Ausgabe 
7.2.1925
 
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Sührs hätte den Herrn, der nachlässig, die Hände in den Hosentaschen, au, der Drücke stand und gemütlich feine Zigarette rauchte, am liebsten einen Schasskops genannt. Aber er be­herrschte sich ein bißchen und meinte ironisch:5htf> falls eine Mühevoll Wind ausspringt, wenn wir auf dem Sande kleben was dann?" . , .

Dem Offizier war die Frage peinlich. Gr wußte keine Ant­wort, nahm den Kieker und suchte den trostlosen Strand ab.

Eine verdainmt interessante Gegend!" spottete er ingrimmig.

Sie konnte noch interessanter für uns werden, wenn em feindlicher Kreuzer im Hasen läge oder auch deren zwei," meinte Lührs gelassen.

Das fehlte uns noch! Malen Sie den Teufel nicht an die Wand!"

Kommandant Moreira erschien auch auf der Drücke und lieh sich von Lührs über Sav do Matabichv belehren. LührS erklärte, an sich sei der Hafenplatz ein ödes, gottvergessenes Strandnest, in dem die Aasgeier auf den Straßen spazieren! gingen. Als Desatzung habe es nur die Zvllwache, die vor Lange­weile Moos ansetze. Eine Tageszeitung friste ihr dürftiges Da­sein, und ihr Redakteur wechsle im Jahre wenigstens zweimal die politische Gesinnung. Gr habe bei der letzten Anwesenheit Lührs freilich zur Fahne der Regierung geschworen. Es fei je­doch wahrscheinlich, daß er fanatischer Anhänger der Revo­lution sein werde, sobald dieGloria" einlaufe.

Das wäre für ihn allerdings das Dernünftigste," erklärte Moreira.

Wichtig ist Sao Jose do Matabichv als Ausfuhrplatz für die großen Rarqueadas*), die einige Kilometer landeinwärts liegen und als Stapelplatz für die deutschen Siedlungen, Die einige Meilen südwärts beginnen. Sie bringen Tabak, Mais, Schmalz, Bohnen auf den Markt. Die Schlächtereien verfrachten Dörrfleisch und trockene Häute."

Eine ganz nahrhafte Gegend!" lobte Moreira.

Das wissen die Regierungsschiffe auch," entgegnete Lührs und verstimmte ihn damit arg.

Die Matrosen der Freiwachs berichteten aber, daß hinter den Dünen ein Land voll Milch und Honig liege. Da spitzte mancher die Ohren und nahm sich im stillen vor. in dieses Pa­radies zu entschlüpfen und dort die liebe Seele zu pflegen. Wenn Kommandant Moreira alle guten Vorsätze seiner Braven gekannt hätte, würde er den aussichtsvollen Hafen kaum angesteuert haben. So aber stand er voller Hoffnung neben Lührs und lobte diesen, als er genaue Peilung nach den Landungsmarken nahm und dann vorsichtig die Einfahrt zwischen den Bänken ausmachte. Der Leuchtturmwärter grüßte den Kreuzer sehr höflich mit der Flagge. Das war ein sicheres Zeichen, daß kein Regierungs- schiff im Hafen lag.

Aach einer kleinen halben Stunde heulte die Sirene der Gloria" über San Jose do Matabichv hin, wo ein englischer Dampfer Häute lud. Kaum hatte der Kreuzer unter der Revo- lutivnsflagge Anker fallen lassen, so stieß bereits ein Doot unter gleicher Flagge vom Staden des Zollhauses ab und machte längsseits derGloria" fest. Herren in Uniform oder im Frack und Seidenhut kletterten das Fallreep hoch, auf dessen oberster Stufe der Erste Offizier sie begrüßte und zum Kommandanten! geleitete.

Die Herren bildeten eine feierliche Abordnung unter Führung des Intendanten und des Redakteurs derLiberdade", und Lieser ergriff da» Wort zu einer längeren und blumenreichen Ansprache, in der er namens der anderen dem Kommandanten die Gefühle der gleichen Gesinnung zu Füßen legte. Er wand Demheldenhaften und glorreichen Sieger von Rio do Bugre" einen grünen Lorbeerkranz von stattlichem Umfange und schloß den schwungvollen Erguß mit dem Rufe:Es lebe die Revo­lution! Es lebe Admiral Moreira!"

Der Kommandant derGloria" hatte nichts gegen diese schnelle Beförderung einzuwenden. Er hatte zum Glück keine Ahnung davon, daß der Sprecher der Abordnung ihn noch vor drei Tagen in seinem Blättchen einenblutrünstigen Piraten und gemeinen Hafendieb" genannt hatte, für den kein Galgen der Welt hoch genug sei. Man solle ihn daher an der Spitze des Leuchtturms am Strick baumeln lassen, bis die Geier ihn erledigt hätten!

Kommandant Moreira erwiderte daher mit gleicher Begei­sterung und opferte die wirklich allerletzte Flasche Champagner, die er für sich versteckt hatte, zum Willkvmmenstrunk.

Die werden sie teuer bezahlen müssen, die Gimpel!" sagt« der Erste Offizier heimlich zu LührS.

Das glaube ich schon."

