Gietzener Zamilienblatter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang <924 Samstag, -en 29. November Nummer sr
Ndventsgedanken.
Don Reinhold Braun.
Und wieder webt der Zauder nun, die Herzenstüren aufzutun ....
Es ist ein gutes Zeichen für die Seele eines Hauses, den Kreis einer Liebe, wenn heilige Dinge oder eine kommende Stunde ihr Licht recht weit vvrausfchicken. Es ist der Beweis für die Kraft der Seelen, den Grad ihrer Empfänglichkeit für höhere Dinge, die feine, beseligende Offenbarung ihrer Wesentlichkeit!
Wenn wir doch von den Kindern lernen wollten! Wie weit strahlt das wundersame Licht der Weihnacht auf ihren Weg! Da wird mancher entgegnen: „Die Kinder haben auch nicht den Kampf des Lebens zu führen wie wir Erwachsenen!" Gewiß, aber soll deine Seele nicht um das Vielfache stärker sein als die des Kindes? Soll ihre Kraft nicht wachsen an den Hemmnissen?
Also: Wenn wir doch von den Kindern lernen wollten!
Ich betrachte es als eine Gnade, daß im Kreise meiner Liebe immer recht weit die Strahlen auf unseren Weg fallen von dem, was als ein Liebes, Feines, Schönes zu uns kommen will.
Es ist ein Stück Fähigkeit zum Glücke, wenn man so ganz tief innen fühlt, es ist etwas auf dem Wege 3.1t uns, sei es »in lieber Mensch oder eine gütige Zeit oder Stunde!
Und so webt der Zauber seelenvoller Adventlichkeit wieder in den Häusern derer, die etwas von Seele und Innerlichkeit wissen und dem Glanz der heiligen Dinge und lichten Güter der höheren Welt! Wie arm bist Du doch, du reiche Frau in dem schönen Eigenheim, als du neulich sagtest: „Ach was, Weihnachten!" Deine ganze innere Armut lag in diesen paar Worten voll der Gebärde der Oberflächlichkeit und Dauernden Unergriffeirheit.
Und wie du denkst und nichts fühlst, so ist es leider bei sehr vielen im deutschen Lande und ost bei solchen, die irgendwie Führer sein wollen! Die Innigkeit unseres Gefühles für die Zeit des Advents und das ewig zaubervolle Weihnachten ist und bleibt der Gradmesser für uns als deutsche Menschen. Das ist einfach die Feststellung einer Tatsache.
Adventlichkeit muß weben, rein und tief und unergründlich. Trvh allem, ja gerade um so tiefer und beseligender muß sie in unseren Tagen weben! Es zeigt die herrliche Unverwüstlichkeit unserer Seele! Es zeigt, daß wir nicht unterzukriegen sind und kraft unseres deutschen Innen tu ms, über das die Feinde lachen mögen, so viel sie wollen, und auch diejenigen der im Materialismus Verdampfenden innerhalb- unseres Volkes. Advent und Weihnachten sind nicht nur für die Kinder da. Das ist die Rede der Faden und Hohlen, derjenigen, die durch und durch verstandet sind! Rein, diese heiligen Zeiten sind auch für uns Erwachsenen" da, gerade für uns, die es so hart und schwer haben, deren Weg so viel von Dornen versperrt ist! Die Innigkeit und Schönheit unseres adventlichen Herzens ist das herrliche, trutzige Dennoch! In allem Irrglauben und aller Drangsal unserer Tage.
Adventlichkeit mutz weben . . .
Sie segne auch dein Haus, lieber deutscher Mensch!
Diese Zeit macht das Herz rein und tief und läßt heimliche Rosen über alle Sorgen blühen. Gib dich ihr einmal nach deines Tages Werk in lieben, trauten Abendstunden ganz hin!
Du wirst erfahren, dah es eine Schatzgräberzeit ist!
Es ist die Zeit, die dein Herz wieder füllen kann mit stilles Schönheit und leisen Wundern und mit Liebe, ja mit Liebe! Das Letzte bleibt doch das Höchste und wir werden erkennen inmitten unserer Adventlichkeit, daß wir immer noch nicht genug lieben und darum immer noch inwendig zu viel Bettler und Lebensstümper sind!
Schenke uns deinen vollen Zauber, seliger Advent!
Der Weihnachtsabend.
Don AdalbertStifter.
Unsere Kirche feiert verschiedene Feste, welche zum Herzen dringen. Man kann sich kaum etwas Lieblicheres denken als Pfingsten und kaum etwas Ernsteres und Heiligeres als Ostern. Das Traurige und Schwermütige der Karwoche und darauf das Feierliche des Sonntags begleiten uns durch das Leben. Eines der schönsten Feste feiert die Kirche fast mitten im Winter, wo beinahe die längsten Rächte und kürzesten Tage sind, wo die Sonn« am schiefsten gegen unsere Gefilde steht und Schnee alle Fluren deckt: das Fest der Weihnacht. Wie in vielen Ländern der Tag vor dem Geburtsfeste des Herrn der Ehristabend heißt, To heißt
er bei uns der heilige Abend, der darauf folgende Tag der heilige Tag und die dazwischen liegende Rächt die Weihnacht. Die katholische Kirche begeht den Christtag als den Tag der Geburt des Heilandes mit ihrer allergrößten kirchlichen Feier: in den meisten Gegenden wird schon die Mitternachtstunde als die Geburtsstunde des Herrn mit prangender Rachtfeier geheiligt, zu der Df» Glocken durch die stille, finstere, winterliche Mitternachtluft laden, zu der die Bewohner mit Lichtern oder auf dunkeln, wohlbekannten Pfaden aus schneeigen Bergen an bereiften Wäldern vorbei und durch knarrende Obstgärten zu der Kirche eilen, aus der die feierlichen Töne kommen, und die aus der Mitte des in beeiste Bäume gehüllten Dorfes mit den langen beleuchteten Fenstern empvrragt.
