Ausgabe 
3.3.1925
 
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Gießener ZamilieMatter

__ Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (925 Dienstag, Sen 3. März ~~ MmmerP

Die Droschke.

Don Theodor Däublet.

Ein Wagen steht vor einer finstren Schenke.

Das viele Mondlicht tvird dem Pferd zu schwer.

Die Droschke und die Gassenflucht sind leer: Oft stampft das Lier, daß seiner wer gedenke.

Es halten diese Mähre halb nut die Gelenke, Denn an der Deichsel hängt sie immer mehr. Sie baumelt mit dem Kopfe hin und her, Daß sie zum Warten sich zusammenrenke.

Aus ihrem Traume scheucht sie das Gezanke And oft das geile Lachen aus der Schenk«. Da macht sie einen Schritt, zur Fahrt bereit. Dann meint sie schlafhaft, daß sie heimwärts lenke, .Und hängt sich an sich selbst aus Schläfrigkckp Doch einmal poltern da die Droschkenbänke.

Die schwarze Welle.

Don Afim-afsanga.

Wir sind in der Lage, einige Bruchstücke aus einem neuen Buch zum Vorabdruck zu bringen, das seiner Eigenart nach größtes Aufsehen erregen muh. Es handelt sich um den BomaneinesAegers, der in der französischen Arnree gedient hat und, von einem glühenden Haß gegen die Vergewaltiger der schwarzen Basse getrieben, in seinen Auszeichnungen schildert, wie das militarisierte Afrika die ihm an­vertrauten Waffen gegen deren Besitzer erhebt, als es im größten Maßstab zur Riederhaltung Deutsch­lands eingesetzt werden soll. Der Zeitungsleserweih aus unzähligen Rotizen der letzten Zeit, daß Afrika sich gegen die weihe Beherrschung zu wehren beginnt. Diese Aufzeichnungen führten mitten in die schwarze Gedankenwelt hinein, find ein weltgeschichtliches Do­kument ersten Banges. Ein bekannter deutscher Autor, F. O. Bilse, hat die unbeholfenen Mederschristen Afim-assangas unter Wahrung aller Eigenheiten in flüssige deutsche Form gebracht. Das Werk erscheint in Bälde bei Habbel und Baumann in Regensburg.

' ,Mi Der General sah den Gouverneur verständnislos, beinahe beleidigt an.Wie kommen Si-e zu einer solchen An­schauung?"

Der Gouverneur zog sein Ledergesicht in Falten, rückte nervös an der grauen Brille.....Erstlich man hat von dieser Bahn,

die zwei Milliarden Franks und Tausende von Menschenleben gekostet hat, einen großen Aufschwung des Handels zwischen dem Sudan und Europa verheißen, dem Volk für die Hergabe seines Geldes hohe Dividenden in Aussicht gestellt. Don einer nennens­werten Zunahme des Handels aber kann gar keine Bede fern, Dazu produziere» unsere Kolonien zu wenig, werden auch in Zukunft nicht viel mehr produzieren können. Denn es fehlt an ausreichendem Anternchmertum,"

Aber man rechnet doch auch, mit einem starken Personen­verkehr!" wandte der General etwas kleinlaut ein.

Der Gouverneur lachte.Ich bitte Sie! Wer fährt denn vom Sudan nach Algier oder Europa? Wer hätte dort etwas zu tun? Und wer fährt von dort oben, außer vielleicht einigen arabischen Händlern und Weltbummlern, von Algier hierher? Wer hier unten etwas zu schaffen hat, hat's in den Handels­häfen, nicht wahr, in St, Louis, Dakar, Konokrh, Groß-Bas,am und so weiter,"

,Jch hörte, man beabsichtige, etwa in die Mitt« der Bahn­linie, nach Sn Sallah zum Beispiel, einen wundertätigen Mara- bou zu setzen, den dann regelmäßig große Pilgerzüge vom Borden wie vom Süden Afrikas aufsuchen würden...?"

Bah! Fällt den Pilgerzügen nicht ein. Das Volk hätte sehr bald den geschäftlichen Hintergrund der Geschichte durch­schaut. Es wird jeden Tag klüger. Außerdem ist es zum Eisew- bahnsahren zu arm. Die wenigsten bekommen je im Leben ein &wx Geld in die Finger

