Ausgabe 
28.6.1924
 
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Also faß W> am Tisch vor meinem Fenster und wartete deS inneren Sturmes. Der aber wollte nicht recht kommen. Melleicht, weil draußen eitel Sonne schien, vielleicht, weil mir auf einmal eine Frage durch den Kops schoß, die Frage:Sind wir wirklich dieser Schöpfung Krone?" Genug, ich weih es nicht.

Ich weih nur so viel, dah ich mit meiner Bleistiftsspitze zweck­los Löcher in die weihen Blätter b-ohrte und übers Fenstersims ins Leere starrte. Da raschelte etwas an der Mauer. Ein dreieckiges Köpflein schob sich herauf und blinzelte. Ich hielt ganz still. Da schob es sich weiter herauf und jetzt, nach einem ,blitzschnellen' Schwung, sah eine schlanke Eidechse auf dem Fensterbrett des Hau­ses, welches sie im Dorfe das Räuberhäuschen heihen.

Sie war ganz sonderbar grün. Wie aus Stein gemeißelt lag lag sie da in praller Sonne. Einen kleinen Schneller noch, so lag sie auf meinem Manuskriptpapier. Aber sie machte keinen mehr. Sie blickte mich nur unverwandt an. Weil ich mich nicht rührte, fürchtete sie sich nicht. Ich konnte sehen, wie sich untenm Kopf die feine Schüppchenhaut hob und senkte und wie die Aeug- lein glitzerten. >

Don der Strahe kam ein fernes Singen. Die Eidechse wandte das Köpfchen hierhin, dorthin sie horchte auf das (Lied da drüben. Das verklang, und mein Echselein sah mir wieder schnur­gerade ins Angesicht. Mein Auge war es, das sie fesselte. . . Glanz kam zu Glanz und senkte sich mit Staunen ineinander, älnd eine Frage spielte Fangball zwischen mir und ihr:Was denkt wohl dieses Ding da?" Was meinen Sinn bewegte, war: .Der Mensch, der Schöpfung Krone." älnd was im Kopfe der kleinen Eidechse vor sich ging? Vielleicht dasselbe:Die Eidechse, küe Krone der Schöpfung."

Och muhte lächeln, dah sich Eidechsen so was einbilden können. Dann fiel mir ein, dah sicher auch die Eidechse über mich lächeln würde, könnte ich ihr mitteilen, dah wir der Schöpfung Krone feien.

Hatte sie nicht eben geblinzelt? Und auf einmal floh ein Strom lebendigen Verstehens zwischen mir und ihr. Auf einmal wußte ich, dah alles, was lebendig ist auf dieser Welt, nicht oben Und nicht unten steht. Dah alles Lebendige gleichwertig ist, in feiner Art ein jedes eine Krone alles Lebens.

Konnte es Vollkommeneres geben als eine Eidechse? Konnte eS Vollkommeneres geben als einen Vogel? Konnte es Vollkom­meneres geben als den Menschen?

Aber der Mensch hat allein Verstand, sagst du! Woher weiht du das? Und ist Verstand das Höchste? Ist er mehr als eine schwanke Oberfläche tieferer Gewalten?

Der Mensch allein hat eine Seele, sagst du! Glaubst du das, so bist du noch nie in dem Strom des Liebens mitgeschtvommen, der stündlich um die Erde kreist.

Der Mensch allein kann Drücken bauen,. Bücher schreiben und die Entfernung der Sterne in Millionen Meilen berechnen, sagst du. Das ist wahr, das tarnt er. Aber schau einem Tier ins An­gesicht und wirf, wenn du's kannst, nur einen Ahnungsblick in feine Seele: üleberkomrnt dich eine Ahnung alles dessen, was die Eidechse alles tarnt, was du nicht kannst? Weiht du, ob die Art Und Weise, wie eine Eidechse diese Welt ansieht, nicht ibesser ist, als deine Art, sie durch Bücher hindurch zu sehen?Sag' mal selbst, Echslein ..."

Husch, war sie das Fensterbrett entlang gelaufen'und ht einem Wauerspalt verschwunden. Ich wollte, ich könnte auch in einem Mauerspalt verschwinden, wenn's mich freute. Der Auftrag des Verlages zum Beispiel freut mich nicht. Ich weih schon, was ich dem Verlage schreibe:Der Mensch ist nicht die Krone aller Schöp­fung, er ist rare ein Blatt mit tausend anderen Blättern an dieser Ärone.

