Ausgabe 
29.3.1924
 
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»Dun wird mich bald der Nebel so sehr eingehüllt haben, daß du mich nicht mehr sehen kannst," sagte die Jungfrau. »Gehe darum schnell von dannen, ehe die Dünste auch dich erreichen, denn ihr Hauch ist den Menschen tödlich^

Dabei flössen Helle Tränen über ihr goldfarbenes Gesicht, einen Augenblick darauf war sie verschwunden, nur ein zarter, blahgelber Schatten schien am Boden dahinzufliegen.

Mit schwerem Herzen machte sich Helte auf den Weg. Am liebsten wäre er hier stehen geblieben und hätte auf Gullas Wieder­kehr gewartet, aber er wollte ja das Feuer holen, das wärmt und erlöst, darum durfte er nicht länger zögern.

Eilig glitten nun seine schnellen Schuhe über die Woorwiese. Als er aber wieder festen Boden betrat, klirrten sie plötzlich auf und zerbrachen, gerade so, als hätten ste nun ihre Schuldigkeit vollendet, nachdem sie Helte zu Gulla geführt hatten. Helte aber grämte sich nicht darüber, dah er nun barfutz laufen ,nutzte, denn Las war er gewöhnt von jeher.

Als er nun eine Weile gewandert war, kam er zu einem Hügel, der voll junger Dirken stand. Helte stieg hinan, und weil die Gegend flach war. konnte er von hier aus weit über 'Wälder und Dörfer blicken. Gin breiter Fluh zog sich in Windungen und Zacken tief ins Land hinein. Da aber, wp er zu enden schien, gewahrte Helte etwas, das ihn vor 'Freude hell auflachen lieh. Er enideckte in der Ferne, da, wo Himmel und Erde zusammen- flössen, eine grvhe Stadt mit viel Tünnen und Häusern, deren Dächer in den Himmel ragten. Auf einer dieser Häuser befand sich eine Schrift von Riesenbuchstaben, die gerade jetzt, da es däm­merig wurde, in einem hellen Lichte aufflammte. Jeder Buchstabe hatte eine anders Farbe. Das Z war rot, das H gelb, des R schillerte in einem starken Grün, das K leuchtete blau, das II orange und das S zeigte ein tiefes Violett. Die hatte Helte etwas Aehnliches gesehen Dies, was er da in der groben Stadt sah, muhte sicher das rechte Feuer sein, das Feuer, das erlöst.

Ganz glücklich darüber, sein vermeintes Ziel, wenn auch noch fern, doch deutlich vor sich zu sehen, betrachtete er den fröhlich aufglänzenden Fluh, der ikmi nichts anderes schien, als ein Wunder­band, das er nur zu ergreifen brauchte, um alles Glück der Welt an sich heranzuziehen.

Er begann nun darüber nachzudenken, wie. er wohl am schnell­sten die ferne, grohe Stadt erreichen könnte.

Es ist am besten, dah ich mir ein Boot baue," dachte er,und den Fluh damit hinabfahre."

Dachdem er diesen Gntschluh gefaßt hatte, ging er, um feinen Vorsatz auszuführen, zu einer Buche, die einsam auf einem Aus­lug des Hügels stand. Helte trat an sie heran und bat sie um Holz für sein Boot, mit dem er den gewundenen Fluh hirmter- fahren könne zur großen Stadt, in der das Feuer leuchtete, das 'Kallas Haar trocknen und sie aus dem Sumpfe erlösen könnte.

Die Buche schüttelte das Haupt und sagte:

Maden sind in meinem Herzen, machst du aus mir ein Boot, wird es sinken."

Da ging Helte den Hügel wieder hinunter und traf am Ab­hänge eine Föhre, die hoch und mürrisch unter den Laubbäumen stand, und bat um Holz für sein Doot, mit dun ec den gewundenen Fluh hinunterfahren könne zur großen Stadt, in der. das Feuer leuchtete, das Gullas Haar trocknen und sie aus dem Sumpfe er­lösen könnte.

Die Föhre schüttelte das Haupt und sagte:

Siehst du nicht an meinem grauen Barte, wie alt ich bin? Machst du aus mir ein Boot, so fehlt ihm die Kraft, dich zu tragen."

