Ausgabe 
28.6.1924
 
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ausgesetzt ein Klopfen und Schürfen, dßi und zu erzittert der Felsboden von dumpfen Explosionen: die von den Chinesen ge­legten Minen springen auf, ohne jedoch wesentlichen Schaden an» xurichten. >

Ende Februar stoßen di« chinesischen Mineure bei ihrer Erd» Und Felsarbeit zufällig auf eine unterirdische Wasserader, die Unter der Felsformation auf Las Klostertvr mündet. Zuerst legen die Chinesen dieser Entdeckung keinen besonderen Wert bei, im Gegenteil, sie schimpfen auf diese Wasserader, da sie ihre Minenlöcher, die sie auch gegen Wind und Wetter schützen, mit Wasser füllt und unbrauchbar macht. Dach einigen Tagen aber fällt es ihnen auf, daß die im Kloster E'mgeschlossenen sehr reges Änteresse für ihre Erdarbeiten zeigen. Aus vorsichtigen herüber­gerufenen Fragen ziehen sie den Schluß, daß es ihnen durch Zu­fall gelungen ist, dem Kloster die Wasserzufuhr abzuschneiden. Dieses Ereignis verbreitet sich bei den Chinesen wie ein Lauf­feuer und hilft Tung, die fast gänzlich gebrochene Kraft und den Kampfgeist seiner Belagerungstruppe etwas zu stärken.

Die Auswirkung dieser Zufallsentdeckung zeigt sich für die Chinesen bereits in den nächsten Tagen: die große Zahl der im Kloster zusammengepferchten Menschen und Tiere leidet unter dem Wassermangel. Schon nach kurzer Zeit gehen Dutzende von Schafen und Pferden ein. Die Klosterinsassen suchen sich dadurch zu helfen, daß sie Schnee und Eis in großen Bottichen zum Schmelzen brin­gen und Regenwasser auffangen und sammeln. Der Klosterprior ist sich darüber klar, daß die Wasierzufuhr, eine der wichtigsten Lebensfragen für das Kloster, mit allen Mitteln sofort wieder» hergestellt werden muß. Dies ist nach Ansicht des Abtes nur zu erreichen, wenn die Chinesen aus ihrer gut.ausgebauten Stellung hinauszuwerfen sind. Die wehrfähigen Männer im Kloster rüsten sich deshalb nach guter Vorbereitung zum Sturm auf das feind­liche Bollwerk, der Mitte März int Morgengrauen erfolgt. Wäh­rend die Zurückgebliebenen im Tempel Bittgottesdienste für Tsong- kapa äbhalten, stürzen sich die priesterlichen Streiter unter Kriegs­geschrei und dem heilkräftigen GebetOm mcmi padme hum!" in wildem Ungestüm gegen die Eis- und Felsbastionen der feind­lichen Stellung.

Dun tobt bis in den späten Abend hinein ein wilder Kampf mit wechselndem Erfolg; einige Augenblicke scheint es sogar, als ob die Chinesen das Schicksal ihrer geopferten Kameraden tellen sollten. Es kommt zum Kampfe Mann gegen Mann. Tibeter und Mönche ringen mit den Chinesen, sie gehen ihnen wie wilde Tiere mit den Zähnen zu Leibe und befördern Hunderte von Feinden in den gähnenden Abgrund. Aber die feindlichen Lücken schließen sich immer wieder; unerschöpflich scheint der chinesische Ersatz. Schon türmen sich die Leichen der Zopfträger zu Hügeln; die vereiste Plattform und der im Morgenrot von Eiskristallen glitzernde Fels­grat sind vom Blute purpurrot gefärbt.O mani padme hum!" immer weiter geht das Morden, immer heller klingt vom Kloster her das Gebet der Zurückgebliebenen:O mani padme hum!", und dieses Bekenntnis zu ihrem buddhistischen Gott gibt den Ermatten­den neue Kraft. Immer wieder müssen Hunderte von Chinese^ ihr Leben lassen, aber immer sind die getöteten Feinde sofort durch frische Kräfte ersetzt. Bei Einbruch der Dunkelheit ist der Kampf unentschiedM.

