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die Kälte durchstach die dünnen Beinkleider so, baßer gleich »u zittern begann. Und al- habe er etwas Unrechtes getan und^fein Herr stände zürnend hinter ihm, richtete er sich auf, wie es ihm eingedrillt war und tappte schaukelnd und krumm- beinig weiter, mit auswärts gebogenen großen und schmalen
er zauderte. . „ , . . _
Schnee lag auf der Strotze, es zog kalt herein und vereinzelte Nocken schlugen ihm gegen die abstehenden, kahlen Ohren. Da hörte er Stimmen hinter sich — noch schmerzte ihn der Bauch von den empfangenen Tritten und er rannte die dunkle Stratze hinunter, vorbei an vereinzelten Fuhgangern, die angewurzelt stehen blieben, verlor seine Schuhe, rannte, von ihnen befreit, doppelt so schnell, immer weiter in hellblauen Socken durch den Schnee, bis er in eine stille Gegrnrd kam. Dort hielt er an unb setzte sich auf den Boden. Aber
Qarhi «. danken, dah Peter in dieser verzweifelten Lage einer, Mter ?ol<^r" Umständen höchst ehrenvollen Frieden schlitzen und mit seinem Heere unbehelligt abziehen konnte. Und dann ist es auch sehr wahrscheinlich, datz seine Stotzen Reformen zum nickt aerinaen Teil auf ihre Initiative zuruckzufuhren sind. Reben Mder8 Arbeit, die sich mehr hinter den Kulissen abspielte, verstand es Katharina, die Gmporgekmnmene, aber auch mit glän- zendem Geschick, Hof zu halten, im Mittelpunkt der neugeschaffe- nen Geselligkeit zu stehen, sich mit einem ihrer Stellung entbrechenden vornehmen Luxus zu umgeben. Sie stand also durchaus als Ebenbürtige neben Peter, und wenn ein alter Geschichts schreiber das treffende Wort geprägt Hat: „Der Staat war seine erste, Katharina seine zweite Liebe", so hat er^das sicher nicht im Sinne des Racheinanders, sondern des Rebrne'.nanders gemeint.
„Prinz Orloff."
Bon A. M. Frey.
Der Vorhang hob sich und an der Hand seines Herrn betrat Prinz Orloff, der Schimpanse, die Bühne. Er schaukelte mit Seemannsschritten bis an die Rampe, sandte einen öemiltlg müden Blick in das Gesicht seines Meisters, der ihm ein heimliches Zeichen gab, und lüftete dann folgsam seinen Zylinder.
$ Aber die weihbehandschuhte Affenhand säumte, ihn wieder aufzusetzen. Prinz Orloss kauerte sich zusammen, starrte in den Zuschauerraum und lieh den Hut zu -bvden kollern. l)rge dS eiüaog ihn plötzlich und gänzlich dem Kreise seiner ein- aedrttlten Lächerlichkeiten. Gr starrte angestrengt auf einen Punkt und schmatzte leise da»», rätselhaft und selbstvergessen.
Sein Herr schüttelte ihn. Gr kam zu sich, stülpte den Zylinder aus glänzend schwarze Haare und humpelte willig, den Svazierstock in der Rechten, zum Kleiderständer.
Dort entledigte er sich seines Stockes, feiner Handschuhe, feineS Mantels — mit Bewegungen, die plötzlich Einschlafen konnten um desto heftiger wieder auszubrechen. Dabei spähte er ein vaarnml nach der nämlichen Stelle im Zuschauerraum veraast sich knickte zusammen, wurde Tier, suchte gleich darauf schickdbewußt das 2luge seines Gebieters und zerrte weiter an seinen Bekleidungsstücken.
