Gießener jamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang24 ~~ Samstag, de« 29. MSrz ifummer ,r

Christian Morgenstern.

Aur zehnten Wiederkehr seines Todestages am 31. Mir-').

Ich und Du.

Genug oft, Latz zwei Menschen sich berühren nicht leiblich, geistig nur, Latz sie sichschn", daß sie sich einmal gegenüberstehn um sich danach vielleicht auf immer zu verlieren Genug oft, Latz ein Lächeln zweier Seelen vermahlt vH, nicht vermählt! nur dies: sie führt, so vor einander schweigend und erschüttert, daß ihnen alle Wort und Wünsche fehlen, und jede unaussprechlich angerührt, rmr tief vom Zittern der verwandten zittert.

Sieh nicht, was andre tun, der andern sind so viel, du kommst nur in ein Spiel, das nimmermehr wird ruhn.

Geh einfach Gottes Pfad, las; nichts sonst Führer sein, so gehst du recht und grad. und gingst du ganz allein.

verlange nichts von irgendwem, latz jedermaim sein Wesen, du bist von irgendwelcher Fehrn zum Richter nicht erlesen.

Tu still dein Werk und gib der Welt allein von deinem Frieden, rm-.- hab dein Sach auf nichts gestellt und niemanden hienieden.

VoradendglAck.

Siehe, wie wunderlieblich der Abend lacht!

O nun finge noch, Seele, dein Lied vor Nacht! O nun singe noch« dein k>u -tderliebliches Lied, ehe der Tag auf rosiger Wolke von hinnen zieht!

Aus dem Tagebuch eines Philosophen.

Einer der umfassendsten modernen deutscher, Philosophen, der kürzlich verstorbene Stratzbnrger Georg Simmel, hat uns einen Band köstlichste'' Gedanken und Aufsätze hinterlass«,, den Dr. Ger­trud Kantorowicz mit einer klugen, das Wesentliche aus Simmels Lebenswerk hevausschälenden Ginleitung herausgegeben hat"). Eine Aufzählung der hier vereinigten nachgelassenen Auf­sätze gibt ein Spiegelbild der Universalität des Verstorbenen. Eine Philosophie der Liebe ist Fragment geblieben. In gleiche Richtung weist ein vollendeter Aufsatz über den platonischen und modernen EroS. Der Geschichtsphilvsvph untersuchtdie historische For­mung", der Aesthetdie Gesetzmähigkeit des Kunstwerks" unddas Problem des Naturalismus", der Psychologe schliehlichdie Phi­losophie des Schauspielers". Ein köstliches Wort ihres Lehrers Hut die Herausgeberin dem Buch als Motto vorangestellt.Ich weih, das; ich ohne geistigen Erben sterben werde (und es ist gut so)" schreibt Simmel.Meine Hinterlassenschaft ist wie eine in barem Gelde, das an viele Erden verteilt wird, und jeder setzt sein Peil in irgend einen Erwerb um, der seiner Natur entspricht: tem die Provenienz aus jener Hinterlassenschaft nicht anzusehen P/. Durchblättern wir. unter diesem Gesichtspunkt den Nachlatz Simmels, so will uns scheinen, dah von dem Berge lauteren Goldes, den hier die Lebensarbeit eines Nimmermüden angehäuft hat, Mne nachgelassenen Dagebuchblätter am eheste,» in gangbare Münze zu schlagen sind. Wenn wir im folgenden einige dieser m feingeschliffenster Form dargebotenen Gedanken wiedergeben, w glauben wir damit unseren Lesern am besten einen Einblick tn> das Werk des Verstorbenen zu verschaffen. Lassen wir also den Philosophen selber sprechen!

*) Aus den bei R. Piper & Lv. in München erschienenen ^eoichtsamnilungen.

- **) ®8. Simmel, Fragmente und Aufsätze aus dem Nachlab im Drei Masken Verla», München

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bestreitbar ist nur das Unbeweisbare.

Der Philosoph soll derjenige sein, der sagt, was all« wissen - manch,nalaber ist er der, der weih, was alle nur sagen.

