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ES fror ihm entsetzlich an dem Bauch, zumal er die Hosen verloren hatte und das kurze Hemd ganz hinaufgerutscht war. Zur Abwehr legte er deshalb die großen Hände und mageren, behaarten Arme dicht an den Leib und knüllte sich zusammen, bis er nur so grob war. wie eine Kokosnuß. ES half nichts« die Kälte frab und fraß sich durch.
Da stieg er trostlos und mit erstarrenden Gelenken abwärts. Am Fuß des Baumes wollte er die Bodenwanderung abermals aufnehmen. Doch die Glieder gehorchten ihm nicht mehr; er fiel auf die Seite und ein Fieberschauer packte ihn. Dennoch erzwang er die Kraft, sich aufzurichten uird seinen Frack anzu- ziehen, den er um die empfindlichste Stelle seines Körpers, um den Bauch, wickelte.
Dann sank er wieder um und blieb so liegen, fuhr Wohl ein paarmal mit der groben Fläche seiner braunen Hand über die gestärkte Hemdbrust, wurde von innen heraus durchrüttelt und durchschüttelt, versuchte auch vor unbekannten Schreckbildern zu entfliehen, ohne weiter zu kommen, als bis zum entsetze lichen Heben seines fieberhaften Kopfes — und zuckte nach Ablauf der halben Winternacht noch selten und beinahe friedlich, bis er sich zum allerletzten Male streckte.
So vollendete Prinz Orloff den Leidensweg seines Tier» Menschendaseins.
Die Flibustier.
Eine Erzählung von der Küste Brasiliens.
Don Dr. Alfred Funke.
(Fortsetzung.)
Wenn alles schief ging, was dann? Bei diesem Gedanken! wurde es ihm sehr unbehaglich zumute, etwa wie dem Fuchs im Tellereisen, wenn er 6en Jäger kommen sieht. Dann muhte auch er den schönen Balg lassen, nämlich die stattliche Uniform mit den vier goldenen Streifen am Aermel, den tönenden Titel, das schöne Gehalt und die Ehren zu Wasser und zu Lande. Und wenn er dazu erwischt wurde von Feinden, so stellten sie ihn vor das hochnotpeinliche Kriegsgericht und machten ihm den Prozeh. Landesverrat, Meuterei und andere erbauliche Dinge! Caramba! Carajo! Wenn er dann nicht auf den Sandhaufen und vor ein Dutzend Gewehrläufe gestellt wurde, konnte er von Glück sagen. Aber dann schaffte man ihn todsicher nach der Strafinsel Fernando de Noronha, wo er mit anderen Verbannten vor Langeweile Schimmel ansetzen und auswachfen konnte. Freilich, die meisten Verschickten wurden nach einigen Jahren unfreiwilliger Sommerfrische auf die Fürsprache guter Freunde und politischer Gevatter erlöst. Wer aber Pech hatte, konnte sich die Grabstelle aus der einsamen Felseninsel aussuchen und ein ganzes Lebenlang hinausstarren auf den endlosen Ozean und mit neidischen Augen den Dampfern unter der Rauchwolke und den Möwen folgen, die sich frei durch die Lüfte schwangen, wohin sie wollten. Er aber, Alfredo Moreira, war sicher ein Pechvogel!
„Hol's der Böse!" sagte er unwillkürlich.
Da war es im elendesten Hafenloch hinter den Dünen im Süden denn doch tröstlicher.
Kommandant Moreira fluchte aber bald darauf noch einmal ein „Pucha diabv!" Dämlich, als ein Kriegsschiff mit hoher Fahrt voraus gemeldet wurde. Der Läufer, der diese Nachricht von der Bnrcke brachte, war selbst bestürzt. Der Kommandant aber fuhr aus seinen bösen Träumen so heftig und jäh auf, als habe ihn jemand an sehr unpassender Stelle mit einer Stecknadel erfreut.
