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Schriftleitung: Dr. Ariedr Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Drübl'lchen Lkniv.-Buch- und St-ündruckerei R Lanas Giefteo
Wie Kant Letnahe geheiratet hatte.
Einer der hvchräderigen, breiten Gxtrapostwagen der guten alten Zeit bewegte sich, von drei Pferden gezogen, im langsamen Trabe der Stadt entgegen. Wahrend seine zwei Insassen, eine ältere Dame von behäbiger Erscheinung und eine junge lebhaftere, die kleinen Vorbereitungen trafen, welche der Einfahrt von Versenden in eine Stadt vorherzugehen pflegen, kam aus dem Tore Königsbergs die leichte Kalesche der Gräfin Keyserlingk.
Eben hatten jene beiden den Staub aus den Kleidern entfenrt, die Haare geordnet, einen Mick in den Spiegel geworfen und begonnen, die Gegend zu mustern samt der Stadt, die sich an dem nördlichen Hügelrande, von häufigen, doch nicht hohen Türmen überragt, aufbaute, als der Wagen der Gräfin rn dre Vähe kam und auf die Rufe von beiden Seiten der Postillon und der herrschaftliche Kutscher die Pferde rasch zum Stehen brachten.
Die Gräfin Keyserlingk war schon auf dem Boden und erwartete die ältere der beiden Reisenden, die sich in freudiger Erregung aus dem hohen Wagen bemühte. Küsse und üreuden- ausrufe wurden getauscht. ' ,
„Welche Güte, welche Aufmerksamkeit, mir entgegenzukommen!" rief die eine. . , , ~ *.
„Wie freue ich mich, nach zwanzig Jahren meine Freundin Angelika wiederzusehen," sprach die Gräfin unter einer Umarmung. Eben hatten sie begonnen, sich Bemerkungen über ihr Aussehen auszutauschen, als Frau Angelika von Gimborn sich unterbrach und der Gräfin ihre Begleiterin vorstellte.
Meine treue Sophie, von der ich Ihnen geschrieben . . .
„Mademoiselle Sophie Düren, Ihre Pflegerin, Ihre Lebens- Tcttcrin! ,
Die Gräfin hielt dem jungen Mädchen die Wange hin, die diese fußte, um dann auch die Hand der Gräfin mit den Lippen zu berühren. „, ... E , ..
.Sie sind eine Verwandte von Frau Wobser? — fuhr die Gräfin fort, — „wie werden sich die Wobserschen Eheleute freuen, wieder etwas aus der alten Heimat der Frau zu erfahren. Kennen Sie die Wobser schon und wissen Sie. wie sehr sie durch unse-rn Kani ausgezeichnet werden? Seit einigen Jahren ist Modulen eine Wallfahrt der Königsberger geworden: alles will die Stube sehen, in welcher Kant seine .Untersuchung über das Schone und Erhabene geschrieben hat."
Sophie erwiderte, das) sie davon gehört habe und daß sie sich doppelt freue, die Familie Wobser sehen und an ihre, wenn auch sehr entfernte Verwandtschaft erinnern zu dürfen. Dort an jenem Orte wo das berühmte Buch entstanden sei, hoffe sie es auch zu lesen: sie freue sich darauf um so mehr, als es das erste der! Werke des verehrungswürdigen Mannes sei, das ihr tn die Hand fomme. aIIeg verstehen," erläuterte nun Frau von Gim
born" — „sie kennt alles, was Herr Lessing schreibt, hat auch von Gvethen schon das unglückselige Buch über den jungen Jerusalem gelesen, und Voltaire hat sich gerne mit ihr unterhalten, als wir jüngst an Ferneh vorüberkamen, und von dem Prinzen von Gotha bei ihm eingeführt wurden."
Sophie machte eine bescheidene Verbeugung, dann setzten sich die drei Damen in die Postkutsche und fuhren in heiteren Gesprächen an einzelnen Häusern vorüber durch die Festungswalle an das Tor. Dort wurden die Pässe abgegeben und die üblichen Formalitäten der Examination der Reisenden und der Untersuchung ihres Gepäcks, dank der Begleitung der Gräfin, rascher als gewöhnlich zu Ende gebracht.
