Gießener Zainilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang Dienstag, -en 30. Dezember Nummer 66
SUvesterglocken.
Don Adolf Dögtlin.
Mittemacht entsteigt der ©ruft, zerrt im Glockenturm am Strange, daß die harre Winterluft tief erbebt vom emsten Klange: Ist ein Oahr zur Ruh gegangen ... Will das Herz euch noch nicht bangen? Ann verhallt der Totenklang, und auf einer Stemlichttvelle zittert, voller Iubelfchwaug. von der fernen Dorskapelle hell herüber neu' Geläute: Lieblich, lieblich ist das Heutef
Der Neujahs-Moor.
Don A. Tharandt.
„Halt! Halt, Anzelmann! Mensch! Räuber, fürchterlicher! Dein Karl Moor darf nicht solch Wüterich sein! Welche teufelsfrisierte Lippe soll denn da erst der Franz aufstecken! Edler, mein Edeling! Viel edler!" Der Theatergraf Karl Friedrich von Hahn brach mit diesen Worten vor neunzig Jahren die Räuber-Probe im Hoftheater zu Altenburg kurz ab. „Karl Wolfgang, Sohn des berühmten Karl Wilhelm Ferdinand Anzelmann, hast du dir deinen Silvesterpunsch schon gestern abend vorweg getrunken, um heute in der richtigen Räuberstimmung zu sein? Mit einem solchen Karl Moor kann unser Hoftheater unmöglich morgen das neue Jahr einleiten. Edler, viel edler! Wenn ich bitten darf."
Der Schauspieler wischte sich seine Stirn ab. Seine immer etwas entzündeten Augen glühten in einem unheim- lichen Feuer. Das war Wut, das war Haß, vielleicht auch Genie. Rur langsam kam es über seine Lippen: „Wenn du meinst, Graf... Ja, ich kann auch anders. Ich werde stundenlang nach Borna, jawohl nach Borna laufen und die Rolle noch einmal memorieren. Ich will Euch keine Schande machen. O — ich kann auch edel sein, wie's Euch beliebt. Aach Borna hin §u Fuß und zurück mit der Post, das ist ein schöner Weg, seine Gedanken umzustellen, seinem inneren Menschen eine andere Form und andere Seele zu geben!"
„Aber es schneit, Anzelmann! Du hast, deucht mich, Fieber überdies. Dein letzter Grippeanfall sollte dich warnen, vorsichtig zu sein und — vorsichtiger zu leben. Du trinkst mir wieder zu viel. . . ."
„Worin mir ja der Herr Graf mit dem besten Beispiel vorangehen! Rein, deine Silvesterbowle magst du allein ttinken! Ich liebe es nicht, daß man mir die Gläser nachzählt. Ich muß edler werden — in der Aatur, zwischen Schneeflocken und Bauernjungen. Wiedersehen! Morgen abend — als edelster aller Karl Moore. Wenn die Post nicht im Schnee stecken bleibt. Richt erkennen sollt Ihr mich, so sanft werde ich sein!" And damit stürmte der Schauspieler auch schon von der Bühne. Hatte jemand die Tränen gesehen, die ihm plötzlich aus den kranken Augen stürzten?
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„Ist eö das eiferne Joch des Mechanismus oder das unbeugsame Fatum, das mich unterkriegen will?" Mit diesen Worten torkelte Karl Wolfgang Anzelmann aus irgendeiner Landstrahenschänke. And die Bauern da drinnen mochten froh sein, daß dieser unheimliche Kerl endlich draußen war und nun alle Vorüberkommenden fragte, wo es denn nach Borna, ausgerechnet nach Borna gehe — jawohl, bei diesem Wetter gehe es sich am besten nach Borna; und außerdem
habe er eine ganz bestimmte Absicht dabei, die keinem etwas angehe. And dann sagte er: „Geister meiner Erwürgten! Euer Sterbegewinsel — eure Wunden sind ja nur Glieder einer unzerbrechlichen Kette des Schicksals und hängen zuletzt an meinen Feierabenden, an den Launen meiner Ammen und Hofmeister, am Temperament meines Vaters, am Blut meiner Mutter!" Wer konnte hier' wissen, daß dies Worte von Schiller waren? Man verstand nur: Ammen und Hofmeister, Temperament und Blut. And man fürchtete sich vor diesem Fremden, der jetzt schon im dichter werdenden Schneetreiben verschwunden war...
