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(Fortsetzung folgt.)
Schriftleitung: Dr. Friedr. Wilh. Lange.
Druck und Verlag der Brühl'schen Aniv.-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Dies war ein reizender, von wildem Wein überwachsener Platz, nach vorn hin offen, mit einem freien Blick auf einen quadratischen und von einer Böschung eingefaßten Teich. Auf dem Wasser schwammen Schwäne, und- eine Strickfähre führte nach der von Baumgruppen umstellten Parkwiese hinüber, die sich jenseits des Deiches Lehnte. Weit zurück aber, und über einen abschließenden Waldstrich hinweg, ragte der Brocken auf, mit seinem in der klaren
Ich blickte verlegen vor mich hin und sagte dann, er habe ge- wch recht und ich wolle auch keinen Versuch machen, ihn mit eigener Weisheit zu widerlegen. Ich berief mich nur auf den Sprichwörterschatz deutscher Nation und erlaubte mir, ihm zwei davon in Erinnerung zu bringen: „Alte Bäume dürften nicht verpflanzt werden," das sei das eine, und das andere: „Aus einem Hasen sei kein Löwe zu machen."
Er lachte herzlich, und fuhr dann seinerseits fort: „Hören Sie, Doktor, das gefällt mir. Sie sagen, aus einem Hasen sei teilt Löwe zu machen. Sehen Sie, wer sich so preisgibt, mit dem hat es noch gulte Wege. Sa, Doktor. Und dann, was heißt Hase? Seien Sie nur ein richtiger, ein richtiger Hase könnt' Ihnen Muster und Vorbild sein. Immer wachsam, immer im Kohl und wenn's not tut, anderthalb Meilen in zehn Minuten. Eine solche Forcetour und Sie sind für immer aus der Misere heraus."
„Ich glaub' es."
„sind Sie sind sür immer aus der Misere heraus," wiederholte Onkel Dvdo mit Nachdruck, ohne meiner leisen Verspottung zu achten.
Ich hatte so gesessen, daß- ich bei Schluß der Mahlzeit ein Neißen in der ganzen rechten Seite fühlte, schwieg aber und führte Maud auf die Veranda, wo jetzt der Kaffes genommen wurde.
müssen, daß Fifi sich bei seinem Jägerleben auch Flöhe zuge- zogen hatte.
So wurde er denn aus dem Boudoir verbannt und sein Körbchen kam in die Halle. Er hieß auch nicht mehr Fifichen, sondern nur noch Fifi. Ihm war es so lieber. Es war ihm sogar angenehm, daß sein Korb auf die Veranda gestellt wurde, denn nun war er sein eigener Herr und- wenn es ihm paßte, konnte er mitten m der Nacht los, ohne erst lange zu fragen, und im Garten oder Parke aus die Nattenjagd gehen. Mit der Zeit wurde er ein berühmter Hund- in der .Umgegend. Er fehlte bei keinem Fuchssprengen, er wurde zu jedem Dachsgraben mitgenommen. Er ging aus eigene Nechnung los und buddelte junge Kaninchen aus, er machte den Gutshos und den Park mause- und rattenrein. Er wurde ein Nausbold und nahm es selbst mit der Liebe nicht mehr so genau. Er sah nie mehr so weih aus, wie ein Osterlamm: auch hatte er zerfetzte Behänge und- oft genug frische Schmisse.
Bei der Freifrau war er vollkommen in Angnaöe gefallen: sie brach jeden Verkehr mit ihm ab und legte sich einen Zwergspaniel, und als Fifi diesen auch zum Jäger machte, einen echten Mops zu.
Fifi war das gleichgültig. Er war Weidmann geworden und pfiff auf die höfischen Sitten. Er war lange genug Fifichen- gewesen: jetzt war er Fifi.
püas und halbe Känguruhvettern. And was das schlimmste ist. gibt viele Lächerlichkeiten, aber das lächer- Uchste ist die Furcht vor dem Zug. And damit müssen wir brechest. Denn was ist Zug? Zug ist eine Art Doppelluft. And nun frag' etne Doppelkrone schlechter als eine einfache? Besser rst sie. Was gut ist, wird in der Steigerung besser."
