— 108 —
Aus ernster geil.
Heimatbilder aus den Kriegsjahren 1618—1648. Don Lehrer QI. Dach- Flensungen .
(Fortsetzung.)
So kehrte nach einer dreijährigen Schwindelzeit mit dem Ende deS böhmisch-pfälzischen Krieges Handel und Wandel wieder in geordnete Dahnen zurück. Mancher schlechte Mann hatte sich zwar wahrend der Jahre 1621—23 ein grobes Vermögen erworben, im ganzen aber war das Volk durch diese Schwindelperiode viel ärmer geworden. Pfarrer Hrrsch-Wetterfeld klagt: „Diele ehrliche Leute sind schändlich um das Ihre gekommen." Sein Trost dabei ist nur, dab die diebischen Kipper von Goth sichtlich gestraft wurden und alle in Grund verdarben. Haben wir in den Jahren 1921—23 nicht eine ähnliche Schwindelzeit mit ihrer fortwährenden Geldentwertung und ihren üblen Begleiterscheinungen, dem Schieber- und Wuchertum, erleben müssen wie die von 1621—23? Wie schön lassen sich doch da Parallele ziehen. Und wie im Jahre 1624, so scheint auch im Jahre 1924 dais Wirtschaftsleben wieder in geordnete Bahnen zurückzukehren.
3. Der tolle Herzog.
Wer auch von Kriegshandlungen blieb unsere Provinz Oberhessen in dem ersten Teil des groben Krieges nicht Der», schont. Der abenteuerliche Herzog Christian von Braunschweig suchte sich 1621 mit Ernst v. Mansfeld in Süddeutschland zu verbinden, um die Pfalz aus den Händen der Kaiserlichen zurüctzuerobern. Landgraf Moritz von Hessen-Kassel, ein Mitglied der Union, gestattete ihm den Durchzug. Landgraf Ludwig von Hessen-Darmstadt, ein Qlnhänger des Kaisers, verweigerte ihm denselben. Der Herzog schickte an letzteren folgendes Schreiben: „So wir im geringsten angegriffen werden sollten, so haltet gewib dafür, daß wir dermaßen in dero Land hausieren werden, dab es dieselben gereuen und Kindeskinder sich noch darüber beklagen sollen. Dies zur (Nachricht." Auch schickte man an die Städte Homberg a. O. und Alsfeld Drohbriefe und forderte Unterwerfung. Alsfeld, welches Verstärkung von Ulrichstein und Schotten erhalten hatte, unterwarf sich nicht. Vach einem heftigen Gefecht, das er mit Truppen Tillys im Dusecker Tal zu bestehen hatte, zog sich Christian nach Westfalen zurück. Durch Plünderung der Bistümer Münster und Paderborn gewann der „tolle Herzog" die Mittel zu einem zweiten Zug nach der Pfalz, welchen er im nächsten Jahre mit 20 000 Mann antrat. Am Himmelfahrtstag rückte er in Qllsfeld ein. An eine ^Verteidigung der Stadt war diesmal nicht zu denken. Alsfeld wurde geplündert, die nicht entflohenen Bürger mibhandelt, und außerdem mußte diese Stadt, um sich gegen Einäscherung zu schützen, 6000 Taler Brandschatz ungsgeld zahlen. Weiter zog Christian über Schotten, wo er auch übel hauste, nach Vidda und Höchst. Ringsum brannten bald alle Dörfer. Da nahte Tilly. Bei Höchst kam es zur Schlacht. Zwei Drittel von Christians Heer wurde vernichtet. Tilly gelang es, nach der Erstürmung Heidelbergs die Eroberung der Pfalz zu vollenden.
4. Eins Wolfs- und Bärenjagd.
Das Kriegsjahr 1627 ist durch drei für die Geschichte Hessens wichtige Ereignisse ausgezeichnet: 3m März legte der Landgraf Moritz von Hessen-Kassel zugunsten seines Sohnes Wilhelm die (Regierung nieder. Im April fand die Vermählung Landgraf Georgs II. von Darmstadt statt, und im September kam endlich ein Vergleich in der Marburger Erbschaftsangelegenheit zustande.
