Giehener Zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Siehener Anzeiger
Jahrgang <924 Samstag, den 26. Juli Nummer Ni
Die Rivalen.
Von Wilh. Müller-Hermsdorf.
Die Dacht sprach zum Tage: „O du Glücklicher, die Sonne schauen, Menschen erfreuen zu dürfen, ja, die ganze Schöpfung froh zu sehen!"
Der junge Tag verneigte sich und erwiderte: „Liede Mutter Dacht, wem verdanke ich's als dir? Denn du nahmst die Menschen still in deinen Scho st und liehest sie ausruhen von all den Mühseligkeiten, die der Tag über sie gebracht hatte, ja, du heiltest so manche Wunde, die der Tag ihnen geschlagen. Dein, ich kann nicht dulden, daß du dich zu meinen Gunsten heradsetzest."
Da umarmte die Dacht den Tag und sprach: „So wollen wir beide bemüht sein, den Menschen klarzumachen, daß sie immer wieder Dunkel und Hell, Tag und Dacht verwerten müssen, um zur Vollkommenheit zu gelangen."
Die Menschen aber wähnten, Tag und Dacht seien bitterste Feinde.
Aus dem Alltag des Genres.
Ein einzigartiges Zeugnis über den Dornenweg des Genies auf Erden ist uns in den Konversationsheften Beethovens erhalten, die in der Berliner Staatsbibliothek aufbewahrt werden. Aus diesen hingekritzelten Bemerkungen des Meisters, aus den in Schlagworten hingeschriebenen Antworten der anderen, die dem tauben Genie ihre Anschauungen verdeutlichen wollten, baut sich ein erschütterndes Bild des Beethovenschen Lebens auf. Das innere Leben, die geheimnisvolle Welt seines Schaffens, wird nur hin und wieder gestreift. Den Hauptinhalt bilden die äußeren Dinge des Daseins, mit denen der große Komponist so schwer zu ringen hatte. Wir hören von Haushaltungssorgen und Dienstbotenärger, von Wvhnungs- und Geldsachen, von Büchern, Kleidung und Äah- rungsmitteln. Des öfteren schreibt Beethoven Aufträge für Besorgungen hin. um die er -die anderen bittet. Da heißt es z. D. in einem Gespräch mit Schindler: „Papier, Dalbiermesser — erz- herzogliche Quittung — Ahr — Hosenträger, Löschpapier, Stiefelknecht für Karl, Dachtstuhl." Gleich dahinter bittet er, ihm Stoff zum Frack und Beinkleider zu besorgen. Wenn man immer wieder liest, wie er sich mit der Beschaffung dieser Erfordernisse für das tägliche Leben abplagt, so versteht man den Ausruf eines seiner Besucher, der ihm aufschreibt: „Es ist eine Schande für uns, daß wir nicht alles Störende für Sie aus dem Wege räumen!" Endlose Verhandlungen gibt es über die Haushälterinnen, die ihm besorgt werden sollen. Auch Geldsorgen tauchen immer wie- der auf. Beethoven fragt nach dem Stande der Aktien, die er besitzt, interessiert sich für die Dividenden, die zu erwarten find, will fällige Honorare eintreiben usw. Den größten Daum in diesen Gesprächen nimmt die leidige Streitsache mit der Schwägerin ein, die er als „Königin der Dacht" bezeichnet. Beethoven kämpfte bekanntlich leidenschaftlich um die Erziehung seines Dessen Karl, für öcn er mit der Mutter zugleich die Vormundschaft übernommen hatte, und führte einen Prozeß gegen die Wittve, um ihren! schlechten Einfluß auf den Jüngling auszuschalten. Dabei kam es darauf an, ob die Streitsache vor dem Magistrat der Stadt Wien verhandelt werden sollte, und dies hing davon ab, ob man Beethovens Adel anerkannte. Beethoven zeichnet darüber auf: „Van" bezeichnet den Adel und das Patriziat nur, wenn es zwischen zwei Eigennamen in der Mitte steht, z. Ä. Bentink txrn Diep en heim ufw. Bei Diederlänüern würde man die beste Auskunft' über diese unbedeutende Bedeutenheit erhalten." Es wurde schließlich festgestellt, daß Beethoven nicht adlig sei.
Viel Interessantes erfahren wir über Bücher und Daten, die sich Beethoven bestellt. Er schreibt Schulbücher auf, die für den Dessen Karl besorgt werden sollen; er interessiert sich für ein Buch „Die Krankheit des Gehörs", das soeben erschienen ist. Auch von den Gehörmaschinen, von denen er viel erhoffte, um besser hören zu können, ist oft die Rede: Oesters ist von neuen Werken Goethes oder Grillparzers die Rede. Auch für die Philosophen Fichte, Schelling und Schleiermacher interessiert er sich. An einer Stelle findet sich von Beethovens Hand geschrieben: „Das moralische Gesetz in uns und der gestirnte Himmel über uns, Kant!!!" Als ihm erzählt wird, daß in den Phantasiestücken von E. T. A. Hoffmann von ihm viel die Rede fei, schreibt er ans die innere Seite des Heftdeckels: „Hofmann, Du bist kein Hof-Mann." Gegen alle möglichen lächerlichen Redereien und Klatschereien hat er sich zur Wehr zu setzen, so z. V gegen die.Behauptung im Konversa
tionslexikon, „daß Sie ein Seitenkind des großen Friedrich wären. Herr v. Janitschek meint, daß Sie deswegen Friedrich d. Gr. so lieben, weil er Ihr Vater sei." Dieser Irrtum müsse berichtigt werden. Ein ergreifendes Bekenntnis über seine Kunst findet sich in einem Konversationsheft voin 11. März 1820: „Die Welt ist ein König, und sie will geschmeichelt sein, soll sie sich günstig zeigen. Goch wahre Kunst ist eigensinnig, läßt sich glicht in schmeichelnde Formen zwängen. — Berühmte Künstler sind- befangen stets, drum ihre Werke auch die Besten, obschon aus dunklem Schoße sie entsprossen. Man sagt, die Kunst sei lang, kurz das Leben — lang ist das Leben, nur kurz -die Kunst; soll uns ihr Hauch zu den Göttern heben, so ist er eines Augenblickes Gunst."
