Eichener ZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang <925 Samstag, -en 1. Zebruar Nummer \\

Sprüche.

Wer sich selbst nicht sah blieb der Erde nah * noch im Lod.

Wer sich selbst durchschaut hat hinaufgebaut seinen Dom.

Wer sich selbst erträumt hat wohl stets gesäumt wenn es galt.

Wer sich selbst erlebt hat am Sein getobt unbewußt.

Wer sich selbst erhielt hat vorbeigezielt und blieb Mensch.

Der sich selbst verschenkt ward an's Kreuz gehängt Gottes Sohn. . H, O. 2k.

PeLer der Trotze und Katharina.

(Zur Erinnerung an feinen 200. Todestag am 8. Februar.) Von Hanna Ribeaucourt.

Peter der Grobe war der eigentliche Baumeister deS groh- russischen Reiches, der sein Volk m wenigen Jahrzehnten hin­überführte aus asiatischer Dumpfheit und Barberei in den Kreis der abendländischen Kultur. Sein Werk, das durch die Gründung und Erhebung Petersburgs zur Hauptstadt ein weithin sichtbares Symbol erhielt, hat zwei Jahrhunderte überdauert, bis die bol­schewistische Revolution das Antlitz Rußlands wieder nach Osten wandte, indem sie Petersburg, das Symbol der Europäisierung, wieder auslöschte, wenn auch nur als Aame und Hauptstadt, und Moskau wieder zum Zentrum des Russenreiches erhob.

Doch genug von diesen allgemein weltpolitischen Problemen. Es soll hier vom persönlichen Leben Peter des Groben die Rede sein, und dann auch von seiner großen Revolution in der Stellung der russischen Frau, die er aus orientalischer Sklaverei, aus einer Art Haremsdasein erlöste, die er nach a^ndländischem Muster bildete und veredelte. Aber auch in diesem Teile seiner Reformarbeit lag weltpolitische Bedeutung. Denn eS ist sicher kein Zufall, daß gerade nach Peters Tode eine lange Periode begann, in der das gewaltige Russenreich in der Hauptsache von Frauen regiert wurde und nicht immer schlecht regiert wurde. Man denke nur an Katharina IL, die den Ehrentiteldie Gröhe" wirklich mit Recht verdiente.

Katharina I., die Gattin Peter des Groben, hat bei der Nach­welt nicht die gleiche Beachtung gefunden, wie die zweite Zarin ihres Namens. Aber mit Unrecht. Denn wenn sie nicht durch ihre Klugheit, durch ihren Takt, durch ihre wirklich königliche Persönlichkeit eine ebenbürtige Gefährtin des großen Zaren gewesen und unseres Interesses würdig wäre, bann wäre sie es durch ihr wunderliches Lebensschicksal, durch ihre einzigartige Laufbahn von der kriegsgefangenen Witwe eines schwedischen Dragoners bis zur rechtinäßigen Gattin des bedeutendsten aller Zaren, ein Schicksal, so bunt, so abenteuerlich und unwahrschein- trch wie nur irgend ein Märchen aus tausendundeine Nacht.

Katharina Skawronsky, so hieb sie mit ihrem Mädchennamen, stammte aus Litauen. In den wilden Jahren des rusfisch-fchwe- drschen Krieges wurde sie Waise, und war froh, als sie in Ma- nenburg, tm Hause eines deutschen Pastors, unterschlüpfen konnte.

Pastor hatte den schönen Namen Glück, und wahrlich, das Gluck ist Katharina zeit ihres Lebens in unerhörtem Maße treu geblieben. Aber zunächst war sie noch in Marienburg, vas gerade von den Russeii belagert wurde, und schon sehr glücklich, als ein junger schwedischer Dragoner namens Kruse, dem sie durch ihrandächtiges" Wesen aufgefallen sein soll, um ihre Hand anhielt.

.Wer der junge Dragoner konnte sich nicht lange seines Ehe­glückes freuen. Denn kurz darauf, nach einigen Quellen noch am Hochzeitsabend, ist er auf den Wällen der Stadt gefallen. Bald wurde Marienburg erobert und Katharina als Kriegsgesang->n«

nach Moskau gebracht. Sie hatte daS Glück, in das Haus bei einflußreichen Fürsten Menschikow zu kommen, der sie sozusagen als Kriegsbeute erhielt. And hier lernte Peter, der Russenzar, sie kennen und lieben. Es soll eine Liebe auf den ersten Blick gewesen sein, eine gewaltige Liebe, die di« beiden vom ersten Augenblick fürS Leben zusammenschmiedete.

