Eichener zamilienblatter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang <924 Samstag, -en 28. Juni Nummer 2Z
Trost.
ES haben viel Dichter gefangen
3m schönen deutschen Land, Nun sind ihre Lieder verklungen, Die Sänger ruhen im Sand.
Aber solange noch kreisen Die Stern' um die Erde rund, Tun Herzen in neuen Weisen Die alle Schönhell kund.
3m Walde, da liegt verfallen, Der alten Helden Haus, Doch aus den Toren und Hallen Bricht jährlich der Frühling aus.
Und wo immer müde Fechter Sinken im mutigen Strauß, Es kommen frische Geschlechter Unb fechten es ehrlich aus.
Eichendorfs.
Goethe und Professor Hoepsner in Gietzen.
Von Alfred Dock.
(Schluß.)
Hoepsner hatte sich am 18. Oktober 1773 mit Marianne Thom, einer Tochter des Kriegszahlmeisters Thorn in Giehen, vermählt. Zimmermann sagt, sie war eine anmutige Dlvn- dine, ein schönes, stilles, verschlossenes Gemüt, in dem sich liebevolle, innige Weiblichkeit, Frömmigkeit und Willenskraft zu- fammenfanden. Del aller Zurückhaltung im Ausdruck ihrer Gefühle war sie der innigsten Freundschaft fähig und bei großer! Selbstbeherrschung im Urteile über die Fehler ihres Rächsten milde. Auch in ihrer Liebe zur Dichtkunst erkennen wir Hoepfners eben- hürtige Gefährtin. Goethe wußte die seltenen Gaben der liebenswürdigen Frau zu schätzen und nahm an dem häuslichen Glück des Freundes teil.
Ein volles halbes Jahrhundert nach seiner ersten Begegnung mitHoepsner in Gießen, im Sommer 1823, weilte Goethe, von schwerer Krankheit eben genesen, in Marienbad. Eines Tages ließ sich eine Verwandte des G o e z s ch e n Hauses in Büdesheim, dem Goethe befreundet war, bei Sr. Exzellenz melden. Goethe nahm den Besuch sofort an. Die Unterhaltung bewegte sich in der gewöhnlichsten Sphäre. Die ländliche Erscheinung „in einen Basenmantel eingemummt“, lieh Goethe stark zweifeln, ob sie je eine Zeile von ihm gelesen, ja ob sie überhaupt lesen und schreiben könne. „ÄH, sage Se mer doch, 3hr Exzellenz“, fragte die biedere Frau nach der ersten Begrüßung, „ob Se sich wieder recht gut befinde, ach wie wird sich mein Herr Vetter freie! und Wiele, Leit werde sich freie! 3s es denn wahr, dah Sie stch selbst kuriert habe? Die Leit habe sagt, die Dotter hätte Sie nicht ksund mach« könne.“ Goethe kam nicht aus dem Lachen über die komische Base, zog sie immer wieder aufs Kanapee und fragte, ob sie denn heute nicht in Marienbad bleiben wolle. „Ach, nein, 3hr Exzellenz, sehe Se. ich reis' mit einem alten Herrn, der hat absolut nicht herkwvllt; aber ich habe soviel kbllt, bis «es kthan hall. — Mer wolle nach Prag, das soll e schöne Stadt fein.“ Beim Weggehen sagte die Fremde, sie habe als Geschenk ihres Vetters Goez einen Krug Äüdelsheimer und einige wertvolle Mineralien im Vorzimmer zurückgelassen. Goethe fand eine Vignette an den Krug mit folgenden Versen geheftet:
„O, fand' ich doch ein glücklich Wort und Zeichen Für meines Herzens heißen Dank, Ich möchte dir den Labebecher reichen, Gefüllt mit reichem Wundertrank,
Und jeden Balsam in den Decher senken, Den die Ratur erschafft,
Und voll und immer voller dir ihn schenken Mit Lebensfüll' und Kraft.“
Die Äüdelsheimer Bäuerin war aber niemand anders als die Geheimrättn Reh berg*), eine Tochter des Gießener Professors Hoepfner, die sich für den Scherz, den Goethe vor fünfzig 3ahren mit ihrem Vater getrieben, revanchieren wvjllte. Ein Brief von ihr
*) Gattin des Geh. Kabinettsrats von Rehberg.