Durch das Urteil beim Reichshvfrat zu Regensburg war schon 1623 auch der nördliche Teil der früheren Landgrafschaft Hessen- Warburg an Hessen-Darmstadt gefallen. Der Landgraf Moritz von Hessen-Kassel, der bei der Teilung dieses nördliche Gebiet der Marburger Erbschaft erhalten hatte, war zum Calvinismus übergetreten und nötigte den reformierten Kultus seinem ganzen Lande auf. Da beantragte der streng lutherische Landgraf von Hessen-Darmstadt gemäß der bekannten Testamentsklausel, nach der ein Inhaber der Marburger Erbschaft bei einem Glaubenswechsel seines Erbteils verlustig gehen sollte, auch noch die nördliche Hälfte von dem früheren Hessen-Marburg mit den Städten Marburg und Kirchhain. Es kam zu einem Prozeß, in welchem obiges Urteil gefällt wurde. Alles Protestieren und Appellieren von feiten des Kasseler half nichts. Der Kaiser beauftragte Tilly, den widerstrebenden Landgraf von Hessen-Kassel zum Gehorsam zu zwingen. Tilly besetzte darauf Hessen-Kassel und Teile von Oberhessen. Große Lasten wurden dadurch unserer Gegend auferlegt.
Landgraf Ludwig von Hessen-Darmstadt forderte aber außerdem als Ersah für die seit 1605 nicht genossenen Einkünfte aus den ihm 1623 zugefallenen Landes teile von Hessen-Kassel die Summe von 1 350 000 Gulden, die Landgraf Moritz bei der fortwährenden Einlagerung feindlicher Truppen nicht aufbringen konnte. Deshalb sollte er einen großen Teil feines Landes mit den Festungeni Ziegenhain und Rheinfels als Unterpfand für diese Summe — ein Gebiet, etwa viermal so groß wie der verhängnisvolle Marburger Anteil — an Hessen-Darmstadt abtreten. 3n dieser Bedrängnis hielt es Landgraf (Moritz von Hessen-Kassel für das beste,
Schriftleitung: 3. D.: Heinz Aorrenz. — Druck und Verlag der
zugunsten seines Sohnes Wilhelm V. abzudanken. Dieser war fo* fort entschlossen, seinem Land, das unter der Last feindlicher Ein- quartierung und anderer Widerwärtigkeiten zu erliegen drohte, den Frieden, wenn auch mit schweren Opfern, zu erkaufen. Er machte deshalb dem neuen Landgrafen Georg II. von Hessen- Darmstadt den Vorschlag eines gütlichen Vergleichs. Die Gesandten Wilhelms trafen den Landgrafen von Hessen-Darmstadt in Schmalkalden und richteten vorläufig nichts aus, weil derselbe eben nach Sachsen reiste zu seiner Vermählung mit des Kurfürsten ältesten Tochter Sophie Eleonore. Das Fest fand im kurfürstlichen Schloß zu Torgau am 1. April 1627 in Gegenwart vieler Fürsten und Fürstinnen statt und wurde trotz der schlimmen Zeit 12 Tage lang aufs prächtigste gefeiert mit „täglichen Panquetten, auch mit viel Freuden- und Aitterfpielen, Comoedien und anderen Ergötz- lichkeiten". Zu letzteren gehörten eine Ochsen» und Bärenjagd auf dem Felde: „Da haben erstlich etliche Ochsen mit den Daren streiten müssen: wie die Ochsen überwunden sind, sind die Jagdhunde nach einander eingelassen worden, welches so lange gewährt, bis ein Bär nach dem anderen überwunden worden." Sodann fanden auf dem Schlosse eine Wolfs- und Bärenjagd statt......da die
Wölfe nach der Jagd alle aufgehentt worden." „ da in währender Jagd ein Bär dem Jäger seinen Hudt vom Kopf gerissen, aber sonst keinen Schaden gethan. 3hre Khurfl. Durch!, samt den anwesenden Potentaten haben oben aus ihren Zimmern mit großer Lust zu gesehen, sonderlich wenn ein Bär in ein Kühlfaß, deren etliche auf die Ecken gesetzt worden, gesprungen, und well der Bär nicht leichtlich herausgekonnt, auch die Hunde demselben nicht behkommen konnten, haben 3hre Khurfl. Durch!. mit Poitzen nach selbigen Bären geschossen, welcher dann darauf sehr gemurret und also im Grimm aus dem Faß gesprungen, worauf die Lust wieder angegangen, bis das die Bären abgemattet gewesen." (Nach Beendigung des Festes begleitete der Kurfürst das junge Paar bis Leipzig, wo man am 17. April anlangte. Auf der Heimreise ins Hessenland besuchte das junge Paar Romrod und Marburg.