Auf den Abend war für den Kommandanten Moreira und die Offiziere derGloria" feierlicher Empfang auf der (Samara Municipal angeseht. Auch Lührs wurde dazu von Moreira befohlen. Lührs tat zwar, als gehe ihm das sehr gegen den Strich, und er sträubte sich heftig gegen die Einladung. Im Stillen jedoch brannte er darauf, an Land zu kommen. Wenn

*) Dörrfleischfabriken.

er erst festen Boden unter den Stiefeln habe, solle ihm Moreirq bald nachpfeifen l

Moreira und seine Offiziere warfen sich also baldigst in Gala. Auch dem Kameraden Lührs drängten sie ein paar weihe Handschuhe auf, die er anquetschte, damit er gleichfalls festlich aussehe. Dabei besann er sich aber mit Freude, daß er in Sav Jofs do Matabichv einen deutschen Vendeiro kannte, dep mit den Kolonisten des Hinterlandes Handel trieb. Bei dem wollte Lührs in aller Stille vorsprechen.

Im Doot, die Flagge am Stern, lieh sich Moreira in großer Gala mit den Offizieren an den Staden des Zollhauses rudern, wo ihm eine Musikbande die Aationalhymne ins Gesicht schmet­terte, daß er am liebsten Watte in die Ohren gestopft hätte, und ein gewaltiges Divarufen Hub an.

Die schwarzen Affen blasen greulich." schimpfte er heimlich zum Ersten,und der Kapellmeister fuchtelt in der Luft herum, als müsse er sich gegen eine Rotte böser Geilster wehren."

Aber er lächelte verbindlich dabei und grüßte dankend, als er die Steinstufen würdevoll emporstieg. Auf der obersten mußte er die erste Ansprache an Land über sich ergehen lassen, am Eingang zur Samara Municipal die zweite, und während ihm sein Lob in hohen Tönen gesungen wurde, knatterten und zischten hundert Raketen in die Lust und krachten Kanonenschläge. als sei der große Treffer imDicho"*) gezogen. Die Bevölkerung stand vor der Aathaustür, und Lührs benutzte das Gedränge, um spurlos darin unterzutauchen. Er zog die Handschuhe aus. schrie tapfer mit und lieh den glorreichen Admiral Moreira mit hvchleben, aber er steuerte dabei mit Dolldampf rückwärts und gewann eine kleine Seitengasse, in der die Oellampen ein trübes Licht verbreiteten. Da setzte er Kurs mit höchster Kraft und ge­langte bald durch andere Strahen und Gassen, immer durch das Halbdunkel gedeckt, an die Behausung des Bendeiro Henrique Wegener Filhv, und traf darin den guten Freund selbst zu Hause.

Ich werde doch meinen Kram hier nicht leerstehen lassen, Käpp'n Lührs," erklärte Wegener,wenn die Zeiten so unsicher sind! Aber wer Deubel karrt Sie nach Sao Jos? do Matabichv? Oder gehören Sie auch zu Moreira und seiner Piratenbande? Die werden hier wohl schön ausräumen, aber ich habe mich schon an unseren Dizekonsul gewandt und die Flagge aufgezogen. Doch nun sehen Sie sich erst mal hin und nehmen Sie einen Schluck Portwein! And essen müssen Sie auch. He. Maria!" rief er in Me Küche.Schaffe ein ordentliches Essen auf den Tisch für den Landsmann! And nun legen Sie mal los! Wie kommen Sie her?"

Das tat Lührs in aller Eile, aber er dankte für das Essen. Er hatte keine Zeit, wohl aber ein dringendes Anliegen an den Freund Wegener. Er brauchte einen guten Gaul und einen zuverlässigen Führer, einen richtigen Daqueano, nach der Kolonie Sant' Jzabel. Da war er vorläufig in Sicherheit und wollte sich dann schon nach Rio dv Bugre zurechtsinden.

Der Dendeiro hatte einen guten Braunen im Stall, und fein schwarzer Speckausbrater Gennano wußte genau, wie man am schnellsten nach Sant' Jzabel gelange.

And da wenden Sie sich nur an meinen Compadre Jakob Scheer. Gr hat mir zwar zehn Sack Schwanzbohnen**) geschickt, aber et ist darum doch mein guter Freund. And für die Schwanzbohnen werde ich ihm schon den entsprechenden Preis machen. Das können Sie ihm bestellen."

Das Pferd war in fünf Minuten gesattelt, Germanv bestieg einen zweiten Gaul, und beide Reiter sprengten in langem Ga­lopp über den Kamp, während Admiral Moreira sich auf der festlich erleuchteten (Samara anfeiern lieh.

Es war lange Mitternacht vorüber, als Moreira und seins Herren an Bord zurückfuhren.

Wo haben Sie den deutschen Lotsen?" fragte der Wach­habende auf dem Schiff.

Moreira war es bisher nicht ausgefallen, daß LührS fehlte, und die anderen hatten ihm wohlweislich nichts gesagt. Gr machte daher ein ganz betroffenes Gesicht.

Wahrscheinlich steckt er doch in seiner Haut!" meinte er verdrossen.Ober er feiert noch ein bißchen an Land. Vielleicht hat er zu schwere Fracht unter die Luken genommen, hat Schlag­seite und findet den rechten Kurs nicht zurück. Die schwarzen Affen im Boot sollen zurückrudern und ihn holen!"

Die Matrosen fluchten zwar, daß sie noch einmal zurück- pulen muhten, und Moreira fluchte noch mehr, als sie ohne Lührs wiederkamen. Er wurde aber wütend, als ein Cabv meldete, baß zwei schwarze Rudergäste des Bootes auch nicht wieder­gekommen seien. Sie hatten fich französisch gedrückt, als die an­deren den Deutschen suchen sollten und in der Stadt umherliesen. Der Kommandant donnerte den Cabo an, aber darum kamen die Ausreißer nicht zurück.

(Schluß folgt.)

*) Lotteriespiel.

**) Durch Rässe gekeimte Bohnen.

Schriftleitung: Dr. Jriedr. Wilh. Lange. Druck und Verlag der Brübl'kÄen Amv.-VuÄ-- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.