Aber von der Geliebten bis zur Zarin war noch ein weites Weg. Denn Peter war ja nicht frei, war ja schon.längst mit einer anderen verheiratet. Allerdings war feine Ehe mit der Dojarentochter Eudvxia Lopuchin von Anfang an keine glück­liche gewesen. Wie viele andere Monarchen, wie zum Beispiel fein Zeitgenosse Friedrich der Große, war auch Peter aus po­litischen Gründen mit einer Frau verheiratet worden, für di« er nur Gleichgültigkeit, später sogar Abneigung, aber niemals Liebe empfunden hatte.

Jedenfalls ist eS sehr bezeichnend für die Aufrichtigkeit und Innigkeit, mit der der Zar das schöne Mädchen aus der Fremde liebte, daß er sich diesmal nicht, wie bei der schönen /und geist­vollen Anna Mons, der Tochter des deutschen WeinhänSlers, damit begnügte, in ihr eine Geliebte gefunden zu haben. Ka­tharina besaß zwar alle die Eigenschaften, die er an den Frauen schätzte, und die er schon bei der Anna Mons gefunden. Aber sie besah mehr noch, etwas, das ihn nicht eher ruhen ließ, bis er die Geliebte als anerkannte Zarin durchgesetzt hatte. Dein« erste Frau hatte er ja schon vorher ins Kloster gesperrt. And als er die Scheidung gegen den Widerstand der Geistlichkeit nicht durchführen konnte, da machte er keine weiteien Amstände, hei­ratete Katharina und ließ sie krönen, indem er so tat, ^rls ob die Nonne Helene, wie die Zarin Eudoxia jetzt hieß, überhaupt nicht existierte.

Katharina war jetzt auf der Höhe ihres Glückes, das sie auch bis zu ihrem Tode festzuhalten wußte. Aber sie ließ sich nicht blenden von all dem Glanze, der nun mit einem! Male -auf sie, die erste Frau des Reiches, herniederstrahlte. Rach wie vor ver­wandte sie allen Fleiß darauf, die Neigungen und Leidenschaften ihres Zaren genau zu studieren. And sie hat es sehr weit gebracht in der Kunst.Wie fessele ich meinen Mann". Sie erriet alle, auch seine unbedeutendsten Wünsche. Mit liebevoller Geduld fügte sie sich in feine Launen, besänftigte mit ihrer Milde feinq Härten und entwaffnete durch Versöhnlichkeit und Anterwerfung die Ausbrüche feines Zornes. An all seinen Regierungshand­lungen und Sorgen nahm sie den lebhaftesten Anteil, und sie war die wahrhafte Vermittlerin zwischen ihm und seinen Untertanen.

Ganz rührend aber ist das persönliche Verhältnis zwischen den beiden, wie eS sich am schönsten in ihren Briefen äußert. Mo sie nur können, bereiten sie einander kleine Aeberraschungen, Wohl wissend, daß Freundschaft und Liebe durch nichts so sehr erhalten werden als durch kleine Geschenke. Manchmal ist der Ton in ihren Briefen etwas frivol, aber immer ist er zärtlich und liebenswürdig. Oft hänseln sie sich wegen ihrer Eifersucht. So schreibt er einmal aus einem ausländischen Badeaufenthalt: Dein Brief gibt mir sehr zu denken. Du schreibst, ich.möchte noch länger ausbleiben, wegen meiner Gesundheit. Ich nehme aber an, daß Du inzwischen einen Jüngeren gefunden hast. So behandelt Ihr bösen Evastöchter uns Greise? Katharina ant­wortete schnell, daß sie ihn durchaus noch nicht für einen Greis halte.Du hast gar keinen Grund, EsiiH einen Greiß zu nen­nen. Ich bin ganz gewiß, daß sich auch noch heute viel Damen finden werden, die sich mit einem so lieben Greise gerne ein- lassen würden. Ich habe Nachrichten bekommen, daß die Köni­gin von Schweden mit Euch ein Liebesverhältnis anfangen will, Setd auf Eurer Hut!" Einmal schickt er ihr eine seltene blaue Blume und legt einen Ausschnitt aus einer englischen Zeitung bei, in dem von zwei Ehegatten die Rede ist. die 110 Jahre miteinander verlebt haben: der Mann war 126, die Frau 125 Oahre alt. And der Zar fügte hinzu, daß auch er hoffe, mit feiner Katharina solange in glücklicher Ehe zusammenleben zu können.

_ Katharina war aber mehr als nur eine zärtliche Eheliebste, öie besaß auch große staatsmännische Begabung, die sich nicht erst nach Peters Tode zeigte, als sie mit viel Geschick und kräf­tiger Hand die Zügel feiner Regierung übernahm. Schon zu seinen Lebzeiten war sie eine kluge Beraterin, auch in hoch­politischen Angelegenheiten. So am Pruth, in der kritischsten Stunde des russischen Reiches, als die Gefahr bestand, daß der Zar samt seiner Armee in die Gefangenschaft der Türken geriet. Da war es nicht zum wenigsten der diplomatischen Kunst der