Gietzener jamilienblätter
Unterhaltungsbellage zum Gietzener Anzeiger
Jahrgangs Vleiutag, »e» 28. Moder n»..,,
Schrei.
Von QBalter^Btoetitl
Was giltst du noch dem Erdenrund, mein Vaterland?
Bist aus der Menschheit Friedensbund verbannt und ausgebrannt!
Heißt Hunnenheim, bist Sklavenbezwinaer. schicksalzerbliht, ins Metz verfitzt — Verleumdung hat mit schlammigem Fing«! dich kotbespritzt.
älnd ringst noch immer todesmatt und rührst dich nicht?
Daß dich die Welt verstoßen hat, das spürst du nicht?
Die Waffen hat man dir zerbrochen und dich gezwängt ins Jammerjoch, dich ehrlos obendrein gesprochen — erträgst du's noch?
Dich wehren, nein, das kannst du nicht, doch kannst du fchrei'n!
-gum -Urteil, daß dich schuldig spricht.
ein wütig heulend: „Olein! 1“
Statt daß dem Streich der Feindestatze du scheu dich fügst, dich feig begnügst, knirsch' in der Welt Verleumdersratz«: „Du lügst! Tn lügst!!"
Dom Schweigen.
Von Franz Lüdtke.
Es toar ein altes gutes Wort, mm Schweigen, das Gold sei. stammte aus großväterlicher Zeit, da Gold etwas selten köstliches war: da man Schatz und Sonntagsgeschmeide hütete und hegte, da die güldenen Stücke noch nicht wie Scheidemünze von Hand zu Hand liefen.
Das war die Zeit, da man noch schweigen konnte, das Schweigen noch ehrte. „Heiliges Schweigen" — so klingt es auch jenen Tagen zu uns herüber.
Die Zeit ging vorbei, verbrauste, versickerte; eine neue Zeit stieg über die Truhen und Gräber der alten: eine Zeit, da man das Heilige verlernte — und das Schweigen auch.
Jetzt zittert der Lärm durch die Gassen. Das Leben ist laut geworden, wie der Alltag. Wo bleiben die Feierstunden?
Lärm, Rauch der Fabriken, Hast und Hetze, Geschrei um Brot, um Recht, wirkliches oder vermeintliches, Jagen und Gieren, Stotzen und Genietzen — und alles dies tötet das heilige Schweigen, tötet die Seele, tötet in der Seele Gott.
Wie sind wir doch arm geworden, seitdem wir das Schweigen verlernten! ।
, Wir ersticken hn Asphaltdunst, ertauben im Rattern, Gekreisch und den Wißtönen der Straße; die reine Luft der Sttlle fliehen wir, angstvoll, als rede aus ihr, aus dem Schweigen, eine Stimme, die wir vergaßen, verlachten. Rein, nur das Schweigen nicht hören! Lärm, Musik, Tanz, Raserei! Rur das Schweigen nicht — das anklagende, klagende!
Im Brausen der Stürme, der Meere und der Schicksale ist Gott; aber er ist auch in dem stillen Sausen und im schweigenden Frieden der Seele.
Warum wir das Schweigen fliehen? -
Weil wir Gott fliehen. ,
Weil jede Minute und Sekunde auSgefüllt sein.mutz, auf daß Nicht in unserm Innern das Große, Ewige, 'UntötBare, Unsterbliche ersteht, das fragend uns ins übernächtigte, abgestumpfte Angesicht schaut: Goft. Auf daß nicht in unserm Innern ein Gedanke aufkommt, sich anklammert, ankrallt, der furchtbare Gedanke an — das Schweigen nach dem Lärm ibe8 Lebens, das Schweigen der Ewigkeit.
. . 2lichts„ da von Ewigkeit! Richt« da von Gott! Lärm. Lärm, dreimal Lärm! ।
Schweigen bleibt. And Gott bleibt. And die Ewig- wn der Lärm verhallt, und die Gassen werden einst
flttL und die Flut verebbt, der Genuß schalt ab. die Tanzmusik
der Sphären klingt und klingt durch das All. Dann, Seele, dann?
* ,
Zum Sonntag der großväterlich«« Zett! Zu der Stille, rn deren ferner ißuft die Seele badet.
Heiliges Schweigen!
Laßt Gott aus ihm sprechen! i
Feierstunden! Feierstunden der Seele! Zur Seele zurück!
