Ausgabe 
29.11.1924
 
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fchafts Häuser, sondern sie bergen auch noch dieiemgen Handwerks in ihrem Schöbe, d-ie dem menschlichen Geschlechte unentbehrlich sind und die bestimmt sind, den Gebirgsbewohnern ihren einzigen Bedarf an Kunsterzeugnissen zu decken. Sm Tale und an den Bergen herum sind noch sehr viele zerstreute Hütten, wie das in Gebirgsgegenden sehr oft der Fall ist, welche alle nicht nur zur Kirche und Schule gehören, sondern auch jenen Handwerken, von denen gesprochen wurde, durch Abnahme der Erzeugnisse ihren Zoll entrichten. Es gehören sogar noch weitere Hutten zu dem Dorschen die man von dem Tale aus gar nicht sehen kann, o-ie noch tiefer in den Gebirgen stecken, deren Bewohner selten zu ihren Gemeindemitbrüdern herauskommen, und die im Wmter oft ihre Toten ausbewahren muffen, um sie nach dem Wegschmeben des Schnees zum Begräbnisse bringen zu können. Der grobte Herr den die Dörfler im Laufe des Jahres zu sehen bekommen, ist der Pfarrer. Sie verehren ihn sehr, und es geschieht gewöhn­lich Lab derselbe durch längeren Aufenthalt im Dörfchen em der Einsamkeit gewöhnter Mann wird-, daß er nicht ungerne bleibt und einfach fortlebt, wenigstens hat man seit Menschengedenken nicht erlebt Last der Pfarrer des Dörfchens ein auswartsfuchtiger oder seines' Standes unwürdiger Mann gewesen wäre

Es gehen keine Strasten durch das Tal; sie haben ihre zwei­gleisigen Wege, auf denen sie ihre Felderzeugnisse mit einsfmmngeii Wäglein iiach Hause bringen; cs kommen daher wenige Menschen in das Tal unter diesen manchmal ein einsamer ^ustrelfender, der ein Liebhaber der Natur ist, eine Weile in der bemalten Ober- stubc des Wirtes wohnt und die Berge betrachtet, oder gar em Maler der den kleinen spitzen Kirchturm und die schonen Glpfet der Felsen in seine Mappe zeichnet. Daher bilden die Bewohner eine eigene Welt, sie kennen einander alle mit Namen und mit den einzelnen Geschichten von Grostvater und chlrgrostvater her, trauern alle, wenn einer stirbt, wissen, wie er heißt, wenn einer, geboren wird, haben eine Sprache, die von der der Ebene draußen abweicht, haben ihre Streitigkeiten, die sie schlichten, stehen mn- ander bei und laufen zusammen, wenn sich etwas Austerordentliches

Sie sind sehr stetig, und es bleibt immer beim alten. Wenn ein Stein aus einer Mauer fällt, wird derselbe wieder hineingeletzt, die neueii Häuser werden wie die alten gebaut, die schadi-asten Dächer werden mit gleichen Schindeln ausgebessert, und wenn in einem Hause scheckige Kühe sind, so werden immer solche Kalber aufgezogen, und die Farbe bleibt bei dem Hause.

Gegen Mittag sieht man von dem Dorfe einen Schneeberg, der mit seinen glänzenden Hörnern fast oberhalb der Hausdächer zu sein scheint aber in der Tat noch nicht so nahe ist. Er sieht das ganze Jahr, Somnier unö' Winter, mit feinen vorstehenüen seifen und mit seinen weißen Flächen in das Tal herab- Als das Auf­fallendste, was sie in ihrer Umgebung haben, ist der Bergder Gegen­stand der Betrachtung der Bewohner, und er ist der Mittelpunkt vieler getoorbcn. lebt feinUlcinn unb fein ®rci*o in