Als sie aus dem Torbogen kamen, fragte Frau von Gimborn, auf Gruppen von Eschen, Ahorn und Buchen deutend, die in dichtem Laubschmuck sich da und dort auf eine Wiesenfläche oder gegen den breiten Fluß hin öffneten, wie man diese schöne Anlage heiße.
„Man hat sie seit einigen Jahren .Philosophischer Weg' ge°. tauft," war die Antwort, „weil Kant mit Vorliebe sich hier an dem Ufer des Pregel ergeht."
„Dort drüben," fuhr die Gräfin fort, „hat Kant erst neulich eine Probe abgelegt, daß er nicht nur ein Weiser- sondern trotz seines zarten Körpers auch ein tapferer Mann fei,“ und sie berichtete den Vorfall, der ganz Königsberg mehrere Wochen lang in Aufregung gehalten hatte, wie ein dem Wahnsinn verfallener Fleischer in einem Laubgang mit einem Messer auf ihn zugestürzt. der Philosoph aber besonnen genug gewesen sei. nicht zu fliehen, sondern in kalter Ruhe die Frage an ihn gerichtet habe, ob denn heute Schlachttag sei, soviel er wisse, sei der erst morgen. Darauf sei der Angeredte verdutzt von dannen geeilt. — „Ist es Ihnen interessant, liehe Angelika, gleich beim ersten Schritt in unsere Stadt auch das Kostbarste zu sehen, was Königsberg besitzt, so lassen wir die Pferde hier warten und unternehmen es, ihm drüben einen Besuch zu machen."
Nachdem ein kurzes Bedenken wegen der Reisekleider von der Gräfin beseitigt war, wandelten sie zur Linken hinunter dem Ufer entlang.
Auf der anderen Seite der Anlage, nahe dem Pregel, auf einem freien Vorsprunge, stand ein Wann und schaute den Bemühungen zweier Barken zu. welche den Fluh heraufzukommen trachteten. Die Junisonne lag glänzend auf dem Wasser, und die
Wimpel der Niederlande und Englands fatterten auf. wenn der eben ermattende Seewind sich noch zu einem frischen Stoße ermunterte. Dem Spaziergänger war er eine erwünschte Kühlung, so daß er, wenn auch mit vorsichtig geschlossenem Munde, in tiefen Zügen auf atmete. . .. ,
Der hier stand und auf die Fläche des Flusses schauend vielleicht über die verschiedene Art der Wellen und die Bewegung der Wasserteilchen in diesen nachdachte, oder aus der Bauart der beiden Schiffe und ihrem Schmuck einen charakteristischen Zug der Holländer oder Engländer entnahm, war „der Weise von Königs» berg“.
Als am Anfänge der Fünfzig stehend, von kleiner Figur, welche durch die flache Brust und die etwas erhöhte rechte Schulter ein wenig gebückt erschien, zart gebaut, doch von gewaltigem Haupte — so stellte er sich dar.
An. diesem Kopfe überraschte wieder die breit aufgebaute Stirne mit den Buckeln über der Nasenwurzel, die schlanke stolze Nase und die leuchtenden blauen Augen. Die Mundwinkel waren wie wohlwollend, und doch zu leichtem Sarkasmus stets bereit, in die Höhe gezogen, die Unterlippe sprang etwas vor über dakleine Kinn. Der obere Teil des Gesichtes erinnerte an Friedrich den Großen, der untere mit seinen feinen, beweglichen Linien an Lavater. f
Den kleinen dreieckigen Hut trug er in der linken Hand, so daß die blondhaarige, weihgepuderte Perücke mit dem Haarbeutel ganz sichtbar war. Der schwarze, unten tote ein Frack zugeschnit- tene Tuchrock war vorn mit einem der braunen Seidenknöpfe geschlossen. Die Brust bedeckte jene gefaltete Krause, die man Jabot hieß: die braune Weste ging nach der Mode weit über die Huste herab: an die dem Rocke gleichfarbigen Beinkleider schlossen sich die grauseidenen Strümpfe und die Schuhe mit silbernen Schnallen.
