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ein kleines Dachrammerchen in der Friedrichstraße bezogen. Nach vieler Mühe war es ihr gelungen, Nah- und Stickarbeiten für sein Geschäft zu erhalten. Aber diese gingen, da sie auch ihre Nähmaschine verpfändet hatte, nur langsam vorwärts, und das dadurch verdiente Geld reichte, zusammen mit der kleinen Pension, kaum zu ihrem Lebensunterhalt aus, trotzdem die Frau fast Lag und Nacht arbeitete.
Ein Bild des tiefsten Elends entrollte sich vor Falgen- dachs Blicken. Schweigend hatte er den Bericht des Briefträgers angehört. Kurze Zeit noch sah er sinnend M; dann Drückte er Schulze ein Zehnmarkstück in die Hand und meinte: „Ich danke Ihnen, machen Sie sich hierfür vergnügte Weihnachten. Vielleicht können Sie mich am heiligen Abend auf e'mem kleinen Gange begleiten?"
Schulze versprach das und verabschiedete sich unter vielen Dankesbezeugungen. e
Weihnachtsabeirdi Engel der Liebe und Barmherzigkeit wandeln wieder unter den Menschen. Weihnachtsfreuöv ist bereits auf allen Gesichtern zu lesen. Auf den Straßen ein Hasten und Rennen. In den Häusern flackern schon hin und wieder die Kerzen der Ehristbäume auf.
Schulze eilt beschleunigten Schrittes der Wohnung Falgenbachs zu. Als er diese betritt, bleibt er vor Erstaunen stehen; auf dem Tische prangt ein kleines, aber zierlich geschmücktes Weihnachtsbäumchen; daneben steht ein Korb, vollgepackt mit Lebensmitteln.
Anter diesen Sachen aber liegt, von Schulze unbemerkt, ein Brief, welcher einen Hundertmarkschein sowie Elfriedens Schreiben enthält. Dem letzteren sind von Falgenbach mit großer markiger Schrift die Worte hmzugefügt: „Dein Wunsch wird hiermit erfüllt. Das Christkindchen."
Noch mehr' aber wächst das Erstaunen Schulzes, als Falgenbach ihn bittet, den Korb nach Friedrichstraße 26 tragen zu Helsen. Falgenbach selbst nimmt das Bäumchen. Unterwegs klärt er seinen Begleiter über den ganzen Sachverhalt auf und erteilt ihm besondere Weisungen....
In der einfachen Wohnung der Witwe Röder steht der ärmliche Abendtisch gedeckt, alles ist blitzblank und sauber, aber kein Weihnachtsbäumchen ziert die Stube.
Auf dem nahen Kirchturm fegen die Glocken zu feierlichem Geläut ein. _
Da klopft es; die Tür öffnetZich, und heller Kerzen- schimmer fällt in das Zimmer, so daß Elfriede überrascht emporschaut. Schulze ist mit seinen Sachen ins Zimmer getreten, während Falgenbach sich leise Als dem Hause entfernt hatte. r.
Frau Röder kann zurrächst keine Worte finden, dann aber enttinat es sich ihren Lippen: „Ach. Sie haben sich hier wohl geirrt!" „Rein, liebe Frau," antwortete Schulze, „ich komme im Auftrage eines anderen, der Ihnen dura) mich diese Weihnachtsgeschenke senden läßt. Sie sollen nicht alle Hoffnung verlieren und wieder frohen Mutes sein." „O, sagen Sie mir, wer dieser gütige Geber ist, damit ich ihm danken kann", stammelt die Witwe verwirrt, „©einen Namen darf ich allerdings nicht nennen,“ entgegnet Schulze, „der Geber kann die Gaben gut entbehren. In seinem Auf- ttage wünsche ich noch „vergnügte Feiertage". In dem Korbe liegt übrigens auch ein Brief, der wohl das Nähere enthalten wird."
Mit diesen Worten entfernt sich Schulze schleunigst, um weiteren Fragen zu entgehen.
An den Schalter des Postamtes tritt eine Frau, gibt eine Postanweisung ab und legt ihr Geld auf das Zahlbrett. Der Beamte bucht die Anweisung, fertigt den Einlieferungsschein aus, vereinnahmt den Geldbettag und verabfolgt den Schein.
Auch heute spielt sich dieser gewöhnliche Gang der Dinge in der üblichen Reihenfolge ab.
Angewöhnlich ist nur, daß der Einzahlerin — es ist die Witwe Röder — ein leichtes Rot über die Wangen huscht, sobald der Beamte beginnt, mit großen, markigen Buchstaben den Einlieferungsschein auszufertigen und schließlich seinen Namen „Falgenbach" daruntersetzt. O, di se Handschrift ist ihr ja nur zu bekannt. Wie oft hat sie nicht schon die wenigen Worte „dein Wunsch wird hiermit erfüllt. Das Christkindchen", die von derselben Hand herrühren, gelesen. Jetzt kann sie sich auch den ganzen Zusammenhang erklären, und jetzt versteht sie auch, warum es gerade der Briefträger Schulze gewesen ist, der ihr die Weihnachtsgaben überbrachte. Fest prägt sie die Züge des Beamten ihrem Gedächtnis ein, nimmt ihren Schein in Empfang und entfernt sich schweigend...