Ein Kriegsschiff?! — Wenn es nur keiner von den Kriegskähnen war, die ihm ohne Frage auf die Spur gesetzt waren und die „Gloria" liebend und gern in taufend Fetzen geschossen hätten! Und wie es mit den eigenen Granaten an Bord der „Gloria" aussah, dah wußte keiner besser als der Kommandant Moreira selbst. Aus der Tiefe seiner Einbildungskraft wuchsen die zackigen Umrisse der Strafinsel so deutlich empor, dah er das berüchtigte Felseneiland mit wirklichen Augen zu sehen glaubte.
Als er auf die Drücke stürmte, war alles in gröhter Aufregung, und auf der Schanze und Back ebenfalls. Alles starrte nach dem gemeldeten Schiff, das bis jetzt noch keine Flagge zeigte, dessen Masten und Aufbauten aber den Kriegskahn sicher verrieten.
Ja, ein Maat behauptete mit Bestimmtheit, er erkenne die „Aquidaban"; ein anderer wollte einen Patacao wetten, es sei die neue „Amazonas".
„ Lügt nur weiter in euren schwarzen Hals hinein!" schrie ein dritter. „Es ist die „Minas Geraes", und die ist noch schlimmer!"
„Wenn es einer von den dreien ist," ergänzte £>er Wachhabende leise zu Lührs, der den Kieker handhabte, „so find wir Fischfutter, ehe es acht.Glasen schlägt!"
Der Kommandant nahm die Meldung des Wachhabenden auf der Brücke mit sehr gemischten Gefühlen entgegen und lieh sich den Kieker geben. Ohne Zweifel — der große Kerl voraus, der auf die „Gloria" Kurs hielt, muhte als ein modernes Kriegsschiff angesprochen werden.
„In der Tat — ein Kriegsschiff!" gab Moreira zu und ließ den Kieker sinken. „Das wissen wir lange," meint« Lührs für sich, „Wenn du weiter nichts zu sagen hast!"
„Zeigen Sie die Flagge!" befahl der Kommandant dem Ersten Offizier.
Das geschah, uni) die Flagge der Revolutionäre wehte lustig in den blauen Tag hinein vom Grohtopp. Alles anf Bord wartete aus die Antwort. Die lieh lange genug auf sich warten. Für alle Fälle lieh der Kommandant „Klarschiff" schlagen. Auf ein Gefecht konnte er sich im Ernstfall freilich kaum einlasfen, und mit dem Auskratzen war es auch so eine, Sache! Der schwane Kerl da hatte kräftige Maschinen und holte den kleinen Kreuzer ohne Zweifel bald ein. Wie hoch die Bugwelle des Fremden ging! Ungemütlich war die Geschichte auf jeden Fall. Aber Moreira lieh schon deswegen Klarschiff schlagen, damit jeder von der Besatzung auf seinem Posten war und nicht umherstand und gaffte.
Die Offiziere handhabten ihre Kieker unablässig. Wenn der Kerl voraus nun nicht bald die Flagge zeigte, war die Sache sehr verdächtig, ja, schon mehr sengerig. Dann heulte die erste Granate als Gegengruh heran, und diese Aussicht war auch nicht gerade geeignet, fröhliche Gesichter zu machen. So ein Zuckerhut aus großem Rohr durchschlug glatt Aufbauten und Decks und pfefferte die Maschine kurz und klein, dah der „Gloria" die Puste ausging! älnd dann wurde allen der Atem zu kurz. Wenn man doch schon in Sao Jose do Matabicho gewesen wäre!
Jeder an B>rd hatte seine eigenen und geheimen Vermutungen. Wenn der schwere Kasten wirklich die „Amazonas" oder „Minas Geraes" war, so schonte sie den Revolutionär sicher nicht, denn der Kommandant der „Amazonas" war ein grimmiger Feind der Revolte gewesen und hatte geschworen, er werbe jeden Rebellen an die Rahen knüpfen lassen, und wenn daS Schiff aussehe wie eine Herings räucheret! Jeder, der daran dachte, bekam plötzlich ein ganz ungemütliches Gefühl am Halse. Uni) Moreira sagte zum dritten Male: „Pucha diabo!"