Ja, wir Baben sie verleugnet, Hand aufs Herz: du, ich da» Beste in uns. Wir haben sie verkauft um blutige Silberlinge, tote wurden ihr untreu, noch ehe der Hahn dreimal schrie , Er wir bangen wir zittern, heben die Hände: Gebt un« das Schweigen wieder!
Heimwärts zur Heimat, zu Gott!
lauschen wir tief tief in die Brunnen des Schweigens. Rachts kommt solche Stunde, wir liegen wach wir zürnen nicht, tour find nicht allem: das Schweigen ist bei uns, und in d«a Schweigen spricht Gott. Oder Tags kommt die Stunde zu uns die Stunde des Ruhens, der Gnade, der Versenkung, und wir trauern nicht um verlorene Zett. Denn ein Gold schimmert au«
Schweigen, das nimmer feil ist um alles Gold der Banken, und Börsen dieser Welt. '
. , Wir lauschen, die Sttlle redet, das Schweigen segnet. Wir sehen einen Wann durch die Felder schreiten Und gütig über di«, so ihm folgen, die Hände breiten: ,
- ,Jln&, die aus dem Lärm die.Sehnsucht zum Schweigen selig smd die Anruhvollen, die nach der Ruhe verlangen;
selig sind, die aus dem Werktag zum Sonntagsfrieden begehren: denn sie werden Gott schauen.
Das wehrhafte Fräulein.
Von Friedrich greifa*).
, ,®er Oktober des Jahres 1648 ging zu Ende, als durch di« herbstlichen deutschen Lande ein großes Staunen rauschte daß nun endgültig und f^t Frieden auf Erden herrschen sollte. Trotzdem das große Werk der Staatsmänner, Gesandten und Räte versiegelt, verbrieft und ^schworen war, mochten und konnten es die 2eute md>t fassen, daß solches geschehen fein könne. Waren es doch nut toenrge, die sich an die goldenen Zeiten erinnerten, die vor den langen, dumpfen Jahrzehnten der Rot. Qual und Kümmernis lagen.
Es wollte ein Atemholen durch die deutschen Lande gehen, aber noch wagte es niemand, die Lungen so recht vollzusauaei, mit der neuen Friedensluft, die mit dem Herbststurm durch ba8 ßanö wirbelte, als wolle sie der Herrgott neu mtfd>en und reini« gen vom Blutgeruch und Pulverdampf der Schlachten, vom Rauch verbrannter Heimstätten, vom aufgestiegenen Schweitzdunst und Staub der Heerkörper. Da aber zur Rächt der Sturm unbändiger und böser ward, da er die altersbraunen, mürben Ziegel von den schlechtgehaltenen Häusern jagte und verwitterte Strohdächer grimmig zerzauste, mochte es manchem Menschenkinde dünken, daß die zornigen Gewalten, die in dem langen Kriege Welt und Gemüter der Menschen erfüllt hatten, nun unter wütigem Drohen auä &en Lüften entführen, tote es sich für böse, teuflische Mächte geziemt
Em rechter Tanzplatz und Verlustierungsort der erregten Lüfte toar das breite Waldtal von Smmfpringe im Wesergebiet Da wühlten die Winde in den Wipfeln der weiten Waldungen, pfiffen an der Bergnase des Herrenberges empor zu den breiten Händen des festen Hauses Herrenbruch, stürzten sich kopfüber auf die schmal« Wiese, durch die die Wasser der hochgeschwollenen Emme brausten, und schnurrten dann weiter durch das Loch zwischen den stöhnew- den Wäldern zur Rechten und Linken, bis sie heulend über di« altersgrüne Stadtmauer sprangen und in den engen Gassen zwisch«, Ben hvchgiebeligen Häusern von Emmspringe ihr Anwesen in der Vergrauenden Dämmerung trieben.
Die Schilder klapperten, die Fenster knatterten in den Angeln, tue Türen taten sich auf, schwangen, schlugen krachend zu, um sich iah aufspringend wieder zu offnen. In den leeren, bebenden Spei- ehern Pfiffen die Ratten erschreckt Und empört. Wer aber auf « Überrascht wurde, eilte, fein Haus zu gewinnen, da ba» An Wetter feinen auf der Gasse litt.
Sm erften Stockwerk des hohen Pfarrhauses, gegenüber d« Siivesterktrche, sah der Pfarrherr Josias Rottner im Lichtkreis von zwei dünnen Talgkerzen, die in blechernen Leuchtern staken
•) Covhright bh Georg Müller in München.


