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Romantische Briefe.

Verliere keinen meiner Brief«, halte sie heilig. Sie sollen mich einit an mein besseres Selbst erinnern, wenn mich Gespenster venolgen, und wenn ich tot bin, fv flechte sie mir in einen Kranz." Welcher unserer Zeitgenossen wird das von seinen Briefen sagen Kimen, was hier Clemens Brentano, der geistvolle ro­mantische Schwärmer, seiner Schwester Bettina schreibt? Haben wir nicht seit langem den Sinn für die Poesie, des Briefes, für den bildenden, selbst erzieherischen Wert von Brief und Tagebuch in der Hast und Anrast unserer Tage verloren? Wer findet heute noch Zeit und Muhe zu einem Augenblick der Selbstbesinnung, wer vermag heute noch einen so regen und fruchtbaren Gedanken­austausch zu unterhalten, von dem uns frühere Zeiten in un­zähligen, umfangreichen Briefsammlungen erzählen? Das Zeitalter der Schreibmaschine ist ihnen wenig günstig. Welch« unschätzbaren erzieherischen Werte uns damit verloren gegangen sind, sehen wir beim Durchblättern des Briefwechsels von Clemens und Bettina Brentano. Für den hier schon rühmlich genannten Wolken- wände r e r - Verlag in Leipzig hat Mary Sahin Brentanos Frühlingskranz*) neugewunden, der Verlag hat ihm ein entzückend stimmungsvolles Gewand geoeben, so das) auch hier wieder ein kleines Kunstwerk entstanden ist. das jeder Bücherfreund gern zu den Semigen zählen wird.Es ist ein Buch der Jugend," sagt die Herausgeberin,voll von lyrischer Kraft, atmet alles traumhafte Schon, ha. Märchenbrunnen rauschen um unsere beschwingte, lau­schende Seele, und Sonnenstrahlen zittern huschend darüber hin. Es ist wahrhaft ergreifend, mit welcher Hingabe Brentano an seiner Schwester gehangen. Immer wieder versuch.« er, ihre g istige Aus­bildung zu einer harmonischen auszübauen. Die besten Bücher sendet er und bestürmt sie in fast allen Briefen, die schönen Kunst« nicht zu vernachlässigen." So schreibt er ihr einmal:Ein Herz, das so herrlich grünt und blüht wie Deines, bedarf nur der Liebe, und die meine gehört Dir gänzlich. Folge Deinem inneren Ruf, er ist stark in Dir. Wer wollte Dich ihm entziehen, es wäre ein Frevel, dies zu wollen oder zu wünschen. Daß die Welt den grasten Kreislauf macht durch Irrtum und leidenschaftliche Ver­kehrtheit, hat Dir selbst bei Deinem ersten Blick in die Welt ein- geleuchtet. Dah sie aber zu ihrer Ursprünglichkeit zurückkehren soll in vollem Bewußtsein, das mühte jedem Einzelnen klar werden. Aicher ihr sein wollen ist Vernichtung Rein, jede individuelle Kraft kann nur durchs und in der Allgemeinheit Wurzel fassen, kann nur in sich selbst verstehen lernen. Alle kühnen Taten großer Menschen sind ein unwillkürliches aber naturgemäßes Mitwirken der Gesamtheit oder der Geschichte der Dinge, deren Erzeugnis ja auch der Geist ist Man beurteilt zwar oft die Menschen nach einem sinnlichen Wert oder Anwert. Dieser aber ist im allgemeinen Weligeschick nicht mehr zu rechnen"

And dann:Ich will nicht, dah Dein eigener Charakter, der sich so fest und entschieden ausspricht sich einem anderen unter­werfe. Will aber audfr nicht, dah über die Handlungen eines wirk­lich grasten Menschen ein schlechtes Arteil gesprochen wird. . . . Ich möchte Dich doch an allem lei lehmer lassen, was mich rührt und bewegt. Antworte mir und bewaffne Dich gegen jeden Miß- brauch, den man mit Deiner Zukunft machen könnte. Lasse Dir nur selber die Herrschaft in Deinem Gemüt, nur mir lasse einen

*) Clemens Brentanos Frühlingskranz. Ganzl. Mk. 6.00, Halb- Pergament Mk. 8.00, Halbleder Mk. 12.00.

