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VW jittt meinen Ettern in Mainz $uftartmentrlfft, unö bah alte zusammen nach Armsheim fahren, sie werden um halb ein Uhr hier sein. Auch alle Leine Enkelkinder werden mitkommen."
„Alle, bis auf den lieben Wilhelm, deinen Bruder, der liegt in Galizien nun schon beinahe neun Jahre begraben. Ach, Maf- thilde, hatte ich für ihn sterben können!"
Dem Großvater und der Enkeltochter standen die Tränen in den Augen.
„Wir wollen uns in den Willen Gottes ergaben/' sagte der Greis. „Die, die für das Vaterland gefallen sind, haben es viel kesser als wir. Ich will nicht murren gegen Gott, er hat mir in meinem langen Leben viel genommen, er hat mir auch viel gegeben. Ich habe lauter gute und strebsame Kinder und Enkelkinder. Heute fühle ich mich um dreißig Jahre verjüngt. Als meine beiden Söhne noch die Schule besuchten, habe ich mich immer gefreut, wenn sie in 6er Ferienzeit nach Hause kamen. Wenn sie abends von der Bahn kamen, habe ich im dunklen Zimmer Hinter dem Fenster gesessen und gewartet, bis sie kamen. Alle Habe ich an ihrem Schritt erkannt. Der Otto ging schnell und! leicht, der Ernst trat fest auf und machte große Schritte. Wenn ich ihren Schritt hörte, bin ich rasch zur Großmutter gegangen und habe gesagt: .Jetzt kommen sie.' Da sind wir beide hinausgeeilt und haben sie auf der Haustreppe begrüßt."
„Großvater, jetzt mußt du aber deinen Kaffee trinken, denn nachher kommt vielleicht Besuch."
Eine halbe Stunde später war Oestreich zum Ausgehen gerüstet. In der rechten Hand trug er einen Stock, in der linken einen Blumenstrauß, den Mathilde schon am Abend zuvor im Garten geschnitten hatte. Die Enkelin war in der Küche beschäftigt, der Großvater rief ihr zu: „Ich gehe jetzt zur Großmutter, bin aber bald wieder da."
Aus den Ortsstraßen sah man überall, daß es Erntetag war. Die Hoftvre und die Scheuertvre standen weit offen. Man sah auf den Tennen die schwerbeladenen Wagen stehen, die Garben wurden an Ort und Stelle gebracht. Andere Wagen knarrten Lurch die Straßen, in den engen Gassen streiften die hoch auf- geschichteten Garben manchmal die Gebäude. Hier und da lagen Aehren auf dem Pflaster, und das Hühnervolk pickte die Körner auf.
Oestreich ging hinaus vor Las Dorf, sein Ziel war der Fried- hof, der auf einem Berge liegt. Der Weg, auf dem man dort die DaHingesHieLenen nach dem Acker Gottes bringt, geht an Aeckern £d Weinbergen vorüber, steil in die Höhe. Das eiserne Tor, rch das der alte Lehrer schritt, war nur angelehnt. Ein sauber gehaltener Weg führte mitten durch den Friedhof, der vordere Teil war noch nicht belegt, hier wuchs Klee. 3m hinteren Teile reihte sich Grab an Grab. Wohl schon seit achtzig Jahren wurde dieser Friedhof benützt, nachdem man den Begräbnisplah, 6er um die Kirche lag, aufgegeben hatte. Ueber diesen älteren Teil rankte wild wachsendes Gebüsch, die Grabsteine waren eingesunken, die Schriftzeichen mit Moos Überwuchert und kaum noch zu lesen. Auf Kindergräbern sah man Tauben aus Porzellan, das Sinnbild der Unschuld. Tannen und Trauerweiden wuchsen auf den Hügeln. Auf den Gräbern, die erst in neuerer Zeit wieder ausgerkchtet worden waren, hingen Perlenkränze.