dem Dorfe, der nicht von den Zacken und Spitzen des Berges, von seinen Eisspalten und Höhlen, von seinen Wässern und Geroll- strömen etwas zu erzählen wußte, was er entweder selbst erfahren oder von anderen erzählen gehört hat. Dieser Berg ist auch der Stolz des Dorfes, als hätten sie ihn selber gemacht, und es ist nicht so ganz entschieden, tvenn man auch die Biederkeit und Wahr­heitsliebe der Talbewohner hoch anschlagt, ob sie nicht zuweilen zur Ehre und zum Ruhme des Berges lügen. Der Berg gibt den Bewohnern außerdem, dah er ihre Merkwürdigkeit ist, auch wirklichen Nutzen; denn wenn eine Gesellschaft von Gebirgsreisenden hereinkommt. um von dem Tale aus den Berg zu besteigen so dienen die Bewohner des Dm-ses als Führer, und- einmal Suhrer gewesen zu sein, dieses und jenes erlebt zu haben, diese und jene Stelle zu kennen, ist eine Auszeichnung, die jeder gerne von sich darlegt. Sie reden oft davon, wenn sie in der Wirtsstube beeinander sitzen, und erzählen ihre Wagnisse und ihre wunder­baren Erfahrungen und versäumen aber auch nie zu sagen, was Lieser oder jener Redende gesprochen habe, und-was sie von ihm als Lohn für ihre Bemühungen empfangen hätten. Dann sendet der Berg von seinen Schneeflächen die Wasser ab, welche einen See in seinen Wäldern speisen und den Bach erzeugen, der lustig durch das Tal strömt, die DrettersLge, die Mahlmühle und andere Werke treibt, das Dorf reinigt und das Vieh tränkt. Von den Wäldern des Berges kommt das Holz, und sie halten die Lawinen auf. Durch die inneren Gänge und Lockerheiten der Höhen sinken die Wasser durch, die dann in Adern durch das Dal gehen und in Brünnlein und Quellen hervorkommen, daraus die Menschen trinken und ihr herrliches, oft belobtes Wasser dem Fremden reichen. Allein an letzteren Nutzen denken sie nicht und meinen, das sei immer so gewesen.

Wenn man auf die Jahresgeschichte des Berges sieht, so sind im Winter die zwei Zacken seines Gipfels, die sie Hörner heißen, schneeweiß und stehen, wenn sie an Hellen Tagen sichtbar sind, blendend in-der finstern Bläue der Luft; alle Bergfelder, die um diese Gipfel herum lagern, sind dann weist ; alle Abhänge find so; selbst die steilrechten Wände, die die Bewohner Mauern heisten, sind mit einem angeflogenen weihen Reise bedeckt und mit zartem Eise wie mit einem Firnisse belegt, so Last die ganze Masse wie ein Zauber Palast aus dem bereiften Grau der Wälderlast empor­ragt, welche schwer um ihre Fühe herum ausgebreitet ist. Im

Sommer, wo Sonne unö warmer Wind den Schnee von den Steil­seiten wegnimmt, ragen die Hörner nach dem Ausdrucke der Be­wohner schwarz in den Himmel und haben nur schöne weihe Aeder- chen und Sprenkeln auf ihrem Rücken, in der Tat aber sind sie zart fernblau, und was sie Aederchen heißen, das ist nicht weih, sondern hat das schöne Milchblau des fernen Schnees gegen Las dunklere der Felsen. Die Bergfelder und die Hörner aber verlieren, wenn es recht Heist ist, an ihren höheren Teilen wohl den girrt nicht der gerade dann recht weist auf das Grün der Lallräume herabfieht, aber es weicht von ihren unteren Teilen der Winter­schnee, der nur einen Flaum machte, und es wird das unbestimmte Schillern von Bläulich unö- Grünlich sichtbar, Last das Geschiebe von Eis ist, das dann dlost liegt und auf die Bewohner unten hinab grüßt. Am Rande dieses Schillerns, wo es von ferne wie ein Saum von ELelsteinsplittern aussieht, ist es in der Nähe ein Ge­menge wilder, riesenhafter Blöcke, Platten und Trümmer, die sich drängen und verwirrt ineinander geschoben sind. Wenn ein Sommer gar Heist unö lang ist, werden die Eisfelder weit hinauf entblößt, und dann schaut eine viel größere Fläche von Grün und Blau in das Tal, manchen Kuppen und Räume werden entkleidet, die man sonst nur weih erblickt hatte, der schmutzige Saum des Eises wird sichtbar wo es Felsen, Erde und Schlamm schiebt, und viel reichlichere Wasser als sonst fliehen ins Tal. Dies geht fort, bis es nach und- nach wieder Herbst wird, das Wasser sich ver­ringert, zu einer Zeit einmal ein grauer Landregen die ganze Ebene des Lales bedeckt, worauf, wenn sich die Nebel von den Höhen wieder lösen, der Berge seine weiche Hülle abermals um­getan hat, und alle Felsen, Kegel und Zacken in weihem Kleide Lastehen. So spinnt es sich ein Jahr um das andere mit gerins-. gen Abwechslungen ab unö wird sich fortspinnen, solange die Natur so bleibt und auf den Bergen Schnee und in den Tälern Menschen sind. Die Bewohner des Lales heihen die geringen Veränderun­gen große, bemerken sie Wohl und berechnen an ihnen den Fort­schritt des Jahres. Sie bezeichnen an den Entblößungen die Hitze und die Ausnahmen der Sommer.