yn den Tagen jener „Heimführung" fand auch die schon vor der Hochzeit angeregte Zusammenkunft kasselscher und darmstädtt- scher Räte zu Hersfeld statt, um Verhandlungen zur Beilegung des Marburger Erbschaftsstteites zu beginnen. Dieselben führten im September zu dem „Hauptaccvrd", durch welchen der Sttett seinen vorläufigen (Abschluß erhielt: Kassel überläßt ganz Ober- Hessen mit der Universität Marburg an Darmstadt, Landgraf Wilhelm legt sich eine neue Universität in Kassel an, und Landgraf Georg hebt die Gießener Universität auf. Kassel tritt a« Darmstadt die ganze Rieder-Grafschaft Katzenelenbvgen mit Rhein- fels für immer ab und pfandweise die Herrschaft Schmalkalden Dafür verzichtet Hessen-Darmstadt auf alle Geldforderungen und gibt das übrige gepfändete Land heraus. Dieser Qlbschluß brachte den beiden feindlichen Häusern Frieden, der aber nur 16 Jahre währen sollte.
5. Die SchreckenSjahre 1634 und 1635.
Die Riederlage der Schweden bei (Nördlingen 1634 war von den außerordentlichsten Folgen gewesen. Franken, Schwaben, ein Teil der Pfalz, die Bergstraße und die Wetterau kamen in die Hand der Kaiserlichen. Gin Teil der schwedischen Bundesgenossen suchte unter Sachsens Führung wieder die Gnade des Kaisers, mit dem Im folgenden Jahr der Prager Friede geschlossen wurde. Die gedemütigten Schweden suchen jetzt selbst Frieden, der aber an den hohen Forderungen des Kaisers scheitert. Da nimmt sich schließlich Frankreich seiner an und beide Mächte führen nun den Krieg mit dem Kaiser und seinen Drmdesgenvsfen fort Von Religion ist keine Rede mehr, der Krieg wird zu einem wilden Eroberungskrieg. Die Schweden nehmen keine Rücksicht imb hausen in protestantischen Ländern so schlimm tote tn katholischen. Jetzt begann auch für unsere Gegend die schreckliche Zeit des Krieges, da sie von vier großen Armeen nacheinander heimgefucht wurde, lieber den ®urd)3ug der Kaiserlichen durch die südliche Wettermr im Herbst 1634 berichtet ein Augenzeuge: „Ue&erall, wo sie hin» kamen, erfüllten sie Himmel, Luft und Erde mit Feuer, Rauch und Dampf. Fast kern Ort blieb ganz stehen, kein Mensch durfte sich sehen oder blicken lassen. Wer nicht des Todes sein wollte, mußte sich entweder in feste Orte oder ins dicke Gesträuch, in Wälder, Höhlen oder Steinklüfte bei die unvernünftigen Tiere verkriechen. Auch hier war er manchmal nicht sicher, sondern wurde herausgezogen und ärger als ein Tier gehauen, erschossen, ge» metzget, zerfetzt, daß keine noch so beredte Zunge oder spitze Feder solche Greueltaten beschreiben kann".
Grimmelshausen, der jene schlimme Zeit miterlebte,. erzählt: „Unweit Gelnhausen genoß ich auf dem Feld gleichstni ein hochzeitliches Mahl: denn es lag überall voller Garben, weil sie die Dauern, die nach der Schlacht von Rördlingen verjagt wurden, nicht einführen konnten". And wie in Gelnhausen, so sah es int Spätherbst 1634 auch in unserer Gegend aus. Die Bewohner der ungeschützten offenen Dörfer waren mit allem, was sie von ihrer Habe fortbringen konnten, in die nächsten Städte geflohen. Qllle Städte und Städtchen unserer Provinz waren damals mit hohen Mauern umgeben und mit festen Toren versehen, manche, tote Lich und Gießen, waren sogar Festungen mit Wall und Graben.
______________(Fortsetzung folgt.)___________________
Brühl'schen Aniv.-Buch» und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.