Sang°Pi°lings Tor trieft von Blut, die rasche Vereisung läßt diesen eigenartigen rötlichen äleberzug wie rosiges Glas glänzen; die auf dem glatten Hange Ringenden kommen oft paarweise ins Nutschen und stürzen, noch im Gleiten ineinander verbissen, in die Tiefe hinab. Immer verzweifelter wird der Kampf durch die älngunst des Wetters; beide Parteien ziehen sich endlich auf ihre Stellungen zurück. Die Chinefen bringen ihr« Geschütze in nächster Dähe in Position und nehmen das Klostertor unter Feuer, aller­dings nur mit geringem' Erfolg. Diel bedenklicher aber ist, daß die Chinesen ihre Laufgräben weiter gegen das Klostertor vor­schieben und verbreitern. Die Eingeschlossenen sind bei dem ver­gletscherten Gelände nicht einmal mehr in der Lage, die An­griffsarbeiten der Chinesen ernstlich zu stören.

Der Klosteräbt giht sein Spiel verloren, wenn es nicht im letzten Augenblick gelingt, Sang-pi-ling zu entsetzen. Er denkt dabei an das sechzig Kilometer entfernt liegende Kloster Do im Fluß­gebiet des Litang, das einer seiner alten Freund« leitet, der di« Chinesen haßt wie die Pest, und dessen sprichwörtlich bewährte Zuverlässigkeit ihm bekannt ist. Es wird also ein ortskundiges Tibeter unter den Mönchen ausgesucht, der im Schutze der Dacht das Kloster verlassen und ein Schreiben des Klosterabtes mit allen nötigen Angaben nach Do bringen soll. Wenn alles gut geht, muß die erbetene Waffenhilfe spätestens am 1. Hunt ein» treffen. Der Plan des Klosterabtes geht dahin, den Haupttrupp der Entsatzmannschaften gegen den nördlichen Teil des Sang-pi- ling-Rückens zu werfen, also im Rücken der chinesischen Stellung. Gleichzeitig soll in der Dacht vom 1. auf den 2. Juni ein Trans­port von Do aus dem Kloster Sang-pi-ling Lebensmittel und Pulver bringen und dabei eine Furt int Flüsse östlich des Klosters benutzen, di« um diese Jahreszeit gangbar und nur den IEin­geborenen bekannt ist. Die Hilfskarawane würde in der verab­redeten Dacht bei Morgengrauen am südlichen Klvstertore auf das StichwortTsongkapa" hin Einlaß finden.

Di« Wartezeit gestaltet sich für die Eingeschlossenen zu einer furchtbaren Prüfung inti> Leidenszeit; mehr als ein Drittel er»

Dögt den Wunden, dem Hunger und der Seuche. Die Ueberlebtew den n^ren sich vom Fleisch der Verstorbenen, und als einmal der schnoderweise mehrere Tage keine Opfer gefordert hat, unter* xie5ni'CTt öte im Kloster eingeschlossenen Männer und Weiber mit dnn Mut der Verzweiflung geführte Ausfälle auf die chinesische Stelurng, um sich in den Besitz von Chinesen zu setzen, die sie dann an Trrumph nach dem Kloster schleppen, dort vor dem Tempel- heiligsten opfern und verzehren. Die Knochen der Geschlachteten werden zu Mehl zerrieben, das mit Wasser angefeuchtet, als Brot- ersatz genossen wird!

Während im Kloster namenloses Elend herrscht, hält Tung scharfe Wache Und begnügt sich damit, die Zeit als Bundesgenossen für sich wirken zu lassen, lind daß ihm diese bestimmt di« feind­liche Hochburg in die Hand spielen würde, wußte Tung nur zu gut; denn seinen Häschern war es gelungen, den Abgesandten mit der wichtigen Geheimbotschaft nach Do abzufangen und somit Kennt­nis von den Planen des Abtes in Sang-pi-ling zu erhalten.