Was nun noch die Besteigung des Berges betrifft, so ge­schieht dieselbe von dem Tale aus. Man geht nach der Mittags­richtung zu auf einem guten, schönen Wege, der über einen, sv- genannten Hals in ein anderes Tal führt. Hals heißen sie einen mäßig hohen Bergrücken, der zwei größere und bedeutendere Ge­birge miteinander verbindet, und über den man zwischen den Ge­birgen von einem Tale in ein anderes gelangen kann. Aus dem Halse, der den Schneeberg mit einem gegenüberliegenden großen Gebirgszuge verbindet, ist lauter Tannenwald. Etwa auf der größten Erhöhung desselben, wo nach und nach sich der Weg in das jenseitige Tal hinab- zu senken beginnt, steht eine sogenannts älnglückssäule. Es ist einmal ein Bäcker, welcher Brot in seinem Korbe über den Hals trug, an jener Stelle tot gefunden worden. Man hat den toten Bäcker mit dem Korbe und den umringenden! Lannenbäumen auf ein Bild- gemalt, darunter eine Erklärung und eine Ditte um ein Gebet geschrieben, das Bild auf eine rot äuge­st richene hölzerne Säule getan, und die Säule an der Stelle des Unglücks ausgerichtet. Bei dieser Säule biegt man von dem Wege ab und geht auf der Länge des Halses fort, statt Über seins Breite in das jenseitige Tal hinüber zu wandern. Die Tannen bilden dort einen Durchlaß, als ob eine Straße zwischen ihnen hin ginge. Es führt auch manchmal ein Weg in dieser Rich tung hin^ der dazu dient, das Holz von den höheren Gegenden zu betf Unglückssäule herabzubringen, der aber dann wieder mit Gras verwächst. Wenn man auf diesem Wege fortgeht, der sachte bergan führt, so gelangt man endlich auf eine freie, von Bäumen ent­blößte Stelle. Dieselbe ist dürrer Heideboden, hat nicht einmal einen Strauch, sondern ist mit schwachem Heide kraute, mit trockenen Moosen und mit Dürrbodenpflanze n bewachsen. Die Stelle wird immer steiler, und man geht lange hinan; man geht aber immer in einer Rinne, gleichsam wie in einem ausgerundeten Graben, hinauf, was den Nutzen hat. daß man auf der großen, baumlosen und überall gleichen Stelle nicht leicht irren kann.

(Fortsetzung folgt.)

Das Ge pchL bei Nuda.

(30. November 1914.)

Anfang November 1914 setzte sich Großfürst Nicola Nicvlajewitsch mit 45 russischen Armeekorps, der sog.rus­sischen Dampfwalze", in Bewegung, um Hindenburg anzu­greifen und in Pofen und Schlesien einzumarsch-eren. Dieser von deutscher Seite rechtzeitig erkannten gewaltigen Gefahr will Hindenburg offensiv begegnen. Mackensen erhält mit seiner 9 Armee den Auftrag, den auf Posen marschierenden verhältnis­mäßig schwachen russischen Nordflügel in der Richtung auf Lodz, umfaßend anzugreifen und so eine Aufrollung der russischen Front in die Wege zu leiten. Der Durchbruch durch den russischen Nord­flügel gelingt bei und südlich Wloclawek, die Russen werden über Lowicz nach Süden auf Lodz geworfen. Nicvlajewitsch erkennt die ihm drohende Gefahr, er gibt den Einmarsch nach Schlesien auf und wirft alle verfügbaren Kräfte nach Norden. Der deutsche Plan, die Rußen am Nordflügel zu vernichten, gelingt nicht. Es kommt zu den Stellungskämpfen an der Bzura int6 Mroga. Lodz