Seine Offiziere machten bekniffene Gesichter. Wenn der Alte schon so greulich fluchte, sah es verdammt windig um die „Gloria" aus, denn sonst steckte Moreira doch immer die Flagge der Zuversicht heraus und tat, als habe er taufend Milreis im Sack, wenn auch nur fünf Patak darinnen waren. Die Entfernung zwischen beiden Schiffen wurde immer knapper, die Bugwelle des Fremden war bereits mit bloßem Auge zu erkennen. In einen halben Stunde konnte er die „Gloria" fassen, wie der Sperber den Spatzen.
Da!---
Ein Seufzer der Erleichterung hob die Brust des Kommandanten. Der Fremde steckte die englische Flagge heraus. Lustig wehte der Union Jack.
„Junge, du hast schwere Angst ausgestanden und das Herz auf einem durchaus unvorschriftsmähigen Flecke gehabt," dachte Lührs mit einem Seitenblick auf Moreira, der den Bart wieder zwirbelte, sich schnell faßte und zuversichtlich sagte: „Wie ich gleich dachte: Ein Engländer. Ich erkcumte ihn an den Aufbauten. Er lag vor einem Monat in Rio."
„Lüge du und der Deubel!" dachte Lührs, und die Offizier« dachten ähnlich. Auch die Besatzung der „Gloria" stöhnte erleichtert auf, wenn auch jeder tat, als habe er auf ein richtiges Seegefecht gebrannt. Besonders die Leute an den Geschützen rissen das Maul gewaltig auf, obwohl sie nur Kartuschen und keine Granaten im Rohr hatten. Der Engländer erwidert« den Gruh der „Gloria" durch Dippen der Flagge, und alles schwenkte die Mühen, als sei ein grobes Ereignis zu verzeichnen. Lührs aber hatte wiederum seine eigenen Gedanken und für die tapfere Besatzung einen Hamburger Kraftausdruck sehr anrüchiger Natur, der durchaus nicht für die Ohren des Kommandanten berechnet war.
Nun war an Bord der „Gloria" alles frisch und zuversichtlich. Wenn man einer großen Gefahr entronnen war, so hatte man doch Grund, den fröhlichen und tapferen Seemann zu spielen. Der Kommandant opferte die angeblich letzte Flasche Champagner, stieß mit seinen Offizieren an, hielt dazu eine fulminante Ansprache und brachte ein „Viva!" aus auf die wahre Republik, auf Sieg und Ruhm, und dachte doch dabei heimlich im Busen: „Jungens, toetm wir doch erst heil und ganz In Sao Joss do Matabicho wären!"
Do übersetzte sich wenigstens Lührs die glühende Ansprache.
Dann ging alles wieder seine Wache wie sonst. Lührs war andauernd auf der Drücke. Er ließ sich seine Bohnen und eine Mucke Tee heraufbringen, um keinen Augenblick zu versäumen. Wenn er auch sozusagen an Bord der „Gloria" mit Gewalt gepreßt, also „geschanghait" war, wie man im Hamburger Hafen sagte, so sollte doch keiner einem deutschen Qotfen nachsagen, er habe seine Pflicht nicht getan. Lührs behielt den Rudergast scharf im Auge und pfiff ihn böse an, als er das Schiff um eine Kleinigkeit vom Kurse abfallen ließ. Er wußte in diesen Breiten genau Bescheid, denn oft hatte der „Dom Pedro" auch Küstendienst getan im Süden von Rio do Bugre.
Gegen Abend kam der Leuchtturin von Sao Jvsö do Matabicho in Sicht an einer flachen Dünenküste. Rach der Seekarte war die Einfahrt nicht leicht. Der Wachhabende meinte freilich sorglos: „Wenn wir auf Sand geraten, gehen wir einfach in die Boote."