Om mani padme hum!

Don Wilhelm Filchner*).

innerhalb der Gabelung zweier unpassierbarer, tiefeingeschnit- tener Nebenarme des Bang-tse-kiang, an einer schmalen Stells des Grates der über 4500 Meter hochragenden wildzerklüfteten Felsenkämme, thront, 1000 Meter über der Talsohle, eine burg­artige, menschliche Siedelung, das Lamakloster Sang-pi-ling.

Dieses adlernestartig angelegte Kloster mit der 15 Meter hohen, ungeheuer starken Ilmfassungsmauer und den vorspringen­den Ecktürmen ahnest weit mehr einem Dergfort, als einer ge­weihten Stätte. Das Kloster ist der Sitz einer wehrhaften Mönchs-- schar von zweihundert frommen Brüdern unter einem Abte, dessen Heiligkeit und Kühnheit bis an die Dayen-kara-Kette und weiter bis nach Vün-nan hinein Berühmtheit erlangt hat. Sang-pi-ling

*) Die packende Schilderung von dem Verzweiflungsvampf des Lamaklosters Sang-pi-ling gegen die chinesische Invasion int Jahre 1906 ist dem neuesten Buch über Tibet entnommen, das Unter dem Titel Sturm über Asien soeben bei Aeufeld u. Henius, Berlin (mit zahlreichen Photographien und Karten des Verfassers, Gzl. 8 Mk.) erschienen ist. Der durch seine Expedi­tionen als einer der besten Kenner Tibets bekannte Verfasser gibt an der Hand der tatsächlichen Grlebnisie eines diplomatischen Ge- fieimagenten hochinteressante Schilderungen aus dem Staatsleben Tibets und spannende Einblicke in den politischen Hexen- Sessel Asiens.

ist eine richtige Raub-rttterburg, von der aus die Mönche ihrs Ausfälle, häufig ht den Teil der vielbegangenen Verkehrsverbin­dung Chinas mit Lha-sa, zwischen Batang und Litang, zu unter­nehmen pflegen. Auf diese WÄse hatten sie sich int Laufe der Zeit sehr ansehnliche Vorräte an Nahrungsmitteln, Wasfen und Pulver gesammelt. Als vor vielen Jahren eine chinesische Straf­expedition auf dem Wege nach Sang-pi-ling von den Lamas dieses Klosters vollkommen vernichtet worden war, wagten sich die Chinesen nie mehr in diese berüchtigte Gegend, und die Lamas von Sang-pi-ling wurden unumschränkte Zwingherren der ganzen Hochgebirgsgegend.

Das schwere, eichene Tor, das durch den aus gewaltigen Fels­blöcken errichteten Hauptturm im Norden des Klosters nach dem Innern führt, und das sonst stets durch starke, eiserne Querriegel! verschlossen ist, steht heute offen, denn aus Batang werden Flücht­linge erwartet, die hier in Sang-pi-ling Schutz und älnterkunft suchen und finden. Einigen hundert Tibetern war es tote durch ein Wunder gelungen, dem schauerlichen Blutbad zu entgehen, das die Chinesen unter ihren Brüdern bei Batang veranstaltet hatten; alle übrigen ohne älnterschied des Alters und Geschlechts tagen erschossen und erschlagen zwischen ihren brennenden und zerstörten Wohnstätten oder fielen flüchtend den Wölfen und Bären zum Opfer. Auch das große Kloster in Batang war der Zerstörungswut der Chinesen nicht entronnen und in Flammen aufgegangen. Wer von den Mönchen bei der Verteidigung ihres Heiligtums nicht ge­fallen war, suchte sich jetzt nach Sang-pi-ling zu retten, wo jeder Gläubige fein Leben unter sicherem Schutze weiß.

Bewaffnete Lamas aus Batang, Sang-pi-ling und eine Schar Tibeter bilden die Nachhut für das im Felsdesile dem Kloster zu- strömende Flüchtlingsvolk, vielen hundert Weibern, Verwundeten! und Kindern, sowie einigen Normen.