Da ging Helte bei zunehmender Dunkelheit im Tale weiter un­klar zu einer finsteren Eiche. Dieser Baum war von so gewalrigem Umfange, dah in seinem Schatten sich ein ganzes Städtchen an­gesiedelt hatte. Weil aber die Eiche mit ihrem mächtigen Ästwert, das niemals kahl stand, sondern sein Laub unmerklich wechselte, den ganzen Himmel verdeckte, so lebten die Bewohner des Eichen- städtchenS in kläglicher Dunkelheit: denn es drang weder Sonnen­schein noch MondeSglanz, noch Sternengeflimmer bis zu ihnen her­ab. Dadurch waren sie unmutig und mitztrauisch geworden, auch hatten sich Krankheiten und böse Gedanken bei ihnen eingeschlichen. Als sie nun Helte daherkvmmen sahen mit seinem Hute von Butter und feinem Kleid von Destfedern, ergriff sie eine grohe Angst, es möchte ein fremder Zauberer sein, der ihnen Uebles wolle, und sie beschlossen, ihn zu töten.

Helte aber wurde sich der Feindschaft nicht gewahr, sondern wie er zur Eiche kam und den herrlichen Baum sah, kletterte er in seines Herzens Lust mit der behenden Kraft, die er sich in der Kameradschaft mit den Tieren des Waldes erworben hatte, an dem borkigen Stamme herauf und fchtvang sich auf einen der mächtige Aeste. Dort sah er mm und sang all die Lieder, die ihn die Vögel gelehrt hatten, und sein Herz, das an Gulla dachte, war so warm von Glück und Sehnsucht, dah die Zweigs des Astes, auf dem er sah, gleichfalls von Wärme ergriffen wurden und ihre Blätter zusannnenzurollen begannen, wie vor einer heihen Sonne. Die oberen Zweige aber, die sich neugierig herabgeneigt hatten zu dem Sänger, machten es den unteren nach und goßen ihre Lust an die noch höheren weiter, so dah bald der ganze

Baum mit zusammengerollten Blättern dastand. Da breitete sich auf einmal eine schwache Helligkeit aus im Städtchen und die Leute, die erstaunt emporblickten, gewahrten ein grhes Stück des schönsten blauen Himmels. Da wurden alle voll Fröhlichkeit und warfen ihre dunklen Pelze ab. dah sie nun farbig wie in Feuer* lleidern dastanden. Mit freundlichen Minen umringten sie Helte, der unter dem Lichte des blauen Himmelsstückchens wie ein lustiger Vogel im Baume sah und fang.

Helte aber kümmerte sich um keinen. Als er sich satt gesungen hatte, glitt er fröhlich von seinem Aste herunter, stellte sich neben die finstere Eiche, machte ihr eine respektvolle Reverenz und sing getrost sein Spriichlein an. Er bat die Eiche um Holz für fern Doot, mit dem er den gewundenen Fluh hinunterfahren könne zur groben Stadt, in der das Feuer leuchtete, das Gullas Haar trock­nen und sie aus dem Sumpfe erlösen könnte.

Die Bewohner des Städtchens, als sie das hörten, erschraken sehr über Heltes Kühnheit, denn es war ihnen bekannt, dah di« besten Holzfäller des Landes vergeblich versucht hatten, die Eich« zu fällen, und dah die VeNvegenen bei diesen Versuchen unbarm­herzig von der widerspenstigen Gewalt der Eiche empor geschleudert und kläglich zerschmettert wurden. Denn ihre Wurzeln reichten hinab in das Reich des Todes und wurden drunten mit Blut ge­tränkt und mit den Kräften der verwesten Kreaturen reichlich ge­düngt. Als nun also Helte seine Bitte torgetragen hatte, schau­ten alle gespannt in die Höhe, um zu erfahren, was die Eiche wohl in ihrem Zorne beginnen würde. Die aber schüttelte nur erstaunt und wie lachend ihre Zweige.

