Ausgabe 
31.5.1924
 
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668 Feuer aus den Hecken und HänkeM und von den Bäumen, tnSbefandere aus der Flanke schlägt chnen entgegen. Umsonst ist aste Todesverachtung der tollkühnen Scharen; was nicht fällt, stürzt verwundet in Stellung zurück, darunter auch Lt. Madlung. Doch einmal, um 12 lUyr mittags, versucht der an diesem Tage mit dem E. K. I. ausgezeichnete löwenkühne Führer der M. G. K., Hptm. Pvlh, mit drei Maschinengewehren die übrigen sind zerschossen und einer Schar Versprengter aus allen Kompagnien des Re­giments, zusammen mit dem Bataillon Schildhauer vom 3.R. 117 den Angriff wieder in Fluh zu bringen. Auch jetzt ist alles ver­gebens. Sie kommen nur vor zu den am Feinde liegenden Trüm­mern der Kompagnien. Hier stürzt der tapfere Offizier, die Seele des Angriffs, schwer verwundet zu Boden, ein selten gesehenes Beispiel von Mut und .Unerschrockenheit, und um ihn sinkt einer seiner Getreuen nach dem andern nieder. 3n gleich kühnem Vor­gehen stirbt Major Schilling von Cannstatts der Führer des 3. Balls., den Heldentod. Lt. Bro drück. Weher und Dose werden verwundet, zusammen mit ihnen der größte Teil der Unteroffiziere und Mannschaften, die mit ihren Offizieren wett­eiferten an Tapferkeit und Pflichttreue.

Als sich der zweite Tag von Le Quesnoh zu Ende neigte, schuppte sich ein Teil der Verwundeten, den Tod nicht mehr ach­tend, zurück. Verpflegung konnte auch in dieser Aacht nicht nach pvrn gebracht werden. Trotzdem wurde der Befehl zum Sturm aufrechterhalten. Aber irgendwo liegt die Grenze des Möglichen.

Am 2. November setzte also nach dem Hellwerden eine neue Beschießung des Dorfrandes durch unsere Artillerie ein. Diesmal waren es schwere Kaliber, Mörser und Haubitzen, die der 3n- fanterie den Weg bahnen sollten. Die 3. Brandenburger, die dem Gegner schon zu so manchem Tanz aufgespielt hatten, richteten auch heute wieder wüste Verheerungen am Dorfrande an. Aber leiden muhten auch diesmal wie am Tage zuvor die eigenen Gräben mitgetrvffen werden. Es traten Verluste ein. Meldung zur Ar­tillerie war unmöglich. Die Niedergeschlagenheit erreichte ihren Höhepunkt. Hoffen und Fürchten, Mut und Verzagen, Freude und Schmerz machten allmählich einer völligen Empfindungslosig­keit, einer körperlichen und seelischen Widerstandslosigkeit Platz. Wie ein letztes Aufflackern, eine letzte Zuckung sah man um die Mittagsstunde links zwei Pionierkompagnien zum Angriff vor­rücken. Sie kamen bis zu dem Wäldchen 800 Meter südlich von Le Quesnoh. Weiter nicht. Dann hörte jede Bewegung auf. Er­starrung legte sich über das Schlachtfeld. Da erkannte die höhere Führung die Unmöglichkeit der Tat. Sie war nicht auszuführen, St hätte sie das Regiment ausgeführt. Gegen Abend kam der!

rhl. die Stellung zurückzunehmen in eine von Parvillers nach dein Wegekreuz südwestlich von Damerh führende Linie, die von der 21. 3.D. besetzt werden sollte. Noch, eine letzte schwere Aufgabe! Auf der Erde kriechend, den verwundeten Kameraden in einer Zeltbahn mit sich schleppend, das zerschossene Maschinengewehr hinter sich her zerrend oder den toten Führer auf den Schaltern, tragend, so löste sich Grüppchen für Grüppchen vom Gegner los, verfolgt vom lauernden feindlichen Feuer, äleber Damerh schlepp­ten sie sich nach Fresnoh, das sie vor drei Tagen um dieselbe Zeit verlassen hatten. Todmüde warfen sie sich dort zur Erde nieder, doch die fiebernden Schreckensschreie un& Kommandorufe der Träu­menden liehen sie auch hier keine Nuhe finden.

