Ausgabe 
31.5.1924
 
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sprach es aus, Satz seine Art vielleicht nicht von derjenigen sei, der es erlaubt sein soll, von allen Grazien umgeben in das Zim­mer der Schönen einzudringen, und schloß mit den Worten, daß der Schreiber stets geneigt sei, dafern er sich nicht alsobald münd­lich über den Gegenstand sollte erklären können, alles, was noch gewünscht werde, schriftlich mitzuteilen.

Lampe überbrachte den Dries in das gräfliche Haus, in das Frau von Gimborn nady Beendigung der Geschäfte auf dem Gute zurückgekehrt war, um einen neuen Verwalter für dasselbe zu besorgen und sein Eintreffen abzuwarten. Der Diener sah in dem Briefe mehr, als in ihm war und übergab ihn in gereizter Stim­mung an Frau von Gimborn, die er, nachdem er die gewundenen' Taxusgehege des Gartens durchschritten, in einer Fliederlaubq allein fand. Es war ihm, als habe er hinter der Laube Schritt« gehört und das farbige Kleid einer Dame gesehen. In der Tat hatte sich« Sophie, als sie des weihen Rockes auf der Freitreppe ansichtig geworden war, auf die Dank gesetzt, die hinter der Laube an einem Wege stand. Sie glaubte, der Brief enthalte, was sie seit acht Tagen erwartete, und es war ihr lieb, ihre Dewegungen nie­manden zeigen zu dürfen.

Sie hörte, wie Frau von Gimborn den Drief erbracht ihn wieder zusammenfaltete und ein Gespräche mit Lampe begann.

Aus den Zügen der Frau von Gimborn, so sehr diese ihre üleberraschung verbarg, hatte Lampe mit dem Instinkt, der Leuten aus dem Volke eigen ist, erkannt, daß das, was er gefürchtet hatte, nicht im Driefe stehe. Run kam eine Art teuflichen Humors über ihn und eine Laune,das Frauenzimmer" alle Sorgen und Aengste der letzten Wochen entgelten zu lassen. Die Gelegenheit war rasch befunden Frau von Gimborn erkundigte sich nach dem Befinden seines Herrn. Lampe erwiderte:Er befindet sich so gut, als sich ein Junggeselle nur irgend befinden kann, dem nichts abgeht. .Ach, es ist ja wahr," fuhr er fort,was der Apostel schreibt: Welcher verheiratet, der tut wohl, welcher aber nicht verheiratet, der tut besser/ Das erfahre ich ja alle Tage an mir selbst; unser hochedler Herr Professor hat recht, wie immer."

Habt Ihr das Wort aus der Predigt behalten?" fragte Frau von Gimborn.

Entfernt nicht," erwiderte Lampe,es stammt von dem Herrn Professor, er sagt es oft, wenn er mit Herrn Green und Wrrn von Hippel und den anderen Junggesellen fröhlich' bei Tische sitzt. Uni) ich weih auch noch! ein viel lustigeres, basier immer dekla­miert, wenn die Herren recht gut aufgelegt sind."

Das wäre?" fragte Frau von Gimborn.

Lampe zog den dicken Flügel des Schnurrbartes hinaus, setzte den Fuß der gleichen Seite etwas vor und machte, während er die Berse rezitierte, mit dem rechten Arm unbehilsliche Dewegungen.

Er begann:

Mit einem steifen Amtsgesichte, Das in gemessnen Falten liegt, Mit Worten, da nach. Ratsgewichte Ein jedes einen Zentner wiegt, Mit wahren Aeltermannsgebärüen Vermeld' ich' meinen schönen Gruh And sage, dah kein Mensche auf Erden So töricht sein und freien muh.

Das ist von einem Herrn Richeh aus Hamburg und ist sehr lang aber der Anfang ist die Hauptsache", eröärte Lampe.Erst neulich' haben sie wieder ausführlich vom Heiraten gesprochen. .Ist dir wohl, so bleibe davon/ dies war der Schluß. Der Herr 'Professor haben auch Gründe; er sieht aufs Geld, ich spüre was davon, und .Heiraten kostet' hat schon mehr als einer gesagt."