, Paar Fensterflügel waren inzwischen aufgemacht worden, und Onkel Dodo, nachdem er ein paar Luftzüge getan un& tief mifgeatmet hatte, fuhr fort: „Ich halte Lust für das nötigste Beourfnrs, anregend und nervenstärkend und bei Tisch erseht es mir den Tischwein. And nun noch eins, lieber Doktor, worüber to,l=L’ uns notwendig verständigen müssen. Ich hasse nichts mehr, a s Zudringlichkeit mit Ratschlägen, lasse grundsätzlich alles gehen r,^?uwre mich um nichts, aber dies Anbekümmertsein hat schließlich ferne durch Moral und Christenpflicht gezogenen Gren- zen, und wenn ein Kind über einen Schießplatz laufen will, so halt ich,es zurück, und- wenn einer auf dem Punkt ist, zu ersticken, so brmg ich ihn aus der Stickluft ins Freie. Doktor, Doktor, ich bitte Sie! Drinnen in der Stadt laß ich- es mir gefallen, laß ich mir alles gefallen: gut, gut, ich bin kein Tyrann. Aber Sie find letzt grad' eine Woche hier, hier am Fuße des Harzes, und fürchten sich vor Luft? Anerhört, unbegreiflich. Am was sind- Sie denn hier? Am Bilder und Bücher willen? Oder um die Wache heraustreten zu sehen, wenn eine Prinzessin vorbeifährt? Am was gegt man denn aufs Land? Am frischer Luft willen. And nun haben Sie sie, können sie jeden Augenblick in vollen Zügen trinken und wollen den Erfrischungsbecher, um dessentwillen Sie hier o-I’ ^deutlich zurückschieben. Ich sehe wohl, ich bin zu rechter Zeit gekommen. And wäre ich gleich hier gewesen, so säh' es bereits anders mit Ihnen aus. Luft, Wässer, Bewegung, — alles andere ist Gift. Ich wecke Sie morgen früh und dann beginnen wir unsere Kur. Am sechs Ahr ein Bad, natürlich kalt, daß uns » .e klappern, und dann abgerieben, bis wir rot wie die Krebse sind, und dann angezogen und eine Stunde durchs den Park. And- danach das Frühstück. And wenn wir dann morgen Mittag einen Zug hier haben, daß die Servietten flattern, als hingen sie noch draußen auf der Leine — glauben Sie mir, es tut Ihnen nichts. Immer nur Courage haben und- Vertrauen zu sich selbst. In jedem von uns steckt ein Held und ein Weichling, und es ist ganz in unseren Willen gegeben, wenn w-ir's mit der Kraft oder mit der Ankraft halten wollen. Ich habe meine Wahl getroffen und- hab' auch schon manchen bekehrt. And nun sind Sie dran, das heißt am Bekehrtwerden zu Kraft und Genesung und in vierzehn Tagen ist es Ihnen gleich, ob wir einen Nord-ost oder eine Windstille haben."