Der General sog eine Weile nachdenklich an seiner Zigarette, die in einer goldenen Spitze steckte.Bun, Herr Gouverneur," begann er dann mit einem überlegenen Lächeln,Handel und Geschäfte spielen bei der Bahn ja auch nur eine untergeordnet« Bolle. Das Projekt ist doch wohl aus ganz anderen Erwägungen Hervorgegangen. Frankreich hat leider das, wozu Deutschland ein paar Jahrzehnte brauchte, in ein paar Jahren fertiggebracht nämlich sich alle Rationen zu offenen oder versteckten Feinden zu machen. Wir wissen: Eines Tages werden wir das Deutsch­land im Weltkrieg sein, uns aber nicht vier Jahre behaupten können. Also sind unsere einzige Bettung die schwarzen Armee­korps, die uns aber ohne die Wüstenbahn nicht in beliebiger Menge zur Verfügung stehen würden. Wie sollten wir sie ohne die Bahn nach Frankreich schaffen? Der Transport zu Schiff die Küste hinauf ist zu gefährlich. Er könnte jeden Tag durch englische Schiffe und Anterseebvote lahmgelegt werden. Der Marsch zu Land durch die Wüste kommt erst recht nicht in Frage. Sie wissen ja die einstigen arabischen Sklavenhändler waren zufrieden, wenn sie von 5000 Sklaven 2000 lebendig nach Rord- afrika brachten. Also blieb als einzige Transportmöglichkeit für unsere Zwecke die Dahn."

Richtig. Wir werden voraussichtlich eines Tages nicht nur einen europäischen Angriff zu bestehen haben, sondern unsere Ration ist auch überzeugt, zur Hegemonie über Europa berufen zu sein... Aebrigens eine Frage, da Sie ja direkt aus dem Palais d'Orsay kommen wie denkt man sich dort eigentlich die weitere Entwicklung der Dinge?"

Der General zog die Schultern hoch. Rach einer kleinen Weile sagte er:

Darüber scheint bei der Verworrenheit der allgemeinen Lage jede klare Vorstellung zu fehlen. Rur soviel scheint sicher: man rechnet eben mit einem neuen Krieg. And man betreibt Beschwichtigungspolitik mit Abrüstungskonferenzen, um in Buhe weiter rüsten zu können. Tatsächlich lautet meine Aufgabe hier unten nur vorläufig dahin, die allgemeine Dienstpflicht einzu­setzen und die erste der Rekrutierungen vorzunehmen, die nach der neuesten französischen Armeeverordnung in Zukunft alljähr­lich in Stärke von 280000 Farbigen erfolgen sollen.

Hm," machte der Generalgouverneur.Wie ich Ihnen schon sagte, lieber General keine leichte Aufgabe, was Sie da Vor­haben. Sie werden auf ungeahnte Schwierigkeiten stoßen. Wie Ihnen nicht unbekannt sein dürfte, haben bereits die Zwangs­aushebungen Schwarzer während des Weltkrieges und nachher zu schweren Reibungen mit den Eingeborenen geführt. Es hat böse Anruhen, Aufstände ganzer Stämme gegeben, Abertausende von Eingeborenen haben sich durch Aebertritt auf englisches Ge­biet der Aushebung entzogen. Wenn ich Ihnen also einen guten Rat geben darf fallen Sie nicht mit der Tür ins Haus. Ver­suchen Sie unter den Eingeborenen auf geschickt« Weise erst etwas Stimmung für die Sache einer allgemeinen Dienstpflicht zu machen. Rehmen Sie dazu freundliche Fühlung mit einflußreichen Familien und Stammesfürsten. And da ist! vor allem ein gewisser Samorh vom Stamm der Monde..

Doch nicht etwa ein Rachkomme jenes Samorh, der uns früher so viel zu schaffen gemacht hat?"

In der Tat. Ein Sohn des Samorh-Almamh, mit dem wir uns seit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts herum­geschlagen haben, bis er 1898 im Quellgebiet des Cavally mit 50000 Mann Kriegsvolk von Kapitän Gouraud gefangen wurde. Er ist dann 1900 auf einer einsamen Ogowe-Jnsel in Französisch- Kongo als Verbannter gestorben. Dieser Samorh, derafrikanische Alexander" genannt, war ein so hartnäckiger Gegner, daß wir mehr als einmal drum und dran waren, die ganze Eroberungs­politik hier unten aufzugeben. Er wird noch heute in ganz West­afrika als eine Art Volksheros vergöttert, und die Legende de? Eingeborenen verheißt seine Wiederkehr.

Wo ist er zu finden?" fragte interessiert der General.

Das wird Ihnen gewiß einer der Gouverneure sagen könne», die wir ja heute oder morgen erwarten,"

Ich danke Ihnen für Ähren Rat. Ein derartiger Ver- trauensmann unter den Eingeborenen wäre mir um so wert­voller, als ja die Frage der Rekrutierung eines- Tages auch einmal sehr plötzlich in ein anderes Stadium treten könnt«,

Wieso das?" fragte der Gouverneur überrascht.

Indem die Politik eine Wendung nimmt, die uns schon sehr bald in kriegerische Verwicklungen sagen wir: Sn tne