<— 40 —
Reis an de« ungerade« Lage« war eine mcht lukuLsche SpeLse- folge, und das Fleisch war auch schon knapp. Dre Tarque.) war zähe, und wenn man ihre Stapel auf Deck sah. wofie Wind, Wetter und andern Dingen ausgesetzt war. so verging einem die besondere Eßlust. Aus der Dohnenbruhe fischte Lahrs hin und wieder eine Barata"). die auf dem Wege von der Kambüse in den Raps geraten war. Dem Steward der LWse schwn ein solches Tierchen auch nicht gerade am rechten Platz zu sein, wenn er es in der Brühe schwimmen sah, und er langte es oft genug mit flinken Fingern heraus. Das aber erschien Luhrs nicht geeignet, den Appetit zu erhöhen. Der Steward mdeS servierte ohne Gemütsbewegung weiter.
Vsui Deubel!" sagte Luhrs einmal laut und schob den Teller zurück. Der Kommandant schneie die Ordonnanz an. aber alle Herren atzen ruhig werter. Was sollten sie machen? Man schwamm auf dem Ozean und war froh, wmn man nicht die letzten schwarzen Bohnen bereits rm Leibe hattL Es störte sie auch nicht, wenn der Keine muntere Dselfaffe durch das geöffnete Oberlicht der Messe herabgeturnt kam rmd an der Kette der grotzen Tischlampe seine Kunststücke vollfuhrte.
„Run fehlt nur noch, datz die freche Kreatur in den Bohnen- »apf fällt." dachte Lührs ingrimmig. Aber das Aefflem tat ihm den Gefallen nicht. Es klammerte sich mrt der Hinterhand an den Lampenhügel, lietz sich herabhangen, langte unverfroren in die Zuckerschale und schwang sich wieder hoch.
„Prosit Mahlzeit!" dachte Luhrs. „Bun trinke ich meinen ^a^5teJl3%ontmanbant merkte, datz die Schifssverpflegrmg seinem Gast und Lotsen nicht behagte. Ihm selbst schmeckte sie auch nicht. Aber mit frischem Proviant sah es an Bord windig aus: das frische Neifch war lange aufgezehrt. Gewassertes Salzfleisch und Xarque sind auf die Dauer aber nicht ^edermKMis Sache. ..Wir werden einen Hafen anlausen, um Frischwasser und Proviant zu fassen, Senhor Lührs." erKärte Moreira bald. ®r hot dem Lotsen dabei eine Zigarette an, die auch schon knapp
toUC JRann gern geschehen, Kommandant. Die Moria" geht nicht lief und kmm in jedes Strandnest hinein. Borausgesetzt, datz wir heil hineinkommen."
„Wozu sind Sie denn Lotse?"
Sie verstehen mich schon richtig, wenn Sie mich nur verstehen wollen. Außerdem bin ich nicht für jedes Loch in den Duner, '"^Moreira verstand Lührs in der Tat recht genau, aber er wollte sich keine Blöhe geben. Er trank seinen Kaffee, sprach mit feinen Offizieren gewaltig gegen die Regierungsflotte und spielte den Zuversichtlichen. Aber nach Tisch rief er LnhiÄ ins Kartenzimmer und fragte ihn, welchen Hafen man am besten Anlaufen könnte.
„Auf landschaftliche Schönheiten lege ich dabei ben geringere» Wert" scherzte er dabei. Lührs aber lag alles daran, möglichst bald in einen Hasen zu kommen und dann an Land zu entwischen. Oe weiter die „Gloria" dampfte, desto länger wurde der Rückweg nach Rio do Bugre, wo Hein Baukhage und der ganze Stammtisch wartete. 3a, Baukhage war doch der S chlauere gewesen!
Lührs packte der Grimm. „And wenn ich unter die Haifische jumpen mühte, ich bleibe auf keinen Fall auf diesem vermaledeiten Kasten!" gelobte er sich.
Dem Kommandauten aber zeigte er ein fröhliches Gesicht und pfiff sich eins.
Die Matrosen wunderten sich über den Lotsen, denn ihnen war es nicht nach Pfeifen zumute. Sie pfiffen sozusagen auf dem letzten Loch. 3n ihren Backschaften war Schmalhans Küchenmeister, und Fleisch kam bei ihnen schon gar nicht mehr auf den Tisch. Farinha. mit Wasser gebrüht, der liebe Pirav, war tag» ein, tagaus die Zukost zu den Bohnen. Schnaps gab es gar nicht mehr, Tabak nur wenig. Die Stimmung sank nach dem verfehlten Anschlag auf Rio do Bugre von Tag zu Tag mehr nullwärts und wurde statt himmelblau immer aschgrauer. Angeln hatte auf Hoher See auch keinen Sinn. Sie versuchten es zwar, mit der Harpune Delphine zu jagen, aber das Wurfeisen klapperte immer leer gegen die Bordwand: die flinken Tümmler waren ein Ziel, das Hebung erforderte. Die großen Tiere spielten und tauchten freilich unermüdlich vor dem Bug des Schiffes, sie waren Tag und Rächt sozusagen die Vorreiber der „Gloria", aber die schwarzen Marinheiros ritzten höchstens einmal einen Delphin mit der Harpune an. Das besserte die Laune an Bord auch nicht, wenn auch das Harpunieren über die Langeweile hinweghalf und sogar Grund zum Wetten bot.
„Sobald wir in einen Hafen kommen, kratze ich aus!" gelobte mancher heimlich. Denn dazu hatten sie nicht Revolte gemacht, datz sie mit knurrendem Magen ihre Wache auf See gehen wollten! Eine kleine Abwechslung gab es freilich, als der Kom
*) Dörrfleisch.
