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WeihirachtsmustR.
Von Gr. Anton Mayer.
„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen, welche guten Willens sind" — verlangen diese Worte des Evangelisten, die Lobpreisung der himmlischen Heerscharen bei der Heilandgeburt, nicht nach einer strahlenden Musik, die ihren Jubel erst recht zum Erklingen bringt? And musikgettänkt wie sie ist der Geist der Weihnacht selbst, der sich in vielen und allbekannten Gesängen einem jeden von den frühesten Ougendtagen an eingeprägt hat. Gas Lied hat seine innigsten und tiefsten Melodien in ihnen hervorgebracht; „Es ist ein' Ros' entsprungen" zum Beispiel ist wohl eines der ergreifendsten unseres Landes; wir brauchen sie nicht zu nennen, die alle Kinder singen. Rur eines alten, von sonderbarem Zauber, der Stimmführung und schönen lateinischen Text sei hier gedacht, da es vielleicht in der heutigen Zeit ein wenig in Vergessenheit geraten ist — vor etwa dreißig Jahren wurde es im Gymnasium zu jeder Weihnachtsfeier gesungen; es ist des 1571 geborenen Michael Prato rius', braunschweigischen, kursüchsischen und magdeburgischsn Hofkapellmeisters Hymne „Quen pastores landabere", die sich in verschiedenen — zum Beispiel den Hellenbergschen — Liedersammlungen findet, und wegen der starken Zuversicht ihrer freudig aufstrebenden und voll ruhiger Kraft sich zum Schluß wieder senkenden Melodie wohl verdient, neben den andern, vielleicht lieblicheren, zur Feier zu ertönen, um ihre anmutige Herbheit dem verwandten harzigen W ihnachtsduft zu vereinigen.
Es ist klar, daß ein so musikerfülltes und dabei tief in das Leben jedes einzelnen Menschen eingreifendes Fest, wie Weihnachten, schon früh in der kirchlichen Tonkunst eine Rolle spielen mutzte; unD da in keinem Lande der Welt in so eigenartiger und inniger Weise die Geburt des Heilandes gefeiert wird, wie in Deutschlaird, so sind es naturgemäß die alten deutschen Komponisten, die in Kantatenfvrm — einer Folge von textlich zusammengehörenden und ein Ganzes bildenden Stücken — Weihnachtsstücks schufen, die reich an kurzen, aber formvollendeten Sätzen sind, und eine sanfte Schönheit offenbaren. Die Werke Telemanns und vor allem D. Buxtehudes sind in diesem Zusammenhang $u nennen, die nach Art der Italiener durch Zurückgreifen des Schlusses auf den ersten Satz abgerundet sind, in den Chören bereits weite Verhältnisse zeigen und aitch den Choral einrücken. Auch selbst ärdige Onstrumentalsätze schieben sich zwischen die Gesangsnummmn ein, wie es in den Kompositionen der venezianischen Meister Brauch war.
Jene» Zauber des musikverlangenden Evangeliums von der Geburt Christi muh Johann Sebastian Bach stark empfunden haben, als er sein „Weihnachtsvratorium" konzipierte und schrieb. Es ist in der äußeren Form ebenso gehalten, wie die großen Passionen, w lche das Leiden und Sterben des Erlösers zum Gegenstand hab n; die Worte des Evangelisten werden vom Solotenor rezitativisch vorgetragen, Arien, Choräle (die Gemeinde) und Chöre von wechselnden und bewegten Stimmungen unterbrechen und illustrieren die biblische Erzählung. Die zweiten Kapitel des Lukas- und des Matthäus-Evangeliums haben zum Weihnachtsoratorium die Erzählung geliefert. Handelnde Personen, wie in der Matthäus-Passion Christus, der Hohe Priester, oder PonttuS Pilatus, treten nicht auf; indessen schlüpft die Alt- partte zuweilen in die Figur der Muttergottes hinein, ,so wenn sie das bezaubernde Schlummerlied singt „Schlafs, mein Liebster", dem durch die Begleitung der die Violine verstärkenden Oboen (in der Partitur in Oboi d'arnvre und Oboi da baccia, Liebes- und Jagdoboen geteilt) ein ganz bukolischer, der Situation und der Rahe der Hirten entsprechender Charakter gegeben wird. Es folgt dann, nach dem Evangelisten die Verkündigung an die Hirten durch die himmlischen Heerscharen; dann erbraust die frohe D:t- schaft der zu Anfang angeführten Worte im vollen Chor unter den Klängen des figurierenden Orchesters. Wie in den großen Passionen spielen auch hier die Choräle eine besondere Rolle; auch innere Zusammenhänge zwischen den einzelnen Werken Bachs lassen sich bei ihnen aufdecken; so hat einer der ersten Choräle des WeihnachtSvratoriunis „Wie sost ich Dich empfangen" dieselbe Melodie, nur in veränderter Tonart, wie „O Haupt voll Blut und Wunden" der Matthäus-Passion, dem somit eine bestimmte mottvische Deutung gegeben werden konnte. Merkwürdig, weil sonst nur selten vorkommend, ist ein Rezitativ aller 4 Solostimmen, die vorletzte Rümmer des Ganzen: „Was will der
Hölle Schrecken nun", nach dem der Schluhchvral: „Run seid Ihr wohl gerochen" mir besonders überzeugender Stärke wirkt; denn zu dem ganz einfach vierstimmig ohne Figu- rattonerr, rein harmonisch geschriebenen Chorsatz tritt nun das volle glänzende Orchester mit Trompeten und Pauken, um in zuversichtlichstem D-Dur mit hoher Freude das Oratorium zum Abschluß zu bringen.