Aus seinem Sinnen weckten ihn Gespräch und Schritte, die, tote er merkte, auf ihn zukamen. Etwas unwillig bohrte er sein lange- spanisches Rohr in den weihen Sand und drehte sich mit ernsthafter Miene den Kommenden entgegen.
Ein Freudenschein zog indessen über fein Gesicht, als er die Gräfin Keyserlingk erkannte, die rasch mit herzlichem Grube auf ihn zuschritt. „ , , .
Freundlich das Haupt neigend, ließ er sich den Fremden verstellen und blickte aufmerksam auf das Mädchen, als er mit ihrem Namen den seiner Gastfreunde von Moditten hörte.
Frau von Gimborn hätte im tz ergeh en geäußert, daß eS ihr nun, da sie den großen Gelehrten kennenlernen solle, ängstlicher zumute sei als damals, da sie das erstemal bei Hof auf geführt worden sei, und Sophie hatte über das, was in ihr vorging, nicht- gesprochen, wohl aber merkte man an ihrer tiefen Verbeugung und dem leisen Zittern der Hand, wie bedeutsam ihr der Augenblick erschien. Mit einigen Worten Kants hatten die beiden ihre -Unbefangenheit wiedergefunden, da er an das Nächstliegende anknüpfte und sich wohlunterrichtet erwies über alle Eigentümlich- leiten ihres Heimatlandes, der roten Erde, und über die Merkwürdigkeiten Italiens, Frankreichs und Englands, welche Länder Frau von Gimborn, nachdem sie Witwe geworden war, mit Sophien durchreist hatte. „
Der Besuch hatte sich durch das freundliche Entgegenkommen Kants länger ausgedehnt, als die Damen beabsichtigt hatten: immer in lebhaften Gesprächen, war man endlich aus dem kühlen Schatten in das schwülere Freie getreten und auch wohl etwa- rascher ausgeschritten, kurz, plötzlich blieb Kant stehen, sprach noch weniges, aber man fühlte, daß er nicht mehr so lebendig wie bisher den Faden der Unterhaltung weiterspinne.
Die Damen nahmen schnell Abschied, und die Gräfin lud den Herrn Professor auf morgen zum Mittagsmahle ein; vor Tisch sollte die Bildersammlung besichtigt werden, für die einige neue Stücke anaefommen seien. Sie werde, fügte sie mit einer nur für Kant berechneten humoristischen Beziehung hinzu, ihren Wagen schicken. Kant nahm die Einladung höflich an; „was den Wagen betrifft, so . . .“ Er machte diesen abgebrochenen Satz durch eine verneinende Bewegung des Kopfes und einen heiteren Blick In die Augen der Gräfin derselben verständlich.
Die Damen schritten dem in der Nähe der grünen Drucke haltenden Wagen zu. ..
„Haben wir ihn verletzt, daß er so rasch abbrach? war die erste Frage der Frau von Gimborn, sobald es die Entfernung nur irgend gestattete.
„Nichts weniger als das", erwiderte die Gräfin.'
„Warum blieb er dann so unbeweglich stehen, warum lehnte er den Wagen ab?“
„Lächeln Sie nicht," erklärte die Gräfin, „oder lächeln Sie immerhin über diese Sonderbarkeiten, denn man lacht ja auch übet die unfern, und wer hätte ihrer nicht. Nur beruht bei ihm fast alles auf einem wohlerwogenen Grund. Entweder erinnerte et sich an seinen Vorsatz, beim Gehen nicht zu sprechen, um nur durch die Aase atmen zu können, oder er fühlte, daß ihm warm wurde, und eine seiner Maximen ist, nie in Transpiration zu geraten. Daß er den Wagen nicht annehmen würde, wußte ich im voraus, denn seit einem Vorfälle, der ihn erzürnte, hat er sich zum Grundsatz gemacht, nie in einem anderen Wagen zu fahren als in einem, den er sich selbst gemietet. Sein ganzes Lesben ist eine Kette von Maximen." (Fortsetzung folgt)


