sagtest mir, als wir einander begegneten, wenn ich von deinen Weinen gekostet, so würde ich wissen, welche Seel« sich am tiefsten nach mir sehne. Deine Weine sind bitter und schwer, und die Wahl wird qualvoll. Wah hältst du in dem kleinen Kruge verborgen, aus dem du mir noch immer nicht gabst? Gib mir davon. Vielleicht weih ich dann eher Bescheid."
Der Schmerz wollte erst nicht hören, denn der kleinste Krug im Keller war sein kostbarster Schah. Erst nach langem Bitten erfüllte er Len Wunsch seines Gastes und schenkte ihm einen Tropfen Einen einzigen nur. Der aber war so dunkel und herb, daft selbst der Lod s<§nerzhast den Mund verzog.
Schmeckt er dir nicht, mein süßester Wein? Sieh, dem Kruge entsteigt nicht der zarteste Schleier einer Wolke. Er vertrocknet nie, denn er ist unverfälscht." „ x < ,
„Wer brachte dir diesen Tropfen, Bruder, der nach mir schreit?" .
„Einer, der über sein Leben weint.
Da neigte der Tod sein Haupt und wandte sich zum Gehen. Wortlos lieft ihn der Andere ziehen.--- .
Aber als der Tod Mr Erde niederstieg, um ein barmherzig Werk zu tun, da begegnete ihm eine Frau. Ähr Antlitz strahlte in Glück. Licht und Wärme schien von ihr auszugehen. Und staunend blieb der Tod stehen, und die Frau lächelte.
„Kennst du mich nicht? Ich bin die Freuds, die Schwester deS Schmerzes." ,
Jetzt wollte der Tod wissen, woher sie komme und was sie in ihrer Hand verberge. Und sie erzählte ihm:
„Ich war auf Erden. Ein Kind rief nach mir. Im Garten spielte es unter Blumen und Tieren. Sein Vater war viele Wochen fort gewesen. Und als er plötzlich wiederkam und sein Kind in die Arme schloft, da weinte das kleine Mädchen zum ersten Male vor Entzücken. Diese Tränen ging ich mir holen."
Glückselig zeigte ihm die Freude eine goldene Kapsel, in der sie die kostbare Gabe verborgen. Da muhte der Tod an den übervollen Keller des Schmerzes denken. Plötzlich bat er die Freude, ihm einen Tropfen ihres Schatzes zu gewähren. Verwundert sah sie ihn an, doch weil die Freude dir Freude war und so niemand gut etwas abschlagen konnte, entsprach sie seiner Bitte.
Die Lippen des Todes berührten die silberschimmernde Perle und die Freude sprach: „Warum wird dein Antlitz so traurig? Der Tropfen ist doch der süßesten einer. Denn jene Kinderaugen haben noch niemals dem Schmerze geopfert. Ich bin stolz auf meinen Schah, und bald wird doch mein Bruder kommen und auch seinen Tribut fordern!"
Finster nickte der Tod, dann zog er weiter. Aber er schlug eine andere Dichtung ein.
Was ging ihn der Mensch an, der über das Leben weinte? Er wollte das Kind holen.
Aus der Geschichte Des Vagabundenwesens.
Von A. Blum-Erhard.
Das „Wer vagorum", mit dem Titelbild eines mit Frau und Kindern wandernden Bettlers, enthält eine genaue Aufzeichnung deutschen Dagäbundenwesens im 15. und zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Es ist anzunehmen, daß das quartförmige Büchlein mit seinen nur 13 Seiten um 1509 erschienen ist. Darin berichtete Tatsachen bestätigen diese Vermutung, denn weder Druckort noch Jahr sind genannt.
In diesem Buch sind all die Arten von Bettlern nach Art und Aamen aufgezählt und charakterisiert, die sich von den Quellen des Rheins bis ins Elsaft und in der Pfalz, von Graubünden durch den Bregenzerwald nach dem Allgäu und dem Schwarzwald gezogen haben — ein ungezähltes Volk von Menschen, die nur vom lleberfluft und dem Erbarmen ihr Dasein fristeten.
