Gießener Zamilienblatter
Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
Jahrgang 1924 Samstag, den 50. August Nummer 56
Goethe-Worte.
Es kommt nicht darauf an, daß etngeriffen, sondern daß etwas aufgebaut werbe, woran die Menschheit reine Freude empfinde.
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Alles was unseren Geist befreit, ohne uns die Herrschaft über Uns selbst zu geben, ist verderblich.
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Die Menge kann tüchtige Menschen nicht entbehren, und die Tüchtigen sind ihnen jederzeit zur Last.
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Gegner glauben uns zu widerlegen, wenn sie ihre Meinung wiederholen und auf die unsrige nicht achten.
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Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muß!
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Noch ist es Tag, da rühre sich der Männ: die Nacht tritt ein, wo niemand wirken kann.
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Große Gedanken und ein reines Herz sollen wir von Gott erbitten.
Der achtzigste Geburtstag.
Don Heinrich Bechtolsheimsr.
Lehrer Oestreich hatte zweiundsünfzig Jahre lang Schule ge- !»alten und war alsdann mit zweiundsiebzig Jahren in den Ruhe- tand getreten. In der Gemeinde, in der er zuletzt neununddreißig Jahre hindurch gewirkt hatte, war er wohnen geblieben. Das Schulhaus allerdings hatte er seinem Nachfolger überlassen müssen, dafür hatte er sich ein kleines Haus vor dem Dorfe erbaut, es war ein einstöckiges Haus mit grünen Läden, ringsum umgeben von einem Garten. Auf die Pflege dieses Gartens verwendete der alte Mann allen Fleiß. Die Wege waren mit gelbem Kies bestreut, die Beete mit Buchs eingefaßt, Rosen blühten dort in bunter Fülle, und an den Spalieren reifte das Obst. In der Ecke stand eine Gartenhütte, die Oestreich selber gezimmert hatte.
Haus und Garten waren so recht zu einem Ruhesitz geschaffen, Friede und Stille lagen über dem Anwesen. In dem Hause wohnten auch nur zwei Menschen, außer dem alten Lehrer nämlich noch seine Enkeltochter Mathilde, die ihm das Hauswesen besorgte. Die Ehefrau war vor fünfzehn Jahren gestorben, die Kinder waren verheiratet und wohnten auswärts. Der älteste Sohn war Prokurist in einem bedeutenden Mainzer Handelshause, der zweite war Kreisschulrat in einer vberhessischen Stadt, und die einzige Tochter war mit einem Lehrer in Darmstadt verheiratet. Es war mit der Familie nach dem gewöhnlichen Lauf und Q»;ng gegangen, einst war das Haus voll von Leben und Kinderjubel, voll von Arbeit und Sorge, dann hatten die Kinder der Reihe nach das Elternhaus verlassen, die Mutter war dahingeschiSben, der Vater war in den Ruhestand getreten, und die Stille zog ein in das Haus.
Oestreich feierte seinen achtzigsten Geburtstag. Es war mitten in der Kornernte, und vom wolkenlosen Himmel brannte die Sonne hernieder. 3n* diesen Tagen klagen und schimpfen viele Menschen, die in der Stadt wohnen, gewaltig über die Hitze. Sie lassen die Rolläden herunter, wollen nicht auf die Straße gehen, klagen das Wetter an, das ihnen dieses Unbehagen schafft. Ich denke da an einen dicken jungen Handwerksmeister, den ich vor vielen Jahren an einem heißen Sommertage vor feiner Haustür stehen sah, er prustete wie ein Nashorn, das man im Zoologischen Garten sieht, als ob er sich durch sein Prusten die Hitze vertreiben könnte, ich denke an so manchen Faulenzer, der in Sitzungen oder bei Versammlungen während der Sommerzeit sich mit dem Taschentuche fortwährend Luft zufächelt und den Verhandlungen keine Aufmerksamkeit schenkt. Da ist der Dauer vvn ganz anderem Schlage, er fürchtet sich nicht vor der Sonne. Kommt er auf seinen Acker, so werden Rock und Weste ausgezogen und an den Ackerrand gelegt, der Leibriemen wird fester angezogen, der Strohhut tiefer in das Gesicht gedrückt, die Hemdärmel werden bis zum Ellenbogengelenk aufgestreift, und nun fährt die Sense mit wuchtigen Hieben in das wogende Getreide. Ebensowenig fürchten sich auf dem Lande Frauen und Mädchen vor der Hitze, sie schützen sich, soweit als es geht, durch das weiße Kopftuch vor der Sonne, packen mit der Sichel die niedergemähten Halme
und ordnen sie, damit sie gebunden werden können. Ob ihnen auch di« scharfen Stoppeln in die Hände stechen, ob sie sich auch noch so oft bücken müssen, daß ihnen der Rücken steif wird, sie klaget nicht, sie freuen sich über den Segen, den Gott ihrer Flur be- schieden hat. In diesen Tagen haben die Kinder Ferien, sie gehen mit hinaus auf das Feld. Oft lenken zwölfjährige Knaben das Gespann vom Äcker nach der Scheuer und wieder zurück, die Mädchen lesen Aehren, die ganz Kleinen sitzen am Ackerrande und schlafen auch wohl ennüdet ein. In der Erntezeit ist der Wald noch frisch grün, in den Gärten blühen die Blumen in bunter Fülle, an den Zweigen hängen die grünen Aepfel, allenthalben ist Leben, FreuLe und Segen.
