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„Meinetwegen. 3tt Berlin aber machte er seinen schönen Prospekt. Auf diesem waren die Ziffern hübsch aufgereiht, die Gewinnposten aufgestellt wie eine Batterie, zum Feuern fertig — und Julius Schmitz kam gerade zur rechten Zeit/
Damals schossen die kolonialen Gründungen auf, wie Spargel aus den Beeten. Julius hielt also zunächst einen berückenden Dvrtrag in der Kvlonialgefellschast über die unbegrenzten Möglichkeiten auf beiden Äsern des Rattenbachs, wo Tausende von Kolonisten ansässig werden und ihre Ernten reiche Frachten für die Fluhdampfer liefern mühten, wo hunderttausend Rinder und Pferde Weide haben und sicher auch wertvolle Metallfunde den Bergbau lohnen könnten. Er lieh etwas von Goldadern und Kupferminen fallen, und für so etwas gibt es bei den Berliner Finanzleuten immer gespitzte Ohren. Sägewerke mühten außerdem die Prachthölzer des Urwaldes verarbeiten, und er hatte Proben von Louro, Jacaranda, Jpe, Angico und was weih ich zur Hand. Das alles stand in seinem Prospekt, und toehtn er dann mit erhobener Stimme den Namen seines Unternehmens herausschmetterte, — .Cvmpanhia de Ravegayao ä vapor de Jtaparahh' den Ton so richtig auf dem yl —, so fanden sich immer dividendengläubige Herzen und zeichneten Anteile."
„Ja, reden kann Julius," sagte Dümpke, „das muh man ihm lassen. Ich habe ihn mal mit auf den Pferdehandel genommen. Ich glaube, er könnte den Deubel selber bereden, dah er sich dre Quaste vom Schwanz schneiden liehe."
„Julius wurde also richtiggehender Direktor der neuen Gesellschaft, trug einen nagelneuen Seidenhut und Lackstiefel, lebte fein und bestellte einen Fluhdampfer, einen kleinen Heckradkahn, in Rohlau an der Elbe, verfrachtete ihn nach hier und lie hihn zusammensetzen. Dann kam der grohe Tag der Probefahrt. Ra, das war eine Leistung!"
„Stärken Sie sich erst mal!" rief der Kapitän.
„Ja, das war ein Dag. Alle Hagel! In der Mündung des Nattenbachs lag der „Pionier" — so hieh der Kahn — ganz über Toppen und Takel geflaggt. Die Spitzen der Behörden des Mu- nizips Jtaparahh und befreundete Geschästsleute — ich gehörte damals auch dazu — waren geladen, einige Kolonisten, denen Julius aus seiner seligen Pikadenzeit noch Geld schuldig war — daher auch unser Freund Dümpke und Gottfried Trarbach muhten als Vertreter der freudig bewegten Landbevölkerung mitwirken. und der Rummel ging unter Vivat und Raketengeknatter los.
Der „Pionier" dampfte fluhaufwärts, dah die Funken aus dem Schlot stoben — er wurde mit Holz gefeuert — und der Intendant von Jtaparah, ein gefürchteter Dauerredner, weihte den ersten, Trinkspruch und das erste Glas Sekt dem Gedeihen des segensreichen Unternehmens, das dem Munizip neue und ungeahnte Ueberraschungen bringen werde und dessen genialen Leiter er in der Person des ausgezeichneten und scharfsinnigen Direktors Julio Schmitz zu begrühen die Ehre habe.
. Alles rief Vivat, nur Gottfried fluchte oben auf dem Verdeck mörderlich, denn ein glimmendes Aschenteilchen hatte ihm ein Loch in feinen schwarzen Gottestischrock gebrannt. Aber Julius beruhigte ihn und versprach Ersah, leistete auch eine Anzahlung von fünf Milreis darauf und machte mit Erfolg auf den saftigen Spiehbraten aufmerksam, der am Ende der Fahrt bei Juca Ta- vares der Gäste harre. Dazu sparte er nicht mit den nötigen Getränken, und alles geriet in Stimmung. Der Maschinist, der auch ein paar Glas genippt hatte, ebenfalls und konnte seinen Kompaß Wohl nicht mehr so richtig erkennen.