Tung hat beschlossen, sich durch List in den Besitz des Derg- klosters zu setzen. Die für die Hilfsaktion ausersehene Lamaserie Do ist in der Zwischenzeit auf fernen Befehl durch chinesische Truppen aufgehoben worden; es war dem chinesischen Führer sogar ge­glückt, den gefangenen Boten aus Sang-pi-ling durch Folterqualen zur Preisgabe des Platzes der Furt und des Anmarschweges von Do auf Sang-pi-ling zu zwingen. Tung läßt feine zuverläs­sigsten Soldaten, welche die Landessprache der Batang-Gebiete beherrschen, in tibetische Kleidung stecken und außerdem einen Le­bensmittel-Transport zusammenstellen, der sich in der verabredeten Dacht von Do hm: gegen Sang-pi-ling in Marsch setzt. Zur be». stimmten Stunde trifft diese Kolonne am bezeichneten Klostertor ein, das nach Abgabe der richtigen Losung geöffnet wird. Wäh­rend die freudig überraschten Lamas mit ihrem Abte halfen, den herangeführten reichlichen Proviant nach dem Klosterhofe zu schlep­pen, gelingt es den unter dem Schutze der Dacht auf dem gleiches Pfade herangeführten chinesischen Truppen mit Unterstützung ihrer verkleideten Kameraden, die Klostertorwache zu überrumpeln und in den Hof einzudringen. Zur selben Zeit bricht Tung aus feinen Stellung am Klostertor im Aorden vor und trägt seinen Angriff, nachdem das Tor hn letzten Augenblick durch eine Miene Ige* sprengt worden war, in das Kloster ein. Dort entsteht nun ein entsetzliches Gemetzel. Die Chinesen werden nach kurzem, grau­samem Kampfe Herren der Bergfeste; in ihrer grenzenlosen Wut schonen sie weder Frauen noch Kinder. 3n der allgemeinen Ver­wirrung und bei dem herrschenden Zwielicht weichen sogar die verkleideten chinesischen Soldaten irrtümlich von ihren eigenen Ka­meraden totgeschlagen.

Was von den Bewohnern von Sang-pi-ling nicht tot auf See Wahlstatt bleibt, darunter alle Tibeter, die beim Ausräuchernt der Klosterhöhlen zum Vorschein kommen, läßt Tung hinrichten. Zu diesem Zweck werden die dreihundert überlebenden Männev und Frauen, während ringsum Feuer an 'die Wohngebäude ge­legt werden, nach Abnahme der Waffen 'im Hose des Ätofter* tempels zusammengetrieben. Auf dem Rundgang der Kloster­mauern postieren sich chinesische Schützen, um die Gefangenen tin Falle eines Aufruhrs wie wehrloses Wild ab-zuschiehen. Män­ner und Frauen, aus taufend Wustden Blutend, wälzen sich'im Angesicht des Allerheiligsten auf blutgetränkter Erde, während die Henker ein Opfer nach dem anderen aus dem Menschenknäuel! herausreißen, um die Armen gräßlichsten Torturen zu unterziehen; ihnen das rechte Ohr abschneiden und schließlich den Kopf ab­schlagen. So türmen sich vor Tsong-kapas heiliger Figur Berge von Leichen, und die Henker waten bis an die Knöchel im warmen, rauchend«! Blut.

Mitten in diese von Tvdesschreien erfüllte Schlächterei klingt bis spät in die Dachst Unein das in wahnwitziger Angst auSg* stoßen« köstlichste Gebet:Om mani padme hum!" als letzter Seuf­zer der für ihren Glauben sterbenden Opfer. Von allen Bewohnern Sang-pi-lings ist mir mehr der Klosteräbt Übriggeblieben. Die­ser kühne Streiter liegt blutüberströmt und brünstig betend vor seinem Gott, von dem er nun Abschied nimmt. Die siegestrunkene chinesische Soldateska hat gerade diesen Mann bis zuletzt geschont, um ihn, gleichsam als Schandopfer, mit besonders grausamen, höl­lischen Folterqualen in den Tod zu hetzen. Schon nähern ssich dem Todgeweihten die Schergen, um ihn zur Schlachtbank zu schlep­pen. Da . . . ein Ruck . . . das Weihrauchgefäß rollt auf den Holzboden des Tempels, die Glut entzündet die Gebetsschleier, und ehe die Chinesen recht zur Besinnung kommen, steht ;6a8 Allerheiligste in einem Meer von Flammen. Während sich diese zu einem Riesenopferfeuer vereinen, turmhoch zum Himmel lodern und die düstere Klosterstätte in ein grausiges Farbenspiel hüllen, bricht sich in dem entsetzlichen Chaos ein herkulisch gebauter, wild um sich schlagender Mönch mit letzter Kraft Dahn zum Klostertor nach Dorden und rast auf der Plattform, von den wütenjdeni Chinesen verfolgt, laut betend, dem gähnenden Abgrunds zu . .

. . . Als der Körper des letzten Abtes von Sang-pi-ling hn felsigen Talgrund in Zuckungen erstirbt, wiederholen die Berg- dämone in tausendfältigem Echo des tapferen Abtes allerletztes Gebet, mit dem sein Leben im Dienste des Heiligtums Tsong-kapas erlischt:

Om mani padme hum!"