Weil du erst anfragst, mein guter Zickzack, anstatt mir gleich mit grober Kraft zu Leibe zu gehen, so wie deine Vorgänger, so will ich dir sagen: Alle deine Mühe ist umsonst, denn nur ein Bell kann mich fällen, das mit der Kunst des Schmiedes geschmiedet ist."

Wenn es weiter nichts ist," sagte Helte,ein solches Beil will ich wohl beschaffen."

Die Eiche aber, nachdem sie dieses gesagt hatte, faltete ihre Blätter wieher auseinander und stand nun da, finsterer als zuvor, den ganzen Himmel verdeckend. Als die Umstehenden das sahen, legten sie ihre dunklen Pelze wieder an und wurden zornig auf Helte, der ihnen nicht helfen konnte. Schon hatte ihn der kräf­tigste der Männer ergriffen, um ihn zu schlagen, da rief ein altes Bettelweib, das unvermutet in der Menge aufgetaucht war:

Warum wollt ihr ihn denn jetzt schon töten, Iaht ihn lieber den Schmied suchen."

Als die andern das hörten, lachten sie höhnisch und liehen Helte fahren.

Helte ging, da sie ihn losgerissen hatten und die Menge sich verlief, zu der Bettlerin, deren Gesicht von Runzeln und häßlichen gelben Flecken entstellt war.

Was ist das für ein Schmied," sagte er,von dem du sprichst und wo wohnt er? Wenn er mir bas Beil verschaffen kann, das die Eiche fällt, so will ich zu ihm gehen."

Da sah das alte Weib den jungen Helte mit sonderbarem Wohlgefallen an.

Ich will dir sagen, was es für eine Bewandtnis hat mit dem Schmied," sagte sie.Gr wohnt im Süden, in einem gehöhlten Berge, der mitten im Meere steht, der Strudel dort ist so gefähr­lich, daß feinet Menschen Schiff sich der Klippe nahen kann. Und könnte es eines, so würde es verbrannt werden von den glühen­den Steinen imd Funken, dis sich beständig aus dem Schlote des Berges ergießen. Und würde es nicht verbrannt, so könnte doch keiner die Klippe ersteigen, denn ste ist so fteit, dah nicht einmal der Fuß eines Mooses darauf haften kann."

Als Helte diese Worte gehört hatte, fahte ihn eine große Mutlosigkeit.Ach, ich armer Zickzack," klagte er,träte ich doch so vernünftig, wie die Kuh ober so klug wie der Fuchs, daß ich Weg fände, auf dem ich schnell hinkvmmen könnte, .nach fernen Süden."

Als er noch so klagte, erhob sich von ungefähr ein starker Nordwind und hob Heltes Federkleid, daß es sich spreizte und breitete wie Nägel. Da machte sich Helte so leicht, wie er nut konnte und der Wind ergriff ihn, denn er glaubte, es fei ein seltsamer, fremder Riesenvogel, der sich ihm auf die Schulter ge­setzt hatte, um ein wenig auszuruhen. So flog denn Helte nach Süden in Zickzackstößen, um alle Ecken der Erde. Die Wildgänse begleiteten ihn mit ihrem Geschrei und die heimkehrenden Star« grüßten ihn. Dann kamen buntere Vögel, deren Sprache er nicht verstand.

Wohl einen ganzen Tag war er so geflogen, als er unter sich ein gewaltiges Rauchen und Glühen in die Luft steigen sah. Gr bog sich hinab und erblickte einen steilen Berg, der mitten im Meere stand und ton seiner Höhe, die wie ein großer Schlot gebildet war, feurige Steine, Funkenbündel und Asche in das Wasser hineinwarf, wo sie zischend und dampfend versanken. Da merkte Helte, dah er an der Wohnung des Schmiedes angelangt war, sagte dem Nordwinde großen Dank und schwang sich von dem Rücken des Windes herunter. Sogleich sank er mit großer Geschwindigkeit und tarn so glücklich herab, daß er gerade mtt den Füßen auf die Kante des Dergschiotes zu stehen tarn.

(Schluß folgt.)

Schriftleitüng: Dr. Friede. Wilb. Lange. Druck und Derlaa der Brübl'schen Aniv.-Bu-b- unft Steindruckerei R. Lanae, Gießen.