Eichener ZainllienblStter
Unterhaltungsbeilage Zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (92< Samstag, -en 27. Dezember " Nummer 65
Jur Iahresfcheide.
Von Karl Roem Held.
Gnädig verschlossen sind der Zukunft Schranken, Doch offen steht das Tor der Ewigkeit.
And sieh — gebeugt von tausendfält'gem Leid, Siehst einen Greis du ihm entgegenwanken Mit finstrem Antlitz und zerfetztem Kleid.
Das Altjahr steht an seines Grabes Rande Mit seiner Aeberlast an Kampf und Rot, Der Hoffnung matte Fackel ist verloht, And was uns bleibt, sind Ohnmacht, Qual und Schande. And dreisten Haupts Thrannenttotz uns droht.
Soll wirNich uns und Kind und Kindeskindern, Ewig der Freiheit Glanz erloschen sein?!
Bist wirklich du, mein Volk, Zu arm, zu klein. Den teuflischen Bernichtungswahn zu hindern, .Verschleiert von der Tücke Heuchelschein?!
Soll ewig denn, der Welt zum Spott und Hohne
Die deutsche Zwietracht feiern Sieg um Sieg?! — O daß der Bruderstreit einmal doch schwieg. And Friede wieder in den Herzen wohne.
And Deutschlands Sonne wieder aufwärts stteg! •
Run stehst du wieder an der Jahre Scheide, Mehn armes Volk, mit Wunden sonder Zahl, Boll Sehnsucht spähend nach der Hoffnung Sttahl, Aach einem Führer, der dich sicher leite, Aach einem Retter aus dem dunklen Tal.
Amsonst, umsonst, dein Sehnen all und Hoffen — Solange Zwietracht dich in Fesseln schlägt. Solange Selbstsucht noch das Szepter trägt, Steht dir der Weg zur Freiheit nimmer o/feu. Was eitler Menschenwitz auch wagt und wägt.
Zum Gei st der Eintrachtdichemporzu raffen, Das mutz die Losung sein fürs neue Jahr, O gib dem alten -- das ein Streitjahr war —• Ins Grab der Fehde unheilvollen Waffen, Daß neue Kraft dir werde offenbar.
And ob die Welt auch bis zu fernsten Zonen
Dir kein Erbarmen weiß in deiner Aot,
And ob — wies dünkt — auch Recht und Wahrheit tot, Noch lebt ein Helfer über Sternenthronen
And der allein dich retten kann, ist — Gott!
Das ChrrMindchsn.
Erzählung von W. Looff.
Weihnachten, das Fest der Liebe und des Friedens, steht nahe bevor. Auf dem Postamte herrscht schon ein reger Verkehr: di« Zahl der aufgelieferten Pakets hat fast ihren Höhepunkt erreicht. 2luch in der Briefaofertigung macht sich eine bedeutende Verkshrssteigerung bemerkbar. Der Ober-Postassistent Hermann Falgenbach ist emsig mit dem Verteilen der Briefsendungen beschäftigt. Für heute ist fein Dienst bald beendet; nur noch ein kleines Häuflein Briefe ist zu bewältigen.
Plötzlich greift seine Hand nach dem neben ihm liegenden Blaustift, um einen unfrankierten Brief mit Porto zu belegen, aber im nächsten Augenblick legt er den Stift ärger- sich wieder fort.
„An daß libe KriMnd in Himmel
lautet die von einer Kinderhand herrührende Aufschrift des Briefes,
„Das ist sicher wieder ein so »erogenes Kind, das tausenderlei Wünsche auf dem Herzen hat," brummt Falgenbach so vor sich hin und legt den Brief zur Sette . . .
Die vorliegenden Sendungen sind verteilt, die letzte Post ist abgefertigt und Falgenbach will sich schon zum Heimgang rüsten, als sein Blick noch einmal auf den Brief fällt.
„Hm, was soll ich nur damit anfangen", denkt er, „am besten verttaue ich ihn wohl dem Ofen an, kann aber doch erst einmal sehen, was das Kind eigenttich alles will."
Aus dem unverschlossenen Amschlag zieht er ein Blatt aus einem Schulheft hervor und liest:
Libes Kristkind!
Mamma nät und weint immer; bitt«, libes Kristkind, mach Mamma wider frölig und bring uns was zu essen mit, wier haben oft garnichts, fons will ich auch nichts haben und immer ardig sein, ich wohne Fridrichstrase 26. Elfriede Röder.
Kopfschüttelnd steckte Falgenbach den Brief in die Tasche und begab sich : ach seiner Wohnung. . .
„Run wird's oald Weihnachten, Herr Falgenbach", mit diesen Worten begrüßte ihn seine Hauswirtin.
„Gewiß, man merkt es am besten auf Ser Post", entgegnete «er kurz. In Gedanken aber fügte er hinzu: „Das alte, langweilige Fest." Was sollt« er auch Weihnachten wieder beginnen? Er war froh, wenn er Dienst machen konnte. Verwandte und gute Freunde besaß er nicht. In Kameradenkreisen trug er den Rainen „der Annahbare". Er hielt mit niemand gesellschaftlichen Verkehr und war trotz seiner 38 Jahre noch immer Junggeselle. Gegen das „Ewig Weibliche" hegte er eine unerklärliche Abneigung. Seine einzige Freude auf dieser wunderschönen Erde schien allein darin zu bestehen, einen möglichst großen Teil seines Gehalts bei der städttschen Sparkasse zinstragend niederzulegen.
And doch fühlte er sich eigenttich nicht glücklich.
Roch einmal zog er an diesem Abend Elfriede Röders Brief 'aus der Tasche und las ihn. In mißvergnügter Stimmung legte er sich schlafen.
Bald führte ihm der Traumgott die armselige Boden- sttibe der Frau Röder vor. Ein kleines Lämpchen gab nur notdürftig Licht zu der Mharbeit, mit der die Frau beschäftigt war, während ihr hierbei die Tranen über die Wangen rollten. Plötzlich flog die Tür auf, die Stube wurde tag- hett erleuchtet, und herein trat das Ehristkindchen, umschwebt von vielen Engeln, die groß« und kleine Paket« und Geschenke trugen und in der Stube niederlegten. Elfriede erhielt ein prächtig geschmücktes Weihnachtsbäumchen und starrte leuchtenden Auges auf all di« Herrlichkeiten. And di« Engel fangen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen" . . .
Falgenbach erwachte.
Lange, lange wälzte er sich dann schlaflos hin und her; immer wieder mußte er an Elfriedes Brief und seinen Traum denken.
Was in dieser Nacht in Falgenbachs Seele arbeitete, hat kein Mensch erfahren. Aber als er aufstand, war es in seiner Seele Licht, helles Licht geworden. Er hatte einen großen Entschluß gefaßt.
Noch am Abend desselben Tages ließ et den Briefträger Schulze, zu dessen Bestellbezirk Friedrichstraße 26 gehörte, in seine Wohnung kommen und bat ihn um nähere Auskunft über di« Verhältnisse der Frau Röder.
Letztere war di« Witwe eines Eisenbahnassistenten, der vor reichlich zwei Jahren in seinem Berufe verunglückt war. Sein langes Krankenlager und endlich sein Tod hatten nicht nur di« kleinen Ersparnisse aufgezehrt, nein, Frau Röder hatte noch Schulden dazu machen müssen. Fast alle, teilweise sogar unentbehrliche Möbel hatte sie verkauft und dann