Frau von Gimborn endigte rasch' die Zwiesprache. Lampe ging mit dem Gefühl eines Triumphes von dannen. Sophie, die un­beweglich' auf der Dank fitzengeblieben war, brach, als sie den Brief gelesen hatte, in Tränen aus. .

,Es ist vorbei," sagte sie, sich mühsam fassend. Alles stimme zusammen, die absichtliche Vernachlässigung während der ganzen Woche als ob er seine Freundlichkeit auf der Fahrt nach Moditten bereue' und nun dieser Drief, der ein persönliches Zusammentref­fen geflissentlich' hinausschiebe; der Erzählung Lampes habe es gar nicht mehr bedurft.Es ist vorbei, und wenn ich Ihnen teuer bin und Ihre Geschäfte nicht geschädigt werden, reisen tote ab.

Roch, am selben Rachmittag wurden Driefe geschrieben, Koffer gepackt der Wagen bestellt. Am andern Morgen fuhren in aller Frühe 'zwei Frauen aus dem Tore, deren eine mit vervxrnten Augen hinüberschaute nach den Wipfeln des Phtlosvphtschen '2Be8®nifle Tage später der Kampf hatte für Sophie siegreich geendet lieh sich Kant im gräflichen Hause bet Frau von Gtm- born meldeit. Erstaunt, dah der Herr Professor es noch, mcht wisse, teilte ihm der Haushofmeister mit, dte Damen seten plötz­lich abgereist, ohne anzugeben wohin. Rur das set sicher, dah sie sich die Pferde nach Berlin hätten legen lassen. Eso erltg set dis Abreise geü-esen, beiß fic cruchi t>on nur brieflichen

Abschied- genommen hätten. p, ,

Zweimal dasselbe Begegnis! Sollte er sch-retben, umAus- klärung bitten, Aufklärung geben? - Er kam zu keinem Schlüsse. And wohin sollte er die Driefe richten? An dem Schmerz, den er fühlte, erkannte er. wie teuer ihm dieses Mädchen gewesM war, aber er lieh ihn nicht zu Worte kommen. Als die Gräfin xet)fci> lingk wiederkam. erzählte er nicht, was thn betroffen, aus Furcht,

Vurch Wiederholung desselben Angeschicks tos Lächerliche zu fallen.

Die Arbeit muhte ihm seinen Anstern überwinden helfen. We­nige Jahre noch, und es erschien ein Duch das den Titel trug: Kritik der reinen Vernunft von Immanuel Kant. 1781.

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Kant blieb unvermählt.

Diele Jahre später, in des Philosophen neunundsechzigstem Jahre, tritt Pfarrer Decker bei ihm ein. Decker war ein Mann, der allen wohltun wollte und beständig mit der Sammelbüchse für seine Armen unterwegs war. So war er auch öfters zu Kant gekommen. Heute sah ihm dieser sogleich an, dah er etwas De» sonderes auf dem Herzen habe.

Run, lieber Decker, unterbrach Kant die Eintrittskompli­mente, auf den Schrank deutend, in welchem das Geld sich befand, was soll's?"

Heute nichts von dem," erwiderte Becker, heute habe er es auf das einsame Leben Kants abgesehen. Mit 6er Wärme eines überzeugten Predigers begann er alsobald das Angenehme und Wünschenswerte des ehelichen Lebens auseinanderzusehen.

Da Kant ihn versichert, dah er dies alles nur für Scherz auf­nehme, zieht der Pfarrer eine Broschüre aus der Tasche und über­reichte sie dem Professor.

Der Titel lautet:Rafael und Tobias oder das Gespräch zweier Freunde über den Gott wohlgefälligen Ehestand."

Auch' Rafael und Tobias konnten Kant nicht zur Heirat be­wegen. Er schlug die Broschüre auf, durchflog einige Seiten und legte die Blätter auf den Tisch, indem er mit einer Mischung von Scherz und Wehmut sagte:Damit hat es ein Ende."

Was kostet die Drucklegung?" fragte er dann freundlich'. Der Pfarrer wollte mit der Sprache nicht heraus, gab aber endlich die Summe an. Kant holte das Geld und nötigte es Herrn Decker auf für jene Hilfsbedürftigen unter seinen Pfarrkindern, welche sich ohne ausreichende Mittel in den Gott wohlgefälligen Stand der Ehe begeben hätten.

