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Unter welchem Zeichen steht denn in Wahrheit unsere Zeit? Das Kreuz ist es nicht, das Kaiser Konstantin dem Großen er» schien mit der Inschrift:Hoc signo Vinces"; in diesem Zeichen wirst du siegen, ein anderes Kreuz hängt über uns und drückt uns zu, Boden, ein Kreuz mit der Inschrift:Hoc signo victi estis": in diesem Zeichen wurdet ihr besiegt! And statt des Er­lösers sind 14 blendende, gleißende Nägel darauf gehämmert: die vierzehn Punkte Wvvdrow Wilsons. Denn im Vertrauen darauf, daß, diese mit ihren idealen Grundsätzen von Dölkerfreiheit, Selbst­bestimmungsrecht und Friedensbund, von allgemeiner Abrüstung usw. die Grundlage des Friedens ohne Sieg" bilden sollten, streck­ten wir die Waffen und wurden schmählich betrogen. Dies aber ist es eben, warum ich imGötz von Derlichingen" unser zeit­gemäß estes Drama sehe.

Die Geschichte eines der edelsten Deutschen" wollte Goethe hier dramatisieren, und Herder betonte in einem brieflichen Urteil über den ersten Entwurf, es seiungemein viel deutsche Stärke, ~iefe und Wahrheit darin." Deutsches Wesen aber, deutsche Eigen­art konnte tief und wahr nicht gestaltet werden in einseitiger Ver­herrlichung deutscher Stärke: mit gleicher Klarheit muhte die deutsche Schwäche zur Anschauung kommen eine Schwäche, die Uns sittlich über alle anderen Völker stellt, die aber vom Stand­punkte der ,Klugheit aus gesehen stets, und nie verhängnisvoller als jetzt, die tiefste Quelle unseres Anglücks wurde. And diese Schwäche ist der wichtigste, der tragisch entscheidende Zug im Cha­rakter des Ritters mit der eisernen Hand.

Mcht der Gestalt nur, die der Dichter aus dem überlieferten Stoffe schuf! Götz selber unterstreicht diesen Zug am Schluß seiner Lebensbeschreibung, die uns in ihrer treuherzigen Aufrichtigkeit heute noch ergreift. All sein Anglück, sagt er dort, sei daher ge­kommen, daß er seinen Feinden und Widersachernvertraut hab' Und vermeint, Ja sollt' Ja sein und Rein sollt' Rein sein, und was, man einander, zugesagt, daß man solches wie billig halten sollt. Darauf hab' ich mich verlassen, vertraut und gemeint, andere Leut' sollen tun, wie ich mein Tag getan hab', und durch solche Ursachen und zu viel Vertrauen bin ich, wie gemeldt, in all mein Anglück kommen."

Mit stärkstem Nachdruck hat daher Goethe diesen Wesenszug feines Helden hervorgehöben und dessen Untergang hieraus ab­geleitet.

