Ausgabe 
28.10.1924
 
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erden? Würde nicht unsere Seele eher in der ton allen finn- t Fesseln freien absoluten Musik Erlösung finden? Die Ant- wvrt hierauf muh Dahreuth geben. Aber Bayreuth bedeutet ja nicht nur Richard Wagner. Bor thm war das Bayreuth der Mark- gräfin Wilhelmrne, der schönen und geistvollen Schwester Fried­richs des Großen, aus deren Memoiren wir unter Puder und Lockenbau und Esprit ein bittergewordenes Menschenherz leiden­schaftlich schlagen hören. Hier in Bayreuth mußte der Ehrgeiz der Königstochter langsam resignieren: aber er tat es mit der Grazie des Rokokos und schuf im künstlerischen Spiel unvergäng­lich Schönes und Reizvolles. And auch seiner kann man in Dahreuth nicht vergessen, obwohl er gesagt hat:Ich bin nicht der Mühe wert gegen das, was ich, gemacht" Jean Pauls, desbreitesten Germanen", des Dichters, dessen Stern nach dem Worte seines eifrigsten Verehrers Börne erst im zwanzigsten Jahrhundert wahrhaft aufgehen soll. Drei Erscheinungen jede von ihnen von einzigartiger Bedeutung für das deutsche Geistes-' leben, untereinander scheinbar fremd, in einer kleinen Stadt ver­eint wie bestehen sie nebeneinander? Werden sie sich nicht hart schneiden, einander gegenseitig Abbruch tun?

In drei sonnigen Sommertagen gab Dahreuth seine Antwort auf alle zweifelnden Fragen.

Man wandert durch diese Stadt in dem Gefühl lieblicher Muhe. In diesen klaren, schöngeschwungenen Strahenzügen, auf den architektonisch geschlossenen stillen Plätzen gibt es kein Ge­wühl: behaglich, genießerisch schlendern auswärtige Besucher und Einheimische einher, nur zu den Stunden des Festspielbeginns entwickelt sich lebhafterer Verkehr von Wagen, Autos und eilen­den Fußgängern. In der inneren Stadt finden sich kaum moderne Gebäude: nirgends ist die Einheitlichkeit der- Bauweise gestört, die Häuser tragen überwiegend den Charakter des ausgehenden achtzehnten Jahrhunderts, die Läden schmiegen sich unaufdring­lich in die unteren Stockwerke hinein. Alte und neue Brunnen plätschern laut und leise: zu Füßen des barocken Reiterstandbilds eines markgräslichen Türkenbezwingers sprudeln die allegon- sierten 4 Fichtelgebirgsstrome, und auch der Säule, die den zierlichen rassigen Cheveauxleger im Eisenhut trägt, entflieht ein schlanker Silberstrahl. Das Reue Schloß, dessen Vollendung Wilhelmine betrieb, von außen schlicht und vornehm, wirkt innen mit seinen köstlichen Gobelins, seiner wunderbaren Farbenabstimmung, seinen kleinen intimen Schmuckzimmern und den großen, wahrhaft rönig- sichen Repräsentationsräumen überaus festlich und froh. Dahinter der Hofgarten, überwölbt von alten großen Bäumen, inmitten ein dunkler, langgestreckter rechteckiger Teich, mehrfach über­brückt, auf kleinen Inseln verwitterte Tritonen und ein noch immer reizendes Rixchen sieht man nicht die nächtliche Wasserfahrt, schlanke Gondeln, Aufblitzen schöner Augen und reichen Ge­schmeides, Fackelwiderschein auf dunklem Wasserspiegel, hört man nicht galantes Flüstern, Rauschen von Seide, hin und her fliegendes Scherzwort und Gelächter? Zum Greifen deutlich lebt jenes Zeitalter der Feste hier auf, und ein wenig wehmütig lächelnd gedenkt man der merkwürdigen Tatsache, daß auf Grund einer so durchgebildeten und nun tyrannisch herrschenden Ge­schmacksrichtung, wie die Kultur des Rokokos sie darstellt, das ganze Leben zum Spiel zu werden schien.

Das drängt sich noch mehr in die Eremitage auf, dem Lust­schloß Wilhelrninens, wo Stein und Stuck und springendes Wasser B einem einzigartigen Kunstwerk geformt wurden, dessen Wesen itre Festlichkeit ist. Aber auch hier wie int Hof garten gibt den nsten Reiz die Verträumtheit, das dornröschenhafte Dersunken- sein und dazu das Blühen der Aatur, die mit ihrem Gegenwarts­ieben triumphiert.