Mit dem Kirchenfeste ist auch ein- häusliches verbunden. Es hat sich fast in allen christlichen Ländern verbreitet, daß man den Kindern die Ankunft des Christkindleins, auch eines Kindes, des wunderbarsten, das je auf der Welt war, als ein heiteres, glänzendes, feierliches Ding zeigt, das durch das ganze Leben fortwirkt und manchmal noch spät im Alter bei trüben, schwermütigen ober rührenden Erinnerungen gleichsam als Rückblick in die einstige Zeit mit den bunten, schimmernden Fittichen durch den öden, traurigen und ausgeleerten Rachthimmel fliegt. Man pflegt den Kindern die Geschenke zu geben, die das heilige Christkindlein gebracht hat, um ihnen Freude zu machen. Das tut man gewöhnlich am Heiligabende, wenn die tiefe Dämmerung eingetreten ist. Wan zündet Lichter und meistens sehr viele an, die oft mit einem kleinen Kerzlein auf den schönen grünen Arsten eines Tannen- oder Fichtenbäumchens schweben, das mitten in der Stube steht. Die Kinder dürfen nicht eher kommen, als bis das Zeichen gegeben wird, daß der heilige Christ zugegen gewesen ist und die Geschenke, die er mitgebracht, hinterlassen hat. Dann geht die Tür auf, die Kleinen dürfen hinein, und bei dem herrlichen schimmernden Lichterglanze sehen sie Dinge auf dem Baume hängen oder aus dem Tisch herumgebreitet, die alle Vorstellungen ihrer Einbildungskraft weit übertreffen, die sie sich nicht anzurühren getrauen, und die sie endlich, wenn sie sie bekommen haben, den ganzen Abend in ihren Aekmchrn herumträgen und mit sich ins Bett nehmen. Wenn sie dann zuweilen in ihre Träume hinein die Glockentöne der Mitternacht hören, durch welche die Großen in die Kirche zur Andacht gerufen werden, dann mag es ihnen fein, als zögen jetzt die Englein durch den Himmel, oder als kehre der heilige Christ nach Haufe, welcher nunmehr bei allen Kindern gewesen ist und jedem von ihnen ein herrliches Geschenk hinter^ bracht hat.
Wenn dann der folgende Tag, der Christtag kommt, so ist er ihnen so feierlich, wenn sie frühmorgens mit ihren schönsten Kleidern angetan in der warmen Stube stehen, wenn der Vater und die Mutter sich zum Kirchgänge schmücken, wenn zu Mittag ein feierliches Mahl ist, ein besseres als in jedem Tage des ganzen Jahres, und wenn nachmittags oder gegen den Abend hin Freunde und Bekannte kommen, auf den Stühlen und Bänken herum sitzen, miteinander reden und behaglich durch die Fenster in die Wintergegend hinausschauen können, wo entweder die langsamen Flocken niedersallen, oder ein trübender Rebel um die Berge steht, oder die blutrote kalte Sonne hinabsinkt. An verschiedenen Stellen der Stube, entweder auf einem Stühlchen oder auf der Dank oder- auf dem Fensterbrettchen liegen die zauberischen, nun aber schon bekannteren, vertrauteren Geschenke von gestern abend herum.
Hierauf vergeht der lange Winter, es kommt der Frühling und der unendlich dauernde Sommer: und wenn die Mutter wieder vom heiligen Christ« erzählt, daß nun bald sein Festtag sein wird, und daß er auch diesmal herabkommen werd«, ist es den Kindern, als fei feit seinem letzten Erscheinen eine ewige Zeit vergangen, und als liege die damalige Freude in einer weiten, nebelgrauen <^CTTIC.
Weil dieses Fest so lange nachhält, weil sein Abglanz so hoch in das Alter hinaufreicht, so stehen wir so gerne dabei, wenn Kinder dasselbe begehen und sich darüber freuen.
In den hohen Gebirgen unseres Vaterlandes steht ein Dörfchen mit einem kleinen, aber sehr spitzigen Kirchturme, der mit seiner roten Farbe, mit welcher die Schindeln bemalt sind, aus dem Grün vieler Obstbäume hervorragt, und wegen derselben roten Farbe in dem duftigen und blauen Dämmern der Berge weithin ersichtlich ist. Es enthält außer der Kirch« eine Schule, ein Gemeindehaus und noch mehrere stattliche Häuser, die einen Platz gestalten, auf welchem vier Linden stehen, die ein eiserne- Kreutz in ihrer Mitte haben. iÄese Häuser sind nicht bloße SkmbtDtet*