Im ersten Auftritte gleich nennt ein schwäbischer Bauer es Götzens Art, unerhört nachzugeben, wenn er int Vorteil sei, denn er vertraut darauf, daß die Gegenseite sein Verhalten durch ein gleich vornehmes erwidern werde; und der schwäbische Schneider, dem die Kölner den gewonnenen Preis vorenthalten, ruft bei Goethe in bewußter Abweichung von Götzens eigenem CBe= rtcW unmittelbar dessen Hilfe an: man weiß im ganzen Lande, daß dentreuherzigen" Ritter nichts mehr ergrimmt als der Bruch eines Versprechens. Darum auch ist es dem treulosen Weislingen nicht bange, als er ins Götzens Gewalt gefallen ist. Er weiß, daß dieser die Ritterpflicht heilig hält, und Götz gibt dem Ge­fangenen die bündigsten Beweise seines Vertrauens: er verlobt ihm die Schwester, läßt ihn frei auf bloßen Handschlag, daß er seinen Feinden keinen Vorschub leisten werde, und sorgt dafür, daß er ohne Zeugen mit seinem Knappen sprechen könne, der ohne Zweifel geheime Aufträge an ihn habe. Amso schwerer wird es ihm dann, den neuen Verrat Weislingens zu glauben; den Verdacht Selbitzens, die Beweise Georgs sucht er mit allen erdenklichen Gründen zu widerlegen, bis er sich endlich doch von dem Anfaß­baren überzeugen muß un& in tiefstem Schmerze ausruft:Es ist genug! Der wäre nun auch verloren! Treu' und Glaube, du hast mich wieder betrogen!" Er bekennt also, die gleiche Erfahrung schon oft gemacht zu haben. Dennoch heilt auch diese neue ihn nicht von seiner Vertrauensseligkeit: er kann nicht anders als glauben, daß die anderen Menschen ebenso anständig sein, ebenso ritterlich handeln müßten, wie es für ihn selbstverständlich ist. And immer bitterer muß er erfahren, daß dieser treuherzige Wahn ihn immer tiefer ins Verderben stürzt, die ganze weitere Handlung des Dramas besteht in einer Steigerung dieser Erfahrung. Die Kaiser­lichen gewähren ihm und seinen Getreuen freien Abzug aus der be­lagerten Burg und überfallen die Abziehenöen in mörderischer Absicht, sobald diese die Mauern hinter sich haben. Abermals brechen sie in Heilbronn die Zusage ritterlichen Gefängnisses, wollen ihn in den Turm werfen, und als er die jämmerlichen Aatsherren und Handwerker ins Mauseloch getrieben hat, erllärt er sich doch wieder bereit, das Schwert aus der Hand zu legen und gegen das Versprechen ritterlicher Haft in die Gefangenschaft zu­rückzukehren:Ich will euch lehren, wie man Wort hält!" Die bitterste Enttäuschung aber steht ihm noch bevor. In schwerem Seelenkampfe überwindet er sich, zum ersten Male in seinem Le­ben, selbst sein Wort zu brechen, indem er die Führerschaft der aufständischen Dauern übernimmt, um ihrer Raserei Einhalt zu tun, und er vertraut dabei sowohl auf ihr Gelöbnis, fortan von allen Aebeltaten abzustehen, wie darauf, daß der Kaiser in Aner­kennung dieses Motives und seiner Zwangslage den Dannbruch verzeihen werde. Aber die Dauern drohen ihn zu ermorden, da «r sie ernstllch in Zucht zu halten versucht, und seine alten Wider­sacher. Weislingen voran, erwirken das kaiserliche Todesurtell Über ihn.

So bricht er zusammen: fein unerschütterlicher Glaube an den Edelsinn und die Vertrauenswürdigkeit der Menschen, der immer

neue Fehlschluß von sich selbst auf seine Feinde sind fein Verderben getooT&en. And tote Götz selber in den oben angeführten Sätzen seiner Lebensbeschreibung diese Erkenntnis ausspricht, w läßt auch Goethe ihn in seinen letzten Worten aus der Er­fahrung seines ganzen Lebens die Lehre ziehn:Schließt eure Her­zen sorgfältiger als eure Tore!"

Amsvnst hat der Dichter seinem Volk diese Verkörperung deut­schen Wesens, deutscher Stärke und deutscher Schwäche vor Augen gestellt. Immer wieder bis auf die heutigen verhängnisvollen Tage hat der Deutschs im politischen Ringen um sein Dasein den glei­chen Fehlschluß gemacht wie Götz von Derlichingen, und darum gibt es kein Drama, kein Dichterwerk überhaupt, dessen tiefe Lehre wir uns mehr zu Herzen nehmen sollten als diese Tragödie des getäuschten Dertrauens.Ein großer dramatischer Dichter," sprach Goethe am 1. April 1827 zu Eckermann,kann erreichen, daß die Seele seiner Stücke zur Seele seines Volkes wird." Möge die deutsche Zukunft dieses Wort endlich erfüllen!

Von der Weisheit des Todes.

Legende von Hilde Leithner-Wien.

Auf einsamen Wolkenfluren begegneten einander der Schmerz und der Tod. And es fragte der Schmerz den Tod:Wohin geht dein Weg, Bruder?"

Ins Angewisse hinein, denn ich grübele darüber nach, wer auf Erden für mich reif geworden ist."

