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tourte, beschien die silberne Mondscheibe in stiller Ruhe ein Bild des Friedens. Die Nebelschwaten leuchteten über Ruda noch einige Zeit blutrot auf. Wieviel Schmerz und Elend, wieviel tote Ka­meraden deckte dieser Nebelschleier zu!

Ein Ehrentag der 48. Res.-Div. und des, 11/222 hatte sein Ente gesunden. Der 30. November 1914 war in dem gewaltigen Ringen in Polen nur ein kleiner Nusschnitt. Ihm folgte dann der schwere 3. Dezember. Am 5. Dezember war Pabianice von Süden umfasst, Pawlikowice wurde gewonnen und Lodz war bedroht.

Von diesen Kämpfen berichtet Stegemann in seiner an- schmilichen Weise:Sie (die 48. R.D.) schritt mit Breslauer Laute sturmverbänden zum Angriff, nachdem sie in einem Gewaltmarsch auf das Schlachtfeld gelangt war, und warf die Russen in pracht­vollem Sturm aus Halt und Rahmen."

Am 6. Dezember 1914 fiel das schwer umkämpfte Lodz. ®.

Die alte Truhe.

Von Timm Kröger.

(Schluß.)

Das wunderlichste aber waren die beiden Männer, die nach Hvhenwichel gingen und' sich nicht liehen. Zum erstenmal war es vor drei Tagen gekommen. Ein Wagen war auf ter Land­straße im Nebel schattenhaft vorübergefahren, Hans Paulsen hatte immer die Wegfchlacken gehört, wie sie vom Rad in die tiefen Geleise zurückficlen. Der Wagen war verschwunden; Hans hörte ihn kaum noch ... da sah er die Männer Arm in Arm.

Am Tag vor der zehnten Wiederkehr des Todestages der Mutter ging Hans nach dem Nachmittagskaffee nicht wieder nach ter Koppel.' Er bat Seien um warmes Wasser und nahm sich den Bart av; er wollte in der Frühe nach Hvhenwichel.

Das tu man," erwiderte seine Frau und kriegte das Sonn­tagszeug ihres Mannes aus der Lade.

Er ging früh vor Tag im Nebel weg.

Spät sollte die Sonne aufgehen. Er hatte schon eine ganz Streck^ auf dem Jmmerheider Viert zurückgelegt, er sah, als das Tagesgestirn gekommen fein muhte, nur einen blassen Schein.

Der Nebel blieb, wie er war, wurde wohl gar noch dichter. Hans Paulsen, der mit dem Stock den breiten Fußsteig maß, war das recht. Je einsamer es war, um so deutlicher sah er die beiten Männer vor sich her, tote sie Arm in Arm auf Hohen- wichel zugingen.

Er ging und ging.

Vor Jahren, als er, ein neuer Ansiedler, hierher gekommen war, da hatten die Katen in kleinen Gärten und Koppeln gelegen, alles andre war struppige Heide gewesen. Nun war wenigstens am Weg hin eine mehr oder weniger breite Leiste angebauten Landes. Hans schlug einen Richtsteig ein, ter ihn tiefer in das Blachfeld führte; da streifte er wieder das ungekämmte Jungfern­haar einer unbegebenen Erde.

Und immer die beiden im Nebel vor ihm her.

In den Gemarkungen glücklicher Dörfer mit altem Kulturland endigte der wilde Steig. Alte, glückliche Dörfer sind auch die, zu denen die Buchhvlzkate gehört und nachher auch Hvhenwichel. Vorher ist aber ein unheimliches Moor zu überschreiten, das seine Dünste brütend gen Himmel schickt. Das Moor ist wild und weich und morastig. Wenn Hans bei Sonnenlicht von ter Höhe einen Menschen hinuntergehen gesehen hatte, dann war ihm immer ge­wesen, wie wenn eine tote Seele zum Tore ter Verdammnis schleiche.

Nun stieg er ohne Sorge hinab'. Was kümmerte ihn das Moor? Der Nebel deckte alles zu. Der Nebel machte alles gleich. Und zwei Schatten zeigten ihm den Weg.

Er sah auch Hvhenwichel.... In der Tür stand die Mutter und wartete auf die, die Arm in Arm daherkamen.

Nun war das Moor hinter ihm, das Flüßchen, vor dessen sumpfigen .Ufern es abgelagert war, hatte er überschritten, nun war er in den glücklichen Knickdörfern.

Lind überall um Haus und Hof und auf ter Straße war es still, so still, daß er das Rieseln tes Nebels hörte. Nur einmal fah er ein paar Hühner, die es gewagt hatten, zehn Schritt vom Wieben zu gehen. Hier und da ein Bauernmädchen, das Kiichen- und Milchgeschirr auf die Regale am Hauskamin stellte. Im grauen Nebel, wie schauten sie so frisch und fröhlich aus! Eigentlich war aber alles mehr Eindruck als Wahrnehmung; alle Formen verschwammen, das Harte und Herbe wurde weich. Ja, selbst Ge­räusche, deren Quelle zum Greifen nahe lag, kamen wie aus weiter Ferne und aus alten Zeiten her . . .

Und die beiden Schatten Arm in Arm.

Er erreichte das Wäldchen mit dem Häuschen, von dem die Mutter herstammle. Der Bach schwatzte an seinem Weg entlang, aber auch der leiser als sonst.

Hans Paulsen ging vorbei er wollte sich der Schatten ge- trösten, aber er sah sie nicht mehr. Ein andrer Schatten . . . nein , . . kein Schatten ... ein Mann, der fest auftrat ,er trug einen Stecken, und ter Stecken hinterließ Löcher im Sand tarn ihm entgegen.