Das sollte eine angeähnte Aeberraschung ergeben. Julius selbst hielt gerade eine schwungvolle Rede auf die erleuchteten Vertreter der Munizipalbehörden, die Förderer und Vorkämpfer für Ordung und Fortschritt — da ging es: Schnurrburr! Rack! Ruck! — und der „Pionier" sah auf den Steinen wie angeleimt. Alles purzelte durcheinander, Julius und der Intendant, die erfreuten Landbewohner mti> wir Geschäftsleute, die Gläser und die Flaschen. Alles verlor das Gleichgewicht. Julius gvh dem Intendanten das volle Sektglas auf die Glatze und fand sich höchst erstaunt auf dem Fußboden, mit heftigem Ruck landend, wieder. Der Intendant und andere klammerten sich ans Tischtuch, was auch ungeahnte Aeberraschungen zur Folge hatte. Ich erhielt dabei eine volle Ladung Rotwein mit Zigarrenasche auf die Hosen. Alles brüllte und drängte hinaus. Julius fluchte und Wetterte auf den Maschinisten, der ein Scheit Brennholz nach ihm feuerte, das die Lampe in Splitter leigte, aber es war lein Halten mehr. Alles stürzte ans Ufer. Das war nicht gefährlich, denn es standen keine zwei Fuh Wasser auf den Steinen, Sic begeisterten Festgenossen belegten vom Ufer aus den „Pionier" und das segensreiche Unternehmen mit den ehrenrührigsten Titeln, und die Probefahrt war zu Ende. Seitdem liegt der Kahn im Rattenbach und rostet."
Ein langes und dröhnendes Tuten kam vom Hafen herüber und lieh die Gäste der „Trockenen Banane" aufhorchen.
„Das ist der .Dom Pedro"', erklärte der Bananenwirt. „Den Schlepper kenne ich am Signal aus Hunderten heraus. Hören Sie? Einmal lang und zweimal kurz."
„Was verstehen Sie von Signalen!" sagte Kapitän Detter- mann. „Sie können zur Rot ein Nebelhorn von einer Drehorgel unterscheiden. Aber, toemt Käpp'n Lührs heute wirklich schon hafenein kommt, so solls mich doppelt freuen. Das ist ein fixer Kerl. Wir find zusammen als Matrosen auf dem Hamburger Vvllschisf „Bussard" Wache gegangen. Damals machten wir ein paar Reisen nach und von Rangoon. Das war immer ein langes Ende, aber damals gab es noch wirkliche Seeleute, die fix über die Wanten aufenterten und an den Rahen ein Segel festzumachen verstanden und nicht auf den grohen Qualmkästen ihre Wache ganz gemütlich schoben, tote ein Schaffner auf der Eisenbahn."
Dettermann schimpfte beständig aus die Dampfer und war stolz darauf, sein Segelschiff nach alter Schule zu steuern und feine Reisen ohne Dampf zu machen.
Das Signal kam näher.
„Jetzt erkenne ich den „Dom Pedro" auch," sagte Otoff. „Ein feiner, kleiner Kasten, Käpp'n Dettermann. Ich war an Bord der „Guahyba", die ihn damals im Schlepp von Hamburg herüberbrachte."
„Ja, warum fuhr er denn nicht unter eigenem Dampf?" fragte der Dananenwirt unvorsichtig.