Schon in aller Frühe hatte sich der Greis an seinem achtzigsten Geburtstage von seinem Lager erhoben, dann nahm er nach seiner Gewohnheit die alte Bibel zur Hand, die ihm einst beim Abschied vom Elternhause Valer und Mutter mitgegeben hatten, und las den 103. Psalm, der mit den Worten anhebt! Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist seinen Heiligen Namen. Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat. Langsam las er das uralte Gotteslied, Überdachte jeden Sah und fand ihn an seinem Leben bestätigt. Dann holte er vom Bücherbrett das Gesangbuch und las Gellerts Lied, das die Nr. 433 und die Aufschrift „Am Geburtstage" trägt. Seit Jahren hatte er das an seinem Geburtstage so gemacht. Dann trat er von seinem Schlafzimmer hinaus in den blüh«rden Garten. Noch funkelte der Tau auf den Pflanzen, auf den Bäumen jubelten die Vögel. Gerade betrachtete der alte Mann ein« schöne Teerose, die schon halb am Entblättern war, da hörte et leise Schritte über den Gartenkies knirschen, und wie er sich umsah, fiel ihm die Enkelin um den Hals und brachte ihm ihren Glückwunsch dar. Gerührt dankte der Großvater, er sagte: „Diz, mein liebes Kind, bist die Freude und der Trost meines Alters, Wenn ich dich sehe, so meine ich, ich hätte eine schöne Blume aus meinem Garten vor mir. .Und was für ein Opfer bringst du mir, du bist aus Darmstadt von deinen lieben Eltern weggegangen, uns mir beizustehen. Jetzt könntest du in der Stadt mit deinen Freuw dinnen verkehren und so viel Interessantes sehen und lernen und Hältst hier auf dem Dauernorte aus, um mich zu pflegen."
„Äch, Großvater," erwiderte das Mädchen, „du weißt gar nicht, wie gut es mir hier gefällt. Ich kann mir nichts Lang- weileriges Lenken als die Rheinstraße und die Neckarstraße inst ihren kasernenmäßig aufgebauten Häusern und mit den selbstbewußten Menschen, die dort auf und ab gehen und sich wichtig machen. Wenn die Dauern hier Korn heimfahren und dabei mit der Peitsche knallen, so höre ich das viel lieber als das Glockenspiel am Darmstädter Schlosse."
„Aber der Bräutigam in Frankfurt wird böse sein, daß er dich so selten sehen kann."
„Wir haben uns ja erst an Pfingsten gesehen, und wenn er in drei Wochen nach Bingen kommt, um dort im Äustrage seiner Firma eine neue Maschine aufzustellen, so wird er uns hier besuchen. So ein Elektro-Jngenieur hat mehr zu tun, als an seine Braut zu denken."
„Du bist ein gutes Kind," sagte der alte Mann.
„Aber jetzt schnell hinein ins Wohnzimmer, Großvater, damit du deinen Geburtstagstisch sehen kannst!" D
Der runde Tisch im Wohnzimmer war weiß gedeckt und mit Blumen geschmückt. Inmitten standen auf einem Teller acht Wachslichter, die die acht Jahrzehnte des Großvaters anöeuteten. Am Tage zuvor waren schon Glückwunschbriefe eingetroffen, die die Enkelin auf der Straße dem Briefträger abgenommen und für den nächsten Tag zurückgelegt hatte. Auch Geschenke von Orts» einwohnern waren eingetroffen, einige Flaschen siebzehner Weines, Tabak und Zigarren: denn der alte Mann rauchte gern, wenn er durch seinen Garten oder durch das Dorf ging. Mathilde hatte einen mächtigen Bundkuchen gebacken, der auf dem Tische prangte. Die Freude leuchtete aus den Augen des alten Lehrers, als er diese Beweise der Liebe und Anhänglichkeit sah.
„Ich! habe es gut an meinem Lebensabend," sagte er. „Diele alte Leute habe ich gekannt, die im Alter ganz verlassen waren. 'Wie ging es meinem armen Kollegen Junker so schlecht, er hatte, als er in den Ruhestand getreten war, keine Menschenseele mehr um sich gehabt und mußte im Rochusspitale zu Mainz, wohin man ihn gebracht hatte, noch so furchtbar leiden. Arn meisten freu« ich mich, daß freute meine Kinder kommen. Wann können sie hier fein?“
„Der Onkel Otto hat geschrieben, daß er mit dem Onkel Ernst