Theodor war bei diesem ersten Besuch etwas befangen und flirt gewesen. Doch dankte er mit herzlichen Worten seinem väter­lichen Freunde, dah er ihm helfen wolle, den Weg zur akademi­schen Freiheit abzukürzen. Nochmals drei Jahre in der Schule würde er nicht ertragen haben. Er hoffe jetzt bestimmt in etwa einem Jahr sein Ziel zu erreichen. Er wolle mit aller Kraft und Zähigkeit daran arbeiten. , , __ t

Professor Köhler liebte die Ratur und das Wandern, und er freute sich daraus, mit Theodor an den Sonntagen hinauszuziehen, um ihm die schöne Umgebung zu zeigen. Schon für den ersten Eoimtag verabredete er mit ihm einen großen Ausflug: Theodor versprach ihn um 8 Ahr abzuholen

Schon zehn Minuten vorher war Köhler marschberelt. um 8 Ahr trat er ans Fenster. Theodor war nicht sichtbar. Er wartete: Mi­nute um Minute, Viertelstunde um Viertelstunde verst- tch Kohler wurde ärgerlich-: er war selbst ein Wann der Pünktlichkeit, und nichts war ihm mehr zuwider, als Anzuverlassig eit, Richteinhal­ten gegebener Zusagen. Verdrießlich und enttäuscht ging er schließ­lich allein die Treppe herunter Da endlich kam Theodor er habe imPädagogium" (so nannte sich diePresse") solange auf fern Frühstück warten müssen.

Köhler dachte im Stillen- Ware dann eben yhne Früh­stück gegangen," aber er ließ nichts von seinem Anmut werken. Für den geplanten Ausflug war es jetzt freilich zu spät, aber einen größeren Spaziergang konnte man noch machen Inderen di« Schön­heiten der Landschaft interessierten Theodor wenig und schon, nach einer Stunde Gehens klagte er über Schmerzen im guß. Verstimm! trat der Professor den Rückweg an. Er sagte sich, daß er tote bisher, so auch in Zukunft seine Ausflüge werde allein machen muffen.

(Schluß folgt.)

geringen Anteil daran Haben. Mr sind ja keine zwei wir sind eine einzige Seele. Ich- werde Dir übrigens bald allerlei Bücher senden. Adieu, Du edles, geliebtes Kind. Es grüßt Dich Dein Clemens."

And später schreibt er ihr:Liebe Bettina! Du schreibst seit so langer Zeit nicht mehr an mich. Sechs volle Wochen schon ertrage ich die martervolle Pein. And gerade Dein letzter Brief machte mich so ungeduldig auf den folgenden warten. Was ist es nur, das Dich so schweigsam macht? Deine Briefe sind doch keine Kunst­werke. Oder ist es so, wie ich neulich- geschrieben, daß Du erst ge­wisser Stimmungm dazu bedarfst?

Es ist etwas sehr Vortreffliches, Seltenes, Briefe zu schreiben, die nur die Geschichte des Herons zum Gegenstand hahen, ohne auch nur im geringsten dabei zu lügen. Die Basis alles sittlichen Gefühles ist die Wahrheit und nicht die Stimmung. And Wahrheit ist echte Religion, ist Reichtum, ist Schönheit. Sich bilden, heißt den Willen zur Wahrheit in sich haben. Gebildet sein aber heißt die Möglichkeit, Wahrheit in uns hervorgebracht zu haben. Dann erst tritt das Wissen ein, das ist nich-s anderes als die Wahrheit selbst. Man hört so oft die Worte sagen, dieser oder jener Mensch hat keinen Charakter. Er bleibt sich, nicht gleich. In dieser Rede ist doch nichts anderes gesagt, als daß dieser Mensch uns nicht in chronologischer Ordnung eine Anzahl von Empfindungen zusammen­gelogen hat. Sv mancher Charakter wird bei kritischer Betrachtung weniger schön oder abstrakt erscheinen: aber trotzdem ist die Betrach­tung der Charaktere eine wundervolle Eigenschaft, nur darf sie nicht darauf ausgehm, die anderen Menschen zu verkleinern. Die Kvnseguenz aber, mit der ich allein den Wert des Menschen be­stimme, ist eine musikalische. Sie wird Harmonie im _ weitesten Sinne. Sie wird, je nachdem der Mensch vom Leden berührt, mehr oder weniger Tonarten und Modulationen umfassen, aber immer nur in den harmonischen lieber gangen wechseln. Ich habe Dir ein Buch bestellt. Es ist die DichtungSacuntala". Du mußt sie in wenigen Tagen erhalten. Eigentlich wollte ich das Buch selber miVri-'gm. um es mit Dir gemeinsam durchzulesen, denn Sacuntala" soll ein Resultat in Dir erzeugen. Was bei anderen Lesern vorübergehenden Oenuß. äußere Bildung bewirkt, das soll bei Dir Wurzel fassen und zum selbststrebenden Geist werden."