Dann stand er da, im Frackanzug und weißem^Hemd, die feingegliederten Hinterbeine in ungefügen und lästigen Lack
^Sein Herr veranlahte ihn, am Tisch Plah zu nehmen Dort entkorkte er selbständig eine Flasche, ah hastig einpaar j Brocken mit einer Gabel, die er fallen lieh m:E). |
Mieder zwischen die Pfoten klemmte. Und immer wieder flog I fein runder schwarzer Tiermenschenblick unter gewölbten Augenbrauen in eine der Logen zur Linken. I
Gr hatte seinen Teller leer gefressen, das Glas mit rot- gefärbtem Zuckerwasser ausgeschlürft und entriß nun einem Etui, das er aus der Westentasche fingerte, eine 3ignrette, die er in Brand setzte. Da er aber nach dem erst«: Zuge in ein klägliches Husten verfiel, nahm sein Herr ihm den Tabak aus gleichgültigen Pfoten, wobei er bedachte, dah dies der vierte i Albend sei, an dem das kostbare Schaustück durch Rauchen einen | Hustenanfall bekäme, und entschloß sich, diesen Punkt der Dor- Mrung von morgen ab Wegfällen zu lassen. Gr nochdamit beschäftigt, die glimmende Zigarette auf einem Teller zu zer drücken, als der Affe die Füße auf Tisch stemmte, sich einen Ruck gab, und Geschirr und Tischtuch mit sich reihend, jenseits auf dem Boden landete. Auf allen Bieren lief er hurtig über die Bühne an die Rampe und weiter über die Köpfe unb Schultern der entsetzt in sich gebrochenen Musikanten geradewegs in eine Loge zur Linken, neben eine Danie d e schrill auf schreiend zu verhindern auherstande war, dah Prinz Orloff den gleihenden Drillantschmuck ihr^ entblühten Halses zwischen behutsame, kühle, ein wenig klebrige Unger nahm, wobei er glücklich und beinahe jubelnd zu gurren begann.
Aber schon hatte sich der Begleiter der Dame erhoben und in Angst und Abwehr mit dem Ah gegen das ^''Uer gestoßen Prinz Orloff erschrak, als man ihm so begegnete, fletschte ratlos die Zähne, umkrallte bei dem zweiten Zuhtritt den Schmuck der bereits Ohnmächtigen, sprengte das Schloß und fluchtete mit fliegenden Frackschößen aus der Loge und durch die Reihen auseinanderstäubender Menschen gegen den Ausgang. Er gewann eine offene Tür und vorbei an einem Saaldiener, der eine Bewegung machte, als wollte er einen Elephanten ein* fangen, einer Vorhalle mit kreischenden Garderobefrauen und einem leeren Gang endlich ein Portal ins Freie, unter dem
Saneo' begegnete ihm ein Straßenfeger. Der musterte Öen kleinen Mann im Frack, lachte - besann sich bann, dah noch nicht Fastnacht sei und wurde unsicher. Prinz Orloff aber schaukelte auf ihr. zu, tastete vertrauensvoll nach der herab- hängenden Hand des Fremden und versuchte, unter dessen wärmenden Ueberzieher zu kriechen. Die Abweisung, die er augenblicklich erfuhr, war sehr hart, und er sah dem wie wahnsinnig Davonstürzenden traurig nach. a
Darauf wankte er weiter und entdeckte ein offenes, erßellteS Fenster im ersten Stock eines Hauses. Wo Licht ist, E Wärme. Mil Hilfe der Dachrinne gelangte er hinauf und spähte vom Fenstersims aus in das Zimmer. Drinnen stand ein Mann, der den verqualmenden Raum auslüften lief} und uut^des^n die Decken seines Bettes zur nächtlichen Ruhe richtete. Da Prinz Orloff schlechte Erfahrungen mit den Menschen gemacht hatte kümmerte er sich weiter nicht um den Anwesenden. Aber die Gegend des Ofens schien ihm Schöns zu versprechen. Mit geschmeidiger Schwerfälligkeit stieg er rückwärts ins Sanier- lautlos — und näherte sich der ersehnten Wärmequelle. Dort entledigte er sich seiner feuchten Socken, die ihn arg belästigten, und umfing mit Armen und Meinenden kleinen Ofen, dessen Leib feine letzten Wärmereste gab. Den Körper an dieeiserne Wölbung gepreßt, wäre er fürs erste «lucklich gewesen und ' hätte sein behagliches Gurren gewiß fortgesetzt, trenn meßt bei Akann am Bett, eben durch diese merkwürdigen Kehllaute ver- I anlaßt, sich umgedreht und den Ofen ins Auge gefaßt hatte. Er begann sofort sinnlos und anhaltend zu brüllen und gegen die Türe und zu ihr hinaus zu stürzen.
