Art unterworfen, die wir nicht absolut sicher in Rechnung setzen können. Hat also der Techniker nach bestem Gewissen seine Werte gefunden, von denen die Ausmessungen der Träger, Maschinenteile usw. abhängen, so wird er als vorsichtiger Mann, auf den die Verantwortung für die Sicherheit des Werkes ruht, seine berechnete Gröhe mit einer bestimmten Zahl multiplizieren, die er den Sicherheitskoeffizienten heißt. Dann hofft er ruhig schürfen zu können und gewiß zu sein, daß der Träger nicht unter seiner Vast zusammenbricht und daß der Dampfkessel den Druck aushält. Der Sicherheitsko^stzient verwandelt Len theoretischen Wert in den praktischen Gebrauchswert.
lieb ertragen wir diese Methode des Ingenieurs auf das Leben, so wird sie uns brauchbare Resultate und Urteile geben und uns vor vielen Enttäuschungen, Sorgen und Vorurteilen bewahren. Wir werden uns in tausend Mllen nicht mehr aufiegen und ereifern, wenn wir scheinbare Tatsachen, Behauptungen und Theorien mit dem richtigen Koeffizienten multiplizieren. Freilich nimmt der Techniker solche Koeffizienten nicht aus der Luft. Sie sind vielmehr durch Erfahrungen begründet, haben ihre Geschichte Und gehören zu dem Forschungsgebiete spezieller Zweige der Technik. Analog werden wir auch im praktischen Leben diese Koeffizienten nicht aus dem Aermel schütteln, sondern nur durch aufmerksame Beobachtung und Erfassung der Menschen in ihren verschiedenen Lebenslagen und LebensLuherungen gewinnen können.
Ich betrachte einige Lieser Koeffizienten. Tagtäglich müssen wir eine Menge von Depeschen und Nachrichten lesen, und eine naive Theorie sagt uns vielleicht, daß alle diese Berichte wahr sein müssen, weil sie gedruckt sind und vielleicht eine alte, bekannte Depeschenfirma oder das gewichtige Wort „offiziell" tragen. Der Krieg hat diese Meinung gründlich zerstört. Die besten Quellen und die höchsten „Offiziellen" versagten und haben Falsches berichtet, sei es mit Bewutztsein oder ohne Absicht. Der Wortlaut ihrer Drahtberichte muhte recht oft mit kleinen echten Brüchen multipliziert werden, um aus den schönen Worten ein Gran von Wahrheit herauszulesen. Es ergaben sich daraus eine ganze Anzahl von Zeitungskoeffizienten und der Historiker, welcher sich mit der Geschichte der letzten zehn Jahre besaht, wird deren immer mehr brauchen und sich dafür Tabellen anlegen müssen. Mehr als früher achtet unsere Zeit auf die nationalen Koeffizienten, und da geben uns schon die verschiedenen Sprachen Anlaß zu allerlei Korrekturen, um den wahren Wert zu finden. Der Romane, dessen vratorische Beredsamkeit heute noch den Geist Ciceros atmet, kann ganz anders wie der Angelsachse oder Deutsche seine Gedanken Durch Worte verbergen und diesen einen blendenden Schein geben, der oft verwirrt. Wir wollen daraus keinen Vorwurf machen, denn jeder spricht, „wie ihm der Schnabel gewachsen ist", und jedes Volk „hat feine Art zu reden". Wenn also dem Germanen die romanischen Worte füg und lieblich tönen und wenn er durch die Jahrhunderte hindurch den Trieb nach dem sonnigen Süden hatte, so mag er sich dessen freuen. Er soll aber seinen „Sprachkoeffizienten" Nicht vergessen und mit Hilfe desselben die Worte auf ihren wahren Wert bringen. And wir in der Schweiz brauchen diesen Koeffizienten manchesmal im umgekehrten Sinne wie bei den Romanen, wenn wir aus der kargen und zurückhaltenden Rede das fiesere Empfinden erkennen wollen, das sich hinter der Rede verbirgt.