An der Mauer lag das Grab, das der alte Mann suchte. Es war mit Sandstein eingefaßt und von der Enkelin mit Blumen bepflanzt. Daneben lag ein freier Platz, den Oestreich für sich selbst bestimmt hatte. Auch das Grabmal war ein Doppelgrabmal, die eine Seite war noch frei, auf der anderen stand zu lesen: „Hier ruht in Gott Mathilde Oestreich, geb. Hagenbruch, geb. am 2. Mai 1844, gest. am 30. April 1907. Hiob 19, 25. Ich weiß, daß mein Erlöser lebt." Der Witwer legte seine Blumen auf das Grab nieder, entfernte einiges Unkraut, das in der letzten Zeit in hie Höhe gewuchert war, und sah dann in ernstem Sinnen auf die Stätte nieder. Im Weggehen sprach er halbleise nach dem Grab hin: „Bald- sehen wir uns wieder!"
Vor dem Friedhofstore ftanb er eine Weile still und ließ seine Blicke hinaus in das sommerliche Land gleiten. Im Borden verdämmerten die Rheinberge, das blaue Gebirge im Westen war 6er Hunsrück. Weithin leuchteten die Wälder auf, sonst waren nur Äecker und Weinberge zu sehen. Ein Getreidehaufen lag neben dem anderen, Fuhrwerke gingen über die Felder, man sah, wie die Garben auf den Wagen geladen wurden, wie die Pferde dann mit mächtigem Ruck anzogen un& die Fuhrwerke, tiefe Geleise in den Stoppeläckern hinterlassend, sich öahinbewegten.
(Fortsetzung folgt.)
Neue Erinnerungen cm Anton Bruckner.
Die Persönlichkeit Anton Bruckners, deffen 100. Geburtstag sich am 4. 9. jährt, tritt immer mehr und mehr in das Licht der Geschichte, da eine rege Bruckner- Forschung sich mit ihm und seinem Werk beschäftigt. Einer der wichtigsten Beiträge zur Erkenntnis seines Wesens find die soeben im Universal-Verlag zu Wien erscheinenden „Erinnerungen an Anton Bruckner", &te einer seiner intimsten Freunde und Schüler, Friedrich Eckstein, veröffentlicht hat. In seiner Wohnung herrschte eine große Unordnung; sowohl das Harmonium wie fein Flügel waren mit Partituren, Hausen von Manuskripten, mit Skizzen und Ausarbeitungen bedeckt. Auch auf dem Boden des Schlafzimmers waren ringsum
Hohe Sätze von Musikalien, Entwürfen, Büchern, Briefschaften usw. aufgetürmt, „un& gar oft mußte ich," erzählt Eckstein, „wenn irgend eine Skizze, ein Brief oder ein wichtiges Dokument abhanden gekommen war, die längste Zeit auf allen Vieren am Boden herumkriechen, um das Gesuchte zu finden." Der Meister lebte und webte nur in seiner Musik, und seine Interessen waren begrenzt, wurden aber merkwürdigerweise von zwei speziftschen österreichischen Ereignissen in Anspruch genommen, die in feinem Seelenleben eine befondere Rolle zu spielen schienen. Es waren dies die Hinrichtung des Kaiser Max in Mexiko und die österreichische Aordpol-Expeditivn. „Mit wahrem Heißhunger hatte er alles gelesen und verschlungen, was er irgendwie über Land und Leute in Mexiko und Über die Polarregivnen oder die Expeditionen dahin erlangen konnte, und ganz im Gegensatz zu seinem sonst so geringen Interesse für Politik, Geschichte, Geographie und sonstige Wissenschaften zeigte er eine geradezu verblüffende Detailkenntnis! jener beiden Gebiete, erzählte immer wieder, nicht ohne Zeichen innerer Erregung, von den Eisfeldern Grönlands und Rowaja Semljas, und dann wieder von der Verfassung Mexikos und dessen politischen Zuständen, und manchmal, nachdem er in ein längeres Schweigen und nachdenkliches Sinnen versunken gewesen, hörte ich ihn aufseufzen mit den Worten: „Ha, der Diaz!", wobei er sich nicht nehmen ließ, den Rarnen Diaz stets mit einem z am Ende auszusprechen."