Dieses wüste Lärmen und aufgeregte Gebaren belehrte Orloff, daß abermals etwas nicht in Ordnung sei. ®r heß den Ofen fahren, tappte ans Fenster, wurde von einem Kälteschauer über- rieselt und kehrte zurück, die Pfoten wieder sehnsüchtig an das warme Eifen legend. Doch als drei, unsicher drohend und seind- I selig schreiend, im Türrahmen erschienen, nahm er endgültig i und eilig den Weg, den er gekommen.
I Er rannte wieder durch den Schnee und seine Sohlen hinterließen eine große seltsame Fährte. Er gelangte m belebtere
1 Gegenden. Menschen kamen auf ihn zu ein spater Wagen der Straßenbahn surrte vorbei. Die Menscher ganz zu meiden, hielt er nach den letzten Erfahrungen ftrr gut. Aber ber Straßenbahnwagen war hell erleuchtet,und wo Licht ist, dort ist Wärme. Mit ein paar langen Sätzen schoß er hinterher Unf> ©er^eere^QBagen ratterte weiter. Der Schaffner hatte nichts gesehen und die Zurufe der wenigen bestürzten Fußgänger überhört. So hockte Prinz Or off unangefochten o^n auf bem Dach des Wagens, wo es holvisch kalt war. Er hielt sich mit den Vorderpfoten fest und versuchte die ganzerstarrten Hinterhände an ber Scheibe des gelben und darauf des blauen Signallichtes aufzutauen. Aber das Licht enttäuschte ihn, es strahlte, ohne zu wärmen. Er untersuchte es genau, legte schließlich die Wange an die leuchtende Scheibe, aber er entlockte ihr die ersehnte Wärme nicht.
Unterdessen sauste ber Wagen, ohne einmal zi bremsen, feiner letzten Haltestelle zu, die an ber Stadtgrenze lag. Prinz Orloff als er vergebens mit den Lichtern sich beschäftigt hatte, begann, ba ihn nicht nur fror, sondern auch ßujngerte, an ber Brillantkette zu knabbern, die er bisher in der Dackentäsche verwahrt gehalten hatte. Aber auch hier sah er sich betrogen, sie war Fein Mittel gegen seinen Hunger, so wenig tote die kalten Lichter eines waren gegen den Frost.
Der Wagen fuhr langsamer und hielt an den letzten Hausern der Stadt. Hinter ihnen begann ein Park. Der Schaffner stieg aus und wollte die Kontaktstange umstellen — da eiitdeckte er droben den Fahrgast. „He?" sagte er verständnislos. , He! Sie! und schwieg bann verwirrt. Prinz Orloff aber witterte Unheil. Er entblößte die Zähne, warf bem Untenstehenden die nutzlosen Brillanten vor die Füße, glitt vvm Dach herab und verschwand b”^5>u auj aiten Bieren, bis ihm etwas Halt gebot. Ein Baum. Er richtete sich an ihm auf und ^tastete benl Stamm. Obwohl in ber Gefangenschaft geboren ließ die seinem Blute und seinen Muskeln vererbte Vertrautheit mit der Rinde des Baumes ihm sogleich erkennen, daß dies etwas für ihn fei. Freudig begann er zu klettern und zum brittenmat an diesem I Abend hatte er sein zufriedenes Gurren. Gr war so sehr bei ber Sache, baß er Hunger und Kälte vergesst konnte- »o | ganz hinge-geben turnte er zur Hohe, baß bte Frackschoße wir | beiten und ber Schnee von den schwankenben Aesten ßaubte. | Das rutschende Beinkleid behinderte ihn, er ft reifte es ab, ließ I es zwischen den Zweigen hängen und turnte weiter | Bald jedoch ermattete er. Mehrfach mußte er husten, bekam I schließlich einen heftigen Anfall dem er sich krustlos überli^ I Als ber Husten vorüber war, leckte er vom Ast ein wenig Schn« I mit glühender Zunge und sah sich hilflos um,


