Gießener Pmilienblütter
Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger
Jahrgang (92^ Samstag, den März — g
Der Sohn.
Don August Friedwalv.
Der Professor der Philosophie und Pädagogik Adolf Köhler pflegte seinen Studenten einzuschärfen, die wertvollste Gabe für den Lehrer sei ein froher Glaube an die (Zagend und eine verstehende Liebe zu ihr; man müsse ihr mehr Freiheit lassen, mehr Vertrauen schenken, mehr an das Gute in ihr glauben; das Döse entstehe erst, wenn man der Jugend mißtraue und ihren freien Betätigungsdrang ungebührlich einenge. Halte man die Menschen für gut, so würden fie gut.
Diese Grundsätze praktisch zu erproben hatte er freilich bisher keine Gelegenheit gehabt; doch sollte sich ihm unerwartet eine solche bieten.
Eines Tages fand er unter seinen Postsachen einen Dries, der ihm schon äußerlich auffiel: er war rosarot gesiegelt, die Aufschrift zeigte schwungvolle Züge. Mit einer gewissen ahnungsvollen Reu- gierde öffnete er den Dries und las:
„Hochzuverehrender Herr Professors
Im Februarh.'ft Ihrer Zeitschrift für pädagogische Psychologie finde ich Ihren Aufsah über das freie literarische Schaffen der Kindheit und (Zagend, der mich für Sie einfach begeistert hat. Verzeihen Sie. Herr Professor, daß ich das so offen gestehe, aber ich bin gewohnt, das, was ich empfinde, ohne Scheu denen gegenüber zu äuß:rn, zu denen ich glaube Vertrauen fassen zu können.
Ich habe nämlich auch schon manches geschrieben: Gedichte, erotischen und philosophischen Inhalts, ein „Tagebuch" und zuletzt mit einigen älteren Kameraden zusammen Streitschriften über „Die Religion des neuen Geschlechts". »Idealismus und Realismus" und „Die Schule der Zukunft".
Es wurde mir von hohem Werte sein, Ihr Urteil über mein Wollen und Können zu erfah-ren. Ich trage den sehnlichsten Wunsch im Herzen, einmal Mitarbeiter an Ihrer Zeitschrift zu werden, um allen unverstandenen Kameraden zu helfen und die Jugend aus der Knechmng der heutigen Schule zu erlösen.
Ob ich selbst bis zur Reifeprüfung aushalten werde, weih ich nicht. Ich habe gar keine Lust, mich noch fo lange nach dem Schema F schablonieren zu lassen. Je eher, je lieber möchte ich zur Freiheit, zur Höhe empor — nicht für mich, für die Menschheit!
Werden Sie mit einer Antwort beglücken Ihren Sie verehrenden und hochschätzenden
Druno Theodor Beier."
Schon an demselben Tage antwortete Professor Köhler freundlich und entgegenkommend, er möge seine Schriften senden und ihm einiges aus seinem Leben erzählen. So erfuhr er, Theodor sei der ä[*efte Sohn eines Druckereibesitzers in einem vstpreußi- schen Landstädtchen. Der Vater, ein tüch iger Geschäftsmann, habe sich durch eigene Kraft und Umsicht zu Wohlstand heraufgearbeitet, trefflich unterstützt von seiner Frau, deren Energie, Klugheit und Güte Theodor begeistert rühmte. Er selbst fei in früherer Jugend lange kränklich gewesen. So besuchte er, obwohl er fast 18 Jahre alt sei, erst die Obersekunda des humanistischen Gymnasiums der benachbarten Kreisstadt. Er fei „sehr gut" im Deutschen, „ungenügend" in Mathematik. Er fühlte den Drang in sich, einmal Journalist zu werden, um erziehend und erhebend auf feine Mitmenschen einzuwirken. Auch sei er schon verlobt mit der Tochter eines Gutsbesitzers, insgeheim natürlich; nur seine Mutter wisse davon.
Ein Briefwechsel entwickelte sich: Theodor brachte mancherlei Fragen und Erlebnisse zur Sprache; er schickte seine Gedichte — es traten meist Liebesgedichte an feine Irene, feurig und schwungvoll —; er schickte Aufsätze über philosophische Probleme und über Schulreform; er vertraute schließlich dem väterlichen Freunde sein Tagebuch an: es war ganz intim persönlich gehalten und reich an lyrischen Ergüssen.