Erst das nächste Morgenlicht lieh die völlige Gröhe des Un- glücks erkennen. 3m wilden Durcheinander vor Le Quesnoh konnte man nicht wissen, wer noch zu den Lebenden zählte und wer fehlte. Erst jetzt, als die Verbände fidji wieder ordneten, wurde es schrecklich Tag. Zehn Offiziere, darunter auch Lt. d. N. Acker­mann, Herb, Kammer und Feldwlt. Schmitt, und 569 Unteroffiziere und Mannschaften fehlten. Fast alle Kompagnien waren ohne Offiziere. Don den vielen Kriegsfreiwilligen, meist Gießener Studenten, die vor zwei Wochen in Heller Begeisterung zum Regiment ins Feld gefahren waren, war fast keiner mehr zurückgekehrt. 3n frischem, aufrechtem Vorwärtssturm waren sie bis auf wenige von der Sichel des Todes hinweggemäht worden. Nun lagen sie draußen aus dem Felde vor Le Quesnoh, und die Schritte des Feindes zogen achtlos an ihnen vorüber. Größere! Niedergeschlagenheit hat selten auf einer Truppe gelastet. Gewohnt an Sieg und, stolz auf so manchen ruhmreichen Sturm hatte das das Regiment sich! hier zum ersten Male beugen müssen. Zwar war es nicht besiegt, aber schon der unentschiedene Kampf wurde als Niederlage empfunden. Nutzlos war das Blut der vielen Ka­meraden dahingeflossen . Wohl war es auch bei Anloh heiß und! blutig hergegangen. Aber dort hatten die Sterbenden mit dem Rufe Sieg auf den bleichen Lippen Abschied genommen von der strahlenden Sonne des Lebens. Dort verklärte der Sieg den Tod, und der Anblick der siegreich flatternden Fahne milderte den Schmerz des Scheidens. Aber hier vor Le Quesnoh wurde das tödliche Geschoß mit der Wut der Verzweiflung empfangen, und die brechenden Augen klagten dem kalten Herbsttag die Pein des trostlos Sterbenden, der kein Grab von Freundeshand finden sollte.

Am 3. November erlag Hptm. P o l h seiner schweren Verwun­dung, zwei Tage vor dem Tode seines einzigen Bruders, der in Nesle vom Thphus weggerafft wurde. Gr wurde auf dem Friedhof von Rohe, Major Schilling v. Cannstatt in Fresnoh be- erdigt.

Das Gefecht bei Le Quesnoh war für das Regiment der legte Ausläufer des Bewegungskrieges. Am Uebergange zum Stel­lungskrieg gelegen, trug es die Merkmale beider Kriegsarten in sich. Die freie Entfaltung im rückwärtigen Gelände, das Vor­gehen über das freie Feld, das Anlaufen zum Sturm auf den Geg­ner unterschied sich wenig von den bisherigen Kämpfen. Das mehr­tägige Ssilliegen hart am Gegner, tief eingraben, das zusammen­gezogene Artilleriefeuer auf bestimmte Stellen, die durch Befehle festgelegte Zeit zum Ausfall, das find die Kennzeichen des be­ginnenden Stellungskrieges, den das Regiment in den nächsten Zähren zur Genüge kennengelernt und zu immer schrecklicherer Vervollkommnung sich entwickeln sehen sollte.

Der Erfolg der bisherigen Kämpfe war gewaltig. Tief, in Feindesland standen unsere Heere. Eine gute Führung und eine beispiellose Heldenhaftigkeit des deutschen Soldaten hatten die Truppen von Sieg zu Sieg geführt und der Heimat die trostlosen Greuel des Krieges erspart. Ein Vorsprung war gewonnen, der für den ganzen weiteren Verlauf des Krieges entscheidend' blieb. Groß waren freilich die Opfer, mit denen dieser Vorteil errungen war. Ein zahlenmäßiger Rückblick auf die Verluste des Regiments für die Zeit vom 22. August bis zum 2. November zeigt uns fol­gendes: Tot 20 Offiziere, 581 Unteroffiziere und Mannschaften; verwundet 39 Offiziere, 1845 Unteroffiziere und Mannschaften; vermißt 3 Offiziere, 566 Unteroffiziere und Mannschaften. Also Gesamtverluste: 62 Offiziere, 2992 Unteroffiziere und Mannschaften. Mit einer Gefechtsstärke von 70 Offizieren, 2921 Unteroffiziere^ und Mannschaften war das Regiment aus Gießen ausgerückt.. Es war also, rein zahlenmäßig betrachtet, in den zehnwöchigen Kämpfen vollständig aufgerieben. An Ersatz trafen bis zum 2. No­vember beim Regiment ein: 6 Offiziere, 1124 Unteroffiziere und Mannschaften. Durch Krankheit schieden in demselben Zeitraum etwa 400 Köpfe aus. So belief sich die Gefechtsstärke des Re­giments am 2. November noch auf 12 Offiziere, 658 Unteroffiziere und Mannschaften.

