Ausgabe 
31.5.1924
 
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Gießener Hamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang l924 Samstag, den 3|. Mak Nummer 23

Später Frühling.

Don Richard von Schaukak.

Zu seinem 5 0. Geburtstag.

Liebe Sonne, kehrst du wieder, endet diese lange Wacht?

Sehnend hat der blaue Flieder Seine Knospen schon entfacht.

Was noch neulich schattenhauchend, schüchtern sich hervorgewagt, Schöner Traum vom Lenz, enttauchend einem winterlichen Tag:

Ueppig drängt es sich entfaltet fordernd ans verhalt'ne Licht. Was dein Schöpfer dir gestaltet, Seele, blind«, siehst du's nicht?

Le Quesnoy.

Der schwarze Tag des Gießener Regiments.

Don Professor Hitz- Karlsruhe*).

2lm 12. Oktober wurde unser Regiment durch das 3.2t. 118 ab gelöst. Schon am nächsten Tag rückte es wieder in die Stel­lung zwischen Parvillers und Damery. Es sollte nicht lange in ihr liegenbleiben.

Schon seit einigen Tagen wurden Erkrankungen festgestellt, die den Verdacht erweckten, datz ein besonders gefährlicher Feind sich in die Reihen des Regiments geschlichen habe, der Typhus. Alle Darmkranken und Verdächtigen wurden aus den Kompag­nien herausgeholt, abgesondert und möglichst bald fortgeschafft. Am 13. Oktober wurde die M.G.K. abgelöst und nach Thilloy gelegt. Das Etappenlazarett stellte den Typhus fest. Schon waren 70 Kranke in die Lazarette von Wesle und St. Quentin verbracht worden, darunter Stabsarzt P o l h, der der heimtückischen Krank­heit in Wesle zum Opfer fiel. Sofort wurde das Regiment durch das 3.2t. 115 in der Stellung abgelöst (15. Oktober), nach Cre- merh gelegt und geimpft. Bald lagen mehr als zwei Drittel aller Leute in den zerschossenen Häusern auf Stroh, alle mit heftiger 3mpfreaktion. Die ganze Aufmerksamkeit wandte sich nun der Bekämpfung der bösartigen Krankheit zu. Dreimal wurde die Truppe geimpft, täglich fanden ärztliche Untersuchungen und Be° lehrungen statt, jede Vorsichtsmatzregel gegen weitere Ansteckungen wurde getroffen. Dem Regimentsarzt, Stabsarzt Dr. Szu- b i n s k i, und den Bataillonsärzten gelang es schlietzlich in auf­opfernder Tätigkeit, der Krankheit Herr zu werden und bald eine Besserung herbeizuführen. Leichter Gefechtsdienst, Zielübungen, Turnspiele und Unterricht gewöhnten die Truppe allmählich wieder an die Anforderungen, die ihrer warteten. Am 28. Oktober fand eine Webung des Regiments statt, die ihrer Eigenart wegen er­wähnt sei: Der Sturm gegen Waucourt, wie ihn das 3.2t. 115 am 25. September links von uns ausgeführt hatte, war die Aufgabe, die ihr zugrunde lag. Aus Marche-Allouard heraus griffen das 1. und 3. Batl. den Franzmann, den das 2. Batl. markierte, über ein freies Feld von über 2 Km. an und warfen ihn glän­zend.

3n den Tagen dieser Krankheit mutzte auch Oberst Schim­mel P f e n n i g, der Vater des 2tegiments, seinen Truppenteil, an dem er mit ganzem Herzen hing und auf den er, stolz sein konnte, für immer verlassen und sich in ärztliche Behandlung be­geben. Aber er konnte keine Heilung finden und ist bald darauf als Kommandant von Thorn seinem Leiden erlegen. Die Füh­rung des Regiments übernahm Major Schwierz vom 3.21. 115, ein Offizier, dessen Unerschrockenheit und Kriegserfahrung die 116er in manchen Gefechten schätzen und lieben gelernt hatten. Major Schilling v. Cannstatt, Lt. Brendel, Bethge u. a. trafen mit 400 Mann Ersatz ein, meist Wietzener Studenten. Major Schilling v. Cannstatt übernahm die Führung 'des 3. Batls., Hptm. d. L. Minnich trat zum 3.2tj 115 zurück. Die in diesen Tagen auf Kraftwagen aus der Heimat eintreffenden Liebesgaben kamen gerade zur rechten Zeit an und lösten bei der reichlich be­dachten Truppe große Freude und Dankbarkeit aus.

*) Mit Erlaubnis des Verlages Gerh. Stalling, Oldenburg, der soeben erschienenenKriegsgeschichte des ehemal. 3nf. - Rgts. Kaiser Wilhelm (2.Grvtzh«rzvgl. Hess.) A r. 116" entnommen.

Vierzehn volle Tage lag das Regiment in Cremerh. Es war die erste größere Ruhezeit seit dem Ausrücken ins Feld. Da wurde die von der Krankheit kaum wiedergenesene Truppe jäh aus der Ruhe gejagt. Der schwarze Tag des Regiments kam heran.