„Den Römergang muh ich hören, daß mein schlafend« Genius wieder austvacht!" Mit diesen Worten stürmte er in den Goldenen Adler von Borna herein, daß die Gäste, die sich eben um den dampfenden Silvesterpunsch niedergelassen hatten, erschreckt aufsprangen.
Prachtvoll — diese Szene! frohlockte es in Anzelmann. Wann hatten je die Komparsen also ergriffen von seinen Worten auf der Theaterbühne zu Altenburg dagestanden! Das war eine Freude! Das mußte begeist«n! And das übrige würde dieser Punsch tun, der so angenehm in die Rase kitzelte, daß man alle Anbill des scheidenden Jahres vergaß, daß man auf alles Edle, wie's der verrückte Theatergraf wollte, pfiff und nun dem Satze entfesselte Freiheit geben konnte: „Schaut her, schaut her, die Gesetze der Welt sind Würfelspiele geworden, das Band der Aatur ist entzwei, die alte Zwiettacht ist los!" Ja, mochten die Quadrat- schädel nur glotzen, sollten die Punschgläser zerschellen — schrieb man's eben dem neuen Jahr vorweg aufs Konto!
„Entschuldigen Sie — ich bin der Bürgermeister von Borna — mit wem haben wir zu so später Stunde die Ehre und das Vergnügen?" trat ein Greis aus der Menge, die in die dunkelsten Ecken zurückgewichen war.
„Du spielst deine Rolle nicht schlecht, zahnloses Gespenst!" vernahm er als Antwort und fühlte den eisigen, aber verkrampften Händedruck eines Fremden, der sich nun seinerseits vorstellte: „Kameraden! Wißt Ihr wirklich nicht, wer ich bin? Ich bin der Räuber Moor! Räuber und Mordbrenner Karl Moor! Reicht mir ein Glas, mein frostzer- fressenes Gebäuch und Gebein wieder aufzuwärmen! Blühen wir in ekstatischer Wonne auf — wir alle — denn auch Ihr seid Räuber, edle, mit tausend Fäden an mein H«z geknüpft! Die goldenen Maienjahre der Knabenzeit leben wieder auf — da warst du so glücklich, warst so ganz, so wolkenlos heiter! Wie das neue Jahr, in das wir taumeln. Euer Zeugs schmeckt nicht schlecht. Rur Euer Glas ist viel zu klein, dir Flammen meiner Raserei zu löschen. Ich brenne. Wie dieses Haus bald brennen wird — wenn's mir gefällt. Was schmnrgelt da in eurer Küche? Ein Puter? Den er- ledige ich schon allein! And Bruder Beelzebub wird meine Schuld bezahlen. Er prägt die goldensten Dukaten. Wein her! Heißt, Heimkehr ins Vaterlandstal! Wer singt da: Laß — mich — fort — zum — wilden — Kriegestanzs!? Andere Töne! Singt: Sein Amarmen — wütendes Entzücken! Seine Küsse — paradiesisch Fühlen! Lippen, Wangen brannten, zitterten . . .! Wein! Runtergespült das alte Jahr! Runter, runter, runter. . . .“
War das ein Kerl! Die Bauern tuschelten: Man möge ihm bloß zu ttinken geben und überhaupt nicht nach 6« Bezahlung lange fragen; Räuber dürfe man nicht reizen; in der Scheune sei des Raums genug, den Räub«rausch fein auszuschlafen; nur nicht gleich den Ortsschützen darob zitieren; am anderen Morgen, nach einem ergiebigen Frühstück, mit den besten Wünschen ins neue Jahr ziehen lassen — nach Leipzig oder Chemnitz, wo die Obrigkeit nicht nur derbere Fäuste, sondern auch das dazu gehörige Fallbett oder einen schmucken Galgen habe; Wein her, Wein.... And dann, als der Fremde plötzlich wie tot unter den Tisch sank, noch immer auf den wilden Lippen böse Worbe, trug