Wie Kant beinahe geheiratet hätte.

Novelle von August S ch r i d e r.

(Schluß.)

Er hatte Schwestern in ärmlichen Verhältnissen. Auch diese mochten mit Recht auf ihn hoffen. Und wenn die Wage wieder gunsten seiner Wünsche stieg, so sagte er sich:Ein Philosoph muß unabhängig fein, wie oft habe ich diese Maxime nicht verkündet! Nun habe ich genug, doch wie dann, wenn mich die Zensur oder ent Minister nötigt, mein Amt aufzu geben, um die Wahrheit reden zu können. 3ch habe der Welt noch vieles zu sagen; soll mich der Blick auf Frau und Kind hindern, auszusprechen, was ich ergründet oder veranlassen, zu schweigen und schwächlich zu ver­hüllen? Nein, nein! Und wird es einer jungen Frau in der strengen Regelmäßigkeit des Daseins, die mir notwendig ist, gefallen? Wird sie dieselbe nicht unter mannigfachen Kämpfen zu durchbrechen versuchen?" Er blickte im Zimmer umher, wo jeder Gegenstand heute an derselben Stelle war, an welcher er vor einem Jahre sich befunden.Werde ich den großen Plan, den ich gerade jetzt in mir trage, unter den Störungen aller Art vollenden können? Aber eine innere Stimme sagt mir, daß mir ein Mädchen tote Sophie, das so nahe dem Bilde kommt, das ich mir in Gedanken mit allen schönen und edlen Eigenschaften aus- geziert, nicht mehr begegnen werde. Entsage ich diesmal, so ver­zichte ich für immer auf die Freuden des Hauses und auf treue Pflege im gebrechlichen Alter."

So wogte es in ihm auf und nieder, und der Philosophische Weg, auf dem er sonst ruhig sinnend die Kapitel seines neuen We5es vorauszudenken pflegte, sah nun einen Mann, der bewegt aus und ab sch,ritt und so unruhig und unentschlossen in sein einsames Heim zurückkehrte, als er gekommen war.

Acht Tage in Arbeit und der trotz innerer Kämpfe festge­haltenen Regel der Gewohnheiten vollbracht, scheinen dem älte­ren Manne nicht lang; für ein Mädchen, das sich vor den bedeu­tendsten Augenblick ihres Lebens gestellt glaubte, sind acht Tage Wartens unerträglich.

Warum mußte auch, gerade jetzt Frau von Kehserlingk ab­wesend fein, die mit Freundeshand die Wirren hätte losen kön­nen? Man durfte sie nicht rufen, denn die Krankheit der Kinder aus Capustigall hatte eine Wendung zum Schlimmeren genom­men. So erschöpften sich denn Frau von Gimborn und Sophie in Vermutungen über das Schweigen und Ausbleiben Kants.

Frau von Gimborn kam auf den Gedanken, einen Anlaß zu wählen, um an den Philosophen zu schreiben. Sie erkundigte sich unter dem Vorgeben, daß ihre Lektüre sie darauf geführt habe, nach der Meinung Kants über einen ernsthaften und bedeuten­den Mann, der mit den Geistern Abgeschiedener im Verkehr zu stehen und das zweite Gesicht zu haben behauptete. Eine Anfrage der Art, wie sie gewiß oft an ihn gerichtet wurden, konnte nichts Auffallendes haben.

Kant fühlte, daß ihm hier ein Anlaß gegeben sei, den Damen einen Besuch zu machen, sich zu ertlären; aber er war mit sich noch nicht im reinen, und es war gegen seine Maxime, zur Hand­lung zu schreiten, ehe er mit der Erwägung vollkommen zu Ende wäre. So schrieb er denn sachlich über die aufgeworfene Frage,