Aber nicht ttur der gewaltige kirchliche Bach hat die musikalische Poesie des Mittwinterfestes empfunden; auch der Romantiker Schumann hat ihr Ausdruck gegeben, einfacher allerdings, und versteckter, mit einem heimlichen Gefallen an den ltchtverhüllten Dezembertagen, in einer leise wehmütigen Stimmung, wie sie wohl den Erwachsenen bei dem Feste der Kinder beschleichen mag, — und die bann doch nicht Stand hält und von einer ruhigen und tiefen Freude verklärt wird.... Die beiden „Winterzeit" genannten 0-LlolI-Stücke des „Album für die Jugend" (2. Teil) sind so recht die Verkörperung solchen Empfindens. Schwer- müttg das erste, als fei der einsame Mann melanchvsischer Erinnerung hingegeben, in leisem Moll fchließettd; unruhige Erwartung scheint nach dem geheimnisvollen Anfang des zweiten hinzuzukommen, es ist," als mühten innere Widerstände überwunden werden, bis endlich ein zartes C-Dur in vollster Innigkeit, wie tröstend und erlösend, die Schatten verscheucht und die tiefen Bahnoten wie Glockenschläge Frieden verkünden. Zwei technisch ganz einfache Stücke, aber voll romantischer Dichtung, so daß wir beim Hören die Flocken im Dämmergrau fallen und dann die Lichter am Weihnachtsbaum glänzen zu sehen vermeinen!
Von der gleichen starken Poesie erfüllt sind die „Weihnachtslieder" von Peter Cornelius: auch bei ihnen li gt der größte Reiz im Klavier, in der Begleitung der Gesänge, mag sie nun einen Choral der gesungenen Melodie anpasfen („Vom Himmel hoch, da komm ich her") oder, wie im Lied von den Hirten, die schwebende Stimmung erwartungsvoller Ergriffenheit mit dem Zauber der sternklaren Rächt auf dem Felde vereinen. Auch in ihnen ist kein lauter We'h- nachtsjubel —, aber eine stille und feine Seligkeit, ähnlich wie in Max Regers „Mariä Wiegenlied", das uns in seiner Lieblichkeit ebenso sehr an die jungmädch"»haften Madonnen Florent'ner Quattrocento-Mal r erinnert, wie an die zarten Frauenbilder des deutschen Weihnachtsmärchens, — und an die Krippe, die wir als Kinder unter dem brennenden Daum bewt-.ndert und geliebt haben.
Die Flibustier.
Eine Erzählung von der Kräfte Brasiliens.
Bon Dr. Alfred Funke.
Wenn deutsche Schiffe nach Port Seguro kamen, so kehrten die Reisenden gewiß in das Wirtshaus „Zur trocknen Banane'' ein. Dort sanden sie am runden Tisch, auf dem das Sammelboot der Rettungsgesellschaft für Schiffbrüchige stand, unter dem Bilde des deutschen Kaisers immer willkommene Gestllschaft. Lauter Deutsche!
Da Ware» die Agenten. „Shipchandler" und Stauer, die immer am Hafen zu tun hatten, die Angestellten der großen deutschen Handelshäuser, die mit den Konferenten im Zollhaus täglich ihre Kämpfe zu führen hatten, um die Fracht schneller als int üblichen Amtstrott aus den Klauen des Fiskus loszumachen, und andere Geschäftsleute bei einem Erhvlungsfchoppen zu treffen. Auch mancher deutsche Kolonist, der seinen Handel in der Stadt gemacht oder Rat gesucht hatte, hockte dort hinter seinem Glase und grüßte manchen alten Freund, der früher als Musterreiter in die deut- schen Kolonien gekommen war oder als Schulmeister oder junger Mann einer Benda seine schwarzen Dohnen in den Wkaden gegessen hatte. Da wurde dann manche Erinnerung aufgefrischt und mit einem heiteren und mit einem nassen Auge vergangener Zeit gedacht.
Der Wirt der „Trockenen Banane" war auch ein Deutscher, land- uni) leutekundig, und wer ihn fragte, was er im gelobten Lande Brasilien getrieben habe, bevor er den schäumenden Schoppen schänkte, bekam immer die gleiche Auskunft:
„Meinen eigentlichen Berus wollen Sie wissen, Landsmann? Run, als ich hier im Hafen aus dem brasil'anischen Kasten herauskletterte, keine zwanzig Patak im Sack, fühlte ich eigentlich Beruf zu jeglicher Hantierung in mir. Ich hätte noch als Feuerfresser, als Schlangenbändiger, als künstlicher Fischzüchter und Dienenvater ebenso beliebt machen können, wie ich es als Flaschenspüler zunächst versuchte. Aber das Schicksal verschlug mich in die Wurstzipselpikade. Da habe ich ein halbes Dutzend Jahre Schulmeister und Pfarrer gespielt. Damals ging das noch, und ich war sogar ein sehr gesuchter Kanzelredner, Das dürfen Sie gern glauben."
„Rur wollten seine Bauern auf die Dauer nicht recht an seinen Katechismus glauben," warf ein Gast ein und deutete auf