Vom Haupttore her drängt sich ein Lama zum Klosterprivr vor, um sich mit den höheren Lamas nach dem nördlichen Turme zu begeben, von dem aus fast das ganze letzte Strittet des Eng­passes zu überschauen ist. Hier zeigt sich, daß die Chinesen mit Patrouillen nach dem Höhäikamm von Sang-pi-ling und längs des Felsenpfades gegen das Kloster Fühlung suchen.

Ende Dezember haben die Chinesen ihre Stellung auf dem Grate bis auf 300 Meter an das nördliche Klostertor herange- fchoben. Der Prior beschließt, die Angreifer nunmehr aus ihren Felsenlöchern zu vertreiben. Noch im Lause der Nacht haben einige Dutzend beherzte Lamas auf nur ihnen bekannten Schleichwegen längs der Steilhänge das Höhengebiet im Rücken der chinesischen Stellung erreicht. Bei Morgengrauen wird diese in der Front und von hinten angegriffen; bei diesem äleberfall werden die Chi­nesen bis auf den letzten Mann erschlagen oder in die gähnende» Schlucht im Westen hinabgestvßen.

Der Führer der chinesischen Jnvasionsarmee, der energische General Tschao läßt dem bisherigen Kommandeur der chinesischen Belagerung vor Sang-pi-ling zur Strafe für seine geringe Tat­kraft und Umsicht enthaupten. An dessen Stelle muß nunmehr General Tung das Kommando vor Sang-pi-ling übernehmen.

Bereits Ende Januar macht sich die starke Hand Tungs sühlbar: auf vier Kilometer Entfernung, von außerhalb des Eng­passes her, eröffnen eines Tages sechs Geschütze ihr Feuer. Groß ist das Erstaunen der Lamas,, daß dieses nicht gegen die Kloster­burg, sondern nach der Plattform beim Klostertor gerichtet ist. (Wer bald erkennen sie den Zweck der Maßnahme. Durch das Streufeuer war ein Vordringen der Lamas auf dem Höhenrücken seindwärts unmöglich geworden. Ohne dah es die Lamas verhin­dern können, nähert sich der chinesische Angreifer nunmehr plan­mäßig der Klosterfeste. Schon eine Woche später werden die Klosterinsassen durch Geschützfeuer aus der Gegend ihres Obo auf dem Höhen grade überrascht. Es dauert auch nicht mehr allzulange, und die Chinesen setzen zum Sturm gegen das Klostertor an, wer­den aber durch einen kühnen Ausfall der Mönche mit Mutigen) Köpfen zurückgeschlagen und zum größten Teil in di^ Tiefen ge­stürzt, während sich der Rest der chinesischen Streitkräfte mit knap­per Not unter Deckung von Artillerie nach der Hauptstellung beim Obo zu retten vermag.

Doch Dung ist nicht der Mann, sich durch einen Mißerfolg abschrecken zu lassen, obgleich der harte Winter seinen Truppen schwer zusetzt und große Lücken in seine Scharen reiht. Auch der) Gefahr der Massendesertion seiner Leute weih er zu begegnen: er läßt einige Dutzend Fahnenflüchtige enthaupten. Dann hetzt er neue Sturmtruppen gegen die Zwingburg vor, denen es schließlich bei schwerem Schneesturm gelingt, unbemerkt auf der Plattform vor dem Klostertor am Ende des Felspfades Fuß zu fassen, sich dort im Erdreich brückenkopfartig einzugraben und festzusetzen.

Als in den letzten Tagen des Januar der verheerende Schnee- sturm nachläht und die Luft sich aufhellt, stellen die Lamas zu ihrer Bestürzung fest, daß ihre Verbindung mit der Außenwelt über den Höhenpfad durch ein starkes Hindernis abgesperrt ist. Sofortige Gegenstöße der Lamas werden von den mit Mehrladern bewaffneten Chinesen unter schweren Verlusten für die ersteren ab- getoiefen. Die frommen Streiter geben es denn auch auf, gegen &te Sperre anzurennen, um so eher, da diese zunächst keine allzu große Gefahr bedeutet. , _L r

Bald aber zeigt sich jedoch, daß die Chinesen von dieser 0tel< lung aus gegen das Klostertor einen Stollen vortreiben. Tag und Nacht vernehmen die Gingeschlossenen in Sang-pi-ling un«