An der großen schönen Landstraße nach der Eremitage aber steht ein kleines, einfaches Haus: die Rollwenzelei, zu der Jean Paul täglich pilgerte, um in ihrem anspruchslosen Frieden seine tausendfarbig leuchtenden und schillernden Gekstesspiele zu treiben, er, den ein heutiger Dichter so schon anredet:Ihre Stirne und der Glanz Ihrer Augen sehen alles Hiesige als in der Fremde Befindliches an, und der Umgang mit Ihren Werken leitet uns auf schöne deutsche Höhenwege, von denen man die Dorf- oder Kleinstadtseligkeit wie von Vogelfittichen aus betrachten 'kann, oder trägt uns in die Alpenregivnen großer Gefühle, die steil wie der Hasparus über dem kleinen erbärmlichen Getriebe der Durchschnittsmenschheit flimmern, oder zieht uns in die unver­gleichlich von Ihnen gemalten Abendröten, in denen uns ein Schluchzen ankommt, wenn uns der Flügelschlag der immergrünen Schönheit anweht". Es bedarf gar keinen Salto mortale, um aus der Welt des Rokokos in die Jean Pauls hinüberzugelangen in die liebliche Hügelwelt um Bayreuth schmiegen sich beide so na­türlich ein die eine mit dem Silberschleier der UnwiederbrinK- lichkeit zart bedeckt, die andre dem, der den Schlüssel zu ihr besitzt, in unvergänglicher Jugend prangend und beide ein schönes Spiel durch die alten, in vornehmer Breite angelegten Straßen Bayreuths sieht man im Geist so gut die hochschaukelnden Karossen des markgräflichen Hofes fahren, als die etwas groteske Gestalt des dichtenden Legativnsrates wandeln.

Aber der Wanderer, der an einem Frühlingstage des Jahres 1871 unerkannt Dahreuth durchschritt, und sein suchendes Auge auf den freundlichen Höhen ringsum schweifen ließ, ist doch jetzt der eigentlich Lebendige und Gegenwärtige: Richard Wagner. Hier fand er diein Deutschlands Mitten" gelegene Stadt, die in ihrer

1 Entwicklung über französierendes Fürstentum zum deutschen, an E großen nationalen Literatur gebildeten Bürgertum ihm ein Abbild der gesamten deutschen Kulturgeschich'e zu sein schien. Diese Stadt ertOT er sich und seiner Kunst zur Heimstätte und erhob sie damit hoch über ihre Vergangenheit. Er und Bayreuth wurden ein Begriff. Das parkartige Gartengrundstück, in dessen Mitte sich die strengen Formen der Villa Wahnfried erheben, ist wohl das Mste Ziel aller Dayreuthbesucher. In seiner Tiefe umschließt ein klerner Harn das Grab Richard Wagners. Um die weihevolle Statte spielt fröhliches Kinderglück der Enkel, im Hause oben lebt noch die Gefährtin der Kämpfe und des Sieges des Meisters, die Greisin, deren edle Züge so beredt von großem Erleben sprechen und in der Rachbarschaft Wahnfrieds die Freunde, die in uner­müdlicher Lebensarbeit für Wagners Werk gewirkt haben und in ihren Persönlichkeiten zwingendes Zeugnis für den Geist des Wagner Bayreuths ablegen. In Treue pflegt der Sohn des Vaters Erbe, wohl wissend, daß auch heute noch hier seine künstlerische Idee ganz rein dargestellt werden kann. Denn nur hier kann man, dem AlltagsliPen und seiner Hast entrückt, erfreut durch lieblichste Ratur, angeregt durch die künstlerischen Denkmäler der Vergangen­heit, sich g<mz willig und- aufgeschlossen dem Kunstwerk hingeben, das nicht flüchtigen ästhetischen Genuß geben, sondern den ganzen Menschen anfassen will, dem Kunstwerk, zu dem sich alle Schwester­künste liebend" vereinigen, um in dem alles beschließenden Medium der Musik ihr innerstes Wesen zu enthüllen, diesem Kunstwerk, das uns im tiefergreifenden Spiel in Wagners erhabenem Wahn den ganzen Kreis des Lebens öffnet.