Sehr wichtig ist der Geldkoefsizient. Der reine Materiasist wird vielleicht sagen: Ein Franken ist ein Franken, daran läßt sich nichts ändern. Je mehr man davon hat, um so bester ist es. Und die Millionen und ihre Besitzer sind immer achtenswerte Objekte. Wer so redet, kennt nur den Rohwert oder den brutalen Wert des Geldes und seine Kaufkraft. Er weih nichts vom „Betrug des Reichtums", und der innere moralische Wert des Geldes ist ihm ein verschlossenes Geheimnis. Um ihn zu finden, muh man den Rohwert mit einem Koeffizienten multipizieren, der sich aus der Geschichte des Besitzers ergibt. Wir möchten für diesen Zusammenhang das Gesetz aufstellen, dah jeder Franken, den jemand erworben hat, von der Art des Erwerbes beeinflußt ist. Diese gibt dem Gelde einen Koeffizienten des Segens oder Fluches. Das Leben gibt für diese ideale Mathematik vielfache Bestätigung. Wir sehen merkwürdige Wandlungen im Besitze, die vom Segen oper Unsegen kommen. Das Volk sagt: „Redlich verdientes Geld bringt Glück und Zufriedenheit, ungerecht Gut vergeht." Der geizige Vater hat „Gender" in seinen Kindern und der Spekulant findet gewöhnlich einen mächtigeren Gegner. Wer aber mit seinem rechtlich erworbenen Kapital Gutes tut, sich Freunde macht, der ver- gröhert seinen Wert. Des Vaters Segen, so lehrt ein Sprichwort, baut den Kindern Häuser. Freilich scheint es oft anders zu sein. Wir sehen, dah der Protz gedeiht und dah der Ainre über sein! kärglic^s Gut nicht hinauskommt. Aber wir urteilen in solchen Fällen vielleicht einseitig, weil wir unsere Beobachtungen nicht Über Generationen ausdehnen oder weil wir die innere Gesinnung, welche zur Erwerbung des Geldes antrieb, nicht kennen. Und auf die kommt es an! Der Arme kann hartherziger und geldgieriger sein als der Reiche. Mit dem Reichtum kann Gebefteudig- keit verbunden sein, die Segen bringt. Ich möchte daher doch das aufgestellte Gesetz als eine gute Hypothese für die Regulierung des ethischen Geldwertes betrachten. Leider vergessen die Menschen gewöhnlich dieses Gesetz bei ihren Handlungen und bei der Ein
schätzung der Mitmenschen. Es könnte vielem Hochmut und vielem Aeide steuern und eine neue Einsicht in die sozialen Verhältnisses bringen. Dieser Koeffizient des Segens oder Fluches ist automatisch wirksam und sorgt im Laufe der Zeit besser für die Ausgleichung des Besitzes als es Gesetze tun würden, welche rohe Zwangsverschiebungen des Kapitals anstreben. In unseren Tagen könnte man von einem besonderen „Schieberkoeffizienten" reden, welcher hoffentlich den erhamsterten Reichtümern bald ihre Korrektur geben wird, und jetzt schon die Träger solches Besitzes tri weiten Kreisen mit Verachtung straft. Die Kapitalien der Spekulanten werden bleibenden Wert kaum haben.
In der Struktur der Gesellschaft, die trotz aller modern»! Theorien aus verschiedenen Schichten besteht, muh der rohe Geldwert mit einem Standeskoesfizienten vervielfältigt werden, UM den Gebrauchswert zu geben. Die Schichte, in welcher der Mensch geboren wird und auswächst, und der Stand, in dem er arbeitet, bedingen Verpflichtungen und eine Lebensweise, welche dem Gelds die entsprechenden inneren Werte gibt. Sie hängen mit den Anforderungen zusammen, welche die Gesellschaft an den Menschen je nach seiner Stellung machen muh. Und wenn neue Zeiten große Umschichtungen bringen, so werden damit die Schichten nicht aufgehoben, wie Illusionisten oft meinen, sondern es treten neue Menschen in die alten Stände ein. Das Aufsteigern in eine höhere Schichte bringt eine Aenderung des Geldkoeffizienten mit sich Wächst das Einkommen, so wird der Geldkoeffizient kleiner, der Franken nimmt seinem wahren Wert nach ab, der größeren Summe entspricht ein gröberer Verbrauch, und das Produkt aus beiden Faktoren bleibt ungefähr gleich. Berücksichtigen wir dies bei der sozialen Wertung des Menschen, so wird dadurch eine Milderung der Gegensätze hervorgebracht. Manches scharf« Urteil über die Mitmenschen verliert dann seine Berechtigung und fällt dahin und wir kommen die Lösung der sozialen Frag« näher.
