Ostrzynski spricht" (schreibt meine Freundin).

Allein Sie, verehrter Meister, brauchen eine Frau, die sich voll- ständig für Ihren Ruhm und Ihre Größe aufzuopfern bereit wäre. Fräulein Adami hingegen ist selbst Künstlerin und braucht Wasser auf ihre eigene Mühle..."

Swiatecki geht noch immer zu Suslowskis, wohl aber jetzt als Tröster, denn sie müssen doch schon von meinen Absichten Kenntnis haben.

Ich habe für Eva einen unbegrenzten Urlaub von der mireküvn erlangt.

Eva beginnt sich zu frisieren wie ein Fräulein vom Lande, sie zieht sich sehr bescheiden an und trägt hochgeschlossene Kleider. Es sicht ihr dies sehr gut zu Gesicht. Die Szene in der Garderobe hat sich nicht ein einziges Mal wiederholt. Evchen erlaubt das nicht! Höchstens ist es mir gestattet, ihre Ländchen zu küssen. Dies macht mich höchst ungeduldig, aber, wie ich mir schmeichle, auch sie . .

Sie liebt mich sinnlos. Wir verbringen die ganzen Tage zu­sammen. Ich habe begonnen, ihr Zeichenunterricht zu geben.

Sie schwärmt für diese Stunden, wie für die Malerei überhaupt.

~ 19.

Allgewaltiger Zeus, was mußt du von der Höhe deines Olymps erblicken!

Es gesechhen Dinge, von denen sich unsere Philosophen nichts träumen ließen. Am Tage vor meiner Hochzeit kommt Swiatecki zu mir, stößt mich mit dem Ellenbogen an und sagt, feinen zerzausten Kopf zur Seite wendend, in mürrischem Tone:

Wladek, weißt du? ich begehe ein Verbrechen!"

Also, du sprichst doch mit mir!" erwidere ich.Was für ein Verbrechen?"

Swiatecki blickt immer zur Erde und sagt, als spräche er zu sich selbst:

Daß ein Trunkenbold wie ich, ein solch talentloser Idiot, ein moralisch und physisch dermaßen Herabgekommener, daß ein solcher Mensch ein Mädchen wie Katzia heirate ist geradezu ein Ver­brechen."

Ich traue meinen Ohren nicht, aber ich werfe mich Swiatecki um den Hals, ohne zu beachten, daß er mich wegstößt.

Seine Hochzeit ist in einigen Tagen.

20.

Nach mehrmonatlichem Aufenthalte in Rom erhalten wir, Eva und ich, eine elegante Karte mit der Einladung zur Trauung von Ostrzynski mit Frau Helena Turno-Kolczanowska.

Wir können nicht Hinreisen, da Evas Gesundheit es nicht gestattet.

Eva malt immer und macht riesige Fortschritte. Ich habe in Pest eine Medaille bekommen. Ein kroatischer Millionär hat mein Bild angekauft. Ich habe auch mit Goupil Beziehungen angeknüpft.

21.

In Verona wird mir ein Sohn geboren. . .

Eva selbst sagt, daß sie noch nie ein solches Kind gesehen hat.

Er ist etwas Ungewöhnliches! ...

22.

Seit einigen Monaten sind wir in Warschau.

Ich habe mir ein wundervolles Atelier eingerichtet.

Wir besuchen Ostrzynskis ziemlich oft.

Er hat denPapierdrachen" verkauft und ist gegenwärtig Vorsitzender, derGesellschaft für Verteilung von Gerstenmehl an beschäftigungslose Arbeiter." Man kann sich kaum einen Begriff machen von seiner Großartigkeit und von dem Ansehen, das er genießt.

Er klopft mich auf die Schulter und sagt zu mir:Wie geht's, mein Gönner?" Er beschützt auch literatrische Talene und empfängt jeden Mittwoch.

Sie ist entzückend wie immer, wie ein Traum. . .

Kinder haben sie nicht.

23.

Rettung! denn ich sterbe vor Lachen. . .

Swiateckis sind aus Paris angekommen. Sie spielt die Frau des Künstlers aus der goldenen Boheme; er trägt Seidenhemden, gescheiteltes Haar und einen zugestutzten Bart . . .

Ich kann alles begreifen, ich begreife, daß sie mit seinen Angewohn­heiten, mit feinem Charakter fertig werden konnte; wie sie aber feinem Schopfe beigekommen ist, wird mir ein ewiges Rätsel bleiben.

Swiatecki hat dieKadaver" nicht aufgegeben, aber er malt auch Genrebilder und Landfchaften. Er hat viel Erfolg. Er malt auch Porträts, diese gelingen ihm aber weniger, denn im Fleischton erinnern sie immer an die^Kadaver".

Ich frage ihn in alter Freundschaft, ob er mit seiner Frau glück­lich sei.

Er sagt mir, er hätte nie von ähnlichem Glück geträumt. Ich muß bekennen, daß Kazia in dieser Richtung meine Erwartungen bedeutend übertroffen hat.

Auch ich wäre vollkommen glücklich, wenn nicht Eva zu kränkeln begonnen hätte; dabei ist die Aermste sehr reizbar. Ich hörte sie einmal bei Nacht weinen. Ich weiß, was es ist!

Sie sehnt sich nach der Bühne. Sie schweigt, aber sie sehnt sich . .

Ich habe das Porträt der Frau Ostrzynska begonnen. Wirklich eine unvergleichliche Frau!

Die Rücksicht auf Ostrzynski würde mich nicht abhalten . . . Und wäre es nicht, daß ich Eva noch immer riesig liebe, dann weiß ich wahrhaftig nicht. . .

Aber ich liebe Eva riesig riesig I

Schristleitung: Dr. Friede. Wilh. Lange. Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Steinbruckerei, A. Lange, Sieben.