Dor ter Buchhvlzkate begegneten sie sich. Und beite standen still . . . und waren starr . . . und liehen die Augen über sich hergehen. . . und schwiegen.

Hans nahm zuerst das Wort.Gvten Dag, Kläs!"

Goden Dag, Hans!"

lind sie reichten sich die Hände. And sie sahen sich in dis Augen . . . Und jeder sah die Bewegung tes andern . . .

Jk wull hen di, Kläs!"

Jk wull hen di, Hans! Dat sünd vundäg (heute) tetn Jähr."

Darum jüst, Kläs." And wieder schwiegen sie.

Wi hebbt uns lang ni sehn," fing Hans wieder an.

Wi sünd ni gvod untenanner kämen. Jk heff di unrech dän, Hans!"

, ik heff di unrech dän, Kläs!"

lind wieder Schweigen . . . eine halbe Minute lang.

Dann trat Hans dicht an Klaus heran und streichelte ihm die Backen:Wat büst du för'n gvden Kerl! ... Du büst miin lewe Witte Kläs!"

Klaus war der Weichere, in seinen Zügen fing es an zu ar­beiten, er machte krause Falten .... fein Gesicht war des Weinens nicht gewohnt. Aber er tat es doch, er weinte mitten auf ter Landstraße, vor der Buchhvlzkate, und schlug den Arm um seines Bruders Nacken.

Komm mit, Broder . . . ik drööm (---träume) ümmer, ik gäh Arm in Arm mit di Hvhenwichel hen."

Auch in Hans Paulsens Auge glänzte es verdächtig.3ä, er­widerte er und schob seine Hand unter Klaus Paulsens Arm. So gingen sie.

Es kam, wie sie beide geträumt und träumend gesehen hatten. Und wenn die Tote auch nicht gerade in Person im Türrahmen stand, sie zu empfangen, so war sie doch bei der stillen Feier, die man in Hvhenwichel hielt, zugegen.

Nach langer Zeit sah Haus seines Vaters Haus wieder, und siehe da! es war alles gut. Wie das Haus so warm im Nebel auf der Höhe lag, die Linden nvch immer vor ter Tür und die Gvldweiden im Knick! Der Nebel sperrte zwar die Aus­sicht, aber für Hans bedurfte es keiner Sonne, zu schauen. _ Er wußte, vvm alten Steinwall am Stall sah man am weitesten. Vor dem Wall fand er eine Hecke, nun war der Wall eigentlich überflüssig. .Und es juckte ihm ordentlich in den Fingern, die Erde unten nach den Wiesen hinunterzukarren.

Von dem Erbstück, von der alten Lade sah er nichts. Von dem Erbstück sprach keiner ein Wort.

Am andern Tag nahm Hans seinen Stock . . .Nun will ich nach Haus und an Ttien und an mein Kind sagen, damit auch sie sich freuen "

Wenn es dir recht ist, Hans," entgegnete ter andre,dann gehe ich ein bißchen mit längs."

Sie gingen zusammen. Unterwegs sagte Klaus zu seinem Bruder: Es muß doch davon gesprochen werten, Hans. Ich meine von der alten Late . . ."

Hans nickte.

Sieh, Hans, ich hab sie nicht mehr. Ich hab so gedacht in meinem Sinn: Es ist nicht mehr zu erforschen, was Mutier eigent­lich gemeint hat. Und da hab ich gedacht, es sei das beste, weder ich kriegte sie, noch du. Und das beste fei, sie wieder nach dem Haus und nach ter Familie hinzugeben, wo sie hergekommen ist. Da hab ich sie nach unferm Vetter Mars Schütt gebracht."

Hand fah schweigend vor sich nieder. Klaus faßte seine Rechte.

Sag mir, mein Bruder, hab ich recht getan? Das wäre schön, wenn du das meintest. Denkst du aber anders auch das 'ift recht nnd gut. Dann wird dir niemand wehren, an dich zu nehmen, was dein gutes Eigentum ist. Demi das weiß ich, und das ist gewiß: meines Bruders Hand, Hans Paulsens Hand, legt sich nur auf Sachen, die das Recht ihm zu eigen gegeben hat."

Da rief Hans Paulsen:Sprich nicht so töricht, mein Bruder! Jedes Wort, das du fagst, als ob ich nicht einverstanden sein könnte, tut mir weh. Die Late gehört dahin, wv du sie chin- gebracht hast. Und da soll sie bleiben."

Das Gespräch fand nicht weit von ter Buchholzkate statt; es war still ringsumher, nur der Bach murmelte Worte tes Friedens hinein.

Bei Mars Schütt kehrten die Brüder ein. Die große Dielen­tür war zu; da lief Klaus nach der Blangdaer (= Seitentür), die nach dem Garten geht, hin. Und Hans wartete.

Dann wurde das Tor aufgeschlagen, da standen ter Vetter und seine Frau, und ein paar Kinder standen herum und führten ihn in das gastliche Haus. Und des Herbstes fahler Schein lies mit ihm hinein aus die Diele.

Und fiehe da! in ter Hörn, auf dem alten Platz, da stand ehrwürdig die alte, vom Urältervater Schütt geschnitzte Truhe. Adlerflügel und ßötoenflauen aus Ecken und Kanten springend, Laubwerk und Blattwerk, die Felder umrahmend, und aus ter Vorderfeite Kain und Abel und David und Jonathan. Wit ihrer Kunst, mit ihrer Liebe stand die alte Late da; ter Spruch ter Vergebung lief an der unteren Leiste hin: .Und hat ein Bruder etwas gegen dich geh hin, versöhne dich! Und dann zu mir, zu deinem Gott/

Schriftleitung: Dr. Friede Wilh. Lange. Druck und Verlag der Brühl'fchen Univ.-Buch- und Steindruckerei, *R. Lange, Gießen.