An der Verwirklichung dieser Idee arbeiten alle Künstler mit, die freudig Siegfried Wagners Ruf folgten, ihr ordnen sich alle unter. Es ist das Große an Bayreuth, daß hier nicht die Einzel- leistung gilt, sondern das Werk. Der Zauberklang des Orchesters, die Vollendung der Chöre, das seelische Aufgehen der Künstler in ihren Gestalten und" die technische Höhe ihrer Leistung, alles verschmilzt zu einer- wunderbaren Einheit. In diesem Rahmen tut eS nichts, daß gewisse, vielleicht wünschenswerte Veränderungen im szenischen Apparat aus pekuniären Gründen nicht haben gemacht werden können: vor dieser Bühne sieht man die Felsenklüfte des Weges zur Gralsburg majestätisch vorüberwandeln und wird zum Kinde, das solche Wunder glaubt. So empfindet das Publimm, das den spartanisch einfachen und doch so großartigen Zuschauer- raum bis zum letzten Platz füllt. Wagner lebt und hat uns viel­leicht jetzt noch mehr zu sagen als früher, oder wir haben ihn besser verstehen gelernt das zeigte sich ebenso in der spontanen begeisterten Kundgebung am Schluß der Meistersinger, wie in dem ergriffenen Schweigen beim Parsival, dieser aus tiefster Erkenntms des menschlichen Herzeirs, und seiner Irrwege gereiften edlen Frucht, die wahrlich nur in Dahreuth genossen werden sollte.

In diesem Jahre fehlte das Ausland fast ganz: man fühlte sich aleichsam unter sich, in sympathischer deutscher Gesellschaft. So schön das war, so mutz man doch für die Festspiele wünschen, daß auch das Ausland wieder teilnehme. Sie brauchen die weitere Resonanz, und Wagners Gedanke, daß die auswärtigen Gäste grade Hier einen wahren Begriff des deutschen Geistes bekommen könnte, drängte sich jedem auf, der den Glauben an die Mög­lichkeit des Verstehens und Begegnens auf dem Boden der Kunst nicht aufgeben kann. Es bleibt aber zu wünschen, daß immer mehr Deutsche und besonders deutsche Jugend den Weg nach Bayreuth fänden. Vielleicht hemmt vielfach noch das Vorurteil, als gehöre viel Geld dazu: dem ist nicht so, man kann mit verhältnismäßig wenigem aus kommen. Sicher ist, daß die Allermeisten in chren Alltag zurückkehren, unendlich bereichert durch das dreifache künst­lerische Erlebnis Dahreuth, in öem freilich das Festspielhaus auf dem lieblichen Hügel am stärksten schwingt. Shmbolisch für die wunderbare Harmonie der Eindrücke in Dahreuth bleibt immer das Konzert, das Richard Wagner zur Feier der Grundsteinlegung seines Festspielhauses in dem alten Opernhaus der Markgrafen gab: in dem wunderschönen Raum, in dem reizende Genien und strahlende Putten hinablächeln, erklangen danrals unter feinem Dirigentenstab die erhabenen Töne der Rennten Symphonie.

Der Kseffizient.

Don Dr. Ehr. Dey el").

Wenn der Ingenieur seine Drücken und der Mechaniker seine Maschinen berechnet, so geht er von gewissen Annahmen aus, welche sich aus vielen Raturbeobachtungen ergeben haben und als physikalische Gesetze betrachtet werden. Sie sind nur Hypothesen und geben im besten Falle einen Näherungswert für das wirkliche Raturgeschehen. Sie werden durch Forschungen verbessert, ge­legentlich auch durch überraschende Experimente umgestvßen: aber die ganze Wahrheit geben sie nicht. Dazu kommt, daß die Boden­verhältnisse, z. B. bei Anlage einer Brücke, außerordentlichen Elementarereignissen ausgesetzt sind", bind die Struktur des Ma­terials, welche von der Welt des unendlich Kleinen, von dem Kreislauf der Moleküle abhängt, ist ebenfalls Veränderungen aller

*) Wir "entnehmen diesen Aussatz mit Erlaubnis des Verlegers dem sehr empfehlenswerten BüchleinDer mathematische Ge­danke in der Welt". Plaudereien und Betrachtungen von Dr. Chr. Deyel. (3 Mk. gebunden.) W. Loepthiens Verlag, Mei­ringen und Leipzig, Seeburgstrahe 100.