Sie verstanden es von je, zu tun, was Gustav Frehtag in seinen Bildern deutscher Vergangenheit als Merkmal aufstellt, „zu rühren durch klägliches Aussehen und traurige Gebärde". Man darf vielleicht noch hinzufügen: zu erschrecken, wie es die „Laft- ner" taten, die furchtbar mit ihren Ketten rasselten und dem ängstlichen Landvolk und zagen Bürger vorspiegelten, „das seien die Ketten, an denen sie jahrelang bei den Ungläubigen geschmachtet hätten". Wenn sie dazu schreckhaft ihre Augen rollten, gab man ihnen umso lieber, weil sie behaupteten, ihre Befreiung einem Gelübde zu verdanken, zu dessen Vollzug sie eben diese Wallfahrt unternommen.
Furcht erregten auch die „Sündveger", starke Knechte mit langen Messern ausgerüstet, die den Lauschenden erzählten, daft sie in der Äotwehr Totschlag begangen hätten und daß. ihnen eine Geldbuße auferlegt sei, zu der sie durch Bettel die Mittel auf» bringen mühten. Auch die abschreckend gestalteten Bettlerinnen die sich manchmal zu ihnen gesellten, denen das liederliche Leben, das sie zu bereuen Vorgaben, nur zu deutlich ansah, flöhten mehr Schauer als Mitleid ein. Und wen erschreckte nicht der Anblick der Aussätzigen, denen man gern und doppelt gab, nur um sich von ihrem entsetzlichen Anblick zu befreien?
Auf das Mitleid rechneten jene, die sich nackend sehen liehen und Vorgaben, überfallen und ihrer Kleider beraubt worden zu
sein. Sie hieften „Schwanfelder" und „Blickschlager" und bettelten um Gewand und Schuhe. Andre Betrüger im Ordenskleid waren unter dem Ramen „Depifser und Dopfer" bekannt. St« gaben sich ein gar heilig Ansehen, gingen traumhaft von HauL zu Haus, bestrichen die Wände mit einem Amulett, mit änqch Heiligenbild. Sie wiesen Briefe vor — aber wer konnte damals auf dem Lande Briefe lesen? — in denen Beiträge für einest Kirchenbau oder für ein Kloster gefordert wurden.
Die Heiligenbilder dienten auch den „Stabülern" als Mittel zum Zweck. Sie klebten sie auf Hut und Mantel und kamen mit Weib und Kind daher, führten Hausrat mit, wie fahrend Volk, Säcke mit Töpfen unb Tiegeln, um sie von-.per Barmherzigkeit füllen zu lassen. Sie stammten meist aus einem ganzen Geschlecht von Bettlern, es dünkte ihnen keine Schande, sondern Aotwendig- keit, es war ihr Beruf zu vagabundieren und zu fordern, was durch Arbeit zu erwerben sie zu faul waren. Richt weit von ihnen! waren die „Klenker", die, das Bild ihres Heiligen vor sich her- haltend, Kirchen- und Klosterpforten belagerten und denen die Glieder zum seltensten fehlten, die sie eingebüßt zu haben, durch Humpeln .und durch Tragen von Krücken Vorgaben.
Das ungeratene Muttersöhnchen, das daheim oder beim Lehr- 6ernt oder in der Schule nicht gut getan, lief auch fleissig auj der großen Heerstraße und durch die Dörfer. Manche Muttes dachte beim Anblick solch eines verlotterten jungen Kerlchens an die eigenen Söhne und gab doppelt, indem sie dabei Gott und die Heiligen beschwor, die ihren zu bewahren. Sie waren bekannt als „Kammesierer".
Wer vorgab, die schwarze Kunst zu verstehen, hieft. „Dägierer". Er kam aus dem „Venusberg", schreckte und zog an durch geheimnisvolle Reden und Sprüchlein.. „Hier kommt ein fahrend Schüler der sieben freien Künste. Meister, Beschwörer des Teufels, gen Hagel, Krankheit usw." Manch einer schlug ein Kreuz:
„Wo diese Worte gesprochen, wird niemand erstochen — es trifft niemanden Unheil ..." Ei, wie eilig lief dann der Bauer, in der Hoffnung, von all seinen Hebeln befreit zu werden — ward es aber von manchem guten Batzen und Heller.