W-lch ti"f"s Vertrauensverhältnis die ©"schwister miteinander verbindet, welche Sehnsucht der liebende Bruder empfindet, wenn einmal der Briefwechsel «in 61ixfen erfährt, erhellt aus folgen­dem. rührenden Stoßseufzer:Bettina, warum schreiben wir uns nicht? Ich gehe in jeder Stunde mit Dir um. Dein Bild steht hinter meinem Tintenfaß. Immer sehe ich Dich an, und das macht mich so froh und glücklich . . ."

And Bettina? Wer kennt nicht ihren Briefwechsel mit ©oetbe. Im Verkehr mit dem Bruder zeigt sie di-lelbe ge­niale Amwit, aber daneben mehr Offenheit und Ratürlick/elt ge­genüber der oft allzu b«mußten Naivität ih-er Goethebri-fe Hier ergbt sie sich ohne jede li'erarilche Ambition ihrem blnr-nßenden CMubl. dnn sie in einer bilderreichen, ungemein lebendigen Sprache Worte v-wleiht. So schreibt sie:Was mich bitbeu soll muß aus mir selbst hervorgchen. Immer mo-fre ich mit mir allein fertig werden und mich keiner Qei'ung un'erordnen. So war es auch mit der Gachet. Ich soll doch ganz mein Eigen w-wden. Das ist der Wille meines Jchs. Das ist es doch, was mich ans der Ge- famffr-tt heransbebt. Sich dem Wisten eines andern unterwerfen, das ist Verzicht auf den Adel der Selbständigkeit. Dies" soll nicht verdunkelt werden durch den Schatten der Freundschaft. Ich brauch« das nicht. Ick» kann schon für mich selbst bestehen....."Das

Bild meiner Heimat gleicht nicht meiner Seel«: es ist mir. als käme ich ans anderen Ländern. Ich sehe hoch und nied'-iges Fels­werk, das waldnmtoachsen und an dem schüchterner Ra*en emvor- tte*tert. Klippen an denen Rebel sich zerreißmi. strecken sich hinaus, gchümnisvvll« Wen« von brausenden Wastern in unverständlichen Wind',ng-n durchwühlt, in bie sich d-mn und wann Sonnenstrahlen verlieren."" Ein Wacholderstrauch duf'et mir Weihrauch ins Ge­sicht. Ich muß nicht, was Glück ist. verstehe nur daß die Ratur m-in h-imlich?s Vertrauen zu ihr so machtvoll beantwortet Lieber Clements. ich will Dir meine Gedanken in ein Märchen malen, lln hiasor Landschaft, non der ich eben sprach wohnt ein Knabe. Eilig rüstet er sich Wenn die Rächt hereinbricht und die Sterne wan­dern. schreitet er F-sfen entlang zu den höchsten Fl'-nen. Wen» dann di« Sonn« aussteigt und mit ihren glühenden Strahlen di« Welt zu versengen droht, stügt er ins Tal zur Qu-ll« nieder, sich daran erfrsschmd. 51n*er schattenden'-men lanfch»ud si-ht et dem Ressen der Früchre entgegen. Dieses Lebensbild habe ich auch der Großmutter horgefefen und ibr gesagt, daß es in meiner Sael« so ähnlich anslehe. Ihr gelles die Gefchich'e w-obl und st« sprach von Vvetischm Geschichten und ©"ssteraegendm. Es ist toabr, Clemens, in mir ist ein Tummelplatz von ©"schichten. Wenn ich die Augen schließe (affig den Kopf anfstütze. dann zieht di« große Raturwelt an mir vorüber und macht mich trunken."

And später schreibt fle dem Bruder: ..Es liegt vieles in meinem He'-zen, vieles, über das ich mir nicht klar werde. Wenn ich manch­mal so über mich hinsinne, mich nach anderen Manschen umfcbe, fühle ich deutlich tote wenig ich zu ihnen vasse. Es ist soviel des au ihnen. Sein und Werden ist zweierlei Werden ist wirkliches Lechen. Kraft fühlen und diese anwenden, und nicht bloß