Da lud ihn der Schmerz zu Gaste und führte ihn in den Keller feiner Burg.

Du sollst jeden meiner Weine kosten, und dann wirst du wissen, welche Seele deiner harrt," sprach der Schmerz, reichte ihm einen Decher aus Kristall und führte ihn in die Mitte des Kellers. Dort goß er den Decher aus einer eichenen Tonne voll.

Trinke, es fhu> Kindertränen. Es ist mein hellster Wein und verflüchtigt sich rasch. Siehst du, welch große Dunstwolke sich darüber breitet. Nie wird diese große Tonne überlaufen."

Der Tod leerte den Decher auf einen Zug, ohne eine Miene zu verziehen.

Eigentlich bin ich an stärkeren Trunk gewöhnt. Der Wein ist wohl noch jung?"

Der Wein bleibt immer jung und hell. Selten wirst du schwere Tropfen darin finden, Druder," war die Antwort des Schmerzes.

And an den Wänden des Burgkellers liefen Bretter, und darauf standen steinerne Krüge in allen Formen und Farben. Fast über allen schwebten Wolken, viele dicht und manche fein durchsichtig. Dorthin geleitete der Schmerz nun seinen Gast. Er schob die Wolle über einem großen, weiten Krug zurück, neigte ihn ein weing und- füllte den Decher dreiviertel voll.

Trinke, es finb Tränen der Jugend. Sie schenkte mir diesen Wein als die ersten Illusionen zerbrachen. Ich trinke ihn gern, denn er ist gut!

Prüfend setzte der Tod den Decher an den Mund und trank ihn langsam aus. Dann sagte er:

Du hast recht. Er ist stärker als 5er Erste. And doch, ich bin an stärkeren gewöhnt."

Da reichte ihm der Schmerz den Decher halb.gefüllt zurück.

Er ist aus dem Kruge der ersten Liebe. Ein süßer, schwerer Wein."

Lächelnd betrachtete der Tod den großen, buntbemalten Krug, dem eine leichte Wolke entstieg. Kostete erst einen Tropfen und trank dann bedächtig aus.

Gut ist der Wein, Bruder Schmerz, und schwer, denn manch herber Tropfen läuft darin mit. Willst 6n mich nun aus dem kleinen, schmalen Kruge kosten lassen, der am Ende der Reihe steht?"

Noch nicht," sagte der Kellermeister,erst sollst du Frauen­tränen trinken. Diel kann ich! dir ja nicht davon geben. Denn mögen auch ihrer viele sein, sie sind mir teuer. And dann--du

wirst sehen, sie sind herb."

And so kostete der Tod die Zehren der Verlassenen und den Verstoßenen, Tropfen für Tropfen. Auf seiner Zunge zerrann das Weh der Verschmähten und Betrogenen. Er schlürfte den Jammer der Rechtlosen und Angeliebten, und er lernte die Bitternis den Verratenen und Verzweifelten kennen.

Nur wenig gab ihm der Schmerz von diesen Weinen, denn jeder Tropfen galt dem Kellermeister als kostbares, unwiederbring­liches Gut. Auch waren die Krüge schwer zu heben. Änd der'Tod, ein genügsamer Gesell, war es wohl zufrieden. 'Denn aufrichtig gestanden, ihm dünkten auch die wenigen Tropfen ein herber Tranks Sie waren tote Galle so bitter.

Auch Mütter haben mir geopfert," sagte der Schmerz und schenkte seinem Gaste drei Tropfen aus einem Kruge, dem nur eine ganz feine Wolke entstieg. Gr sprach:

Den ersten Hellen Tropfen schenkte mir eine Mutter, die ihr Kind frühzeitig verlor. Den zweiten schweren habe ich von einer! Frau, deren Sohn viel Leid im Leben erdulden mußte, und deis dritten, Mutigroten, hat mir ein Weib gebracht, als ihr Kind an fremdem Leben schuldig geworden. Rufen dich nicht ihre Trä­nen, Bruder Tod?"

Sie rufen nach mir, doch sie sind nicht die einzigen. Auch die Müden und Enttäuschten riefen leise meinen Namen. And da