Als er allein war, ging er zurück an jenen Platz am Ofen, von welchem aus er den Turm sah, wie an jenem Juniabend, da ihm Sophie zuerst begegnet war. Das Dild des anmutigen Mädchens und des Tages von Moditten, an dem er sie zuletzt ge- sehen, ging an seinem Geiste vorüber.

3n Sachen Grollmännin gegen Bielefeldische Wittib"

Ein heiteres Kapitel aus der Gießener Kirchengeschichte. Von Heinrich Dechtolsheimer.

An der Stelle, wo die in den Jahren 1809 bis 1821 erbaut« Gießener Stadtkirche steht, stand bekanntlich schon vorher ein Gotteshaus, das noch im 18. JahrhundertPankratiuskirche" ge­nannt wurde. Es ist nicht mehr mit Sicherheit festzustellen, wann man den Grundstein zu dieser Kirche gelegt hat. Aeber einem der Eingänge des Turmes, der beim Abbruch der alten Kirche stehen- geblieben ist. steht die Jahreszahl 1484, vielleicht gibt diese Zahl das Jahr an, in dem man mit dem Turmbau begonnen hat. Die Kirche selbst ist viel älter als der heute noch solide Turm ge­wesen, sie scheint aus kleinen Anfängen herausgewachsen zu sein, ursprünglich war sie eine Kapelle, im Laufe der Jahrhunderte hat man an ihr oft ausgebessert und Erweiterungen vorgenom- men; die Folge war, daß sie schließlich, wie das bei wiederholten Ambauten zumeist der Fall ist, ein in jeder Deziehung unzurei­chendes Gebäude war. Akten, die int Archiv der evangelischen Kirchengemeinde Gießen, in dem Archiv der Stadt Gießen und im Staatsarchiv Darmstadt aufbewahrt werden, entnehme ich, dah man schon im Jahre 1612 über den baulichen Zustand der Kirche geklagt hat. Am Ende des 18. Jahrhunderts war sie im höchsten Grade baufällig, man Nagte über Feuchtigkeit, Mangel an Licht, mangelhafte Akustik und unschönes Aeutzere. Die Gießener Kirche wird als die schlechteste Kirche des ganzen Hessenlandes , hin- gestellt unwürdig einer Aniversitäts- und Beamtenstadt. Ein im Museum des Oberhessischen Geschichtsvereins befindliches Bild ) bestätigt diese Angabe. Die Kirche war ursprünglich im gotischen Stile aufgesührt, die Strebepfeiler scheinen später angebracht wor­den zu sein, um den Rissen im Mauerwerk vorzubeugen Das Bauwerk zeigt keinerlei Regelmäßigkeit, eine Fensterachse ist mcht eingehalten. Außerordentliche Anregelmäßigkeit fällt an der 2m- orditung der fehr lleinen Fenster auf. Der Fußboden der Kirche lag über dem Straßenniveau, da zwei Freitreppen zu den hoher gelegenen Türen hinaufführen. Eine davon ist überdacht und scheint den Haupteingang gebildet zu haben. Das Chor stieß hart anden Eingang zur Schloßgasse. Die dort vvrüberführende, den Ver­kehr zwischen Frankfurt a. M. und Marburg vermittelnde Haupt­verkehrsstraße war fehr eng. Die alte Stadtkirche ähnelte mehr einem Gebäude, in dem man alte Gerätschaften aufbewahrt, als einem Gotteshause, man merkt an dem Bilde deutlich' die Spuren des Verfalls. Der Beschauer des Bildes findet sofort, dah die

\ Herr Prokurist Louis Frech hat von diesem Bilde eine treff» llche Kopie hergestellt, die zur Zeit in dem Schaufenster des Herrn Fritz Rennstiel, Seltersweg 8V/10, ausgestellt ist, und der Beach­tung aller derer empfohlen wird, die sich' für Alt-Gießen inter­essieren. Mcht nur die Kirche, auch der Kirchenplah und die an- liegenden alten Häuser stich' auf diesem Bilde wiedergegeben.