Aus hessischen Dörfern und Städtchen.
Erwandertes und Erlebtes von K. D.
(Schluß.)
Ich muß noch einmal zu der Frage der bäuerlichen Etiketts zurückkommen. In meiner- Erinnerung lebt da ein reizendes Ge- schichtchen. In unsrem Dorf war ein junges Brautpaar, das uns näher stand wie andere. Der Bräutigam wax ein guter Freund Unseres Hauses, das Bräutchen schon als Schullind- gern mit ihrem Strickzeug zu meiner Frau gekommen, Sie kamen und wollten uns zur Hochzeit einladen, find nun trat die bäuerliche Etikette in ihr Recht. Es gilt nicht als fein, sozusagen mit der Türe ins HauS zu fallen, und wer gleich zu Anfang sagt: Ich komme aus dchn und dem Grund, kann sich nicht benehmen. Aus anderen Dörfern ist mir erzählt worden, dort sage der Besucher überhaupt nicht klar heraus, wo der letzte Grund seines Besuches eigentlich steckt. Die Hauptsache werde da so unter anderem versteckt ausgesprochen, daß man ein geübtes Ohr haben müsse, um sie in ihrer Bedeutung herauszufinden. Ich halte auch das nicht so sehr, wie es vielfach geschieht für Schlauheit als für Etikette. Man ist gewissermaßen zu taktvoll, um den Besuchten so grob heraus vor die Entscheidung zu stellen. Man überläßt es ihm, ob er hören und antworten will. Solche Etikette hat manchen ungeübten Pfarrer und Lehrer wohl schon in eine böse Lage gebracht. Wan hat ihn für unaufmerksam und unhöflich, ja unfreundlich angesehen, weil doch nur einfach sein städtisch geschultes Ohr noch nicht richtig „hören" konnte, find er sah vielleicht in Verzweiflung daheim und zermarterte sich den Kopf: Was wollte der Mann, der so lange bei mir faß und dann wieder fortging, und nicht mit..der Sprache herausging. Dun, in unsrem Fall lag das nicht so, >da verlangte die Etikette, daß man sich niederlieh und unterhielt, find dann — eine ganz eigenartige Erscheinung in den Dörfern unsrer Gegend, daß man fein Fortgehen dreimal ankündigte. So, ich muh nun gehen, fagt der Gast, nachdem er einige Zeit gesessen hat. find der junge Pfarrherr, der eben aus der Stadt gekommen ist, hält sich für verpflichtet, zum Däbleiben aufzufordern, oder auch, wenn er grade viel Arbeit hat, steht bereitwillig auf, um dem Gast zum Fortkommen zu helfen. Aber der hat das gar nicht so gemeint, er hat nur die Etikette wahren wollen. Es war eine einfache äußere Form. Er weih ganz genau im Voraus, wie lang er bleiben will, und in entsprechend kürzeren oder längeren Zeitabschnitten folgt das dreimalige: „So, nun muh ich gehen".Dach dem dritten Mal fteht er auf und geht wirklich, find wie er die beiden ersten Male, trotz der Ankündigung, nicht daran gedacht Hat, tvegzugehen, so denkt er fetzt nicht daran, 'sich durch eine noch so höfliche Aufforderung halten zu lassen, find nun, vielleicht schon mit dem Hut in der Hand, kommt der Zweck seines Besuches: „Eich wollt de Herr Lehrer bitte, er sollt mei'm Bub morje firlaub getoe, me wollte nach Schotte." — Bitte, lieber Leser, halte derartige Etikette- dinge nicht für lächerlich, weil sie dir ungewohnt sind. Es gibt in der Stadt Etiketteformen, die für den nüchternen Betrachter noch unendlich viel lächerlicher sind. Denke nur z. B. an die nie angenommenen Verdauungsvisiten nach großen Abfütterungen.
Also unser Pärchen kam und nahm Platz, und nun legten wir es nun mal drauf an, sie in so für sie ^anregende vertrauliche Unterhaltung hineinzuziehen, dah sie ganz zutraulich wurden, und in ihrer Zutraulichkeit die strenge bäuerliche Etikette rundweg vergaßen. Auf einmal fiel Junglieschens Mick auf die Wanduhr, und voll Entsetzen fuhr sie in die Höhe. Die für den Besuch festgesetzte Zeit war vergangen, und noch nicht einmal die Ankündigung erfolgt: „Wir müsien gehen." Ganz verdattert nahmen sie Abschied. Hätten wir nun unsrerseits das nach der Etikette zu erwartende formale Halten vorgenommen, so wären sie wohl wieder in die rechte Dahn gekommen. Aber wir taten weiter ganz vev»