Der Feind hat mit starken Kräften das von der 21. 3.D. ver­teidigte Le Quesnoh-en Santerre überrumpelt und weggenommen!" Wie ein Blitz schlug diese Meldung am Abend des 30. Oktober beim Regiment ein. Sofort wurde alarmiert. .Um 10 Uhr nachmit­tags rückten die Bataillone nach Fresnoh vor. Dort hieß es. «8 sei alles wieder in Ordnung, Le Quesnoy sei wieder unser, di« Regimenter 81 und 88 hätten es den Franzosen wieder entrissen. Die Unsicherheit der einlaufenden Meldungen war nie so groß wie an diesem Tage. Die Bataillone rückten weiter vor nach Da- mery, wo sie um 4 Uhr vormittags ankamen. Dort kam neue Meldung von vorn: Le Quesnoy ist zum zweiten Male von den Franzosen genommen worden. Aun wurde das 2tegiment gegen das Dorf angesetzt. Rechts der Stratze DameryQuesnoy sollte das 3. Batl. mit vier Maschinengewehren vorgehen, an der Straße selbst und links davon das 1. mit zwei Maschinengewehren. Das 2. Batl. hatte sich schon zwei Stunden zuvor in Anlehnung an diese Straße entwickelt und lag bereits weit vorn im Felde. Gin lichterloh brennendes Haus in Le Quesnoy gab den in der Dunkel­heit vorrückenden Kompagnien die Marschrichtung an. Eine Zeit- lang schien es, als ob alles gut ablaufen sollte. Die Bataillons kamen vor, wenn auch mit Verlusten. Bald waren sie auf Sturm­stellung an den Feind heran. Gr lag wieder vor dem Dorfrand, gedeckt durch Gräben und Hecken. An einigen Stellen hatten sich die Kompagnien auf 50 Meter an ihn herangearbeitet. Aber hier, so nahe am Ziel, sollte jetzt ein Schauspiel anheben, so un­geheuer und fürchterlich, datz es den wenigen, die es überlebt haben, nie aus dem Gedächtnis entschwinden wird. Einzelne Kom- Pagnien, auch Züge und Gruppen, stürmen vor. Ein rasendes Feuer mäht sie nieder. Was noch lebt, springt eiligst in die Deckung zurück. Ein zweiter und dritter Versuch mißglückt ebenso. Dann gibt es ein Zuwarten. Aber jede Verbindung nach rechts und links fehlt, und die Wachbartruppen schaffen keine Abhilfe gegen das schreckliche Flankenfeuer. Meldungen nach hinten sind unmöglich. Was die Deckung verläßt, wird abgeschossen. Wirgends Hilfe, jeder ist auf sich selbst angewiesen. Von neuem wird der Sturm versucht. Mit gezogenem Degen stürmt Offzst. Ohly seiner 6. Kompagnie voran. Gr fällt, die meisten seiner Braven mit ihm. Dem Oberst, d. 2t. Frank von der 11. Kompagnie gelingt es, mit seiner kleinen unerschrockenen Schar durch die Hecken durch- zustohen und sich ins Handgemenge mit dem Gegner zu stürzen. Mer das Häuflein ist zu schwach, erliegt der Uebermacht, und keiner von ihnen kehrt mehr zurück. Das gleiche Geschick ereilt den Führer der Leibkompagnie, Oberst. Bethge, und den Adjutanten des 1. Bails., Lt. d. R. Desch, mit ihren treuen Kameraden. Umsonst ist aller Heldenmut, umsonst die pflichttreue Aufopferung. So vergeht Stunde auf Stunde in qualvoller, hoffnungsloser Lage -Mit Bangen wird der Abend erwartet.

2Iber auch der sollte keine Besserung bringen. Hunger und Durst quälen die durch die Anstrengung des Tages zu Tode Gr» matteten. Aber es kann nichts nach vorn geschafft werden. Di« mondhelle Wacht läßt keine Verbindung zu. Was den Kopf über die Deckung streckt ist verloren. Abgeschnitten von allem, gefan gen wie in einer Falle! Kein Essen, fein Trinken, fein Munitions ersah. Und doch wird der Entschluß, das Dorf zu stürmen, nich' aufgegeben: Drei Bataillone von den Regimentern 87 und 88 rückeck im Laufe der Wacht nach vorn. 216er es gelingt ihnen nicht ein­mal, bis in die Höhe unserer vorderen Kompagnien zu kommen; 200 Meter dahinter müssen sie liegenbleiben und Schuh suchen gegen die alles niedermähenden feindlichen Maschinengewehre.

Ohne die Mitwirkung der Artillerie war jede Anstrengung vergeblich, war die größte Heldenhaftigkeit umsonst. Am späten Morgen des 1. Wovember kam der Befehl:Unsere Artilleri«! nimmt den Dorfrand unter Feuer, die vor Le Quesnoy liegender, Bataillone sollen bis in die Höhe des rechts ansch ießenden 3.R. 118 zurückgehen." Aber der Befehl, sich vom Feinde loszulösen, konnte nicht ausgeführt werden, denn es war inzwischen hell geworden^, und alles lag dicht am Gegner. Das bald einsehende Feuer un­serer Artillerie faßte zwar die Stellung des Gegners gut, aber es brachte der 3nfanterie nicht die gehoffte Erleichterung, da es natur­gemäß auch unsere Gräben in Mitleidenschaft ziehen mutzte. Trotz­dem wird der Sturm nach der Beschießung von neuem versucht Zweimal, dreimal springen Lt. Madlung und andere Offizier« und Unteroffiziere mit ihren Leuten aus dem Graben. 2kr6eere»