Dem alternden Professor, der in seinem Junggesellendasein Jahr für Jahr mehr vereinsamte, war dieser Driefwechsel bald eine liebe Daseinserfüllung geworden; erschloß sich ihm doch Theodor mit rückhaltloser Offenheit und unbedingtem Vertrauen. So tear ihm gleichsam durch göttliche Gnade ein liebevoller, hoch begabter Sohn geschenkt worden, für den er sorgen und alles das fruchtbar machen konnte, was Rachdenken und Erfahrung ihn über Menschen und Leben gelehrt hatte. Daß er ihn nicht von An- gesicht zu Angesicht kannte und — bei der weiten Entfernung —
Wohl nie kennen lernen würde (Köhler lehrte an einer Universität des westlichen Deutschlands), das dünkte ihm fast ein Vorzug. Ihr Briefwechsel war so gleichsam das Zwiegespräch von zwei reinen Geistern, ungetrübt und unbehindert von aller Rücksicht auf äußere Dinge, wie Unterschiede der Stellung, des Alters. Auch Köhler wurde im Ton seiner Driefe allmählich wärmer und eines Tages redete er seinen jungen Freund mit „Du" an. Dieser antwortet« ihm:
„Mein Meister! Du! Ein Helles Jauchzen in mir, ein jubelndes Sinken und Klingen: Du! Eine schönere Ostersreude hätte ich kaum haben können: ein Wunsch, den ich leise in meinem Innern gehegt und ängstlich verborgen, ist über Rächt erfüllt worden. Und nun tanzt immer vor meinen Augen ein lachendes, gütiges „Du" und mit zierlichen Strichen gemalt, das Wort „dein Freund". Gibt es ein Höheres Glück als das: Freunde zu haben?" Lind nun schilderte er feine Freunde, besonders seinen Herzensfreund Karl. „Die gemeinfam verlebte Jugendzeit hat uns zu Freunden gemacht, zu wahren Freunden trotz aller großen Unterschiede. Denn ich bin ein ganz anderer wie Karl, der lange, blonde Germane. Schon äußerlich: Er groß und schlank, fast Überschlank, ich kleiner, breiter, und doch beweglicher; er semmelblond, ich brünett. Gr oft schwerfällig, langsam trotz seiner Lebendigkeit, ich ganz Rerv. ganz Temperament, ganz Leidenschaft . . ."
Theodor war an Ostern nicht nach Unter-Prima versetzt worden, weil er ungenügend in der Mathematik und schwach in Französisch war. Er hatte daraufhin aus dem Gymnasium austreten wollen; aus Rat Köhlers hatte er sich aber zum Bleiben entschlossen. Jedoch einige Wochen nach Beginn Hes neuen Schuljahrs erhielt er wegen eines — im Grunde unbedeutenden — Verstoßes gegen die Schulordnung eine recht harte Strafe. Jetzt setzte er es bei seinen Eltern durch, daß er die Anstalt verlassen konnte. Er hoffte auf einer „Presse" in kürzerer Frist zur Reifeprüfung sich vorbereiten zu können, und er fragte bei Professor Köhler an, ob auch dort eine solche Anstalt fei. Der bejahte. Run toar für Theodor die Sache entschieden und auch die Eltern stimmten trotz der weiten Entfernung zu. weil sie ihrem ältesten Sohn, ihrem Sorgenkind, nicht leicht einen dringenden Wunsch abschlugen.
Mit freudig r Erwartung und doch zugleich mit einigem Dangen sah Professor Köhler Theodors Ankunft entgegen. Jetzt bot sich ihm ja die schönste Gelegenheit, die pädagogischen Grundsätze. die er seit Jahren seinen Studenten vortrug, praktisch zu erproben. In freiestem Geiste wollte er einen jungen Menschen leiten, der augenscheinlich unter dem Zwang der Schule und deren Unvermögm. zu individualisieren, litt. Was an weitherziger, verstehender Liebe, an zarter, taktvoller Fürsorge ein so früh entwickelter Jüngling nur brauchen könne, das wollte er ihm in reichster Fülle geben. So freute er sich daraus, gleichsam sein pädagogisches Meisterstück ablegen zu können. Andererseits drängte sich ihm doch die bange Frage auf: würde fein Verhältnis zu Theodor so ideal, so unberührt von allem Klein-Menschlichen und Alltäglichen bleiben? Würden fie sich weiter so gut verstehen und zueinander hingezogen fühlen, wenn der große Altersunterschied dem Auge sichtbar würde?
Der Tag kam, da Theodor bei Professor Köhler eintrat und ihm gegenüber saß. Dieser konnte sich einer leisen Enttäuschung nicht erwehren. Seinen „Sohn" hatte er sich etwas anders vorgestellt: jugendlicher, frischer, hübscher, natürlicher. Ein elegant gekleideter junger Herr saß da vor ihm: eher wie ein Löjähriger aussehend als wie ein 19jähriger; blasse, gelbliche Gesichtsfarbe; eine große Hornbrille. Das einzige Schöne: reiches, dunkelbraunes Haar.
Professor Köhler hatte zu oft erfahren, daß die Wirklichkeit der ibeatifierenben Phantasie nicht entspreche. So ließ er sich nicht irre machen in seinem Vorsatz. Theodor ein väterlicher Freund und liebevoller, treuer Berater zu sein. „Aber ich teil!' dich nicht bevormunden," sagte er ih n, „ich will in keiner Weise Autorität für dich fein. Du selbst sollst jetzt dein Geschick in die Hand nehmen. Du sollst dir deiner eigenen Verantwortung voll bewußt werden. Deine Zukunft wird fein, wie du sie dir schaffst, lieber alles, was du mit mir besprechen willst, tverde ich dir offen und sachlich meine Ansicht sagen. Aber du selbst muht entscheiden. Auch wenn du meinem Mite nicht folgst, sollst du mir gleich lieb sein. Und solltest du einmal schuldbeladen zu mir kommen: meine Liebe wird größer sein als Deine Schuld. Und noch eins: Du hast dir ein Idealbild von mir geschaffen. Sei nicht allzu enttäuscht, wenn dein „Meister" dein nicht entspricht. Aber vertraue mir, daß ich es gut mit dir I meine “