’*) Schabe,
Mandant die letzten Fäßchen Eachaca auflegen und eine ansehnliche Ration für den Tag verteilen ließ, um die Stimmung zu heben. Aber der Schnaps machte einige Leute wild, sie gingen mit dem Messer aufeinander los, und der Kommandant mutzte die wildesten Streithähne in Eisen schließen lassen. Darauf wurde die Schnapsration wieder gekürzt, und das verdarb die allgemeine Stimmung,
„Wie lange wird es Rauem, bis die Gesellschaft meutert!“ dachte Lührs besorgt, und er wünschte nichts sehnlicher, als daß die „Gloria" baldigst in einen der kleinen Häfen einschlüpfen möchte. Denn in einen größeren Hafen anzulaufen, wäre für das kleine Schiff der sichere Untergang gewesen. Dort warteten größere Fahrzeuge der Regierung und wohlarmierte Forts und erledigten mit ein paar Salven den kleinen Kasten im Handumdrehen, und was von der Mannschaft nicht versackte, konnte auf schwere Strafe gefaßt sein. Die Regierung war erbittert und Würde nicht viel Federlesens machen, und die versuchte Hebet3 rumpelung von Rio do Bugre halle dem Faß den Boden aus- geschlagen. Der Kommandant folgte also endlich dem Rate Lührs und setzte Kurs auf Sav Jose do Matabicho.
„Wir werden dort freilich kaum Munition greifen ober Kohlen fassen können, und unsere Bunker werden allmählich leer,“ überlegte der Kommandant.
Aber Lührs redete ihm eifrig zu. Kohlen seien überall für gutes Geld zu haben. Warum also nicht in Sao Jose do Matabicho?
Aber zum „guten Geld" machte der Kommandant ein säuerliches Gesicht. Es haperte allmählich auch damit. Bisher hatte er der Mannschaft und den Offizieren den Sold pünktlich auszahlen lassen, und das mußte auch weiter geschehen, wenn es nicht zum ärgsten kommen sollte. Die Schissskasse war aber arg zusammengeschmolzen, und wenn teure englische Kohle für schweres Geld gekauft werden sollte, so langte der Bestand an barem Geld nicht mehr weit.
„Bun,“ entschied sich Moreira schließlich, „im schlimmsten Falle nehmen wir die Kohle einfach, wo wir sie finden. Rot kennt kein Gebot.“
„Sagte der Fuchs auch, als er vor Hunger nach dem Köder schnappte und dabei ins Tellereisen geriet,“ dachte Lührs, aber nur für sich. Dann verließ et den Kommandanten und ließ den Wachhabenden sofort Kurs auf Sav Jose do Matabicho sehen, achtete auch genau darauf, daß streng nach der Seekarte gesteuert wurde, und studierte heimlich die Landverbmdungen, die am eiligsten nach Rio do Bugre führten
Dort hatte man ihn am Stammtisch wohl schon totgesagt, und er malte sich mit etlichem Selbstkihel das Hallo aus, mit dem man ihn empfangen werde. Hnb die „Tribuna do Povo würde mindestens zwei Spalten mit fünf fetten Hebetschtlften über die „glorreiche Heimkehr des tapferen und unerschrockenen Kommandanten Lührs" bringen!
Dann aber studierte er eifrig mit dem Wachhabenden die Seekarte.
„Auf die Karte kann man sich auch nicht immer verlassen.“ behauptete der Offizier, „wir sind voriges Jahr mit „Aquidaban vor Rio umhergegondelt und dabei ganz unverhofft auf entert großen Felsen gerannt, der auf keiner Karte verzeichnet war. Der große Kasten riß sich dabei ein ekliges Leck.“
„Da werdet Ihr eben nicht auf die Karten geachtet haben, mein guter Freund. Ihr seid einfach darauf losgefahren. Man kennt das ja," behauptete Lührs.
Zu anderer Zeit und unter anderen Verhältnissen hätte Lührs einem Kriegsmariner unter der grüngoldenen Flagge nicht mit solchen Anzüglichkeiten kommen dürfen. Aber jetzt war er ja der Schutzengel der „Gloria“, und alles an Bwd, vom Schiffsjungen bis zum Kommandanten, setzte seine Hoffnung auf Lührs, der die Häfen im Süden und ihre gefährlichen Einfahrten von mancher Reife her kannte. Wenn Lührs den Kahn nicht glatt zwischen den Bänken durchzulvtsen verstand, so blieb die „Gloria“ auf dem Sande kleben, wie eine Briefmarke auf dem Umschlag, und mit der ganzen Fahrt war es zu Ende.
Dagegen hatten alle an Bord aber eine sehr begreifliche Abneigung. Denn keiner wußte, wie der Empfang an Land sein würde, wenn sie als Schiffbrüchige geborgen wurden. Selbst Ser Kommandant hegte darüber begründete Zweifel, toenn er auch den Kopf hochtrug und den Schnurrbart verwegen huch- zwirbelte. Riemanb brauchte zu merken, daß dem zuversichtlichen Alfredo Moreira seit der Beschießung von Rio do Bugre bereits recht katzenjämmerlich zumute war. Er hatte alles auf diese eine Karte gesetzt, und die neckische Dame Fortuna Halle ihn betrogen und an der Base geführt. Aber ebensogut konnte sie üyn ja in Sao Jose do Matabicho einen guten Schling tun lassen, und im alleräußersten Rotsalle, aber auch nur dann — Ja. an diesen allerbösesten Fall hatte der gestrenge Herr Kommandant bisher noch gar nicht ernstlich denken können,,
(Fortsetzung folgt.)
Schriftleitung: Dr. Friedr. Wilb. Lange. — Druck und Verlag der Vrühl'schen LIniv.-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gietze«. '