Bruckner war ein gewaltiger Orgelspieler, dessen Improvisationen in ihrer Art einzig waren und nie mehr übertroffen worden sind. „Aus dieses Orgelspiel war denn auch," wie Eckstein berichtet, „wie er selbst mir einmal angedeutet hat, die für feine ganze Erscheinung charakteristische Kleidung zurückzuführen, denn er trug, wie ein Bergführer, stets sehr kurze, schwarze, nur bis an die Knöchel reichende, überaus weite Beinkleider aus steifem, haus- gesponnenem Lodenstoff, den er stets aus feiner österreichischen Heimat bezog, weil er sich so, insbesondere beim Pedalspiel, genügend frei und ungehemmt bewegen konnte. Aus dem gleichen Stoff waren auch Rock und Weste sowie der ebenso brettartig steife Ueberrock, der mit dem Breiten schwarzen Schlapphut über dem stets glattrasierten mächtigen Römerschädel mit der gewaltigen Hakennase einen einzigartigen Anblick gewährte, so daß er damals. wenn er.durch die Straßen dahin schritt, wie ein Wahrzeichen der Stadt Wien wirkte ... Oft und gern erzählte er mir auch von den Erlebnissen seiner frühen Zeit; wie er damals ost harte Rot gelitten und als ganz junger Mann gezwungen war, nicht allein Beim Unterricht in der Dorfschule auszuhelfen, sondern auch gegen Bezahlung eines „SWerzwanzigers", also von etwa 50 Hellern, den Dauern von Windhag im Wirtshaus nächtelang auf der Geige zum Tänze aufzuspielen. Und dann wieder sprach er mir von dem herrlichen Stift St. Florian bei Linz, wo er so oft die mächtige Orgel gespielt, unter der er jetzt begraben liegt, und von seinem Verkehr mit den Geistlichen dort, deren er so viele zu seinen vertrauten Freunden rechnete. Und von der stillen Sammlung der Fasten- und Osterzeit sprach er manchmal, von den Schauern der Karfreitags-Liturgie und von dem Mysterium der Rächt von Gründonnerstag auf den Karfreitag, wo das geheimnisvolle Umschlagen aus hoffnungsvollem Frühlingssehnen in die düstere Leidenswelt der Kreuzigung dämmerhaft hervortritt. Wenn Bruckner, in seltenen Augenblicken, auf diese Dinge zu sprechen kam, dann wurde sein Gesicht schmäler und nahm einen eigenen, ganz veränderten Ausdruck von Furcht und- schmerzlicher Entzückung an; er sprach mit gedämpfter Stimme, glänzenden Augen, hochgezogenen^Brauen und die Rechte feierlich erhoben, Daumen und Zeigefinger geschlossen, die anderen Finger weggespreizt, so wie etwa Giotto einst seine erleuchteten Greife gemalt, die von Gott Zeugnis geben."
Goethes „Götz von Berlichingen" — das zsitgemähests Drama der Deutschen.
Von Dr. Eduard von der Hellen.
Gewagt zum mindesten scheint es, ein Werk, das vor anderthalb Jahrhunderten entstand, das zeitgernäheste Drama der Deut- schen von heute zu nennen. Gäb es doch damals so gut wie nichts von alledem was für unsere Tage bezeichnend zu fein scheint, für das „veloziferische" Zeitalter, das Goethe mit ©raufen herauf- kommen sah ! Am 6. Juni 1825 schrieb er an Zelter: „Reichtum und Schnelligkeit ist, was die Welt bewundert. Eisenbahnen, Schnell- Posten, Dampfschiffe und alle möglichen Fazilitäten der Kommunikation sind es, worauf die gebildete Welt ausgeht, sich zu überbieten, zu überbilöen und dadurch in der Mittelmäßigkeit zu verharren." Und haben wir uns nicht tatsächlich in diefer nur scheinbar fortschrittlichen Richtung weiterentwickelt? Gerade die Der» kehrsbeschleunigung zu Lande wie zu Wasser und Bann gar tn der Luft ist ja bezeichnend für die Gegenwart, dazu die völlige Ueberwindung von Raum und Zeit durch die Telegraphie und Me im Rundfunk gipfelnde Telephonie. Da hätte ich also wohl treffen- 6er ejn anderes, eigenes Drama das zeitgemaßeste genannt: die dramatische Utopie „Htzazinth", die 25 Jahre vor der Radiomanie entstand, als Buch 1918 bei Cotta erschien, und in der doch schon 6er ganze Radiozauber eine triumphierende Rolle spielt. Aber nein, tn einem tieferen Sinne ÄÄ dieser internationale Rausch ist der KeM von Goethes »Gdtzf zeitgemäß für Uns Deutsche von heute.