Das krüppelhafte Kind spielte auch eine große Rolle: es wurde mitgeschleppt, um auf einträgliche Weise und ohne Müh' Geld zu getrauten. Sehr oft war es nicht einmal ein gestohlenes, wie man an nahm, sondern das eigne, zum Krüppel mifthandeltq Kind, das als Anhängeschild der Armut dienen mußte.
Ein gar stolzer Herr war der „Jauner". Er hätte wohl arbeiten können: aher er schätzte die Freiheit über alles und verachtete den Bürger, der sich in Zünfte und Innung und Gesetz zwängen lieft. Wer im Würfelspiel oder durch Karten sich fälschlich Vorteil errang, hieß „Soner“, und „Spengler" die wenig geachteten Krämer mit allerlei unnützem Tand.
Rie vergebens bettelte der Pilgrim, und wer sich als getaufter Jude vorstellte, fand immer offene Hand.
Allerdings gab's auch Bettler, die die Rot wirklich zwang, z. B. den „Sönzengänger", jenen Adeligen, der durch die vielen Kriege ins Elend und um Hab und Gut gekommen war, dessen Güter vom Feuer zerstört, ihm kein Obdach mehr boten. Er mußte den traurigen Weg gehen, um fein nacktes Leben zu fristen, genau wie her „Kandierer", jener arm gewordene Kaufmann, der durch Plünderer und Wegelagerer um seine Sachen gekommen war, und der nur durch das, was er am Lech trug, ein anständiges Gewand, noch einen Hauch seines früheren besseren Daseins bewahrte. Ihm war zu Betteln Leid und Schande, wie jenen, die durch Bürgschaft oder durch elementares Unglück, Brand, Wassernot, Erdbeben, auf hie Straße gedrängt worden waren, die „Bürger", die keine Heiligenabzeichen trugen, aber um Gottes und der lieben graue willen unfein Almosen baten.
Die meisten dieser Ramen und Gebräuche sind ausgestorben. Aber der „Zechpreller" und der „Schatzgräber" sind noch immer nicht alle. Sie verlangten Gold und Silber, nm damit Gold unds Silber „heben" zu können. Ratürlich gaben auch sie vor, mit dem auf sie fallenden Teil des gefundenen Schatzes Messen lesen zu lassen, um arme Seelen aus dem Fegefeuer zu erlösen.
Angebracht war das Mitleid auch sicher der armen Kindbetterin gegenüber, was immer der Grund fein mochte, der sie aus dem warmen Haus auf die Heerstraße und zum Betteln trieb.
Eine besondere Reihe bildeten die Afterärzte, die heilsam« Wurzeln und das berühmte Heilmittel „Theriak", eine Latwerge, feilboten, das angeblich vom Leibarzt Kaiser Reros erfunden, aus siebenerlei Stoffen beftanb: Opium, Angelikawnrzeln, Meerzwiebeln, Baldrian, Zimt, Kardomon, fpanischen Wein und Myrrhe usw. Sicher war, was diese Pfuscher darbvten, wertlos und unecht: Henn Theriak wurde in holländischen, französischen und venezianischen .Apotheken im Beisein von Magistratspersonen unter besonderen Feierlichkeiten hergestellt. Da aber die Dummen nie alle werden, so fanden auch sie ihre Abnehmer und Gläubigen.
Sv zogen die Bettler in mancherlei Gestalt durch die deutschen Land«. Di« Fülle von Bezeichnungen für die verschiedenen Gruppen mag als Zeichen des Reichtums der mittelalterlichen Sprache geilten, der dem Reichtum an Schlauheit, Spitzbüberei und Niedertracht nichts schuldig blieb, den er kennzeichnen wollte.
Schriftleitung: I. D.: Hein, Gorrenz. — Druck und Verlas der Brühl'schen Llniv.-Duch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen,