. ®&«* fiwas gibt was dem Glauben entzogen ist und wrr wirmch wissen das können wir nur glauben. Aber ef hx^ öem Wissen entzogen ist und was wir nur

glauben Wnnen das wissen wir wirttich.

1 rn> JS&W .f8 bvch nicht nur das uns bekannte Stadium der I sie zu den höchsten Problemen, aber nicht zu den

I rE" Lösungen gelangt. Vielleicht ist bad ihre innere Aottven- I deil, dow Wesen des Typus Mensch. Der Apfel vom Daum der i GriMntnrs war unreif.

I Dab der Mensch das Wesen ist, daS zu den Problemen schlecht- 1 hin. aber nicht zu den Losungen schlechthin kommt hängt damit I aufarnmen öaft «r darauf angewiesen ist, zu handeln, als ob er die I Zukunft srcher keimte und sie doch nicht einen Schritt weit sicher I kennt,

I *

I Die Möglichkeiten des Menschen sind mrbegrenzt, aber auch was dem zu widersprechen scheint, seine Unmöglichkeiten. Zwisch«, diesen beiden, dem Unendlichen, was er bum, und dem Unendlichen was er nicht kann, liegt seine Heimat.

Wenn der Mensch von sich sagt, er wäre ein Bruchstück, so meint er damit nicht nur, datz er kein ganzes Leben hat. son­dern das Tiefere, daß er kein ganzes Leben hat.

Nur das Ganz« von Welt und Leben, wie es uns erkennbar Sel«cht, gegE«» ist, ist ein Fragment. Aber der einzelne Arrs- schnitt von Schicksal und Leistung ist oft in sich gerundet, ein Har- "Esch«8 und Ungebrochenes. Nur das Ganze ist ein Stück das Stück farm em Ganzes sein.

Datz nmn sein Micksal nicht so. wie es ideell vorgezeichnet ist, und eS fernen Möglichkeiten nach sein könnt« und sollte, erfüllt auch das ist eine Art, sein Schicksal zu erfilllen.

. . Wie tief ist i^rs Derhäilgnis der Menschheit darin eingebettet, dav ihre beiben höchsten Ideen: die Unendlichkeit und die Frei- heit unmittelbar nur Negatimieii, nur das Llufheben von Schran- iÄN smo!

Der Mensch kam, nur in einem mittleren Bezirk zwischen gei­stiger Beschränktheit und geistiger Weite existieren, weder bei zu geringem, noch bei zu vielem Wissen. Darum kann dec alte Mensch so schwer eigentlich überhaupt nicht mehr leben: er weist zu viel Die Illusion ist ein Mittleres zwischen Nicht-Wissen und Wissmi, für das Praktische ist sie ein Als°Ob. Ja, sogar der Irr­tum ist ein solches Mitllere, ganz verschieden von dem Ueberhaupt- Nrcht-Wissen. Aber zu wissen, datz man mehr wissen k ö n n t e als man weih das ist das eigentlich Menschliche. Diese Verzweiflung des Menschen ist das, was ihn zum Menschen macht.

*

Der Hohe ist nur detzenigr, der ein Höheres über sich hat. Absolut, in dem Sinne nichts Höheres über sich zu haben, ist nur der Niedrige.

Was den höchsten geistigen Menschen immer von den niederen scheiden wird, ist, datz er nicht nötig hat. an die Realität oder ab­sehbare Realisierung der Ideale zu glauben. Auch ohne dieses be­hält er den Glauben an sie und die Kraft der 'Bestrebung zu ihn«; hin. während der Tieferstehende, Schwächere eben dies verliert, so­bald er bas Ideale wirklich als das unendlich Entfernte an­erkennen muh. So kann man sagen, die Menschen rangierten sich nach d^verschiÄienen Bedeutung, die der Unendlichkeitsbegriff

Die meisten Menschen erfahren erst durch Leiden, datz das Leben etwas Ernstes ist: ohne dies« persönlich-nachdrückliche Ein­prägung kann das Leben ihnen seinen Ernst nicht beibringen ES