Jeder Mensch hat aber nicht nur seinen angeborenen Koeffizienten, der mit seinen Vorfahren, seiner Schichte und seiner! Umgebung zusammenhängt, sondern auch einen persönlichen Koeffizienten, den er durch seine Taten, sein Tenfioerament, seinen Beruf und anderes erwirbt. Mfi diesen Koeffizienten muh man die Aeuherungen und Handlungen des Menschen belasten, um seinen wahren Wert zu erfennen. Die Worte des Großsprechers sind mit einem echten Bruche zu vervielfältigen. Solche Menschen versprechen mehr als sie halten. Die Aussagen von ernsten und stillen Leuten, hinter denen mehr steckt als man glaubt, sind mit einem Koeffizienten zu behaften, der gröber als die Einheit ist. Dieser besondere persönliche Koefiizient gilt für ganze Gegenden, Gaue und Völker. Der Kenner weih gut, wo die Menschen mit dem großen Mundstück zu Haufe sind und wo die herben, wortkargen und schwerfälligen Leute wohnen. Bringt er bei feinem Werturteil die entsprechenden Berichtigungen an, so wird er die Menschen leicht nach ihrer Art erfassen und verstehen.
Von gvoher Bedeutung ist der Handelskoeffizient. Ich brauche jetzt nicht viel davon zu sagen, da jedermann seine Einflüsse auf die Valuta kennt. In normalen Verhältnissen ist dieser Koeffizient bei gleicher Ware für den Käufer und Verkäufer verschieden und drückt sich hn Börsenzettel als Geld oder Brief aus. Rachfrage und Angebot bedingen diese Verschiedenheit. Aber auch jede Ware hat zu einer bestimmten Zeit ihren Koeffizienten. Berechnen wir den Fabrikationswert, fo muh derselbe mit einer Zahl multipliziert werden, welche dem Verkaufs werte entspricht. Die Bestimmung dieses Koeffizienten, der vom Zwischenhandel, der Reklame, dem Risiko und oft auch von schwindelhaften Faktorei» abhängt, ist nicht leicht und erfordert in jedem einzelnen Falle besondere Berechnungen. Im allgemeinen kann man nur sagen, dah die modernen Handelsmethoden mit ihren Reklamen und dem Konkurrenzkämpfe diesen Koeffizienten leider oft sehr vergrößern. Theoretiker möchten diesen Koeffizienten durch staatliche Maßnahmen, Sozialisierungen und andere künstliche Mitte! möglichst nahe der Einheit bringen und dem Käufer die Ware für den Fabrikpreis anbieten. Wir fürchten, daß auf diesem Wege, der die Konkurrenz ausschaltet, viele Motive, welche den Mensche« zur Arbeit, zu Fleih, zu Ersindungen und Verbesserungen antreiben, dahinfallen. Der Dampf wird aus der Maschine genommen, welche die Industrie vorwärts bringt, und diese bleibt stehen und zerfällt.
Es würde pns zu weit fuhren, wenn wir alle Fälle zusammenstellen wollten, in denen der mathematische Ausdruck „Koeffizient" gestattet, das praktische Leben auf eine exakte Form zu bringen!. Wir werden immer sehen, daß die richfige Bestimmung und Anwendung solcher Koeffizienten uns t>id Aerger, Mühe und Enttäuschungen ersparen wird. Wir werden uns bei unserem Tun weniger irren, im Umgänge mit den Menschen diese richtiger beurteilen und den wahren Wert der Dinge leichter erkennen. Und wenn wir müde werden im Getriebe dieser Welt, bei welchem Eigennutz, Geldgier, Leidenschaft und eigene Schwachheit so oft die Räder treiben, so wollen wir uns an den religiösen Koeffiq zienten erinnern, mit dem wir unser irdisches Dasein multiple zieren müssen, um seinen Wert, seine Freuden und Leiden im Lichte einer höheren Welt, nach der sich unsere christliche Deels immer mehr sehnen soll, recht zu verstehen.
Dchriftleitung: Dr. Jriedr. Wilb. Sanne. — Druck und Verlag der Brübl'schen ätniv.-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Dietzen.