„Da sieht man wieder, was Sie von Seefahrt verstehen," brummte Dettermann. „Wie soll denn der kleine Kasten mit Kohlen langen, auch wenn er nur von Lissabon bis Rio reichen will? Rein, Herr Olofs hat schon recht. So einen kleinen Schlepper verschalt man gut, läßt ihn von einem großen Dampfer in Schlepp an einer festen Trosse nehmen und setzt 'einen seebefahren an, zuverlässigen Mann darauf, der ihn steuert, daß er im Heckwasser des großen Schiffes bleibt. Gemütlich ist das nicht, wenn das Wetter schlecht und die See grob wird. Kommt auch vor, daß die Trosse mal reiht. Dann treibt die Ruhschale auf hoher See und muh wieder gesucht und festgemacht werden. Das konnte Schiffer Baukhage, mein Freund Hein Baukhage von Finkenwerder, denn er ist ein richtiger Fahrensmann in der Nordsee gewesen, der seinen Kutter oder Ewer zu steuern verstand, ehe er als Steuermann auf einen großen Segler kam. Allen Respekt vor Schiffer Baukhage! Hoffentlich kommt er bald wieder von Rio nach Bugre herauf. Ich möchte wohl ein Glas mit ihm trinken und ein richtiges Schiemannsgarn mit ihm spinnen."
„Er würde uns eine blutige Geschichte von Flibustiern, Bukaniern und anderen See- und Landräubern aus vergangenen Jahrhunderten verzapfen." sagte Jansen.
„Ja, das ist mal 'ne Schwäche von Hein Baukhage, daß er gern alte Geschichten lieft und mit der nötigen Ausschmückung weitergibt," setzte der Wirt hinzu.
„Ausschmückung nennen Sie das?" lachte Olofs. „Gr lügt dann wie telegraphiert, und seinem Destmann Wilm Peters sträuben sich beim Zuhören die Haare, daß er aussieht wie ein Stachelschwein. Lügen nenne ich das!"
Aber Kapitän Wettermann kniff das linke Auge zu, nahm einen Schluck aus dem Glase und sagte nachdrückliche „Wenn ich das Schiffer Baukhage toieberfage, hängt er Ihnen einen Prozeß an den Hals, einen richtigen Prozeß mit Advokaten und Unkosten, dah Sie ein halbes Jahr daran zu kauen haben."
„Um Himmelstoillen!" rief Dauer Dümpke. „Schweigen Sie von Advokaten und Prozessen! Das ist schlimmer, als toeim einem die Heuschrecken in die Miljen*) kommen."
„Sie denken wohl an Ihren Freund Wilm Pütter in der Datatenschneiz, Dümpke?" fragte der Dananenwirt und nahm nun behäbig in der Runde Platz. Das war immer ein Zeichen, dah er den reichen Schah seiner Erinnerungen auftun wollte.
„Achtung!" rief Jansen. „Der Wirt dieser Herberge hat eine Geschichte auf Lager, und da jeder an diesem Tische zu seinem Rechte kommen soll, so wollen wir ihm das Wort erteilen, während es sonst die goldenste Regel für einen Wirt ist, daß er zuhört und das Maul hält. Bis er zu Ende ist, wird Käpp'n Lührs vom Hafen heraus fein. Also legen Sie los, Verehrtester!"
Der Dananenwirt, dem schon lange die Zunge juckte, lieh sich nicht lange nötigen. Er erzählte:
„Wenn in der Datatenschneiz der Sabiü pfiff und die Dorsten- tiere nach dem ersten Maiskolben quiekten, brannte Wilm Pütter die kurze Holzpfeife an, nahm die Zügel in die Faust und rasselte auf dem schweren Frachtwagen den holprichten Weg entlang, den die Bauern der Schneiz mit Hilfe der lieben Sonne notdürftig instand hielten. Eine deutsche Chaussee war das freilich nicht, und wenn es drei Tage geregnet hatte, gab es Stellen, in denen ein bepackter Maulesel bequem stecken bleiben formte, und selbst Wilm Pütter, der gewiß jeden Stein zwischen der Datatenschneiz und S.ant’ Jzabel kannte, hatte im letzten Winter, so um Johanni herum, den Wagen stehen lassen und die acht Zugtiere ab- strängen müssen. Das war vor dem Hose von Ferdinand Karsten geschehen, und Wilm war seitdem auf den alten Freund schlecht zu sprechen.
*) Milko = Mais.
(Fortsetzung folgt.)
Schriftleituna: Dr. Friede Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brübl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, ©leben