Aeberrascht blickt Falgenbach auf, als er sich am Ab-md auf dem Heimwege von einer Dame angeredet sieht, welche sich alsbald als die Witwe Röder zu erkennen gibt und ihm in warmen Worten für seine Hilfe dankt. . .
Falgenbach kam an diesem Abend, zum Erstaunen seiner Hauswirtin, eine halbe Stunde später als gewöhnlich nach Hause. Zu gewohnter Zeit begab er sich zur Ruhe, konnte aber keinen Schlaf finden. Er hatte mit seinem Ge'de andern eine Freude bereitet und, was noch nie der Fall gewesen, selbst Freude hieran gefunden. Seine Gedanken weilten bei der Witwe Röder. Er hatte sich in ihr eine ältliche Person vorgestellt, statt dessen hatte er eine junge, anmutige Frau in der Blüte der Jahre erblickt. Die Tränen der Rührung, die ihr in die Augen getreten waren, als sie ihm ihren Dank sagte, dazu das vor Erregung und Freude leicht gerötete Gesicht, hatten sie Falgenbach, der bisher achtlos an allen Frauen vorübergegangen war, doppelt reizend erscheinen lassen.
Ja. für die Folge ereignete es sich sogar häufiger, day Falgenbach, ganz gegen feine sonstige Gewohnheit, sich abends zu einer bestimmten Stunde auffällig lange in der Nähe eines großen Weißwarengeschästs aufhielt und dort öftere „zufällig" mit einer Dame zusammenttaf, Sie das Geschäft mit einem kleinen Paket unter dem Arme verließ.---—
Wieder war es Weihnachten, und wieder läuteten die Glocken den heiligen Abend ein.
Wie manches hatte sich im Laufe des verflossenen Jahres geändert! , ,
Die Frau Ober-Postassistent Falgenbach — die frühere Witwe Röder — sah in Gedanken versunken, in ihrer behaglich eingerichteten Wohnung. Elfriede war in kindlichem Eifer mit dem AuSpacken der Geschenke beschäftigt, die der Papa soeben für sie gesandt hatte.
Da ertönten Schritte und Falgenbach betrat das Zimmer Freudestrahlend fiel ihm die Frau um den Hals, und während ste lächelnd und errötend zu ihm aufschaute, flüsterte sie: „Soeben dachte ich an das Weihnachtsfest vor einem Jahre." , „
Zärtlich und indem er einen Kuh auf ihre Lippen druckte, flüsterte er: „Ja. auch ich freue mich, daß alles so gekommen ist. Das Christkindchen hat es so gefügt."
Heftige, von strömendem Regen Begleitete Aprilstürme fegten über das Land. Es konnte daher wunder nehmen, daß sich eine Dame in das Anwetter hinauswagte und dabei noch ein sehr vergnügtes Gesicht machte. Aber Frau Witwe Röder hatte alle Arsache, fröhlich zu sein. Sie befand sich auf dem Wege zum Postamt, um auf eine Postanweisung 30 Mark einzuzahlen und damit die letzte schuld an ihre Gläubiger abystragen.
Kurz nach Weihnachten hatte sie ihre Nähmaschine wieder einlösen können. Die Arbeiten gingen von da ab besser und flinker vor sich, und immer größere Aufträge wurden ihr von dem Geschäft zuteil, die sie stets mit gewohnter Sorgfalt und Pünktlichkeit ausführte.
Den Spender der Weihnachtsgeschenke hat sie allerdings noch nicht ermitteln können; denn Schulze hüllt sich, so oft sie ihn auch bestürmt, immer tre undurchdrinyliches Schweigen.--—
Der „Annahbare" hatte sich vollständig geändert.
Als der Frühling ins Land gezogen war und mit seinen milden Sonnenstrahlen Schnee und Eis h'mwegttteb. da hatte auch die alles erwärmende Liebe in Falgenbachs Herzen Einzug gehalten und die harte Kruste der Anfreundlichkett, die sich während langer Jahre um dasselbe gelegt, zersprengte Alle edlen Gefühle, die bisher verborgen unter dieser Decke geschlummert hatten, brachen sich siegreich Bahn. Falgenbach wurde zu aller Verwunderung ein liebenswürdiger und angenehmer Kamerad, und in der Gesellschaft waren er und seine Frau bald gern gesehene Gäste.
Als er kürzlich in einem fröhlichen Augenblick die Geschichte des Briefes „An das libe Kristkind tn Himmel erzählte. da firm man allegmein zu der Aeberzeugung, daß dle Bezeichnung der „Annahbare" für Falgenbach nicht mehr am Platze sei. Von da ab nannte man ihn nur noch: „Das Christkindchen".