Dom 30. Rovember 1823, den Obersteuerrat Hallwachs in beglaubigter Abschrift mitteilt, gibt das vorher angeführte Gespräch mit Goethe wieder und erzählt den Vorgang weiter:^. Den Rachmittag hätte ich nun gar zu gern mir meinen Pardon allein geholt unds Goethe womöglich in die alte Zeit zurückgeführt, zu meinem Vater tunb Merck und so Weller, aber Rehberg wollte doch auch sein 2eil von ihm haben und blieb „als verwünschter Dritter“ dabei sitzen — ich war nach meiner üblen Gewohnheit auf Reisen halb taub, und so entging mir vieles, was er mit Rehberg über allerlei literarische Gegenstände unb über Göttingen sprach. Er hat eine Herausgabe seiner Korrespondenz mit Schiller vor, wovon ihn aber doch noch wie er sagte, die Furcht abhielle, manchen unter den Lebendigen zu verletzen und Anstoß zu geben, was ihm Rehberg auszureden und ihn zu bewegen suchte, seine Korrespondenz baldmöglichst der Welt zu schenken. Die Geschichte seines Lebens, sagte er, sei geschlossen. Ich brachte ihn doch noch auf Darmstadt uuds Merck, wobei er ein Wort aussprach was das ganze Leben Rehbergs bezeichnete und mir mit einem Blitzstrahl den Punkt erleuchtete, um den sich sein ganzes Schicksal gedreht hat! Ach! konnte ich nicht umhin, im stillen zu seufzen, wer das Rehberg vor dreißig 3obren zugerufen hätte! Und wenn ers hatte befolgen können! Aber hier erkannte ich meinen Dichter, an dem ich vor allem den gesunden Menschenverstand bewundert habe, womit ec immer den Ragel auf den Kops trifft. Ueberhaupt ist es nicht möglich, sich etwas Einfacheres, Ratürlicheres als sein Gespräch zu denken. Er ist sich seiner inneren Kraft und Vollendung aufs vollkommenste bewußt und läßt stch darum nur so ganz ruhig gehen. Sein Airstand ist vornehm, imposant, ohne eine Spur von Aufgeblasenheit, ohne die Steifheit, deren ihn so manche an geklagt haben. Manchmal geht seine Ratürlichkell in Raivität über, und das steht ihm ganz bezaubernd. 3m Laufe des Gesprächs erinnert ich ihn einmal daran, daß er gesagt habe: „Gott segne die Pedanten, da sie soviel Nützliches beichickM.“ „3a“, sagte er freundlich „das schickt sich wohl für mich die Partei der Pedanten zu übernehmen, da ich selbst einer bin.“ Wenn man ihm etwas Verbindliches sagt, so zieht sich ein freundliches Lächeln über sein Gesicht, was ohne Worte zu sagen scheint: „3ch danke Dir für Deine gute Absicht.“ Die wenigen gütigen Zeilen, die er mir ins Reisestammbuch schrieb, hab' ich 3hnen, glaub' ich schon mitgeteUt Beim Abschied nahm er noch zwei Steine aus seiner Minmaliensamm- lung und gab sie mir mit den Worten: „Ich mutz Ihnen doch auch ein Andenken schenken, da sind ein paar Steine, aber ich nenne sie Ihnen nicht, denn wll haben auch unsere Geheimnisse.. Fragen Sie nur den ersten besten Mineralogen danach“ Auf meine Frage sagte mir Hausmann (Professor der Mineralogie in Göttingen): der eine herbe Pyroxene, der Feuergast, der andere Amphibole, die Zweideutige. Da hatte ich also meine gnädige Strafe. So endete mein liebes, glückliches Abenteuer. . .“
Ein seltsames Zusammentreffen, das Hoepfners Tochter mit ihrem lustigen Einfall den Dichtergreis noch einmal an die Tage des Sturms und Drangs gemahnen sollte, die weit in nebelhafte Ferne seinem Blick entrückt waren. Und wie ihn die Gegenwart der geistreichen Frau erfrischte und all seine Liebenswürdigkeit wachrief, so mutzte vor seinem geistigen Auge das Bild des Jugendfreundes Hoepsner wieder erstehen, der seine ersten Geistestaten mit seiner Teilnahme und seinem Beifall begleitet hatte.
Die Eidechse.
Von Fritz Müller - (PartenÜrchen) Eannero.
Ein Verlag hatte mir geschrieben, er gäbe ein Sammelwerk heraus, als Einleitung brauche er einen Aufsatz: „Der Mensch als Krone der Schöpfung“, und es wäre ihm recht, itoenn bcd Artikel möglichst „zügig“ geschrieben werd« . . .
Run ist bestellte Arbeit nie begeisternd für Federn, die eigen* willig sind. Aber immerhin — der Mensch als Krone der Schöpfung? Ei, da mutz sich doch was Gutes schreiben lassen! AuS einem solchen Titel strömt ja von selbst Begeisterung, wenn man nur sreundlich lächelnd mit der Hand darüber streicht!
Rur mit der Hand? Vor allem mit dem Stolze, daß man selbst ein Laubblatt an der Schöpfungskrvne sei und drin rascheln dürfe, wenn... ja: wenn die Winde gehn. Hm, Wind toärq nicht genug. Es müßte wohl auch Sturm fern, der bis an Wurzeln rührte. Rur Stürme konnten Lieder fingen von der fungskrone.