ein Tablett in der Hand, ie nach Wahl einen Kognak oder Allasch oder em Basler Kirschwasser in die kleinen Kristallgläschen schenkte. „Ah, das ist gut," sagte Onkel Dodo. „Ich hasse, was sich ,Likör' nennt und- wenn er auf Jette' endigt, so haß ich ihn doppelt. Es hat etwas Französisches, etwas Süßliches, ein Anisette, ein Noi- fmte, ein Rosette. Aber wo die gebrannten Wasser anfangen, fang' sSÄ®rriÄ1.r‘.i"“sut- 8eB,mn‘nt* *■ dn
Sitte« ließ sich gut und heiter an und Onkel Dodo vor allem, mlchdem er die Serviette bandelierartig umgeknotet und- seine Brille zu vorläufiger Rast, unter den Rand der Melonenschüssel geschoben hatte, konnte füglich als ein Bild- des Frohsinns und Behagens gelten. And- ihm war auch so, wie er aussah. Als er aber den dritten Löffel Suppe genommen hatte, zog er sein Sack- tuch aus der Tasche, wischte sich die Schweißtropfen von Stirn und Nasensattel und sagte, während er sich ostentativ fächelte: „Ränder, es ist reizend bei euch, aber eine kannibalische Hitze- wenn ich nicht Maud und Alice vis-a-vis hätte, würd' ich glauben. m rufftfdjen Bade zu sitzen. Oder doch in einem römi- i uauueg, ragre oer ro-roaen am, mit seinem in der klaren
bitte das Ferllter^Mmaäten Un5 Stilisierter ist. Ich I Lust deutlich erkennbaren Brockenhause/ Nähe und Ferne gleich
Stete du^en." schön. Am den Tisch Her standen Garten- und Schaukelstühle
Vers eiben Erhebern Rber Karollne sagte: „Du mußt I und Alice, die die Häusliche war, goß den Kaffee in die kleinen
empfindlich aeaenO^'-- ^^ $CeUn& lft Rekonvaleszent und sehr Meißner Tassen. Ein Diener reichte herum, während ein zweiter, s «- jE®- " I ein Tablett in der svand re nrtch TWter Mm» (j-nmni- <ten„ orrtew,
d^r Dodo laZte- "Zug, Zug. Es ist noch kein halbes Jahr, oder Z Wteate, einem älteren Herrn aus Melbourne z Memmgen nach Kissrngen fuhr. Scharmanter
SWÄWÄftÄ« rofate, so sprechen Australier über Deutschland. AnLo^ K
Onkel Dodo.
Von Theodor Fontane.
(Fortsetzung.)
Eine Halbe Stunde später klangen die bekannten drei Schläge ju mir herauf, die regelmäßig zu Tisch riesen, denn im Hause meines Freundes wurde nicht geläutet, sondern mit einem Paukenstocke gegen ein chinesisches oder mexikanisches Schild geschlagen. Es war immer, als begänne der Opferdienst in Ferdinand Cortez.
Ich beeilte mich wie gewöhnlich, war aber doch der letzte (Maud ausgenommen, die dafür einen strafenden Blick erhielt), und gleich danach wahrnehmend, daß Onkel Dodo den Arm der Hausfrau nahm, nahm ich Maud am zweiten Finger ihrer linken Hand und sagte: „Daß du mich gut unterhältst, Maud."
„Geht nicht. And ist auch nicht nötig."
„Aber warum nicht?"
Ich fühlte, wie sie, während- ich so fragte, mit dem Finger schelmisch in meiner Handfläche kribbelte. Zugleich hob sie sich auf die Zehenspitzen und flüsterte mir zu: „Onkel Dodo."
Natürlich war es so, wir verstanden uns, und kaum, daß sie das aufschlußgebende Wort gesprochen hatte, so nahmen wir auch schon unsere Plätze, die nicht mehr dieselben waren, wie die Tage vorher. Ich saß heute zwischen Maud- und Alice, der Hausfrau gegenüber, die wiederum ihrerseits zwischen ihrem Gatten und Onkel Dodo placiert war, oder auch sich selber placiert hatte. Das Tischgebet, das sonst, trotz tiefwurzelnden Rationalismus im Jns- tebener Herrenhause Haussitte war, fiel aus Rücksicht für Onkel Dodo fort, der, um ihn selber redend- einzuführen, „solche Kinkerlitzchen" nicht liebte.
Wir hatten unsere Servietten eben erst auseinandergeschlagen, und uns über die große schöne Melone, die der Gärtner uns auf Deu Tisch gesetzt hatte, noch nicht ganz ausbewundert, als ich auch schon wußte, weshalb wir im Hause, zwischen Frühstück und Mittag, drei stille Stunden verlebt Hatten: Onkel Dodo war mit den vier Jungen im Park gewesen, um in einem breiten stillen Wasser, das Hier floß, ein paar neue, für Alfred und Artur mitgebrachte Angelruten zu probieren. Sie hatten auch was gefangen, einen fetten Alant, der jetzt als zweites, etwas fragwürdiges Gericht in Aussicht stand.


